Tag

In eigener Sache

Ende letzten Jahres, genau genommen am 29. Dezember, formulierte Okka, die wie ich Fragen und Listen mag, 16 Fragen an 2016. Sie gefielen mir und ich wollte sie eigentlich noch vor dem Jahreswechsel beantworten… eigentlich. Nun liegt das alte Jahr schon 27 Tage hinter uns. Aber wer weiß, vielleicht ist das genau die richtige Distanz, um mich meinem persönlichen 2016 anzunähern.

  1. Mit welchen Gefühlen gehst du aus diesem Jahr? Am lautesten war die Angst. Ein Gefühl, das mir durchaus bekannt ist. Doch in dieser Gestalt bin ich ihr sehr lange nicht mehr begegnet. Beim letzten Mal war ich das kleine Mädchen, das mit Anlauf aufs Bett sprang, damit die Monster, die es darunter wähnte, nicht nach ihr greifen und sie ins Dunkel ziehen mögen.
  2. Was an dir hat dich überrascht? Dass ich als erwachsene Frau die Angst des fünfjährigen Kindes fühle. Das ist schon frappierend und irgendwie beschämend… {kann das jemand verstehen?}. – Meine »kindische Taktik« ging im Übrigen auf: Die Monster kriegten mich nicht zu fassen und verschwanden wenig später auf immer. Darauf setze ich heute auch, wenngleich der »Sprung über die Gefahrenkante« anders aussieht {siehe Frage 13}.
  3. Welcher Wunsch ist in Erfüllung gegangen? Nach einem rast- und atemlosen 2015 wollte und musste ich in 2016 die Prioritäten verschieben und habe den Job gewechselt. Das hat mich einigen Mut gekostet: nicht weil ich mich neuen »Challenges« stellen musste, sondern im Gegenteil weil es ein Wechsel in die »Komfortzone« war – und somit ein Bruch mit {m}einen überkommenden Karrieremodell. Seither habe ich wieder Kapazitäten für Familie, Freunde und andere Freuden.
  4. Welcher Ort hat dir besonders gut getan? Anfang 2016, wenige Wochen vor meinem beruflichen Neustart, war ich ein paar Tage auf Usedom. Es war kalt und grau und leer und ich war ganz allein in dieser großen Wohnung – eigentlich hätte ich mich verloren fühlen müssen. Das Gegenteil war der Fall.
  5. Worin bist du besser gut geworden? Im »Is‘-mir-doch-egal-ob-man-mich-mag-oder-nicht«.
  6. Worin bist noch nicht so gut, wie du es gerne wärst? Im Handstand.
  7. Was war neu in deinem Leben? Es ist mir gelungen, mich von einem überspannten Leistungs- und Karriereprinzip zu emanzipieren. Das fühlt sich noch immer neu an – und richtig.
  8. Welche Momente wirst du dir aufbewahren? Mi.’s 23. Geburtstag, an dem die Dinge laufen lernten. Den langen Spaziergang am Achterwasser entlang bis zu Otto Niemeyer-Holsteins Haus als die Zeit mit mir gleich schritt. Der gemeinsame Tag mit Rike in Leipzig – eine so zärtliche Begegnung. Das Staunen nach meinen ersten neuen Arbeitstagen: Wie viel {Gestaltungs-}Freiheit ist möglich! Die Begegnung zwischen dem alten Mann und dem Mädchen. Die Mutter-Tochter-Tage in Schwerin und unser Picknick auf der Seebrücke. Der Turmurlaub mit den beiden Mädchen, deren Freundschaft so unmittelbar und frei und schön ist, das es beinah wehtut. Die Begegnung mit Moni und meine Sprachlosigkeit im Angesicht ihrer Dämonen. Das Glück, das es bedeutet, gut und gerne miteinander zu arbeiten. Die erschütternde Konfrontation mit dem Ende der Zivilisation. Die so kurze wie intensive Reise nach Russland, die immer noch nachhallt in mir. Der Abend mit Stephanie und mein Staunen darüber, wie unterschiedlich wir ihn bei aller Ähnlichkeit wahrnahmen. Die Feier zum archiv/e Magazin 02 und das Gespräch über die verkannte Kreativität des Ingenieurs. Den goldenen Nebel. Der Abend, an dem ich erstmals in der Rolle der »Gattin« auftrat {das ist nicht meine}. Der Schock am Morgen des 8. Novembers, den ich lieber gestern als heute vergessen würde und die Panik, die mich erfasste. Die glückliche Begegnung mit meinem Vater nach über 1 Jahr. Die Beweglichkeit meiner kleinen großartigen Tochter, die weit übers Physische hinausreicht. Das Erscheinen von Mareices Buch und die Freude darüber, meinen Namen darin zu lesen. Den späten Nachmittag als Ma. und ich den für uns schönsten Weihnachtsbaum kauften. Das faulste Weihnachten unter lauten lieben Leuten und der sorgenvollste Jahreswechsel meines Lebens.
  9. Musst du noch irgendwohin? Oder bist du schon da? Ist es sehr weit weg, wohin du musst? Was hindert dich am ersten Schritt? Für den Moment bin ich angekommen {siehe Frage 3}.
  10. Wonach hat das Jahr geschmeckt? Nach getrockneten Datteln und Ziegenkäse mit Feigen, nach Zimt und und starkem Kaffee, nach Amaranth und Marrakech.
  11. Wie geht’s deiner Angst? Seitdem sie wieder ihre normale Gestalt annehmen konnte, geht es ihr und auch mir wieder gut. – Und wenn sie sich wieder einmal so aufblasen sollte, halt ich es mit den Ruhrfestspielen und mache Purzelbäume.
  12. Was hat dich glücklich gemacht? Die vielen kleinen und großen Momente, die mich im alltäglichen Trott immer wieder gewahr werden lassen, wie schön das Leben ist/sein kann {siehe Frage 8}.
  13. Bist du politischer geworden? Oder der Politik überdrüssig? Oder ist das kein Widerspruch? In meinen Augen steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich indifferent sein könnte gegenüber der Frage, wie und auf welcher Wertebasis wir unser Gemeinwesen gestalten und regeln wollen. Ich wünsche mir für meine beiden Kinder ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit und ich kann nicht länger darauf vertrauen, dass »die Anderen« es schon richten werden. Ich selbst bin jetzt als diese/r »Andere« gefragt. Wie? Das weiß ich noch nicht sicher; ich bin noch auf der Suche nach einer für mich adäquaten Form {der Women’s March hat mir gefallen, den Ansatz der »Golden Conversation« finde ich schön; auch die Aktionen der Offenen Gesellschaft sprechen mich an}.
  14. Was würdest du gerne in 2016 lassen? Den 8. November 2016 und seine in meinen Augen katastrophalen Folgen.
  15. Was bleibt? Meine Ausgeglichenheit und die für mich so bisher ungekannte Ungewissheit, was Morgen sein wird.
  16. Worauf freust du dich in 2017? Auf ein Drei-Generationen-Treffen nach vielen Jahren, auf Paul Auster und Mareice Kaiser, auf die Ostsee und die Schweiz, auf die neue Reihe auf meinem Blog {Überraschung!}, auf gemeinsames Nach- und Weiterdenken, die neuen Vorhaben im Rahmen »meines« Projekts, auf die Zeit mit Mi. und Ma. und Mann, auf überraschend schöne Begegnungen und langgewünschte Wiedersehen.

Was für ein Jahr! Die Privatperson I. führte es in die »Komfortzone« und schmiss sie als {Welt-}Bürgerin wieder raus… – Na, schauen wir mal, wie’s weitergeht. Für heute sage ich »Tschüss« und verabschiede ich mich in kleine Winterpause. Habt es gut!

»Als Lida, die ältere Schwester meiner Mutter, starb, habe ich begriffen, was das Wort Geschichte bedeutet. {…} Das einzige, was ich von Tante Lida habe, ist ein Rezept für Kwas, einen erfrischenden Trank.

Zutaten:
Ein großes Salatbündel
Eine große Knoblauchknolle
Ein großer Strauß Dill

{Hier fehlt eine Zeile}
Du kochst das Wasser und lässt es auf Zimmertemperatur abkühlen.
Du wäscht den Salat, dann schneidest du Wurzel und Stengel ab, dann schneidest du alles klein und schälst den Knoblauch.
{…}
Den Dill sollst du waschen und schneiden.
Dann vermischt du alles und legst es in ein Dreiliterglas.«

Aus: »Vielleicht Esther« von Katja Petrowskaja, S. 32


 

Kraniche fotografiert von Hazel Rosenstrauch… und mit der Liste und den besten Wünschen verabschiede ich mich ins Wochenende.

GESEHEN: die Kraniche über Linum
GEHÖRT: Bremer/McCoy
GESCHMECKT: Slow Food im »Kleinen Haus«
GELESEN:»Vielleicht Esther« {erst begonnen, aber mit sofortiger Sogwirkung}
GEPLANT: Kwas zu kochen
GESUCHT: nach Literatur über das Reisen als Lebensform
GEFUNDEN: Ida Pfeifer, die als erste Frau allein um die Welt reiste und jede Menge Zitate
GEFRAGT: Brauche ich den
Coverboy wirklich? {Ich find ihn so schön.}
GEMOCHT: #jetztschreibenwir
GEMACHT: Tee im KleinMein getrunken
GEDACHT: Abwegig finde ich es nicht, dass Toleranz und Glücksempfinden korrelieren.
GESTAUNT: über die »Flüchtlingshelfer/innen in Zahlen«
GEWESEN: bei der DEULA Warendorf, wo Geflüchtete einen Weg in den Arbeitsmarkt finden
GEFREUT: auf den Advent {ich bin dieses Jahr genauso früh wie der Spekulatius im Supermarkt ;)}
GESCHMUNZELT: über dieses charmante »f*ck you«
GEKLICKT: Martin Schoeller, der obdachlose Menschen portraitiert.

Fensterbild: Ieva Jansone | Kranichfoto: Hazel Rosenstrauch

Als ich durch diese gottvergessene NPD-plakatierte Plattenbausiedlung ging, … als ich mit Sack und Pack und Kind und Kegel den liftfreien Bahnhof erklomm, … als mir die mütterliche Frustration wie schlechter Atem entgegenschlug, … als ich mit zwei fröhlichen Kindern im weißhäutigen Seniorenbad aufschlug, … als ich über die Transgender-Frau las, die in der CSU Fuß fassen will, … da wusste ich wieder, welch verdammtes Scheissglück ich habe.

In meiner Kindheit herrschte vielleicht die Depression, nie aber Resignation: Man glaubte an das Wunder der Bildung. Treppen sind für mich kein Hindernis, Sprachbarrieren eine Urlaubsbekanntschaft und taube Ohren eine Trotzreaktion. Die Mutterrolle war für mich nie eine Endstation. Meine Haut ist geografisch korrekt pigmentiert. Mit der Weiblichkeit konnt‘ ich mich arrangieren; in meinem Körper ein leidliches Zuhause finden. Ein Glückskind bin ich. Andere nicht. Das ist nicht fair. Drum möcht‘ ich die Schwelle zum Glück bis unter den Meeresspiegel senken – auf dass es alle Leben flute. #barrierefreiesglück

In diesem Sinne: ein glückliches Wochenende und die obligatorische Liste – heute mit einem kräftigen Schuss Moskau {als kleiner Vorgeschmack}.

Moskau auf dem Dach des Royal Raddisson


„Ein Kind kommt nicht für die Eltern zur Welt. Es ist nicht da, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Es darin zu unterstützen, ist unsere Aufgabe.“ Remo Largo

Nicht immer gelingt es mir, meine Erwartungen zurückzunehmen, meine Kinder beim Sein und Werden selbstlos zu unterstützen. Aber ich hoffe, es gelingt mir oft genug.

Foto: Junge mit Sonnenbrille (c) Ieva Jansone

Ma. wird 8. Wie und wo feiern wir ihren Geburtstag?
Dekoration von My Little Day | Tischbombe von kawoom

Der nächste – achte {sic!} – Kindergeburtstag steht an und damit die Fragen: Was schenken? Wie und wo feiern? Und vor allem: Wie übersteht man das Ganze gelassen und fröhlich? Erste Antworten habe ich hier mal gelistet. Doch ich bin noch längst nicht fertig – und dankbar für jeden Tipp!

Ieva Jansone, Indre Zetzsche

Vor einigen Wochen fragte Sindy {Mein gewisses Etwas}, ob ich ihr ein paar Fragen zum Sinn des {Näh-}Bloggens beantworten würde. Ich mochte. Denn so gerne ich Fragen stelle, so gerne beantworte ich sie – vor allem wenn sie mich ins Nachdenken bringen.

Danke, liebe Sindy, für Einladung zu deiner Sonntagsrunde und die schöne Einleitung. >>> Hier geht’s zum Interview.

Glaskugeln, Ieva Jansone, Zerbrechlichkeit, #HaltungZeigen, #DialogueOnEurope

Wie fragil unsere Welt ist, habe ich an Silvester erfahren als ein Balkon in Flammen und mein Zuhause auf dem Spiel stand. Damals ging es glimpflich aus: Der Brand wurde gelöscht, der Schaden beseitigt, die Kosten von der Versicherung übernommen. Ein kleines Weltenwanken. Mehr war es nicht. Sieben Monate später steht nicht nur meine kleine Welt, sondern ganz Europa oder gar die gesamte westliche Welt auf dem Spiel und mögliche Schäden sind weder versichert noch reparabel.

Die Bedrohung geht dieses Mal nicht von verirrten Raketen, sondern von „verirrten“ Menschen aus. Von Menschen, die sich nicht mehr auskennen in dieser Welt. Einer Welt, in der man nicht mehr „Neger“ sagen und sich dabei ein wenig überlegen fühlen kann, in der man seine Potenz nicht mehr ungebremst auf die Straße bringen kann, weil alles geschwindigkeitsbegrenzt ist, in der in jedem Mann eine Frau und in jeder Frau ein Mann stecken könnte, in der Karriere weiblicher, Familien bunter, Eltern gleichgeschlechtlich sind. Für sie sind all dies keine Errungenschaften, sondern Zumutungen, ist das kein Zugewinn an Freiheit und Menschlichkeit, sondern ein Verlust von Werten und Sicherheit. Sie fühlen sich wie ich in der Silvesternacht: bedroht.

Nicht jede/r reagiert auf Bedrohungen mit Panikstarre so wie ich. Typischer sind Flucht- und Kampfverhalten. Wohin das führt, zeigt Großbritannien auf tragische, die Überfälle auf Flüchtlingsheime und -busse auf barbarische Weise: in Nationalismus und Hass. Darum bin ich der Meinung, dass man die „Sorgen“ dieser Menschen ernst nehmen und ihnen helfen muss.

Ich denke dabei nicht an „Schutzprogramme für bedrohte Wertvorstellungen“. Die gibt es ja bereits in Form der AfD. Auch liegt es mir fern, an Symptomen herumzudoktern und Angstauslöser beseitigen zu wollen. Das wäre ein Fass ohne Boden und das Ende der westlichen Welt. Denn wenn es nicht mehr die fliehenden Menschen sind, wird „der Islam“ zum Trigger und wenn der nicht mehr triggert, dann sind es Homosexuelle oder Frauen oder Fahrradfahrer/innen. Ernst nehmen meint weder Gefälligkeiten nach falsch verstandenes Mitgefühl, sondern – wie Frank-Walter Steinmeier kürzlich sehr eindrücklich sagte: „Haltung zeigen“.

Was wir brauchen sind „Integrationsprogramme“, die dazu beitragen, dass diese Menschen (wieder) Orientierung und Sicherheit in der offenen Gesellschaft finden. Denn Europa bzw. die westliche Welt ist zwar – das steht außer Frage – mitnichten perfekt. Aber die beste Welt, die wir haben – mit dem höchsten Potenzial, eine gute Welt für alle und jede/n zu werden.

In diesem Sinne: ein gutes Wochenende!

20 Antworten auf Fragen, die mir niemand gestellt hat

3. Mai 2016
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BerlinerFreiheit

  1. Ich bin in der Südheide aufgewachsen, aber heimisch wurde ich dort nie.
  2. Mein Zuhause ist Berlin.
  3. Ich mag die Indifferenz der Großstadt, vielleicht weil es die Grundlage dafür ist, „Solidarität mit dem Fremden hinzubekommen, ohne dafür eine komplizierte kulturelle Form finden zu müssen.“  (Armin Nassehi)
  4. Die Schönheit der Mathematik habe ich auf dem zweiten Bildungsweg entdeckt („… und sie berühren sich im Unendlichen.“).
  5. Studiert habe ich zwei „Orchideenfächer“ – wohlwissend, dass man damit nichts werden kann.
  6. Geworden bin ich trotzdem was, worüber ich bis heute staunen kann.
  7. Ich bin gemessen am heutigen Durchschnittsalter sehr jung Mutter geworden: Mi. (*1993).
  8. Bis 2007 war ich überzeugt, dass ich Einzelkind-Mama bleibe. Dann kam Ma. (*2008).
  9. Jetzt bin ich Mutter von zwei wundervollen (Einzel-)Kindern und finde das ein großes Glück.
  10. Ich habe viele Muttermodelle ausprobieren können: Vollzeit-, Teilzeit- und Wochenendmutter, alleinerziehend und gemeinsam erziehend.
  11. Ich bewege mich gern und bin gern beweglich.
  12. Nur bei Eisregen wechsle ich vom Fahrrad zum ÖPNV.
  13. Autos finde ich eigentlich blöd.
  14. Uneigentlich fahre ich gern nachts allein über die Autobahn und höre dabei ganz laut Arvo Pärt.
  15. Wasser zieht mich magisch an.
  16. Das schönste Wasser führt die Aare (finde ich.)
  17. Mit 14 Jahren entdeckte ich Patti Smith und bin ihr bis heute treu geblieben.
  18. Jazzmusik ist wie Quellwasser auf sonnenheißer Haut.
  19. Ich finde es seltsam, sich selbst auf alten Bildern zu begegnen. Nähe und Distanz fallen so schamlos ineinander.
  20. Wenn ich mir’s aussuchen könnte, stünde in meinem Pass: „Weltbürgerin“.