Staunen. Oder: Auf ein Neues!

2018 geht zu Ende und Hurra, wir leben noch. Das gleichnamige Buch stand mit der Deckel zum Zimmer, und wenn ich auf dem Sofa saß, was ich des Fernsehers wegen gerne tat, starrte es mich mit seinen bunten Lettern an. Trivialliteratur. Gleich daneben Konsalik, Lenz und Sudermann und jede Menge Micky Mouse. Nach Größen sortiert. Davor ich, das Kind mit dem kurzen Haar, das sich mit Pippi, Zora oder der Märchenbraut in eine andere Welt träumte, die außer „weit, weit weg“ noch gänzlich unbestimmt war.

Mein heutiges Sofa trennen dreieinhalb Stunden Auto- bzw. drei Stunden Bahnfahrt vom Sofa meiner Kindheit. Das ist nicht „weit, weit weg“ und doch Welten entfernt.

Man lebte in der Nähe der Scheiße. Und machte Witze darüber.

Annie Ernaux: Die Jahre, Berlin 2018, S. 39
Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich
Lando Jansone

Wenn ich mir die Strecke zwischen Damals und Heute vergegenwärtige, überkommt mich ein Staunen. Man hat mir viele Zukünfte geweissagt, mitunter auch keine, aber die, die es wurde, nie.

Es ist eine Gegenwart, für die ich dankbar bin, ohne recht zu wissen, wem der Dank gebührt.

Dem lieben Gott, an den ich nicht glaube,

meinen Eltern, die mir, bei allem Murx, den sie machten, doch eine Menge Nützliches mitgegeben haben, allem voran Möglichkeitssinn,

all jenen Menschen, die an mich glaubten, wenn ich es am wenigsten tat: E., die meine pubertären Ausschweifungen ins rechte Licht rückte („Ist doch alles halb so wild.“), Herr F. und Frau H., denen es gelang, meine Grundfeste zu erschüttern („Ich kann kein Mathe“ bzw. „Ich gehöre nicht dazu.“), H. und H., die hinter der Schüchternheit den wachen Geist erkannten, Frau W. und Frau M., die mich lehrten den Schmerz zu verstehen,

dem kurzhaarigen Kind, das mir ein ums andere Mal half, mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen?

Ich weiß es nicht.

Zughrughascheni Kirche Bolnissi Georgien

Blicke ich über meinen goldverzierten Tellerrand, tut sich dichter Nebel auf. Die Zukunft schien mir immer schon ungewiss, doch derzeit find ich sie monströs.

Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.

Antonio Gramsci

Und wenn die Furcht mich überfällt (was sie dann und wann tut), wünschte ich, ich könnte über die historische Unschärfe springen, wie das kurzhaarige Kind über die Lücke unter dem Bett, wo es die Monster wähnte: mit Anlauf und Karacho. Obenauf kuschelte es sich in die Kissen, streichelte das pelzige Hasenwesen, das die Mutter ihm genäht hatte, und träumte sich weit, weit weg.


In diesem Sinne: einen gelungenen Start in ein gutes und friedliches neues Jahr.

2 Comments

  • 3 Monaten ago

    Ja so soll es werden – gelungen und in einer friedlichen Welt.
    Alles Gute und beste Grüsse … und wir gehen nächstes Jahr mal wieder nach Schwedenrot 🙂

    • M i MA
      3 Monaten ago

      Dann freu ich mich auf ein Gedicht bzw. auf dein in einen Vers gefasstes Erleben.

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