Die Schönheit der Mathematik kann jede/r entdecken

Interview mit Martin Wyrwich (Zaubermathe)

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Nach sechs Jahren Arbeitswelt hat mein Sohn Mi. (23 Jahre) beschlossen, sich noch einmal auf das Abenteuer Bildung einzulassen. Ein guter Entschluss, finde ich, und eigentlich fand er das auch – bis er einen Blick in sein künftiges Mathebuch warf: Nichts habe er verstanden. REIN. GAR. NICHTS. Die Kluft schien ihm so groß, dass er ernsthaft zu zweifeln begann. Da fiel mir Martin Wyrwich ein.

Martin unterrichtet Mathematik an der Evangelischen Schule Berlin, die als „Schule im Aufbruch“ neue Wege des Lehrens und Lernens geht und gründet gerade das Zaubermathe-Institut. Vier Stunden hat er mit Mi. verbracht. Das Ergebnis lautet: „Hat voll Spaß gemacht. Ich hab mehr verstanden als in 10 Schuljahren?“

Vielleicht sucht der ein oder die andere von euch auch gerade einen Ausweg aus der Mathemisere, der eigenen oder die der Kinder? Dann kann ich Zaubermathe wirklich empfehlen. Was den Unterschied zur klassischen Mathevermittlung macht, warum und wie es wirkt – darüber habe ich mit ihrem „Erfinder“ Martin Wyrwich gesprochen.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

„Zaubermathe“ – was ist das?

Zaubermathe ist eine Pädagogik, die den Spaß an der Mathematik und den Sinn der Mathematik an die erste Stelle stellt. Gleichzeitig ist es ein Weg, wie mathematisch Hochbegabte und solche, die gar nichts verstehen, gemeinsamen unterwegs sein können, ohne dass die einen immer warten müssen und die anderen sich gehetzt oder dümmer fühlen.

Worin liegt der Unterschied zur klassischen schulischen Vermittlung der Mathematik?

Der Schulmathematik ist wichtig, dass die Kinder zu jedem Zeitpunkt verstehen, was sie da machen. Deshalb baut in Mathematik ein Stein auf dem anderen auf. Je höher das Haus, an dem sie bauen, desto besser wissen Sie dann auch, was sie da tun. So die Hoffnung. Was den Kindern viel zu lange fehlt, ist der Sinn und das Ziel.

„Zaubermathe geht genau den umgekehrten Weg: Die Kinder fahren am ersten Tag mit dem Lift ganz nach oben und genießen die Aussicht.“

Martin Wyrwich

Zaubermathe geht genau den umgekehrten Weg: Die Kinder fahren am ersten Tag mit dem Lift ganz nach oben und genießen die Aussicht. Sie sehen die Mathematik und das, was man mit ihr machen kann, in ihrer vollen Schönheit, BEVOR sie rechnen lernen. Und dann laufen sie die Treppe RUNTER, um das, was sie da oben gesehen haben, immer besser und mit mehr Tiefenschärfe zu durchdringen. Irgendwann bekommen sie auch die Lust auf’s Rechnen.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Was machst du, dass Mi. nach vier Stunden sagt, dass es Spaß gemacht hat, mit dir in die Mathematik einzusteigen und er mehr von Mathematik verstanden hat als in 10 Schuljahren?

Mi. hat einen Überblick über die Funktionsanalysis bekommen: Warum gibt es so etwas wie Funktionen? Um Bewegungen, Prozesse und Veränderungen zu verstehen und analysieren zu können. Eine einzige gerade oder krumme Linie fasst unendlich viele Einzelrechnungen zusammen. Was suchen wir? Besondere Punkte in dieser Line: wie Maxima, Nullstellen, Wendepunkte … Wie suchen wir? Indem wir eine Gleichung aufstellen, diese in den meisten Fällen gleich „0“ setzen und auflösen.

Mit dem Ziel vor Augen und dem Verständnis für den Prozess hat er jetzt keine Angst mehr. Er hat außerdem einen Überblick über die grundlegenden „Zeichenregeln“ bekommen und hat jetzt die freudige Ahnung, dass er in ein paar Stunden Funktionen skizzieren können wird, noch bevor er sich ans Rechnen macht. 

Auf Basis einer 2-Minuten-Skizze kennt er dann die meisten der gesuchten Punkte und kann fast alle Fragen richtig beantworten. Sollte er sich doch einmal verrechnen, dann wird schnell wissen, wo er einen Fehler gemacht hat. Mit dem Ziel vor Augen und dem Verständnis für den Prozess hat er – jetzt – keine Angst mehr. Er ist nicht mehr verloren in diesem Irrgarten von Regeln und Formeln und fühlt sich Herr der Lage.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich
Mathematik – was ist das für dich?

Das Unbekannte übte schon immer mehr Anziehungskraft auf mich aus, als bloßes Wissen. Mathematik hilft, die (schöne) Welt, die wir sehen, zu beschreiben. Wenn diese Beschreibungen gut sind, können wir mit ihnen viel Neues entdecken.


„Mathematik hilft, die (schöne) Welt, die wir sehen, zu beschreiben.“

Martin Wyrwich

Ein Beispiel: Die Relativitätstheorie Einsteins beruht auf einer einzigen Beobachtung (Lichtgeschwindigkeit ist konstant und unabhängig vom Referenzsystem). Ansonsten ist sie reine Mathematik. Einstein selbst hatte große Mühe, sich mit so manchen Aussagen, die auch noch in seinen Formeln steckten, anzufreunden. Doch alle Vorhersagen, auch die, an die er selbst nicht glauben wollte, wurden bestätigt. Kurz: Mathematik ist das Werkzeug, um auf Entdeckungsreise zu gehen.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich
Worin liegt ihr Zauber?

Wenn wir statt nur auf Zahlen zu schauen, auf das blicken, was wir mit ihnen machen können, wird Mathematik sehr sinnlich und wunderschön. Ich habe noch niemanden gesehen, der sich ihrem Zauber entziehen kann, wenn er erst einmal ihre Möglichkeiten gesehen hat.

Doch der eigentliche Zauber der Mathematik steckt in ihrem sozialen Potenzial: Sie ist einzige Beschreibung der Welt, die den Anspruch auf Objektivität und Universalität einlösen kann. Denn sie ist unabhängig von Perspektiven, Fachwissen und Denkschulen. Mathematik ist.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

„Mathematik ist wie der Mensch. Beide sind zum Höchsten fähig und gerade auch deshalb in der Lage, sehr viel kaputt zu machen.“

Martin Wyrwich

Kontakt: Martin Wyrwich | Web: Zaubermathe | Mail: martin@martin-wyrwich.de

Alle Fotos (c) Lando Jansone {aus der Serie Calabria}

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