Vom Zeichner, der sein Glück nicht fassen kann. Mehrdad Zaeri

Foto: Christina Laube
Wir kennen uns seit über drei Jahren, Mehrdad Zaeri und ich. 2011 haben wir auf meinem (mangels Zeit mittlerweile stillen) Illustrationsblog M i MAs Butterflies einen ‚Small Talk‘ geführt, nachdem ich seine Zeichnungen gesehen und ihnen verfallen war. Es war auf einem Wandkalender oder aber im Skizzenbuch. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Aber das spielt auch keine Rolle. Mehrdads Zeichnungen zählen zu den schönsten, die ich kenne. Poetisch, witzig, schelmisch mit ein wenig Melancholie und großem Feinsinn. ‚Ich will die Menschen berühren‘, sagt Mehrdad über seine Arbeit, und ich kann für mich behaupten: Das gelingt ihm. Grund genug, um ihm im Rahmen meiner ‚Männerwoche‘ hier und heute nochmals vorzustellen.
Mehrdad Zaeri Esfahani wurde 1970 in Isfahan im Iran geboren und wuchs dort inmitten von Unruhen und im Ersten Golfkrieg auf. Und während ich 13jährig, pubertierend miesepetrig im familiären Kreise Weihnachtsgeschenke entgegennahm, beantragte er – nach mehreren Monaten auf der Flucht – mit seiner Familie Asyl in Deutschland. Das war am 24. Dezember 1985; und noch immer kann Mehrdad über den Verlauf seiner Geschichte staunen. ‚Irgendwann war ich nicht mehr der Asylbewerber, sondern Mehrdad, der Zeichner.‘ Ein Glück, das er manchmal selbst nicht fassen kann.

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Illustration für einen Hocker

‚Als ich 1992 lustlos mein Abitur in Heidelberg machte, beschloss ich, für den Rest meines Lebens Bilder zu machen.‘ Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, verdingte er sich zunächst als Taxifahrer, doch dank seiner Hartnäckigkeit und Disziplin konnte er 2001 damit aufhören und sich ganz dem Zeichnen widmen. Neben freien Arbeiten malte und gestaltete er vor allem Poster für Theateraufführungen und allerhand kleinere Illustrationen. Seine Karriere als Illustrator begann erst 2007. Die Büchergilde fragte an; Mehrdad sollte ein ganzes Buch illustrieren. ‚Das hat mich umgehauen‘, erzählt er. ‚Ich habe vor Glück geweint.‘ Das chinesische Dekameron erschien 2008. Es war ein großer Erfolg; Mehrdad konnte sich vor Anfragen nach Illustrationen kaum retten, und wieder fasste er einen Beschluss: Von nun an würde er sich ganz aufs Illustrieren konzentrieren. Der Plan ging auf. Er kann gut davon leben (auch dank seiner Agentur auserlesen ausgezeichnet). 

Neben Auftragsarbeiten arbeitet er weiterhin frei und realisiert eigene Projekte. Eines davon ist das Knopfkino, das er 2009 gemeinsam mit dem Schauspieler und Erzähler Enno Kalisch und dem Pianisten Friedwart Goebels ins Leben rief. Es ist eine Bühnenimprovisation, in der die drei Männer in situ traumgleich schöne Geschichten aus Bildern, Klängen und Worten entstehen lassen. ‚Wir übernehmen Inspirationen aus dem Raum, dem Publikum, und aus unseren eigenen Stimmungen und Aktionen. Intuitiv entstehen Zeichnungen, musikalische Stimmungen, Erzählstränge, Wortzusammenhänge, mit denen wir spielen.‘ So kann sich eine klassische Sonate in unheimliche Filmmusik verwandeln oder ein Mann mit Hut in einen Walfisch. Aus einem Abschiedsbrief wird Liebesgedicht und ein Liebesbrief zur Kriegserklärung. Doch hängt am Ende alles mit allem irgendwie zusammen.
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Knopfkino – oder: In-Situ-Geschichten


Eine Zeichnung aus Mehrdad Zaeris Skizzenbüchern

Doch auch Mehrdad Zaeris Auftragsarbeiten sind niemals ‚unfrei‘. Stets behält er sich seinen Eigensinn, und so sind seine Illustrationen denn auch weit mehr als bloße Veranschaulichungen. Sie stehen für sich, erzählen eigene Geschichten, die sich – so seine Hoffnung – im Kopf der Leser/innen mit den Worten verbinden und zusammen neue Bedeutungsdimensionen eröffnen. ‚Eine Geschichte über den Krieg mit einer Rüstung zu illustrieren, ist langweilig‘, erläutert Mehrdad. ‚Ein verlassener Kinderwagen hingegen kann die Leser inspirieren.‘ Seine Inspirationen nimmt Mehrdad von überall her und übersetzt sie in Bilder. ‚Darum trage ich immer einen Bleistift und ein Skizzenbuch bei mir.‘ Tausende von kleinen Zeichnungen hat er in unzähligen Skizzenbüchern gesammelt. Sie sind sein Fundus, auf den er immer wieder zurückgreift und daraus neue Ideen und Geschichten entwirft. Auf seiner Facebook-Seite gibt er einen kleinen Einblick in die schier unendliche Vielfalt seiner Bilderwelten. 
Ich freue mich schon jetzt auf Mehrdads kommende Inspirationen – und es werden viele sein. Denn die Liste seiner Projekte ist lang. Neben diversen Knopfkino-Veranstaltungen erscheinen 2015 gleich drei von ihm illustrierte Bücher sowie ein Wand- und ein Postkartenkalender: 
  • Aschenputtel wurde von ihm mit scherenschnittartigen Bildern illustriert und von seiner Frau Christina Laube verfasst. 
  • Die kleine Krähe und der Elefant ist die Geschichte eines iranischen Autors. Das Projekt hat seine iranische Agentin Lili Hayeri organisiert. 
  • Der Wandkalender zeigt auch 2015 wieder ‚Kuriose Gedenktage‘.
  • Und der Postkartenkalender mit Jacky Gleich und Bruno Blume ist noch im Werden.
Außerdem hat Mehrdad Zaeri dieses Jahr eine eigene Edition begonnen, die Mehrdad Zaeri Edition, um ‚einmal im Jahr Bücher herauszubringen, die für große Verlage auf dem ersten Blick zu unsicher und riskant sind‘, erzählt er. Das erste Buch dieser Reihe ist HEUT UM HALBZWEI mit Gedichten von Peter Schenk.
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Foto: Claudia Hahn
Wer Mehrdad Zaeri einmal treffen möchte, muss nach Mannheim fahren. Dort lebt er nämlich mit seiner Frau, der Künstlerin und Fotografin Christina Laube, in einem, wie er sagt, sehr schönen Stadtteil mit alten Häusern (Neckarstadt-Ost). Die beiden leben gern in Mannheim, obwohl die Stadt auf den ersten Blick alles andere als schön ist. Ihre Schönheit erschließt sich erst auf den zweiten, vielleicht auch erst auf den dritten und vierten Blick. ‚Mannheim ist eine in jeder Hinsicht bunte Stadt‘, sagt Mehrdad, ‚mit einer wilden Seele. Sie hat eine gesunde Subkultur und auch im etablierten Kunstbereich viel zu bieten, und dabei ist sie keine Diva.‘ Eine Diva ist auch Mehrdad nicht. Im Gegenteil. Sein Erfolg hat ihn glücklich, nicht aber launisch und unnahbar gemacht. Obgleich ich ihm nie ‚live‘ begegnet bin, strahlt er eine Herzlichkeit aus, die einem warm werden lässt ums Herz.
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10 Comments

  • 5 Jahren ago

    Spät entdeckt, aber nicht zu spät, um Feuer zu fangen! Merci für Vorstellung und Einblick in M. Zaeris Illustration!

  • 5 Jahren ago

    Wow, ich finde ihn und natürlich die Bilder wunderbar!

  • 5 Jahren ago

    Ein hochinteressantes Portrait…gefällt mir gut, der Herr Mehrdad Zaeri und seine Illustrationen…LG Lotta.

  • Ganz wunderbare Illustrationen. Ganz ganz wunderbar!

  • 5 Jahren ago

    Was für ein toller Bericht – vielen Dank dafür Indre.
    Die Illustrationen sind wunderbar und eine echte Entdeckung.
    Herzliche Grüße
    Sabine

  • 5 Jahren ago

    Das ist mir eine große Ehre! Wie schön, dass ich hier dabei sein darf <3

  • 5 Jahren ago

    So, innerhalb von drei Sekunden, ebenfalls verfallen. Mehrdads Geschichte. Und seinen Arbeiten. Vielen Dank, dass du uns vorgestellt hast.

  • 5 Jahren ago

    Was für eine schöne Geschichte und was für wunderbare Zeichnungen. Vielen Dank dafür!

  • Anne
    5 Jahren ago

    Vielen Dank, Indre, für die schöne Vorstellung und die Ankündigung seiner neuen Projekte. Ich liebe seine Illustrationen und freue mich schon auf mehr! Meinen alten Wandkalender mochte ich bisher noch nicht abhängen. Dann wird es 2015 definitiv einen neuen geben. 🙂

    Lieben Gruß und
    schön, daß Du wieder "da" bist
    Anne

  • Super schöne Bilder! Danke fürs Vorstellen! 🙂

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