»Kunst macht Komplexität sicht- und vorstellbar« – Ein Gespräch mit Peter Winkels

Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet Peter Winkels als Kulturmanager und Coach in den Grenzbereichen zwischen Kunst, Wirtschaft und Bildung. Dort kuriert er Kunstprojekte und Festivals und berät Kulturinstitutionen und Schulen. Im heutigen Montagsinterview erzählt vielstudierte* Querdenker von seinem jüngsten Projekt: Transformation/Reformation.

Wie kam es dazu? Wie wurde es angenommen? Was waren die größten Herausforderungen und was macht die Arbeit von Künstler*innen – im Unterschied zu Journalismus, Wissenschaft oder Politik – aus? Um diese und andere Fragen dreht sich unser Gespräch, für das ich mich herzlich bedanke, lieber Peter, und mit dem ich allen einen inspirierten Start in die neue Woche wünsche.

*Katholische Theologie, Geschichte, Nordamerikastudien, Philosophie und Pädagogik

Transformation/Reformation - Art for Social Change

Wer steckt dem Projekt?

Anfang 2016 erschien Hanns Lessing im Atelier seines Freundes Jörg Reckhenrichs. Hanns ist Organisator der Weltgemeinschaft der reformierten Kirchen (internationale Abk. WCRC). Er erzählte, dass der WCRC im Sommer 2017 in Leipzig einen großen internationalen Kongress abhalten würde. Und er fragte Jörg und mich, ob wir nicht Lust hätten, diesen Kongress mit einem Kunstprojekt zu begleiten.

Nun bin ich schon skeptisch, wenn es um die Verbindung von Kunst und Politik geht, aber Kunst und Kirche, das war mir doch ein bisschen zu viel – obwohl ich mich sehr darauf gefreut hätte, mit Jörg gemeinsam eine Ausstellung zu kuratieren. Ich äußerte meine Bedenken.

Zu meinem Erstaunen war Hanns sehr schnell dabei, uns völlige Unabhängigkeit bei Konzept und Auswahl der Künstler*innen zu sichern. Darüber hinaus bot er an, sich um die Geldbeschaffung zu kümmern {interessanterweise konnten auch die reformierten Kirchen von den bereitgestellten Mitteln zum Luther- Jubiläum profitieren – wenn das Calvin wüsste.}

Jörg und ich überlegten: 1.000 Delegierte würden sich in Leipzig treffen, um gemeinsam über ihre Glaubenspositionen im 21. Jahrhundert zu beraten. Und das über kulturelle, politische, ethnische und soziale Verschiedenheiten hinweg. Wir würden nun unsererseits Leipziger und internationale Künstler*innen gemeinsam in einem Projekt über 14 Tage arbeiten lassen. Und am Ende würden wir eine Begegnung zwischen beiden Gruppen inszenieren. Thematisch war der Rahmen mit den Begriffen Transformation und Reformation so weit wie möglich gesteckt. Unsere Fragen waren:

Wie arbeiten Künstler*innen aus verschiedenen Kulturen und Genres miteinander? Welche Energien setzt das frei? Wie reagieren Menschen in Leipzig auf das Angebot, mit Künstler*innen zusammenzuarbeiten? Welche Rolle spielen die beiden »Mega«-Begriffe »Transformation und Reformation« im Leben der Menschen?

Ursprünglich hatten wir vor, dass sie ein Leipziger mit je einer/einem internationalen Künstler*in in einer Art Tandem mit Leipziger Bürgerinnen und Bürgern arbeiten sollte. Im Laufe der Projektvorbereitung fanden wir die Tandem-Idee zu gewollt und entschlossen, den Prozess der Zusammenarbeit offener zu halten.

Hanns Lessing hat es tatsächlich geschafft, Geld von der Bundeskulturstiftung und die Unterstützung der Stadt Leipzig zu verschaffen. Darüber hinaus setzte er beim WCRC durch, dass wir völlig freie Hand bei der Auswahl der Künstler*innen hatten.

Im Rahmen des Projekts erarbeiteten 10 Künstler*innen in 14 Tage, wie Veränderungen in einer Stadt auf deren Bewohner*innen wirken. Welche Antworten haben sie gefunden?

Am Ende kamen wir sogar auf elf Künstler und Künstlerinnen: Eine hatte ein Praktikum angefragtund schließlich an gleich zwei Projekten mitgearbeitet.

Unterstützt von Katharina Wessel, die selbst als Künstlerin und Kunstvermittlerin in Leipzig arbeitet, haben wir für das Projekt gezielt nach Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft gesucht:

  • ein Mieterprojekt in der Leipziger Südvorstadt, wo Spekulant*innen mit recht brachialen Methoden versuchen, Wohnblöcke aus der Vorkriegszeit zu räumen,
  • ein offener Treff für Menschen mit Behinderungen im Westen der Stadt,
  • ein Jugendtreff an der Eisenbahnstraße, von der Medienfolklore als »gefährlichste Straße« Deutschlands mystifiziert,
  • ein Seniorentreff usw.

Sicher waren die Transformationsprozesse bei den Mieter*innen in der Kantstraße besonders spürbar: negativ als unmittelbare Bedrohung des Wohnrechts, positiv in dem solidarischen Zusammenschluss der Bewohner*innen. Wir haben vor allem viele Menschen getroffen, die dabei sind, ihre Lebenswelten nach ihren Bedürfnissen umzugestalten. So gab es in dem offenen Treff zwei junge Männer im Rollstuhl, die sich mit »Leichter Sprache« beschäftigten und Texte sowie Video entsprechend übersetzten.

Insgesamt stellten die Künstler*innen fest, dass überall dort, wo Transformation oder Reformation stattfand, eine Offenheit gegenüber der Zusammenarbeit mit den Künstler*innen vorhanden war.

Natürlich gab es auch Künstler*innen, die die Begegnung mit diesen Menschen zwar als Anregung und Inspiration geschätzt haben, aber dann ihren eigenen Plan verfolgten.

Transformation/Reformation - Art for Social Change

Wie haben die Leipziger*innen die künstlerischen Antworten aufgenommen?

Die Zusammenarbeit und die Reaktionen der Communities waren durch die Bank positiv. Überall da, wo es technisch oder organisatorische irgendwie möglich war, wurden wir unterstützt. Vielen kamen dann auch zu dem leider verregneten Abschluss-Event an der Nikolaikirche.

Ich selbst musste dasselbe feststellen, was ich schon bei der Ausstellung in Wien gespürt habe: Gleiche Sprache heißt nicht gleiche Kultur, gleiche Mentalität, Arbeitsweisen oder Verhaltensweisen. Ich stand öfter vor verschlossenen Türen als gedacht. Da hab ich halt dazu lernen müssen. Und natürlich ist man in Berlin verwöhnt, was den selbstverständlichen Umgang mit Kunst in der Stadt und Künstler*innen nicht-deutscher Herkunft angeht. Ich will es so formulieren:

Es gab einen erhöhten Kommunikationsbedarf.

Transformation/Reformation - Art for Social Change

Welche Antworten kann Kunst geben, die andere Disziplinen wie Wissenschaft, Journalismus oder Politik nicht geben kann?

Spannende Frage: Ich würde mir zutrauen, eine Antwort zu geben wenn ich »Kunst« durch »Künstler*in« ersetzen darf.

Die Sprache der Künstler*innen lässt absichtsvoll Interpretationsspielräume und macht, wenns richtig gut läuft, Brüche in unserer Wahrnehmung von Gesellschaft sichtbar.

So wie in Leipzig Guy Woueté mit den Bewohner*innen der Kantstraße eine Demonstrationsperformance inszeniert hat, die er »DIE LETZTE DEMONSTRATION« nannte. Ein Hinweis darauf, dass Demonstrationen kein Veränderungspotential mehr haben. Ob er nach Hamburg immer noch so denkt? – Angelika Waniek und Daniel Theiler haben zum Beispiel die große Säule auf dem Nikolaiplatz in einer Performance niedergelegt und wieder hingestellt. Sehr interessant, wenn man sieht, wie die Massenbewegung von 1989 zu einem Touristenereignis erstarrt ist. Direkt gegenüber hat das Motel One seine Lounge mit Fototapeten von Demonstrationen ausgestattet. Allerhand.

Eine Künstlerin, deren Thema und vielleicht sogar Material die Gesellschaft, ihre Nachbarschaft oder eine bestimmte Gruppe von Menschen ist, wird sich mit ihren erlernten Mitteln diesem Thema nähern. Es gibt also eine Schnittstelle, die einen intensiveren Kontakt ermöglicht, als etwa das Interview der Journalist*innen, der Fragebogen der Wissenschaftler*innen oder die Versammlung der Politiker*innen.

Wenn es gut läuft, gibt es einen tieferen Einblick in die Lebensumstände aller Beteiligten und eine Ästhetik, die weniger an den objektiv zugänglichen Fakten {wie bei der/dem Wissenschaftler*in}, weniger an den Emotionen der Leser*innen {wie bei Journalist*innen} und auch nicht an  Zustimmung {wie im Falle der Politik} interessiert ist.

Transformation/Reformation - Art for Social Change

Worin liegt deines Erachtens die große Chance des »künstlerischen Forschens«?

Ich glaube heute liegt die Chance vor allem darin, Komplexität sichtbar und vorstellbar zu machen.

Diana Wesser und Juliane Meckert haben zum Beispiel ein »Kasino der Werte« eingerichtet. Als wir die Idee zu Beginn diskutierten, klang das Ganze klang für mich wie eine Versuchsanordnung von Spieltheoretiker*innen. Aber das Setting – eine kalte Neon-Passage in der Stadt, Bistro-Tische, grüne Stellwände, gezinkte Karten, Damen in feinem Kleid, eine Mischung aus illegalem Spielkasino und Parkhaus-Atmosphäre – brachte viel mehr über die Reaktionen von Menschen zu Tage als es ein Laborexperiment je könnte.

Die Schwierigkeit besteht in der Dokumentation und in der Vergleichbarkeit der Ergebnisse dieser Forschungen. Vielleicht lassen sich aus Methoden künstlerischen Forschens in Zukunft bessere Hypothesen für wissenschaftliches Forschen ableiten.

Kann Kunst – wie der Claim des Projekts »Art for Social Change« die »Welt« verändern?

Nein.

Transformation/Reformation - Art for Social Change

Die Ergebnisse des 14tägigen »Forschungsprojekts« wurden am 1. Juli präsentiert. Ist das Projekt damit abgeschlossen oder plant ihr eine Fortführung?

An unserem letzten Abend, noch nass vom Dauerregen auf dem Nikolaiplatz und entsprechend gefrustet, musste ich einen Toast aussprechen: Ich hab allen gedankt und den Künstler*innen gesagt, ich würde am liebsten gleich morgen das nächste Ding mit ihnen vorbereiten, aber ich sei nicht verrückt genug.

So ein Projekt ist ein ziemlicher Ritt, aufregend, intensiv und fordernd. Es geht ja nicht darum, fertige Kunstwerke in einer Galerie an die Wand zu bringen und auszuleuchten. Ich stehe immer im Energiefeld zwischen Künstler*innen mit ihren unterschiedlichen Anforderungen und Temperamenten, Behörden, Organisator*innen, Eventmanager*innen, Teammitgliedern, Kirchenleuten, Menschen die im Weg stehen, Presse, Nachbar*innen, Anwohner*innen usw. – Auf alle muss ich unterschiedlich im Sinne des Projekts reagieren und muss vor allem für die Künstlerinnen und Künstler eine Vertrauensperson sein. Schließlich tragen die das größte Risiko.

Wie ich eingangs schon gesagt habe: Jetzt ist die Party vorbei, der Kater da und dann werden wir sehen. Das Thema interessiert mich ohnehin, wie ich ich dran bleibe, weiß ich noch nicht.

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