Ein Blick hinter Bridgee & Family

iIrgendwann im Februar tauchten die Bilder von Bridgee und Paul in meiner Timeline auf und ich gebe zu: Ich war überrascht. Mein erster – wenig überraschender – Gedanke war: „Jetzt hat sie sich getrennt.“ Bridgee ist seit 2005 mit Jyn verheiratet. Zusammen haben sie zwei Kinder: Nicholas (9) und Charlie (6). Doch die beiden haben sich nicht getrennt. Im Gegenteil: Bridgee, Paul und Jyn sind ein „Paar“ – und alle zusammen eine ungewöhnlich glückliche Familie.

Über das Leben zu fünft und in einer polyamoren Partnerschaft, die Grenzen unserer Sprache und Welt habe ich mit Bridgee Melling gesprochen. Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, liebe Bridgee, mit dem ich einen angeregten Start in die neue Woche wünsche.

Polyamorie, pansexuell, alternative Familienmodelle

Vor einiger Zeit tauchte in deinem FB-Stream ein zweiter Mann auf. Seither lebt ihr zu fünft (2 Männer, 2 Kinder, 1 Frau). Was war passiert?

Wir haben letztes Jahr auf einer Party Paul kennen gelernt und uns alle ineinander verliebt. Er ist wie wir beide auch pansexuell und es hatte auf dem ersten Blick bei uns allen gefunkt. Es hat einfach alles von Anfang an so gut gepasst, dass er schon nach wenigen Wochen bei uns eingezogen ist. (Darüber haben wir übrigens wie bei allen Familienentscheidungen mit den Kindern zusammen Familienrat gehalten und die Entscheidung gemeinsam getroffen).

Ihr geht sehr offen mit eurem eher (noch) ungewöhnlichen Familienmodell um. Warum?

Wir möchten unseren Kindern vorleben, dass man sein Glück verfolgen muss, ohne dabei darauf zu achten, was die Gesellschaft dazu zu sagen hat. Verstecken werden wir uns nicht. Zudem sind wir in der glücklichen Position, es uns in jeder Hinsicht leisten zu können, nach Außen hin Stellung zu beziehen und mit hoffentlich gutem Beispiel vorangehen. Wir wollen die Sichtbarkeit von Polyamorie und unseres noch eher seltenen Familienmodels erhöhen.

Wie haben Freunde, Familie, Bekannte und Verwandte auf euer neues Familienleben reagiert? Welche Reaktionen haben euch/dich am meisten überrascht – positiv wie negativ?

Unsere Familie, Freunde und sogar Kollegen wissen schon seit Jahren, wie wir leben und dies ist nicht unsere erste solche Beziehung, darum waren fast alle Reaktionen durchweg positiv. Wir sind sehr dankbar und glücklich, dass wir da so viel Unterstützung bekommen.

Einige wenige Freunde meinten lediglich, dass unser Modell nichts für sie wäre, sie es aber akzeptieren, wenn wir glücklich damit sind. Am meisten hat uns die Akzeptanz von einigen sehr religiösen Freunden überrascht – die fanden unsere Einstellung zur Liebe (sie ist unendlich teilbar und wird dadurch nur mehr und nicht weniger) sogar vorbildlich und christlich.


„Einige unserer sehr religiösen Freunden fanden unsere Einstellung zur Liebe sogar vorbildlich und christlich.“


Polyamorie, pansexuell, alternative Familienmodelle
Was sind die schönsten Seiten, was die größten Herausforderungen des neuen Familienlebens?

Es ist wunderschön, dass es bei uns Zuhause noch viel mehr Liebe gibt als vorher. Es gibt mehr Familienmitglieder, mehr Freunde, mehr Lachen. Jeder von uns bringt seine eigenen Ansichten, Fähigkeiten und Vorlieben und natürlich auch Schwächen mit und die Kinder profitieren sehr davon, dass sie noch ein zusätzliches Elternteil haben, das für sie da ist. Auch der Haushalt und der Alltag lassen sich zu dritt so viel leichter bewältigen.


„Es ist wunderschön, dass es bei uns Zuhause noch viel mehr Liebe gibt als vorher.“


Was die Herausforderungen betrifft, die sind bei uns eher logistischer Art. Drei Menschen müssen Arbeits- und Privatleben unter einen Hut bringen, mit teilweise sehr unterschiedlichen Arbeitszeiten, Hobbys, Freizeitansprüchen, Familienverpflichtungen, etc. Wir teilen uns darum einen digitalen Familienkalender in dem alles eingetragen wird und versuchen dafür zu Sorgen, dass wir uns alle dabei unterstützen das zu bekommen, was jeder für sein Glück braucht.

Reichen die klassischen Familienbegriffe für euch aus oder habt ihr neue Namen für die Rollen und Beziehungen, die ihr jeweils zueinander habt? Und wenn ja, welche?

Nein, die klassischen Familienbegriffe reichen leider nicht. Es hat sich in LGBTQ-Kreisen ja mittlerweile schon viel getan in dieser Richtung, aber auch dort besteht eine klassische Familie immer noch aus zwei Eltern und Kind(ern). Wie unzureichend das für Poly- oder vielleicht auch für Patchwork-Familien sein kann, merkt man überall.

Angefangen bei eingetragenen Partnerschaften und den damit verbundenen Rechten und Privilegien, über Elternrechte bis hin zu simplen Sachen wie Familientickets im Kino, Museum, Familienurlaube etc.


„Wir tragen unsere Eheringe nicht mehr, weil sie unserer Konstellation nicht mehr entsprechen.“


Was uns anbetrifft, wir tragen unsere Eheringe nicht mehr, weil sie unserer Konstellation nicht mehr entsprechen und wir sprechen von einander als „Partner“. Momentan überlegen wir, ob wir uns alle drei als Zeichen unserer Zugehörigkeit das gleiche kleine Symbol tätowieren lassen.

Polyamorie, pansexuell, alternative Familienmodelle

Wie ist die neue Situation für die Kinder? Oder ist sie vielleicht gar nicht so? In jedem Falle ist sie nicht “normal”. Macht ihnen das etwas aus?

Den Kindern haben wir seit sie denken können beigebracht, dass Liebe nichts mit dem Geschlecht, sondern mit dem Herzen und der Persönlichkeit eines Menschen zu tun hat. Wir haben viele schwule und lesbische Freunde und somit waren für sie gleichgeschlechtliche Liebe und Partnerschaft immer etwas völlig Natürliches.


„Liebe hat nichts mit dem Geschlecht, sondern mit dem Herzen und der Persönlichkeit zu tun.“


Dass Mama und Papa nicht nur einander lieben, sondern ab und zu auch mal mit anderen Menschen ausgehen und sich auch in andere verlieben, war überhaupt kein Thema. Sie wissen, dass wir einander und sie über alles lieben und das unsere anderen Beziehungen daran nichts ändern und sie lieben Paul und sehen ihn als einen natürlichen Teil unserer Familie an.

Unser Sohn kommt langsam in die Vorpubertät und ist sich sehr wohl darüber bewusst, dass unser Familienmodel eher die Ausnahme ist. Er ist aber stolz darauf, dass wir ein Vorbild sind und er ist darauf vorbereitet, dass wir nicht immer überall auf Akzeptanz stoßen werden. Dadurch, dass er als Junge seit seinem fünften Lebensjahr ernsthaft Ballett tanzt, ist er gegen Hänseleien zusätzlich abgehärtet.

Rechtes Gedankengut hat Konjunktur und ist wenig tolerant gegenüber innovativen Familienmodellen. Wie geht ihr damit um?

In den letzten Jahren haben wir zum Glück nicht in Deutschland gelebt und sind selbst im katholischen und teilweise noch sehr konservativen Irland noch nie angepöbelt worden. Bisher ist es bei Blicken und neugierigen Fragen geblieben, an denen wir uns nicht stören – wir nutzen eher jede Gelegenheit zur Aufklärung.

Wir lassen somit alles noch gelassen auf uns zukommen und hoffen darauf, dass wir im bunten und relativ toleranten Berlin auf nicht allzu viele negative Reaktionen treffen werden. Wenn ja, dann werden wir uns dann entsprechend damit auseinander setzen.las

Im September kommt ihr zurück nach Berlin. Worauf freut ihr euch am meisten? Was werdet ihr – soweit sich das im Voraus sagen lässt – von Dublin vermissen?

Wir freuen uns am allermeisten wieder nahe bei unserer Familie und unseren Freunden, sowie wieder in unserem Berliner Loft zu sein. Die Hauptstadt ist unheimlich multikulturell und tolerant und bietet uns kulturell und beruflich viele neue und wundervolle Möglichkeiten. Was Irland und Dublin anbetrifft, wir werden am allermeisten die neuen Freundschaften vermissen, die wir dort geschlossen haben. Die Iren sind ein unglaublich freundliches Volk und ihre Herzlichkeit und Offenheit wird uns sehr fehlen.

Polyamorie, pansexuell, alternative Familienmodelle

Links & Literatur

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