Das Haus meiner Träume {ein verkappter Spendenaufruf}

»Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.« Elias Canetti

Seit vielen Jahren träume ich einen Traum; er ist immer gleich und ich bin immer gleichermaßen erschüttert. Zuerst sehe ich mich, wie ich an einem Herd stehe in einem offenen Raum. In seiner Mitte steht ein Holztisch mit Stühlen. Offenes Gebälk. Ich koche Essen für meine Kinder, die mit gedämpften Stimmen verhalten hinter meinem Rücken spielen. Ein Junge und ein Mädchen, vielleicht sieben und zwei Jahre. Angstvoll blicke ich mich nach ihnen um. Wieder und wieder. Und während sich mein träumendes Ich noch fragt, woher die Angst rührt, erkenne ich den Grund auch schon: Wind pfeift durch die Risse im maroden Mauerwerk und durch die zersprungenen Fenster. Durch die Decke tropft der Regen und fällt pochend in ein Meer aus Schüsseln, Schalen und Eimer. »Wo ist das?«, fragt sich mein träumendes Ich und hört mein Traum-Ich leise wimmern: »Ich kann sie nicht beschützen.« Dann zoomt der Blick hinaus. Von Ferne sehe ich eine Mietskaserne halbverfallen auf einer großen schlammigen Brache. Im Hintergrund Brandmauern. Das Haus könnte jeden Moment einstürzen.

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Ich danke ubx.tz, dass ich ein paar seiner großartigen Bilder hier zeigen darf. Bald gibt es mehr davon zu sehen.

An dieser Stelle wache ich jedes Mal auf und brauche lange, um zurückfinden in meine Wirklichkeit, in der meine Kinder und ich unversehrt und sicher in unseren Bett liegen.

Was immer dieser Traum bedeuten mag, er macht mir ein ums andere Mal bewusst, welch großes Glück es ist, nicht nur ein heiles Dach über dem Kopf, sondern ein sicheres, geborgenes Heim zu haben. Viel zu viele haben dieses Glück nicht. Ich möchte es vom Himmel regnen lassen, so kräftig und stark, dass es jede noch so kleine Nische, noch so versteckte Ecke flutet. Stattdessen gebe ich mal mehr mal weniger großzügig Kleingeld an die vielen, vielen Menschen in der U-Bahn, auf der Straße, am Rand. Und einmal im Jahr – immerhin – überweise ich ein großes Geld an die Obdachlosen- und Kältehilfe.

»Mein Rating ist sozusagen auf Ramschniveau. Es hat sein Gutes: Keiner kann mich mehr herabstufen. Unter mir kommt nichts mehr, nur ein letzter Abgrund.« aus: Berliner Winterreise

Wenn ihr die Obdachlosen- und Kältehilfe auch unterstützen möchtet, gibt es eine Reihe guter Organisationen. Unter anderem: die  Bahnhofsmission und HeilsarmeeOff Road Kids, Die Brücke e.V., Gemeinsam gegen Kälte oder das Deutsche Rote Kreuz

PS: Ein interessantes Feature über Alpträume gibt es auf Deutschlandfunk.

ubx.tz ubx tezet

Vor mehr als fünf Jahren habe ich meinen Alptraum einmal versucht, in Versform zu fassen:

das haus ihrer träume

das haus ihrer träume.
es sucht sie heim – nachts,
wenn sie sich nicht wehren kann.
verletzt, versehrt und obdachlos.

sie sieht ihre kinder
wie sie vor mürben mauern spielen.
nichts ahnend.
weil die welt ihnen noch
der ort der großen erzählungen ist.
weil die eltern ihnen noch
die großen erzähler sind.

angst. fiebrig-flirrende angst.
wird sie sie halten,
beschützen und behüten können?
der fall ist tief von dort oben, unter dem dach,
das keinen schutz zu geben vermag.

unaufhörlich fallen leise pochend regentropfen in die schalen,
die sie aufgestellt hat am boden.
die überlaufen und rinnsale bilden,
die zu bächen werden,
die zu flüssen anwachsen,
die zu reißenden, kreischenden,
donnernden strömen anschwellen…

aus der traum.

sie kehrt
mit jedem atemzug
ein stück zurück
in die wirklichkeit.

ergreift,
noch schlaftrunken,
das hier und jetzt.
bekommt die welt
wieder in den griff.

aus: morgen schneit es | M i MA 2010ubx.tz ubx tezet

2 Comments

  • 1 Jahr ago

    Liebe Indre, das ist ein total schöner Beitrag, tief und persönlich. Dieser Traum nährt die Stärke Deiner Seele. Um im Unglück nicht schutzlos zu sein.. so oder so ähnlich stehts im Desiderata 😉

    • M i MA
      1 Jahr ago

      Danke, liebe Anna!

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