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Kultur


IN DER ZWEITEN AUSGABE ERWARTEN EUCH GROSSARTIGE INHALTE UND DER PURE SOMMER.


In wenigen Wochen ist es soweit: archiv/e Magazin 02 erscheint. Lang haben die beiden Macher/innen, Anselm und Lina, darauf hingearbeitet, haben recherchiert und ausgewählt, konzipiert und akquiriert, gestaltet und gesetzt. Umso mehr freue ich mich, dass die beiden hier und heute erste Einblicke in ihre Arbeit und die Ergebnisse der vergangenen Monate gewähren.

Im Montagsinterview erzählen die beiden, was sie im Vergleich zur ersten Ausgabe verändert und was sie beibehalten haben, was am meisten Freude und am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und verraten – für all die, die es noch nicht gesehen haben – welche Blogs im archiv/e 02 zu finden sein wird.

Habt vielen lieben Dank ihr Zwei für diese kleine, feine Sneakpreview, mit der ich allen einen sommerlich leichten Start in die neue Woche wünsche!

archiv/e 02
Foto: Cindy Ruch

Im September erscheint archiv/e 02. Was erwartet uns in der 2. Ausgabe?

In der zweiten Ausgabe erwarten euch großartige Inhalte und der pure Sommer – in lichtdurchfluteten Altbauwohnungen, auf den Straßen Andalusiens, in Form von Cold Brew Coffee-Eis oder sechs Wochen Ferien.. #leak

Die zweite Ausgabe kann übrigens ab sofort über unseren Onlineshop vorbestellt werden. Knapp ein Jahr nach dem Release der Erstausgabe des archiv/e Magazins veröffentlichen wir am 11. September Nummer zwei. Es wird dazu eine kleine Feier in Berlin geben; zeitgleich werden auch der Versand und der Verkauf in den Geschäften losgehen. Bereits am Wochenende zuvor kann man uns auf dem #indiemagday im Hamburger Oberhafen besuchen kommen, auf dem wir mit beiden Ausgaben zu finden sein werden, sozusagen ein Pre-Release. Wir freuen uns über jeden, den es am 4. September in den Oberhafen verschlägt.


BESONDERS STOLZ SIND WIR, SECHS GROSSARTIGE, INTELLIGENTE UND INSPIRIERENDE FRAUEN MIT IHREN BLOGS IM MAGAZIN ZU HABEN.


archiv/e 02, Jules Villbrandt.
Foto: Jules Villbrandt

Was unterscheidet die zweite von der Erstausgabe und warum?

Nach dem unvergesslichen Auftakt mit dem Blog stepanini haben wir das Konzept für Ausgabe #2 angepasst: Statt „ein Blog: ein Magazin“ heißt es nun „ein Blog: ein Kapitel“. Jedes dieser vier ist einem anderen Blog gewidmet, wodurch das Magazin insgesamt an Vielfalt gewinnt und wir redaktionell noch flexibler arbeiten konnten.

Dabei sind wir unserer Anfangsidee treu geblieben: Das archiv/e Magazin soll die verstetigten Blogs durch die einzigartigen Inhalte in ihrer Gesamtheit authentisch widerspiegeln. So wie die erste Ausgabe ganz und gar im Zeichen stepaninis stand, stehen nun die einzelnen Kapitel ganz und gar für den jeweiligen Blog.

Besonders stolz sind wir darauf, sechs großartige, intelligente und inspirierende Frauen und ihre tollen Blogs im Magazin zu haben.

archiv/e ausgabe 2, anselm schwindack, lina
Coverbild: Jules Villbrandt

Welche Blogs werden vertreten sein?

Ihr dürft euch im zweiten archiv/e Magazin auf die Blogs Herz & Blutcake+cameraChestnut & Sage und M i MA aus den Bereichen Wohnen, Reisen, Essen und Denken freuen. Die Inhalte werden begleitet von Illustrationen von Gretas Schwester und einem Blinkblink Pattern.

Fast alle Mitwirkenden haben wir persönlich kennengelernt und standen mit ihnen bei der Auswahl der Inhalte im direkten Austausch. Das hat viel Freude gemacht und fühlt sich dadurch nach einem gemeinschaftlichen Projekt an. Wir freuen uns schon sehr auf diese kommende, sehr sommerliche Ausgabe und sind gespannt wie das neue Konzept angenommen wird.


WIR HABEN KEINEN AUSWAHLKRITERIEN IM ENGEREN SINNE. ABER UNSER INSTINKT UND BAUCHGEFÜHL HABEN UNS BISHER IMMER GUT GELEITET.


Welche Kriterien habt ihr bei der Blogauswahl zugrunde gelegt?

Durch wochenendliches Surfen durch die sozialen Medien und Empfehlungen stoßen wir immer wieder auf neue, schöne Blogs. Ist dann der „Richtige“ erstmal gefunden, geht es für die Inhaltsauswahl auf eine Reise durch die Timelines.

Wie schon bei stepanini haben wir nach besonderen Inhalten auf den jeweiligen Blogs Ausschau gehalten und sind mehr als fündig geworden. Auswahlkriterien im engeren Sinne haben wir keine. Wir lassen uns von unserem subjektives Empfinden leiten und davon, ob wir uns Text und Bild im Print vorstellen können. Meist gibt es schon beim Sichten der Inhalte erste Layoutideen und wir fangen direkt mit der Umsetzung an. Das wirkt anfangs vielleicht etwas wirr, aber unser Instinkt und Bauchgefühl haben uns bisher immer gut geleitet.

archiv/e ausgabe 2, anselm schwindack, lina, lachen, Coverfoto: Jules Villbrandt
Lina und Anselm fotografiert von Ines Marquet

Was hat euch am meisten Freude gemacht bei der Entwicklung und Umsetzung der 2. Ausgabe?

Das neue Konzept umzusetzen und mit diesen hochwertigen Inhalten zu arbeiten – das hat viel Freude gemacht. Auch die Kombination des Bekannten und Neuen ist immer wieder spannend: Wir haben zwar die Erfahrungen der Erstausgabe, sind aber ganz offen an die neue Ausgabe herangegangen. Unser Motto war: Alles ist möglich. Mit einer Ausnahme, dass wir unsere grundsätzlichen Gestaltungsprinzipien beibehalten, damit das archiv/e auch noch als solches erkannt wird. Gestalterisch haben wir eher im Detail mit Typo, Text und Bildplatzierungen gespielt.


UNSER MOTTO LAUTET: ALLES IST MÖGLICH.


Was waren die größten Herausforderungen und wie habt ihr sie gemeistert?

Ein unabhängiges Magazin zu veröffentlichen, war für uns immer ein Traum, zugleich ist es aber auch ein finanzielles Wagnis. Ein 100-seitiges Magazin in 1.500-facher Auflage privat zu finanzieren – das lag für uns einfach nicht drin. Darum können wir das Magazin auch nicht wie ursprünglich geplant halbjährlich herausgeben. Stattdessen versuchen wir pro Jahr eine Ausgabe zu machen.

Durch das erfolgreiche Crowdfunding konnten wir im vergangenen Jahr die Erstausgabe finanzieren und unseren Traum erfüllen. Dieses Jahr ist es uns gelungen, tolle Anzeigenpartner zu gewinnen, die das Magazin, unsere Leidenschaft und unser Herzblut unterstützen.

Gibt es etwas, das ihr noch sagen möchtet?

Es ist zu schön, dass wir auch dich für die zweite Ausgabe gewinnen konnten und dass du mit dabei bist. Vielen Dank, liebe Indre!

Ich habe euch zu danken, liebe Lina, lieber Anselm, dass ich dabei sein darf! Es ist mir eine Ehre!

cindyruch_bondi2b
Foto: Cindy Ruch
fahrradgerechte Stadt, #radentscheid, isabel marant, bauhaus, tiny houses

Davon dass ich so müde bin und weder Kaffee noch Schlaf etwas daran ändern mögen, hatte ich erzählt. Auch Vitamin D hat nicht geholfen. Also gebe ich mich geschlagen – oder besser: hin – und lasse M i MA mitten im Mai einen kleinen Schlaf machen. Ein Schlöfele wie es so wohlig-warm im Schweizerdeutschen heißt. Bevor die Lider schwer werden und der Wunsch sie zu schließen überhand nimmt, habe ich noch eine Liste erstellt: Zutaten für süße Träume.

Bis bald!
Der Gewerbehof Rigaer Straße 71-73A im Frühsommer 2013. Hier soll bis 2017 ein Neubauquartier entstehen. Viele der „Altnutzer/innen“ müssen dafür weichen. 

Wer hier kauft, kauft Ärger stand in krakeligen Lettern auf dem Bauschild, dort, wo einst das Institut für Krimskrams auf sich aufmerksam machte. Ich wollte es am Freitag fotografieren. Aber es war nicht mehr da. Vielleicht hat man es lieber entfernt, um potenzielle Käufer/innen nicht zu irritieren. Grund zur Irritation gäbe es, denn im Samariterkiez brodelt es. Seit 2009 ist der verhältnismäßig kleine Kiez um rund 2.000 Neubewohner/innen angewachsen – allein in unserem Haus leben rund 350 Leute im Alter von 0 bis 70 Jahren, und es ist nur eines von geschätzt 20 Neubauprojekten (wobei viele meiner neuen Nachbar/innen schon vorher hier gewohnt haben). Das bringt Spannungen mit sich, nicht zuletzt da mit diesen „Neuen“ viel „Altes“ verschwindet: Leute, Läden und Lücken, günstiger Wohn- und öffentlicher Freiraum, lieb gewonnene Gewohnheiten und schöne Selbstverständlichkeiten. 


Ich bin eine dieser „Neuen“ und mir liegt viel daran, dass das „Sozialexperiment Samariterkiez“ gelingt. Ein erster Schritt dazu ist m.E. das Zuhören. Wie erleben die „Altbewohner/innen“ den Zuzug und die damit verbundenen Veränderungen? Was macht es mit ihnen und ihrem „Heimatgefühl“? Was erwarten oder wünschen sie sich von den „Neuen“? Das und anderes habe ich die GROSSEN KÖPFE gefragt. Sie leben mehr als 10 Jahre im Kiez, und da wo sie einmal ins Weite blickten, sehen sie heute ihr Spiegelbild in der gläsernen Neubaufassade.

Oben: 2013 sehen die GROSSEN KÖPFE noch ins Grüne. | Unten: Seit 2015 spiegeln sie sich in der gläsernen Neubaufassade.

Geht das Experiment gut? Wo seht ihr die größten Herausforderungen und was können wir daraus für die Integration allgemein lernen?
ALU: Das der Kiez voller wird, dafür brauche ich keine Statistiken. Ich sehe und spüre es täglich bei meinen Spaziergängen. Wo ich früher „schnell“ mal was einholen war, bilden sich heute Schlangen. Für einen Kaffee muss ich mich inzwischen anstellen. Die Läden und die Händler beginnen sich diesen neuen Massen anzupassen. Ein neuer Pizzaladen hier, ein weiterer Bäcker da. Ich empfinde das persönlich gar nicht als Experiment, sondern eher als gemeinsames Projekt mit verschiedenen Entwicklungsstufen. Für mich persönlich sind die größten Herausforderungen der neue Lärm. Alles ist lauter geworden. Unsere Straße (früher nur einseitig bebaut) funktioniert wie ein Lärmtrichter, wirklich laut.
Konsti: Ich denke, allein in unserem Kiez sind es gut 2.000 neue Menschen. Ich bin zwiegespalten. Es sind subjektive Dinge, wie: Es ist lauter geworden, voller und es gibt kaum noch verwunschene Ecken. Ich frage mich auch, wo die typischen Berliner alten Menschen (i.S.v. Senioren) sind, neben denen ich noch groß wurde und was das für Menschen sind, die sich diese Preise leisten können*. In vielen Bereichen meines Lebens treffe ich auf Menschen, die keine Ahnung von Berlin haben, aber nun da sind. Das ent-heimatet mich.
*In unserem Haus wohnen viele ziemlich nette und „normale“ Leute. Viele Familien mit kleinen Kindern, aber auch kinderlose Paare und einige Singles. Erstaunlich viele Kreative sind darunter: Fotograf/innen, Blogger/innen, Designer/innen, Schaupieler/innen, Kommunikationsberater/innen etc., einige Professor/innen, Jurist/innen, Ministerial- und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Fast alle leben schon lange in Berlin, viele in Friedrichshain, einige auch hier im Kiez und nicht wenige sind sogar „echte“ (Ost-)Berliner/innen. 

Das Café Orange heißt seit Kurzem KAFFEE KARAMELL.

Welche Entwicklung würdet ihr, so ihr könntet, lieber heute als morgen wieder rückgängig machen und was um keinen Preis wieder „wie früher“ haben wollen?
ALU: Ich würde gern den Lärm weghaben. Warum kann man hier nicht autofreie Zone machen? Wäre doch ganz schön für uns alle und auch weniger gefährlich für die Kinder. Ich würde gern (wie früher) nicht immer einen Tisch im Schalander bestellen müssen, wenn ich mal Kniffel spielen gehen will☺, ansonsten hat alles seine Zeit und seine Berechtigung! Bis auf den Lärm, weniger Lärm vor meinem Schlafzimmer zu jeder Tages- und Nachtzeit wäre schön.
Konsti: Ich würde gerne die vielen Bausünden aus Beton und Glas rückgängig machen. Bezahlbarer Wohnraum und mehr Freiflächen, damit man sich nicht mit 3 Eltern und 2 Kindern auf dem Quadratmeter Spielplatz stapeln muss. Um keinen Preis will ich, dass die neuen Menschen und Impulse weg sind. Denn die suchen ebenso neue Heimat wie ich.

Mittlerweile sind alle Baulücken im Samariterkiez geschlossen – und das waren viele!

Unser Kiez ist in Bewegung. Nicht nur ist fast jede Baulücke mittlerweile geschlossen, die Einwohnerdichte entsprechend gestiegen, auch viele alteingesessene „Institutionen“ verschwinden (so schließt im Mai diesen Jahr etwa der Club K17). Sind daran die „Neuen“ schuld?
ALU: Ich glaube nicht, dass sie daran schuld sind, aber sicherlich verstärken, oder beschleunigen sie Prozesse. Das K17 war bereits seit vier Jahren immer wieder daran zu überlegen wie es weiter geht, nun wird der Schritt des Weggangs (der Auflösung) also gewagt. Das unser „Café Orange“ nun „Karamell“ heißt und Leuchtbuchstaben hat (HILFE!) ist weniger schön, aber sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass immer mehr Menschen dort Mittag essen wollen und die sich eben anpassen. Ich sag ja, wir stehen mitten drin in der Entwicklung und die schnelleren Kassen in der Biocompany kommen allen zugute.
Konsti: „Die Neuen“ sind ebenso ein Zeichen dieser Veränderungen. Ich frage mich, wo werden bald die Orte sein, wegen derer Berlin lebenswert und zuzugswürdig war? Funktioniert die Stadt überhaupt noch? Andersherum: Ohne Hilfe von Außen hätte es keinen dieser Impulse gegeben. Spannend ist also die Frage: Was wird Neues kommen? Werden die teuren Gewerbemieten auch neue, längerfristige Angebote bringen oder werden immer mehr Schaufenster zugeklebt und Büros dahinter eröffnet?
Was erwartet und was wünscht ihr euch als „alte Kiezbewohner/innen“ von den Zugezogenen?
ALU: Ich fänd es ja toll, wenn die neuen Hausbesitzer, Einwohner mal einladen würden. Sowas wie ein „Wir-sind-da-kommt-doch-in-unseren-Garten“-Fest oder sowas. Vielleicht könnte man sich dann kennenlernen?
Konsti: Ich erwarte wenig, ich hoffe nur, dass es sich irgendwann verwächst, doch ob ich dann noch hier sein möchte, weiß ich nicht.

Bänschstraße Ecke Pettenkofer im Frühsommer 2013

Und zum Schluss eure Empfehlungen für die „Neuen“: Was sind absolute No-Gos, todsichere Fettnäpfe und vermeidbare Peinlichkeiten? Wie sammelt man Plus- und Sympathiepunkte und wie macht´s richtig gut?
ALU: Fahr mich nicht um mit deinem Cabrio, setz die Sonnenbrille ab, wenn du deine Brötchen bestellst (sonst muss ich lachen) und bleibe freundlich. Als mich neulich wieder Jemand anpöbelte (recht jung, Hipsterkleidung), dass ich mal zur Seite rücken soll (im Kaisers), war ich kurz davor ihn zu schubsen. Rücksichtnahme ist nämlich ’ne ziemlich einfache Sache und sollte in jeder Lebenssituation angewandt werden, auch wenn ich gerade mein Kind, das Laufrad und den Einkaufswagen vor den Äpfeln geparkt habe.
Konsti: Ich denke, wir alle sollten uns ordentlich benehmen, immer wieder neu. Ich treffe oft auf Unwissenheit, was den Kiez, seine Geschichte, seine Zusammenhänge, aber auch Berlin generell angeht. Außerdem kann ich die Vorurteile gegen „den Berliner“ nicht mehr hören. Ich finde man kann nicht in einer Stadt leben, mit der man sich nicht bereit ist, ausreichend zu identifizieren. Nette alte Damen im Restaurant gehen dagegen immer.

Bänschstraße Ecke Pettenkofer im Frühsommer 2016

IN EIGENER SACHE: Der Dialog zwischen „Neu- und Altbewohner/innen“ ist m.E. ein wichtiger Schritt, damit das Zusammenleben unter den neuen, oftmals engeren, lauteren Bedingungen gelingt – hier wie in jedem anderen Quartier in Berlin und anderswo. Gerne möchte ich hier eine kleine Dialogplattform schaffen. Darum: Wer mag mit mir über „Gentrifizierung“ sprechen? Ich freue mich über würde mich über jedes Interesse! Außerdem würde ich hier im Kiez gerne ein Nachbarschaftsfest organisieren. Wer hat Lust hat, bitte melden!

Unser Mitbewohner. So nannte Mi. meinen damaligen Freund und heutigen Mann, nicht etwa in Ermangelung echter Zuneigung. Nein, es fehlte schlicht ein passendes Wort. Denn: Wie nennt man den neuen Partner der Mutter, mit dem man zusammenlebt, der einem Abends Geschichten vorliest, Nachmittags bei den Hausaufgaben und morgens aus dem Bett hilft, der aber kein Stief- oder Ersatzvater ist, weil es da nichts zu ersetzen gibt? Weil der Papa da ist, zwar nicht in der selben Wohnung, aber in greifbarer Nähe – zuverlässig und liebevoll. Welches Wort beschreibt die Beziehung, die der „Neue von Mama“ da zum „Kind vom Ex“ hat? 

Der Mitbewohner greift ein wenig kurz. Das wusste auch der kleine Mi. Nur hatte niemand ein besseres Wort. Ich hab bis heute keines – da steht wohl noch etwas Begriffsarbeit aus. Oder hat eine/r von euch ein treffendes Wort?

Worüber ich noch so nachGEdacht, was ich GEmacht und GEdacht habe? Unter anderem dies: 

Habt’s gut!

Das völlig normale Leben, nur anders. So lautet der Claim von Katharinas Blog Sonea Sonnenschein. Anders macht es vor allem Tochter Sonea, die ihre Eltern zur Geburt mit einem zusätzlichen Chromosomenpaar überraschte: Trisomie 21 oder auch Down-Syndrom genannt. Der Schock saß zunächst tief, doch Katharina wäre nicht Katharina – nämlich von Grund auf fröhlich und zuversichtlich – hätte sie ihn nicht rasch überwunden. „Es gibt immer Hürden und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen„, sagt die heute zweifache Mutter und findet meine Frage nach ihren Wünschen am schwierigsten zu beantworten. Denn eigentlich sei sie sozusagen wunschlos glücklich.
Hab vielen Dank, liebe Katharina, für heiteren Antworten, mit denen ich allen einen ebensolchen Start in die neue Woche wünsche.
Auf deinem Blog erfährt man schon einiges über dich und deine Familie. Zum Beispiel dass du schokoladen- und nähsüchtig, stoffverliebt und Inklusionsbefürworterin bist. Was gibt es noch über dich zu sagen?
Mopsvernarrt fehlt noch. Was gibt es über mich zu sagen? Ich bin ein sehr impulsiver und feinfühliger Mensch, der immer irgendwelche Ideen im Kopf hat, die ihn nicht loslassen. Meine Familie ist für mich unverzichtbar und ich bin eher der gemütliche, häusliche Typ.
„Das völlig normale Leben, nur anders“ lautet dein Blog-Claim. Was ist völlig normal an deinem Leben? Und was anders?
Mein Leben und vor allem unser Familienleben ist für mich völlig normal. Sicherlich ist es aufgrund der Behinderung meiner Tochter Sonea vielleicht hier und da ein bisschen anders als das Zusammenleben anderer Familien und für andere auch unvorstellbar, was ja auch die Statistik besagt (98% aller pränatal diagnostizierten Fälle von Down-Syndrom werden abgetrieben).
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Was wünscht du dir noch normaler und was noch anders in deinem/eurem und für dein/euer Leben?
Ich kann gar nicht behaupten, dass ich mir etwas anders wünsche. Es gibt immer Hürden und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Vielleicht wären diese anders, wenn wir kein Kind mit Down-Syndrom hätten, aber das Leben wäre deshalb sicherlich nicht einfacher, nur eben möglicherweise anders. Aber es wäre dann eben auch nicht mehr unser Leben.

Was sagt die Inklusionsbefürworterin in dir zum gesellschaftlichen Inklusionsstand? Wie viel gibt´s noch zu tun? Und was bzw. wo sind deiner Meinung nach die größten „Baustellen“?
Der Grundgedanke der Inklusion ist wirklich toll, aber Deutschland steht eben auch noch völlig am Anfang und ist teilweise sogar rückschrittlich, wie sich in den letzten Monaten deutlich gezeigt hat.
Die Inklusion wird oft sehr stiefmütterlich behandelt und abgelehnt, da viele einfach ins kalte Wasser geworfen werden. Es werden mit der Schaffung von Inklusion Gelder und Personal gekürzt, die mit der Inklusion aber trotzdem dringend notwendig sind. Es läuft sicherlich einiges schief und nicht optimal hier in Deutschland, um eine funktionierende Inklusion zu gewährleisten. Allerdings bin ich auch ganz klar der Meinung, dass Inklusion in den Köpfen der Menschen beginnt und mit dem Abbau der Barrieren in den einzelnen Köpfen und der Bereitschaft zu einer funktionierenden Inklusion wächst und dann auch erst funktionieren kann. Ich bin durch und durch Visionär und der festen Überzeugung, dass man mit Willenskraft viel mehr erreichen kann, als mit irgendwelchen finanziellen Mitteln. Sicherlich sind diese auch notwendig, aber ein fester Wille ist der Anfang von vielen großartigen Dingen. Und wenn ich Inklusion ablehne, nützt mir auch sämtliches Geld nicht.
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Welche gesellschaftlichen-politischen Entwicklungen stimmen dich hoffnungsfroh und woran möchtest du zuweilen verzweifeln?
Ich bin sehr froh, dass Sonea heute und nicht vor 30 Jahren geboren wurde. Gerade hat André Frank Zimpel, ein großartiger Professor für Erziehungswissenschaften, ein Buch über eine lang ausgelegte Studie über Menschen mit Down-Syndrom herausgebracht. Einzelheiten zum Buch könnt Ihr hier erfahren. Ich werde aber bald in einem Beitrag noch näher darauf eingehen und auch ein Exemplar von diesem Buch verlosen.
Menschen mit Down-Syndrom haben heute bessere Lebensbedingungen als früher und auch die Fördermöglichkeiten sind sehr viel vielseitiger. Außerdem ist die Akzeptanz deutlich besser als noch vor vielen Jahren. Wir ernten selten komische Blicke. Es gibt sie, ganz klar, aber wir sind nicht die absoluten Außenseiter, sondern haben einen ganz normalen Freundeskreis.
Du hast deinen Blog (wie ich) im Jahr 2009 ins Leben gerufen. Warum (Grund) und wozu (Ziele)? Und was ist aus dem, was du 2009 begonnen hast, heute – also bald sieben (Kinder-)Jahre später – geworden?
Als ich mit dem Bloggen begonnen habe, war es einfach der Impuls über Sonea und unser Leben mit ihr zu schreiben. Es half mir ein bisschen die Diagnose zu verarbeiten, denn am Anfang saß der Schock ziemlich tief und die Traurigkeit war groß. Außerdem wollte ich neben all den negativen Links zum Thema Down-Syndrom ein kleines, positives Gegenstück schaffen und Vorurteile abbauen. Am Anfang war das Blog recht persönlich und aus der Sicht von unserem Sonnenschein Sonea selbst geschrieben. Anfangs habe ich mich gefreut, wenn das Blog 20 Besucher am Tag hatte. Meine Oma in Dänemark genießt es heute noch mit fast 90 Jahren. dem Blog zu folgen und so ein kleines Stückchen an unserem Familienleben teilzuhaben.
Irgendwann kam ich durch Sonea zu meiner Leidenschaft, dem Nähen. Die täglichen Leser wurden nach und nach auch mehr. Mir fiel es zunehmend schwerer aus der Sicht von Sonea zu schreiben, da sie mehr und mehr ihre eigene Persönlichkeit entwickelte – eine starke Persönlichkeit, der ich ungern meine Gedanken und Worte in den Mund legen wollte.
Heute blogge ich aus meiner eigenen Sicht – mal mehr, mal weniger persönlich und trotzdem immer mit Rücksicht auf unsere eigene Privatsphäre und vor allem die der Kinder. Ich zeige meine Kinder im Netz – Sonea, weil ich es wichtig finde ihr ein Gesicht zu geben (Kinder mit Down-Syndrom wurden lange genug in unserer Gesellschaft versteckt) und ihren kleinen Bruder, weil er wirklich zutiefst beleidigt ist, wenn ich ihn nicht ab und an auf dem Blog zeige. Aber bei allem was ich schreibe, spielt vor allem immer wieder mein Bauchgefühl und mein Herz eine große Rolle. Es steckt mittlerweile wirklich sehr viel Herzblut in diesem Blog und das Blog ist fast schon wie ein drittes Kind.

Was hat es mit deiner Blog-Rubrik Mein Leben mit dem Besonderen auf sich?
Das war ein Impuls vor knapp 1 1/2 Jahren. Damals gab es eine Reportage über ein Paar, welches einen Spätabbruch gemacht hat, weil ihr Kind das Down-Syndrom haben sollte. Ich verurteile solche Entscheidungen nicht. Ich selbst war glücklicherweise nie in dieser Lage, einen solchen Entschluss treffen zu müssen, da Sonea ihr Extra gut versteckt hatte und erst nach ihrer Geburt offenbart hat. Aber ich kann mir vorstellen, welcher gesellschaftlicher Druck in einer solchen Situation auf einem lastet. Und wenn man selbst nicht den Kontakt zu Menschen hat, die in irgendeiner Form „besonders“ sind, gibt es eben auch (Berührungs-)Ängste und Vorurteile. Das ist einfach so.
Mit der Rubrik wollte ich vorrangig noch ein Stückchen mehr dazu beitragen Vorurteile abzubauen und vor allem auch zeigen wie normal es ist verschieden zu sein. Und dann auch wie normal und vielseitig „das Besondere“ eben sein kann. Jeder ist in irgendeiner Weise besonders und das ist das, was diese Rubrik eben ausmachen soll. Sie soll bewegen und zum Nachdenken anregen.
Welche Blogs liest du besonders gerne? Und warum?
Es gibt unglaublich viele Blogs, die ich gerne lese und es gibt auch wirklich viele großartige Blogs. Leider fehlt mir oft die Zeit dafür, aber wenn ich es mal schaffe, bin ich jedes Mal total inspiriert und manchmal auch begeistert von der Wortgewandtheit und der Kunst mancher Blogger mit Worten zu spielen. Ich lese unglaublich gerne.
Wenn schon der Wunsch nach „hündischem Familienzuwachs“ vorerst nicht Erfüllung geht, welcher Wunsch wird oder wurde dieses Jahr wahr?
Ich habe gerade ein wunderschönes, verlängertes Wochenende alleine mit meinem Mann in Paris verbracht. Das hat wirklich sehr, sehr gut getan, auch wenn ich die Kinder am Ende doch ganz schrecklich vermisst habe und mich am liebsten zurück nach Hause gebeamt hätte, um schnell wieder dort zu sein. Aber grundsätzlich finde ich diese Frage von allen hier am schwersten, denn wirklich große Wünsche habe ich nicht. Ich habe eine Familie, die mich sehr glücklich macht, einen Job, der mich erfüllt und mir riesig Spaß macht und nun fehlt eben nur noch der Mops. Und ein klitzekleines Vermögen vielleicht, damit ich unsere Wohnung nach meinen Wünschen renovieren kann… haha!
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„Die rissigen Fassaden der Hinterhäuser sind mit roten Schriften überzogen, an einer kahlen Mauer schreit der Satz: Wir wollen als Menschen leben!“ Er könnte so oder so ähnlich auch heute irgendwo in Berlin stehen. Tatsächlich stand er 1933 auf einer Mauer in Meyers Hof in der Ackerstraße 132 in Berlin-Wedding. Eine typische Mietskaserne aus der Gründerzeit, mit der auf Kosten der Bewohner/innen spekuliert wurde, bis diesen buchstäblich der Kragen platzte. Quelle

Das ist lange her. Doch die Situation wiederholt sich in scheinbar regelmäßigen Abständen: Rund 50 Jahre später, Ende der 1970er Jahre, stehen hunderte Wohnhäuser in West-Berlin leer. Grund: Spekulation. Nach der Wiedervereinigung gilt Berlin lange Zeit als Mieterparadies – für wenig Geld bekommt man hier viel Raum. Doch spätestens seit 2013 ist die Wohnungsfrage wieder virulent – und angesichts der Zufluchtsuchenden wird bzw. ist sie es noch mal mehr.

Wohnungsknappheit trotz Bau-Boom, heißt es im Juni 2015 im Berliner Tagesspiegel, und wenige Monate später: Vermieter warnen vor Wohnungsnot in Berlin. Am 1. Februar diesen Jahres titelt der tipBezahlbarer Wohnraum ist knapp. Was ist eigentlich los, am Wohnungsmarkt? Und muss das so sein? Diese Fragen haben sich auch Hiroko Tanahashi und Max Schumacher gestellt, die beiden Köpfe hinter dem post theater. Mit ihrer neuen Produktion haben sie das Thema nun erstmals auf die Theaterbühne gebracht: 

HOUSE OF HOPE – Ein Theaterabend über Wohnutopien 
Weltpremiere am 3. März 16 um 20.00 Uhr 
Berlin-Premiere am 9. März 16 um 20.00 Uhr 
Zur Premiere schaffe ich es leider nicht, aber am 12. März werde ich im Theaterdiscounter sein und mich freuen, die ein oder den anderen von euch zu treffen. Zur Einstimmung habe ich schon mal mit Max Schumacher über die Motivation und Herangehensweise, über Wünsche, Visionen und Hoffnungen des 1999 in New York gegründeten und seit 2002 in Berlin und Stuttgart ansässigen post theaters gesprochen.

Was gab den Anstoß für euer neuestes Projekt „House of Hope“?
Eine der ganz großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen – mit denen jedeR zu tun hat: JedeR wohnt irgendwie, irgendwo. Manche allerdings immer schlechter, oder immer teurer. Kaum etwas wurde in den letzten Jahren so stark teurer wie das Wohnen. Diese Verbindung aus privatem Rückzugsraum, Ruheort – und einem turbulenten, brutalen Markt finde ich spannend. Oder tragisch. Oder einfach faszinierend. Gleichzeitig gibt es auch viele Ideen, wie anders gewohnt werden kann. Aber die kommen in Deutschland kaum zum Zug.
Welche Menschen habt ihr nach ihren Erlebnissen, Meinungen und Wunschvorstellungen gefragt und welche (Zwischen-)Bilanz zur Wohnungsfrage könnt ihr (auf Basis dieses Materials) ziehen?


Wir haben mit Maklern, Mietern, Vertriebenen, Eigenheimkäufern, Architekten und Städtebau-Theoretikern geredet. Wir haben auch viel gelesen und Filme gesehen. In fast allen Medien gibt es eine Menge dazu – komischerweise im Theater aber fast gar nicht. Eine Zwischenbilanz können und wollen wir nicht ziehen. Es gibt alles gleichzeitig – tolle und fiese Vermieter, verbrecherische und sozial verantwortliche Immobilienunternehmen, egoistische und altruistische Hauptmieter…. Die Gleichzeitigkeit von allem ist Teil des Problems – und seiner Faszination.
Wie sieht das „House of Hope“ als Alternative zur aktuellen Wohn- und Wohnungslage aus?


Das House of Hope ist vor allem eine Speerspitze gegen die soziale Homogenisierung, die gerade stattfindet. Bezirke werden, wenn es so weitergeht, stärker nach Einkommen getrennt sein. Innenstädte werden nicht mehr offen sein für sozial Schwache. Im House of Hope soll die gesamte Stadtgesellschaft unter einem Dach abgebildet werden – in ihrer Heterogenität, ihrer Vielseitigkeit.
Worin besteht seine Radikalität?


Wir wollen doch nicht hier schon alle Ideen zu unserer Vision vorher preisgeben. Wir machen Theater, keine Parteiprogramme.

Martha Rosler, Times Square Spectacolor sign, New York, 1989 | Quelle: HKW
Wie wohnt ihr selbst?


Von den vier DarstellerInnen wohnen zwei zur Miete und zwei in der eigenen Wohnung. Wir haben aber alle in verschiedenen WGs, Wohnungsgrößen und -arten gewohnt. Wir alle wohnen in den Innenstadtbezirken. Keiner hat ein persönliches Problem mit der Situation. Noch nicht. 
Was hat euch bzw. das posttheater 2002 nach Berlin gezogen?


Das waren für Hiroko Tanahashi und mich, Max Schumacher, vor allem Probleme mit unserem Aufenthaltsstatus in New York. Und die hohen Mieten dort. Und damals sagten wir – wenn schon Europa, dann Kreuzberg.
Wie erlebt ihr die Wohnsituation in Berlin?
Sehr gespalten. Zwischen großen Ängsten und großer Zufriedenheit ist im Kollegen-, Bekannten-, Freundeskreis alles dabei. Ich finde es verrückt, wie viele Leute – junge Leute, Studierende – es heute völlig normal finden, enorme Mieten zu zahlen. Man darf es eben nicht mit den WGs der Mid-90er Jahre vergleichen.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Wohnens in Berlin und anderswo?
Sozialen Wohnungsbau, der unbefristet im kommunalen Besitz verbleibt – anstatt Immobilienfirmen aus Steuergeldern zu bezuschussen.
Mehr neue und originellere Konzepte, Wohnen und seine Bezahlung zu denken. Warum gibt es nur Mieten oder Kaufen von Wohnraum? Besser wäre: mehr Genossenschaften. Mehr flexible Konzepte von Wohnungen, die mitwachsen können – oder schrumpfen. Und eine bessere Stadtplanung, die es attraktiver macht, auch außerhalb von S-Bahnringen, der Innenstädte zu wohnen. Besseren öffentlichen Personennahverkehr und bessere Fahrradwege – dann würden auch andere Bezirke interessanter.

1:1-Model Urban Forest, 2015© Atelier Bow-Wow | Quelle: HKW
Patricia Parisi (c) Hauptstadtmutti

Am letzten Sonntag war ich nach langer, langer Zeit wieder einmal auf einem Punkrock-Konzert. Im Columbia Theater. Um elf Uhr. Nein, nicht um dreiundzwanzig Uhr. Um elf! RANDALE hieß die Bielefelder Band, die laut Selbstauskunft so klingen ‚als ob die RAMONES, DIE ÄRZTE und die HOUSEMARTINS mit JOHNNY CASH Kindermusik machen würden‘. Kindermusik? Richtig. Ich war auf einem Kinderkonzert. Mit Ma. und Mann. Und wir hatten einen Riesenspaß! Möglich gemacht hat dieses generationenübergreifene Musikevent Patricia Parisi, die Frau hinter dem Milchsalon

2013 hat die Künstlerin mit deutsch-italienischen Wurzeln die Konzertreihe ins Leben gerufen – genervt vom verkitscht-braven Musikangebot für Kinder. Auf ihren Bühnen wird die gesamte musikalische Bandbreite jenseits des Klassischen gespielt: Punkrock, Reggae, Ska, Jazz, Hip Hop, Pop und Rock. Im heutigen Montagsinterview erzählt sie unter anderem über die Hintergründe des Milchsalons und wie sie ‚ihre‘ Bands auswählt. Außerdem verrät sie ihren liebsten Berliner Ort und verschenkt zwei Freikarten für das nächste Konzert im Milchsalon: DIE BLINDFISCHE verbinden Rock und Hip Hop mit einer Prise Comedy. Hier könnt ihr euch einen Eindruck machen.

DIE BLINDFISCHE 
am 7. Februar 2016 um 14 Uhr
im Grünen Salon (Berlin)

Wenn ihr eine Die 2 Freikarten für DIE BLINDFISCHE gehen an Held & Lykke. Viel Spaß! gewinnen möchtet, hinterlasst bis Mittwoch, den 3. Februar 0.00 Uhr eine kurze Nachricht und eure E-Mailadresse. Ich sage nun: Vielen Dank, liebe Patricia, für das kurzweilige Gespräch und wünsche euch damit einen gelungenen Start in die neue Woche.

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Was ist der Milchsalon und wer steht dahinter?
Der Milchsalon ist ein Ort, an dem auch und ganz besonders Kinder sich wohl fühlen sollen, an dem sie als Rezipienten wahr- und ernst genommen werden und an dem sie auch ruhig barfuß laufen oder Purzelbäume schlagen können, wenn sie wollen. Ein Ort, an dem sie leise oder lauthals ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen können. Ein speziell ausgewählter Ort, an dem Kinder eigentlich noch nichts zu suchen haben, zum Beispiel ein szeniger Club, der den Eltern, ein vielleicht schon lange vermisstes Ausgeh-Gefühl schenkt (Yeah!) – und Kinder nicht kleiner hält, als sie es ohnehin noch sind! (Yeah! Yeah!)
Ich möchte Kindern schöne Erlebnisse schaffen und wichtige Erfahrungen ermöglichen sowie den Austausch zwischen den Künstlern, Kindern und Eltern. (Oft hüpfen die Kinder nach den Konzerten auf die Bühne und bespielen die Instrumente. Bei einigen spüre ich förmlich, wie eine Leidenschaft entfacht.)
Dahinter stecke ich – ganz allein!
Was hat dich motiviert, den Milchsalon ins Leben zu rufen?
Seit vielen Jahren arbeite ich im Bereich Booking und Promotion. Musik hat mich schon zeitlebens interessiert und begleitet. Die Kindersparte mit all ihren Facetten, von lehrreich bis moralinsauer, hat sich mir konsequenter Weise erst durch meine Sprösslinge eröffnet. Gerade in dieser Branche gibt es einfach zu viel Trash gegen den ich mich vehement versuche zu wehren.
Der Milchsalon soll Kinder an „gut gemachte“ Musik heranführen und sie zum Musizieren, Tanzen und Ausflippen animieren.
Wie und wo findest du die Bands und nach welchen Kriterien suchst du sie aus?
Anfangs habe ich mich virtuell durch verschiedenste Foren gequält. Als ich schließlich die ersten Bands entdeckte, kamen recht bald Anfragen von den Musikern selbst.
Leider habe ich sehr strenge Auflagen, die ich einhalten muss. Außerdem ertrage ich keine zu schrille Kostümierung oder total albern klingende Bandnamen. Um sicherzustellen, dass die Musik inhaltlich auf die Interessen der Kinder von heute eingeht und Spaß macht, ohne albern zu sein, lasse ich alles vorab von meinen Kindern testhören. Manchmal muss ich dann meine eigenen hohen Ansprüche ein wenig zurückschrauben. Doch wer durch diese letzte Instanz fällt, ist raus.
Ursprünglich war der Milchsalon im Grünen Salon der Volksbühne ansässig. Heute findet er in „Clubs und klassische Venues, in abgetakelten Gartenlokalen und in Bastionen der Hochkultur, in Büroetagen, Schulen und auf die grüne Wiese“ statt. Warum?
Ursprünglich fand er sogar im Roten Salon der Volksbühne statt und nannte sich der ROTE MILCHSALON. Dort durfte ich dann – aus ganz perfiden Gründen, die jetzt den Rahmen sprengen würden – leider nicht mehr agieren. So bin ich in den Grünen Salon abgewandert. Der Milchsalon soll möglichst immer in Clubs stattfinden. Das ist ja ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes.
Der zitierte Zusatz bezieht sich lediglich auf die Möglichkeit, ein privates Milchsalon-Konzert (wo auch immer!) zu buchen.

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Wie funktioniert der Milchsalon?
Es ist ein One-Woman-Totaleinsatz. Da ich (gefühlt) jeden einzelnen Gast namentlich kenne, funktioniert er bislang nur durch meine Guerilla-Marketing-Kampagnen in Bio-Läden, beim Kinderarzt, in Schulen, Kitas etc. und vornehmlich in meinem Aktionsradius.
Oft kommt mir zu Ohren: „Das ist ja eine super Idee. MILCHSALON? Habe noch nie davon gehört.“ Hätte ich mehr Multiplikatoren und Unterstützer, könnte deutlich mehr passieren und auch unbekanntere Bands hätten eine Chance auf der Bühne zu stehen, ohne dass es mich gleich in den finanziellen Ruin stürzt.
Was steht dieses Jahr auf dem Programm des Milchsalons?
Ich plane schon seit vielen Jahren ein größeres Kindermusik-Festival. Mehrtägig mit tollen Bands, die in verschieden Locations auftreten. Leider kam mir eine große Agentur, die über die nötigen Zahnräder und Gelder verfügt, letztes Jahr zuvor.
Dieses Jahr werde ich von großartigen Musikern unterstützt und wir stellen ein kleines Kinder-Musikfestival (am 30. Oktober 2016 ab 15 Uhr im Columbia Theater) auf die Beine. Außerdem werden wir internationaler. Berlins internationaler Kinderreichtum schreit förmlich danach.

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Wer ist Patricia Parisi?
Eine relativ kleine, aber dennoch auffällige Person mit deutsch-italienischen Wurzeln und Mutter dreier Kinder. Ich habe einen erwachsenen 20-jährigen Sohn, den ich sehr jung bekam und eine kleine Nachhut aus Teenager-Girl (11) und Judoka-Meister (8).
Eine zeitlang habe ich Romanistik und Kunstgeschichte studiert, erlangte dann aber zu der Erkenntnis, dass ich doch eher eine Kunstschaffende als eine Theoretikerin bin.

 

Was ist deine Lieblingsmusik?
Musik, die mir unter die Haut geht, meine Seele berührt oder meine Füße wippen lässt. Ganz stimmungsabhängig Soul, Rock’n Roll, Ska oder Pop. Das kleine Einmal-Eins der Musikstile.
Was sind deine liebsten Orte in Berlin und welche Orte meidest du (warum)?
Ich liebe: Die Insel der Jugend. Warum? Wegen ihres poetischen Namens und weil es dort den schönsten Bootsverleih an der Spree gibt: „Kanuliebe“ verleiht Tretboot-Klassiker aus den 50ern.
Ich meide kommerzielle Einkaufszentren und Großveranstaltungen. Warum? Ich bin knapp unter 1,60 m. Das macht es furchtbar anstrengend.
Und zum Schluss: Dein Kultur-Tipp der Woche?
Für Kids: Am 7. Februar ab 14 Uhr treten Die Blindfische im Rahmen des Milchsalons im Grünen Salon auf.
Für Erwachsene mit Hang zum DADA: 1932 Rare Photographs by George Grosz in der Side by Side Gallery Berlin.

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Heute eine List(e). List im Sinne von Kniff: bestimmte, praktische Methode, Handhabung von etwas zur Erleichterung oder geschickten Ausführung einer Arbeit [Duden]. Das Listen geht schneller als das Texten. Ich will zum Meer. Jetzt. (Hab‘ schon die Schuhe an und die Mütze auf.)
Ein erfrischendes Wochenende!
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PS: Was findet ihr eigentlich besser: den GETEXTETEN [1 | 2] oder den GELISTETEN Wochenrückblick?
PPS: Bis morgen um Mittnacht gibt’s noch ein Bild + Buch zu gewinnen.
2008 kam die Künstlerin Annton Beate Schmidt aus Neuseeland nach Berlin zurück und eröffnete in einem alten Ladengeschäft in der Sanderstraße in Berlin-Neukölln ihr Atelier. Hier lebt und arbeitet die ehemalige Cutterin seither mit ihrem Mann, dem Profikoch Thomas C. Bräuhäuser, und ihrer Assistentin, der Hündin Emma. Gemeinsam veranstaltet das Paar offene Tischgesellschaften und lädt zum Gespräch. Doch seit diesem Sommer ist das Atelier noch mehr als Wohnung, Studio und Salon. Es ist außerdem Herberge für Menschen auf der Flucht. 
Ich habe mit Annton über ihr Engagement, ihre Erlebnisse und Erfahrungen, ihre Wünsche und Hoffnungen gesprochen. Vielen Dank, liebe Annton, für diese Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.
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Foto (c) Bernd Wannenmacher
Liebe Annton, magst du mir ein wenig von dir erzählen? Wer bist du? Was machst du? Wie und wo lebst du?
Ich arbeite als bildende Künstlerin und lebe seit gut sieben Jahren mit Mann und Hund in einem alten Ladengeschäft in Berlin Neukölln. Darüber hinaus mische ich mich als Rednerin ab und zu gerne in Politisches ein, bin Verfasserin der Tiny Fishbowl Collection und betreibe mit dem Gatten einmal im Monat (momentan sind unsere Routinen leider ein bisschen aus dem Ruder geraten) den Speak Easy Club. Einen kleinen, aber feinen Supperclub, der im Atelier stattfindet und der uns viel Freude bereitet.
Du schriebst, dass was du seit August alles erleben durftest, wirklich am Herzen liegst. Was hast du erlebt?
Es gibt so viele Geschichten, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll. Mein Mann und ich versuchen auf verschiedenen Ebenen zu helfen. Ich habe ich mich speziell um geflüchtete Menschen mit Behinderungen gekümmert. Weil ich selbst mit Krücken oder im Rollstuhl durchs Leben gehe, hatte ich den Eindruck, in diesem Bereich am meisten tun zu können.
Wir stehen außerdem auf einer Liste für Menschen, die nachts ein Bett, eine heiße Dusche oder etwas zu Essen benötigen. Das bedeutet: Das Telefon klingelt und mitten in der Nacht werden Übernachtungsgäste gebracht. Manche bleiben dann nur diese eine Nacht, andere bleiben eine Woche bei uns sind, bis wir mit der Unterstützung vieler anderer Freiwilliger eine ordentliche Dauerunterkunft für sie gefunden haben.
Geflüchteten Menschen zu helfen ist ein bisschen wie Achterbahn fahren: In der einen Sekunde könnte man vor Freude einen kleinen Luftsprung machen, weil man es geschafft hat einen Rollstuhl oder sogar eine Wohnung zu organisieren, weil man überraschend Hilfe von anderen, unglaublich tollen Menschen bekommen hat. Und dann – nur einen kurzen Moment später – bekommt man die Nachricht, dass das Amt einen Härtefall nicht angenommen hat, dass jemand mit einer frischen Kriegswunde erst einmal wieder auf der Straße landet oder dass – vollkommen unbegreiflich – ein Geschwisterpaar getrennt werden soll. Aus irgendwelchen bürokratischen Gründen. Das sind die Momente, in denen ich schreien könnte. Weil so viel einfach nicht nachvollziehbar ist. Und schließlich gibt es da die Augenblicke, in denen man kurz sprachlos ist und sich zwingt nicht loszuheulen. Man sitzt vielleicht nichtsahnend mit seinen Gästen am Küchentisch beim Abendessen: „Kannst du die Melone bitte schneiden. Seit ich gefoltert wurde, kann ich die rechte Schulter nicht mehr belasten.“ Der Satz bleibt im Raum hängen bis jemand aus der Runde etwas Banales von sich gibt oder einen doofen Witz macht und sich die Situation irgendwie auflöst. Oder aber man eben einfach losheult.
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Gab und gibt es Situationen und Begegnungen mit geflüchteten Menschen, die dich an deine Grenzen gebracht haben? 
Eine Begegnung hat mich wirklich für ein paar Tage aus der Bahn geworfen. Wieder einmal mitten in der Nacht bekamen wir einen Anruf, ob wir einen jungen Mann bei aus aufnehmen könnten. Wir hatten bereits einen Gast, der glücklicherweise nicht nur Arabisch, sondern auch fließend Englisch sprach, und der sich anbot mit mir zusammen wach zu bleiben. Also sagte ich zu. Ein halbe Stunde später klopfte es und ein Helfer stand vor der Tür, neben ihm ein zitternder, vollkommen verängstigter junger Mann. Ein sehr junger Mann. Er konnte mir kaum in die Augen sehen, als er mir die Hand gab. Der Rücken gebeugt. Ich spürte sofort, ihm musste etwas Furchtbares passiert sein. Er sagte, er habe solche Schmerzen und könne sich nicht setzen. Ob er duschen dürfe? Er verschwand für zwei Stunden unter der Dusche. Danach kletterte er schweigend auf die für ihn vorbereitete Schlafcouch und als ich das Licht löschen wollte, schüttelte er nur ängstlich den Kopf. Wir haben auch am nächsten Morgen kaum Worte gewechselt. Der junge Mann erzählte unserem zweiten Gast lediglich, dass er die vergangenen Nächte im Park geschlafen hatte. Und er gab mir eine Schachtel arabischer Süßigkeiten, die er von einem Fremden geschenkt bekommen hatte. Mir zog es das Herz zusammen. Nachdem beide Gäste schließlich in Richtung Lageso aufgebrochen waren, rief ich die Helfer Vorort an und informierte sie, dass gleich ein junger Mann zu ihnen gebracht werden würde und dass ich mir großen Sorgen um ihn mache. Unser zweiter Gast lieferte ihn zwar dort ab, aber danach verschwand der junge Mann. Wir haben ihn nie wieder gesehen.
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Nach der Soforthilfe kommt das Zusammenleben. Wie kann das deiner Meinung nach gelingen?
Das Wichtigste, und dass wird ja bereits von allen Seiten immer wieder betont, wird die sprachliche Integration unserer neuen Nachbarn sein. Ich halte das für eine absolute Priorität und kann zumindest für den Berliner Raum sagen, es gibt hier tatsächlich eine Vielzahl an ehrenamtlichen und staatlichen Angeboten.
Für alle anderen Bereiche gilt wie überall im Zusammenleben: Offenheit und miteinander reden. Viele der so oft betonten Unterschiede zwischen den Kulturen sind weitaus weniger gravierend als gemeinhin vermutet. Über das „Andere“ muss eben diskutiert oder auch mal gestritten werden. Ein Bekannter von mir wurde zum Beispiel von seiner afghanischen Gastfamilie bekocht. Als sie ihn zum Essen riefen, waren zwei Tische gedeckt: einer für die Männer, einer für die Frauen. Er hat daraufhin klar gemacht, dass das bei ihm so nicht laufe und die Tische einfach zusammengeschoben. „So,  jetzt Essen wir in Deutschland afghanischem Reis.“ Schließlich haben alle gelacht und das Problem war sprichwörtlich vom Tisch. Humor und etwas mehr Leichtigkeit sind für mich der Schlüssel für ein gutes Zusammenleben. Lacht miteinander!
Wo siehst du die größten Herausforderungen für das Zusammenleben – im Kleinen und Alltäglichen und im Großen und Ganzen?
Der Begriff Herausforderung gefällt mir in diesem Zusammenhang ehrlich gesagt nicht besonders. Ich sehe eher Chancen. Chancen unsere Gesellschaft offener und sozialer zu machen. Vielleicht auch eine Spur ehrlicher. Ich sehe so viele Freiwillige, die sich unglaublich engagieren, die ihre Ärmel hochkrempeln und tolle Ideen entwickeln. Menschen, die sich bisher vielleicht noch nie getraut haben aufzustehen oder die nicht wussten, wo sie soziales Engagement zeigen können, sind plötzlich mutig und ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht Respekt und Menschlichkeit zu zeigen. Das beeindruckt mich zutiefst und gibt mir Hoffnung.
Natürlich sehe und höre ich auch die anderen Stimmen. Menschen die jetzt wütend auf die Straße rennen und laut schreien, Politiker die mit Ressentiments und Vorurteilen jonglieren, nur um ihre ganz eigenen Interessen durchzusetzen oder auch – und das ist noch viel weniger zu ertragen – Menschen die tatsächlich glauben, es sei ihr Recht andere anzugreifen, zu bedrohen oder zu verletzten. An manchen Tagen beim Zeitung lesen oder Nachrichten schauen, habe ich das Gefühl es nicht mehr aushalten zu können. Aber ehrlich gesagt, ich glaube diese Dinge waren schon immer da. Unterschwellig und etwas weniger dreist vorgetragen. Jetzt werden sie wenigstens sichtbar. Und offene Wunden lassen sich aus meiner Sicht viel besser behandeln, als solche die unter Binden und Trostpflastern versteckt sind. Irgendwo habe ich heute den Satz gelesen: „Egal war gestern.“ Das trifft es ziemlich genau.
Deutschland hat einen Hang dazu, jegliche Unwägbarkeit im Vorfeld erfassen und bedenken zu wollen. Für den Fall, dass dieses oder jenes eintrifft, was werden wir dann tun? Natürlich ist es sinnvoll, frühzeitig Strategien zu entwickeln, aber oftmals wäre es viel effektiver, einfach mal zu machen. 
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Kennst du Beispiele, von denen wir lernen können – sei es aus Neukölln, Neuseeland oder der Kunst?
Berlin ist randvoll mit guten Beispielen: Es entstehen Sportmannschaften für Geflüchtete oder Fahrradwerkstätten, in denen nicht nur repariert, sondern auch ein eigenes Fahrrad zusammengebaut werden kann. Es gibt Patenschaften, Sprachkurse oder die Möglichkeit zusammen mit Geflüchteten zu kochen. Begegnung auf allen Ebenen sozusagen. Mir persönlich liegt der Verein Be An Angel sehr am Herzen. Seine beiden Gründer gehören zu den vielen Menschen, die ich in den vergangenen Wochen kennen und sehr schätzen gelernt habe. Der Verein hat es sich nicht nur zu Aufgabe gemacht schnell und effektiv zu helfen, sondern vor allem auch unterschiedliche Hilfen, Personen und Projekte zu verknüpfen. Wer sich also selbst zukünftig engagieren will, findet dort mit Sicherheit die richtigen Ansprechpartner.
Für die Kunst, die auf Geschehnisse in der Regel ja eher reagiert und Fragen stellt, braucht es, denke ich, noch eine Weile. Es gibt ein paar Gruppen und einzelne Künstler, wie das Zentrum für politische Schönheit, die sich dem Thema Flucht bereits annehmen. Für meine eigene Arbeit, deren zentrales Thema Identität ist, entwickeln sich zurzeit Ideen und Projekte.
Du fragst nach Neuseeland, vermutlich weil ich dort einige Jahre gelebt habe. Die Situation dort stellt sich sehr unterschiedlich zu der in Deutschland dar. Zum einem ist Neuseeland ein klassisches Einwanderungsland und durch die Maori bzw. Menschen aus dem pazifischen Raum schon lange darin geübt, verschiedene Kulturen relativ gut miteinander zu verknüpfen. Neuankömmlinge werden freundlich begrüßt; sie erhalten sämtliche Unterlagen des Immigration Offices – ganz anders als hier – in ihrer jeweiligen Sprache. Doch dann machen sie auch sehr schnell klar: „Wenn du kein Englisch lernst, bist du raus.“ Das finde ich sehr richtig! Auf der anderen Seite besteht Neuseeland aus zwei Inseln am anderen Ende der Welt. Dass Menschen in Booten an deren Stränden auftauchen oder zu Fuß seine Grenzen überqueren, passiert einfach nicht.
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Welche Überschrift willst du am 23. Oktober 2016 in deiner Zeitung des Vertrauens zum Thema „Menschen auf der Flucht“ lesen? 
„Herzlich willkommen. Zwei weitere Flugzeuge mit geflüchteten Menschen sicher in Berlin gelandet.“ Die momentanen Konflikte wie etwa in Syrien werden bis dahin leider nicht gelöst sein, aber ich wünsche mir, dass Menschen die ihre Heimat verlassen müssen, dies wenigstens sicher und in Würde tun können. 
Alle Bilder (c) Annton Beate Schmidt

Warum nennst du deinen Blog eigentlich Lifestyle-Blog? Das werde ich immer wieder gefragt. Und immer schwingt da so ein unbestimmtes Unbehagen mit. Lifestyle – das ist irgendwie so… so oberflächlich, irgendwie leer, irgendwie… irgendwie so das Gegenteil von Stil. Vor allem aber ‚irgendwie‘. Grund genug, der Sache einmal nach- und diesem unbestimmten Unbehagen auf den Grund zu gehen. 

Nachdem die Erstanlaufstelle für alle offenen Fragen, Wikipedia, auch eher ‚irgendwie‘ blieb – „Der Begriff ‚Lifestyle‘ unterscheidet sich in seiner Bedeutungsschattierung vom Begriff ‚Lebensstil‘ ungefähr in der gleichen Art wie ‚Style‘ von ‚Stil‘.“ – habe ich mich an ausgewiesene Style- und Stilexperten gewandt und sie zu einem fiktiven Gespräch geladen. Meine heutigen Gäste sind:
  • Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal, Künstler und Kunsttheoretiker. 
  • Lars Distelhorst (Dr. phil.), Gesellschaftskritiker und Lehrbeauftragter für Sozialwissenschaft an der Hoffbauer Berufsakademie in Potsdam.
  • Alexander Grau (Dr. phil.), freier Publizist, Kultur- und Wissenschaftsjournalist u.a. für die Zeitschrift Cicero.
  • Ernst-D. Lantermann, Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Kassel.
  • Ernst Mohr, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Geschmack und Wirtschaft.
  • Matthias Stolz, Redakteur beim ZEITmagazin und Autor.
  • Barbara Vinken, Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Universität München.
  • Marc Wagenbach (Dr. phil.), von 2009 bis 2013 wissenschaftlicher Leiter der Pina Bausch Foundation. Er promovierte im Bereich Medienwissenschaft und Ästhetik über das ästhetische Erleben zwischen Kunst und Lifestyle an der Universität Köln.
von links oben nach rechts unten: Bazon Brock | Lars Distelhorst | Alexander Grau | Ernst-D. Lantermann | Ernst Mohr | Matthias Stolz | Barbara Vinken | Marc Wagenbach

Herr Professor Lantermann, bevor wir uns dem Unbehagen am Lifestyle zuwenden: Was meint eigentlich der Begriff Lebensstil?

Lebensstile sind gruppenspezifische Formen der Lebensführung und -deutung. Es sind typische Muster der Organisation des Alltags, der Identitätsbildung, der Sinngebung, der Kommunikation und der Stilisierung des Selbst. [Sie] verknüpfen soziale Ungleichheiten mit kulturellen und ethischen Dimensionen, [und] sind Produkte individueller Wahl unter gesellschaftlichen Randbedingungen. [Quelle]
Das heißt, mein Lebensstil ist Ausdruck meiner ästhetischen Vorlieben, meiner Werthaltungen, Konsum- und Freizeitgewohnheiten. Und zugleich Erkennungs- bzw. Abgrenzungsmerkmal gegenüber anderen Lebensstilen. Richtig?
Genau. Um es mit den Worten des Soziologen Axel Honnett zu sagen: ‚Die Subjekte in den entwickelten und reichen Ländern des Westens [beziehen] sich auf ihren Alltag nicht mehr zweckorientiert, sondern ästhetisch. […] Sie [stilisieren] ihre Lebensvollzüge in den unterschiedlichsten Formen und [erkennen] sich wechselseitig auch an solchen Stilmerkmalen.‘ [Quelle]

Herr Dr. Distelhorst, in Ihrem Buch ‚Lifestyle Toujours‚ (2008) setzen Sie sich kritisch-polemisch mit unserer westlichen Lebensführung auseinander. Ihre These ist, dass der Lifestyle den Lebensstil heute ersetzt hat. Was unterscheidet denn Lifestyle vom Lebensstil?
Von einer intensiven Selbstsorge geprägt sind beide Begriffe, doch zielt der Stil auf die Haltung sich selbst und der Welt gegenüber ab, während stylisch vor allem eine Bekundung des Up-to-Date-Seins ist, die Verkörperung des Zeitgeistes und die individuelle Positionierung in einer Moderne, als deren kunstvoll modellierte Abschattung sich der stylische Mensch begreift. [Quelle]
Stil bezieht sich demnach also auf eine innere Haltung, während Style allein auf die äußere Wirkung zielt?
Richtig. Wo sich der Stilvolle in seiner Selbstsorge nach innen wendet, richtet sich der Stylische nach außen und äugt auf den Effekt, den er dort erzielt. [Quelle]
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Wie sehen Sie das, Herr Professor Brock?
Stil haben heißt […], eine Prätention und eine Intention zu haben, eine Haltung ostentativ zu bekunden, ein Bekenntnis in aller Öffentlichkeit abzugeben. [Quelle]

Das heißt, sowohl Stil als auch Style zielen auf die Außenwirkung. Worin aber unterscheiden sich die beiden Begriffe in ihrer ‚Effekthascherei‘? Herr Grau, wie sehen Sie das?
Stil ist das Gegenteil von Styling. Stil ist, das zeigt kaum ein Beispiel so schön wie Jaqueline Kennedy, die Fähigkeit, aus dem permanenten Modezirkus das herauszugreifen, was eben nicht modisch ist, sondern über den Tag hinaus bestand hat – oder haben könnte. Wenn man sich durch die Aufnahmen Jaqueline Kennedys über mehrere Jahrzehnte und Modewellen hinweg durcharbeitet, fällt immer wieder auf, wie einfach sie letztlich gekleidet war: Eine Grundidee, ein paar Basics, schlichte prägnante Farben, kaum Schmuck, fertig. [Quelle: Cicero]

Stil setzt im Unterschied zu Style also eine Unterscheidungsfähigkeit (für das Beständige) und eine gewisse Widerständigkeit (gegenüber kurzlebigen Trends und Moden) voraus. Diese Fähigkeit wird als Geschmack bezeichnet. Frau Professor Vinken, wie verhalten sich Geschmack und Stil zueinander?
Stil ist eine Unterkategorie von Geschmack. Ohne Geschmack kein Stil. Guter Geschmack hat etwas mit Höflichkeit zu tun, mit meinem Verhältnis zum anderen. Will ich ihn in maßlose Bewunderung ob meiner finanziellen Verhältnisse versetzen, ihn verletzen, ihn als impotent in den Schatten stellen? Negiere ich den Blick des anderen? Das gilt nicht als guter Geschmack. Oder möchte ich mich zu ihm in ein Verhältnis setzen? Ihn amüsieren, ihn reizen, ihn auf Distanz halten? Dem anderen Raum geben – das ist guter Geschmack.
Die Punks hatten einen irre guten Geschmack. Sie wussten genau, was sie taten und gegen wen. Das war alles in sich stimmig, keineswegs pragmatisch motiviert, sondern rein ästhetisch. Es geht beim Geschmack auch immer darum, einen Unterschied zu machen, prägnant zu sein, gekonnt gegen etwas zu rebellieren. [Quelle]
Herr Professor Mohr, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Zusammenhang von Geschmack und Wirtschaft. Welche Funktion hat der Geschmack Ihrer Meinung nach?
[Der Geschmack] verhindert die willkürliche Kombination von Dingen und Verhaltensweisen, mit denen wir uns umgeben und die wir annehmen könnten. … Er sorgt dafür, dass wir Kombinationen wählen, mit denen wir und andere uns einer Gruppe zuordnen und unsere Individualität darin erkennen können. … Er sorgt dafür, dass unsere Kombinationen gelesen, verstanden und nicht als beliebig abgetan werden. Der Geschmack bringt diese Ordnung in unser Leben. [Quelle]
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Professor Brock, sehen Sie weit mehr im Geschmack als die Fähigkeit gekonnt zu kombinieren und Ordnungen herzustellen.
Wir sind vor allem anderen Distinktionisten; wir müssen unterscheiden, damit uns die Phänomene unserer Wahrnehmungswelt als bedeutsam erscheinen können. Stile sind […] Systeme der Differenzierung, weil mit diesem Unterscheiden Bedeutungen konstituiert werden. Stile prospektiv zu entwickeln oder retrospektiv herauszuarbeiten ist unvermeidlich. Stile sind nicht vermeidbar. Gerade deswegen kommt dem Geschmack als Kraft der Relativierung eine derartige Bedeutung zu. Geschmack begegnet der Gefahr des Konformismus. […] Stil erzeugt immer Konformismus, und Geschmack relativiert den Stil und den Konformitätsdruck. [Quelle
Geschmack ist demzufolge das Vermögen, die Dinge nach ästhetischen Kriterien zu beurteilen und dazu eine Haltung zu entwickeln. Das ‚riecht‘ nach Bildung, Herr Professor Brock?
Das Grundlegende des Geschmacks bleibt immer das Gleiche. Geschmack hat, wer unterscheidungsfähig ist. Die Kriterien der Unterscheidung, die so wichtig sind, muss ich trainieren. Beispiel: Dieses eine Design von einem Stuhl von einem Stuhl von einem anderen Design, von einem dritten Design unterscheiden und wenn ich das kann, habe ich Geschmack. … Der gute Geschmack ist derjenige Geschmack, der sich auf viele Unterscheidungskriterien berufen kann und nicht nur auf eines. Wenn ich also eine ganze Latte von Kriterien habe, dann habe ich einen besseren, leistungsfähigeren Geschmack, als wenn ich nur ein oder zwei Kriterien habe z.B: ‚Dat gefällt mir.‘ Das ist natürlich ein Kriterium, aber das sagt nicht viel. [Quelle]

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Ist denn der ‚leistungsfähige Geschmack‘ heute noch ein Mittel gegen Konformismus, Herr Dr. Wagenbach?
Lifestyle [stellt] eine affirmative Strategie eines spätkapitalistischen globalen Marktes dar. Er ist zum Habitus eines unternehmerischen Selbst geworden, zu dem zentralen Aspekt unserer Konsumgesellschaft anders zu sein [und] zu einer integralen Selbsttechnik unserer Zeit, zu einem Modus der Aneignung von Symbolen und Praktiken, die uns berechtigen am gesellschaftlichen Spiel teilzunehmen. Hierfür muss sich jeder einen entsprechenden Lifestyle zulegen, eine spezifische Praxis der Inszenierung, um anders zu sein. [Quelle]
Aber das Anderssein-Wollen ist ja keine neue Erscheinung, sondern prägt das Bürgertum seit Anbeginn. Was unterscheidet das Anderssein-Wollen heute vom Anderssein-Wollen früherer Zeiten, Herr Stolz? 
Das wohlhabende Bürgertum […] hat sich schon immer im Geschmack von den nicht ganz so Wohlhabenden zu unterscheiden versucht. Es schätzte jenen Maler, diesen Komponisten, diesen Schriftsteller. Kennerschaft im Konsum war vor ein paar Jahrzehnten vor allem beim Wein oder bei Zigarren gefragt. […] In den vorigen zehn Jahren hat sich die Kennerschaft auf Käse, Olivenöl, Espressobohnen und fast alles Essbare ausgeweitet. Inzwischen gilt es, auch in Zahnpasta- und Waschmittelfragen Kennerschaft zu beweisen und noch viel mehr bei allem, was dauerhaft in der Wohnung gebraucht wird. […] Es genügt keinesfalls mehr, in ein Kaufhaus zu gehen […], um eine Auflaufform zu kaufen, weil man eine Auflaufform braucht. … Es geht nicht um die Suche nach dem Richtigen, sondern nach dem Besonderen. … Man kuratiert seinen Besitzstand. [Quelle]
Aber das hieße doch, dass dem Lifestyle sehr wohl einen ausgeprägter Geschmackssinn zugrunde liegt?
Wir leben in der Zeit der Geschmacksbürger. Ein Begriff übrigens, den vor sieben Jahren Ulf Poschardt, damals Chefredakteur der deutschen Vanity Fair, benutzt hat, um den in Stilkunde geschulten Bürger herbeizuwünschen. In der Zeitschrift Merkur beschrieb er, was seinem geschulten Auge alles wehtut: […]. Der Artikel ist eine lange Schmähliste. Inzwischen tauchen einige dieser Utensilien längst nicht mehr nur in der Unterschicht auf, sondern auch hier und da, wo sich Geschmack und Kennerschaft zum Getränk versammeln: Rucksäcke verkauft auch der Voo Store, und die Firma Levi’s bot im Sommer einen Jeans-Smoking an […] für 1.500 Euro, in einer begrenzten Auflage von 200 Stück. Aber darauf, dass ‚guter Geschmack‘ eine ziemlich willkürliche Sache ist, kommt kaum ein Geschmacksbürger.
Herr Tissi, Sie haben als Design-Galerist die Klassiker der 50er-Jahre populär gemacht. Jetzt können Sie sie nicht mehr sehen, weil Sie sie überall sehen. Was sagt das massenhafte Aufkommen von Eames-Stühlen über die ästhetische Verfassung unserer Gesellschaft?
Vintage bedeutet heute die Angst vor dem eigenen Geschmack, davor herauszufinden, was man selber gut findet. Das neue Bürgertum hat in Vintage das Vokabular gefunden, um seine Orientierungslosigkeit zu kaschieren. Das alles ist inzwischen so abgesichert, dass man die Angst vor dem eigenen Geschmack durch den Kauf von Eames-Möbeln abgenommen bekommt. Das bedeutet nichts anderes als die Angst vor der Weiterführung der Moderne, das Einfrieren eines Prozesses. – Ich will vor allem eins: an die Haltung von damals anknüpfen, nicht an die Formensprache. [Quelle]

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An dieser Stelle bedanke ich bei meinen fiktiven Gästen für das inspirierende Gespräch, das ich abschließend zusammenzufassen versuche.
Lifestyle ist – wenn ich Sie richtig verstanden habe – eine auf Konsum basierende Lebensführung, die – ganz gleich ob sie diesen ablehnt oder frönt – auf das Anderssein um des Andersseins willen zielt. Dabei erheben seine Protagonist/innen ihre Lebensweise gerne zum Maßstab des guten Geschmacks bzw. des besseren Lebens und „vergessen“, dass auch ihre Lebensweise gesellschaftlich bedingt, also ein „Produkt individueller Wahl unter gesellschaftlichen Randbedingungen ist“ (Lantermann).

Darin schwingt eine gewisse Arroganz und Ignoranz mit, was schon für sich genommen ein Grund für ein Unbehagen am Lifestyle wäre. Umso mehr noch, wenn – wie einige von Ihnen meinen – in unserer westlichen Welt keine anderen Formen der Lebensführung mehr existierten. Aber: Ist das wirklich so? Prägen unsere heutige Gesellschaft ausschließlich (Life-)Styles und kein (Lebens-)Stile mehr? Und wenn dem tatsächlich so wäre: Gibt es nicht vielleicht auch einen Lebensstil im Lifestyle? 
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