KW 48 #AufDerSuche nach dem verlorenen Ort

Früher, also in jenem unbestimmten Damals und Ehedem, gab es – so gaukelt meine Erinnerung mir vor – Orte, an denen ich mich vergaß. Die Wohnung am Abend zum Beispiel, wenn Mi. eingeschlafen und ich nicht mehr gefragt war. Oder das Strandcafé am frühen Morgen, die Ferienwohnung am Hang, die Berge, der Wald, die fremde Stadt. Überall dort konnte ich mir selbst aus dem Blick geraten und mich im Hier und Jetzt verlieren. In diesen wohligen Zustand der Selbstvergessenheit finde ich heute nur noch im Kino, in der Regionalbahn oder an einem dieser „Milchkannen-Orte“ (was gleichwohl kein gutes Argument gegen den flächendeckenden G5-Ausbau wäre). Jenseits dieser netzfreien Zonen bin ich mir meiner selbst nahezu immer und überall bewusst, in meinem ganzen prekären Sein als von sozialen Beziehungen abhängigem und soziale Beziehungen gestaltendem Wesen.

Nicht dass es das früher nicht auch gab. Meine Jugend war eine einziges Seins-Prekariat: Wer bin ich? Was kann ich? Wer will ich? Wie wirke ich? Wie will ich wirken? Auf wen? Und so fort. Doch irgendwann war die Selbstbeschäftigung gottlob kein Vollzeitjob mehr. Die Frage nach Sein und Schein stellte sich nur noch situativ, wenn ich Neuland betrat und vor allem: unter Leuten. Als Neue in der Klasse oder Neuling an der Uni, im neuen Job, bei der ersten Begegnung, beim Ehemaligen-Treffen und so fort.

Dank Internet bin ich heute immer und überall unter Leuten, in der russischen Tundra genauso wie am schwarzen Meer, und die Sein-/Scheinfrage ist dauervirulent: „Wer online nicht gefunden wird, der existiert nicht! Pflegen Sie Ihre Kontakte, finden Sie neue und zeigen Sie allen, was Sie können. Wie präsentieren Sie sich im Netz erfolgreich?“* Manchmal bin ich diese netzgetriebene Egozentrik so leid, dass ich mein virtuelles Leben am liebsten beenden möchte. Doch der Rückzug ins Analoge ist nicht nur mit hohen Kosten verbunden (Stichwort: Lock-in-Effekt), sondern so gut wie unmöglich. Analog und digital sind längst keine getrennten Sphären mehr. Was dann?

Liegt die Antwort im digitalen Außenseitertum? Auf einer digitalen Insel wie Mastodon, Telegram, Diaspora bzw. in einer digitalen Subkultur? Oder ist ein gutes, von einer „Ethik des Zuhörens und dem Mut zur Dissonanz“ getragenes Miteinander auch auf Instagram, Twitter & Co möglich? Ich weiß es (noch) nicht. Trotzdem oder gerade deshalb: ein selbstvergessenes Wochenende und schönen 1. Advent!


  1. GESEHEN: GERMANIA
  2. GEHÖRT: Mareice Kaisers Podcast WAS MACHT MACHT
  3. GELESEN: Nichtrechthabenwollen und Das neue Spiel
  4. GEWESEN: im Museum für Kommunikation Frankfurt, um mit tollen Leuten über Alternativen zu Facebook & Co zu diskutieren.
  5. GEDACHT: Mal ist Mehrsprachigkeit ein Wettbewerbsvorteil, mal ein Integrationshemmnis… absurd.
  6. GEMACHT: Mailänderli
  7. GEMOCHT: Jeremy Rifkins neues digitales Wirtschaftsmodell, das die Welt verbessern und einen Klimaschock verhindern soll (soviel Optimismus tut irgendwie gut, wenngleich ich ihn nicht teilen kann)
  8. GESUCHT: Behörden-Informationen und Dokumente → geht doch dank https://fragdenstaat.de 
  9. GEFUNDEN: den alternativen Bildungskanon
  10. GELERNT: dass ein gewisses Unbehagen am Gefühl durchaus berechtigt ist. 
  11. GEFREUT: auf die Lektüre von Alan Moores Buch über Schönheit
  12. GEFRAGT: Was ist Posthumanismus? Und: Sind wir alle Narzissten?
  13. GESPANNT: auf die Arbeit von otherwise, dem neuen Netzwerk zum technologischen Wandel
  14. GESTAUNT: Fast jede*r Dritte zwischen 14 und 24 Jahren fürchtet, „internetsüchtig“ zu sein und nimmt die eigene Internetnutzung also als problematisch wahr. Quelle: DIVSI U25-Studie
  15. GEPLANT: einen Besuch im begehbares Radioarchiv und Bühne des Hör-Wissens
  16. GEKLICKT: Liquid Democracy

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