M i MA zügelt: Der Mann hinterm Salut! Oder eine Männerwohnung [Schöneberger Notiz II]

Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin
Offenheit, Weite und ein dezenter Mix aus Alt und Neu kennzeichnen Dejans Stil.
Der Umzug rückt unaufhaltsam näher (der neue Blick aus dem Küchenfenster steht bereits), und proportional zur verbleibenden Zeit wächst das vorauseilende Heimweh. Um es im Zaum zu halten, habe ich zum 1. Juli begonnen, all das festzuhalten, was ich vermissen werde – meine Schöneberger Notizen. So bin ich in Dejans Wohnung gekommen. Der Besitzer der Bar Salut! wohnt drei Etagen unter mir und hat mich mit seinem so eigenem wie klaren Stil wieder einmal überrascht.
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Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Seit sieben Jahren wohnt Dejan in ‚meinem‘ Haus. Genau genommen seit dem 14. Juli 2007. An diesem Tag eröffnete er zusammen mit seiner damaligen Freundin Caro – die einige von euch vielleicht über ihren wunderschönen Online-Shop District Six kennen und von der hier auch bald mehr zu lesen sein wird – ein kleines Tagescafé im Erdgeschoss. Auf rund 28 Quadratmetern bot das damalige Salut! leckere Smoothies und gesunde Snacks. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die meisten Gäste am Abend kamen. Pragmatisch und geschäftig wie Dejan ist, stellte er das Konzept kurzerhand um: Cocktails statt Smoothies, gesalzene Nüsse statt Snacks. Das Salut! wurde zur Bar.
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Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Das Esszimmer mit Blick ins Wohnzimmer. Der fast 200 Jahre alte Sekretär ist Dejans liebstes Stück. 
Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Die Sofas sind Original Chesterfield-Sofas, Stühle und Tisch stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Ein Barbetrieb in einem Wohnhaus – das verlief nicht immer störungsfrei. Ich erinnere mich an manche Nacht, in der die Bässe langsam die Wände hochkrochen und mich aus dem Tiefschlaf holten. Doch Dejan wäre nicht Dejan, hätte er nicht nach Lösungen gesucht. Parallel zu seiner Entwicklung zum Profi-Barbesitzer entwickelte sich der 1974 in Berlin-Wilmersdorf geborene Sohn eines mazedonischen ‚Gastarbeiters‘ zum Lärmschutzspezialisten.

2011 wurde das große Ladenlokal im Erdgeschoss unseres Hauses frei. Dejan erkannte seine Chance und griff zu. Er sanierte die Räumlichkeiten, ließ Schallschutzdecken einziehen, isolierte Wände und Boden und eröffnete – inspiriert von den frühen und mittleren 1900er Jahren – im November 2011 das neue Salut!. Außen schwarz mit originalen Art-Déco-Fliesen, innen Schummerlicht aus antiken Lampen, frühen schwarz-weiß Fotografien und alten Ledercouchen aus England. ‚Ich habe mich von der US-amerikanischen Cocktailkultur inspirieren lassen‘, erläutert er und nimmt mich mit auf einen kleinen Exkurs in die Geschichte. ‚Die Entstehung der Cocktail- und Barkultur begann um die 1830er Jahre in den USA und erlebte ihre Blüte von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Von 1919 bis 1933 war die Zeit der so genannten Prohibition in den USA – Präsident Wilson hatte Herstellung, Handel und Konsum von Alkohol verboten. Doch der Schwarzhandel florierte und in den Kellern und Hinterhöfen wurden illegal Bars eingerichtet – nie zuvor wurde in den USA so viel Alkohol konsumiert wie in der Verbotsphase‘, erzählt er und schmunzelt. Das Salut! erinnert nicht zufällig an die ‚heimlichen Kellerbars‘ der Prohibition; seine Wohnung hingegen prägt der gediegene britische Stil der 1930er Jahre. An seine kulturellen Wurzeln erinnern nur die alten Familienfotos aus Mazedonien.
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Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Dejans Wohnzimmer. Aus den Paletten will er ein Podest bauen, auf dem man Herumlümmeln und aus dem Fenster schauen kann. Eine sehr gelungene Balkonkompensation, finde ich.
Seine Eltern kamen 1970 von Mazedonien nach Berlin. Sein Vater ‚heuerte‘ bei Siemens an – und blieb wie tausende andere ‚Gastarbeiter‚. Dejan wurde in Berlin-Wilmersdorf geboren und wuchs in Moabit auf. Seine Mutter starb als er sechs Jahre alt war – er vermisst sie bis heute. Der unauffällige Junge mit dem Anflug von Traurigkeit im Blick machte Abitur und absolvierte eine Ausbildung zum Biologielaboranten. Nachdem er einige Jahre in seinem Beruf gearbeitet hatte, entdeckte er seine Leidenschaft für biochemische Prozesse und beschloss, in die Forschung zu gehen. 1997 begann er Biochemie an der FU zu studieren. Doch es kam anders. Statt Forscher zu werden, wurde er erst Gastronomieteilhaber und schließlich Barbesitzer, was vielleicht weniger weit auseinander liegt als es auf den ersten Blick scheint.
‚Schuld daran war mein Studentenjob.‘ Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete Dejan als erst Kellner, dann als Barkeeper und schließlich als Gastronomiemanager. Die Arbeit machte ihm so viel Spass, dass er das Angebot eines Freundes annahm und 2003 Teilhaber des Berliner Bachvogels wurde. ‚Es lief gut. Doch irgendwie wollte ich etwas eigenes machen‘, erklärt er seine Entscheidung, die Anteile zu verkaufen und 2007 das Salut! in der Goltzstraße in Schöneberg zu eröffnen.
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Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Ein alter Koffer dient als Sofatisch.

Dejan ist glücklich mit dieser Entscheidung, denn er hat es geschafft. Mittlerweile kann er gut davon leben, wobei gut für ihn vor allem freie Zeit heißt. ‚Ich muss nicht mehr jede Nacht in der Bar stehen und kann mittlerweile sogar ein paar Wochen Urlaub machen.‘ Das war nicht immer so. Viele Jahre hat er jede Schicht geschmissen; heute übernehmen seine Barkeeper/innen den Service und das Mixen. Er selbst konzentriert sich auf das Kaufmännische, das Management und Marketing. ‚Natürlich könnte ich mehr Geld verdienen, wenn ich weniger Beschäftigte hätte und mehr selber machen würde‘, denkt er laut, ‚aber Zeit und Muße für andere Dinge zu haben, die mir wichtig sind, ist mir einfach wichtiger als Geld.‘ Zum Beispiel um nach Mazedonien reisen – oder ‚Makedonien‘, wie Dejan sagt – seiner zweiten Heimat.
‚Makedonien ist traumhaft schön! Und touristisch noch ein absoluter Geheimtipp‘, schwärmt er. Für euch hat er mir ein paar Tipps an die Hand gegeben und seine Lieblingsorte verraten. Danke dafür, Dejan, wie auch für die Einblicke in deine Wohnung und dein Leben! Ich werde die Nähe zu dir und dem Salut! vermissen.
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Dejans Lieblingsort am Ohridsee: die St. Jovan Kaneo Kirche. Fotocredit: Athena Lao via Wikimedia Commons
Dejans Tipps für Ferien in Mazedonien
  • Auch das Unesco Weltkulturerbe, der Stadt Ohrid samt gleichnamigem See, sollte man – so Dejan – bereisen, am besten von Mai bis Oktober. ‚Es ist eine geschichtsträchtige Region, die neben Badespaß sehr viele, abwechslungsreiche Ausflugsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten bietet!‘, erzählt er, ‚der Ohridsee ist einer der tiefsten, saubersten und schönsten Seen der Welt mit einzigartiger Flora und Fauna. Es heißt, es gäbe rundherum so viele alte Klöster wie das Jahr Tage hat.‘ Seine Lieblingsstelle ist die St. Jovan Kaneo Kirche, die auf einem Felsvorsprung am See liegt. In Ohrid errichtete Clement von Ohrid im 10. Jahrhundert außerdem die erste slawische Universität
  • Weitere Tipps: 
    • Ausgrabungsstätte Heraklea in der Nähe der 75.000-Einwohner/innen Stadt Bitola. ‚Man sollte sie unbedingt besuchen!‘ 
    • Mavrovo Nationalpark für alle Liebhaber/innen unberührter Natur. ‚Der makedonische Luchs lebt hier nebst Bären und Wölfen in freier Wildbahn.‘ 
Dejan Spasovski, BarSalut!, Berlin, Coacktail, 1930er Jahre, Stil in Berlin
Rohes Mauerwerk, graue Wände und eine Weltkugel – Dejan weiß, Akzente zu setzen.

8 Comments

  • 5 Jahren ago

    Ein unheimlich guter Blogpost! Eine Wohnungsführung und so viel über die Person dahinter und dazu noch Reisetipps! Wow! Bin begeistert! Lieben Gruß Lisa

    • 5 Jahren ago

      Dankeschön! Deine Worte freuen mich sehr.

  • 5 Jahren ago

    Ein toller Artikel! Tolle Wohnung, tolle Geschichte und die Bar werde ich auch demnächst ausprobieren…ist nicht weit von mir, bin auch im wunderschönen Schöneberg wohnhaft.

  • 5 Jahren ago

    Meine Güte was für eine unglaublich stilvolle Wohnung!

  • Was für eine herrliche Wohnung und tolle Entstehungsgeschichte der Bar. Würde ich in Berlin leben, würde ich vorbeischauen : ) Und auch vielen Dank für die Mazedonientipps, ich bin ja immer auf der Suche nach Reisegeheimtipps.

  • 5 Jahren ago

    liebe Indre, die Goltzstraße! Mon Dieu. Zweieinhalb Jahre habe ich dort gewohnt und die Straße ganz tief in mein Herz geschlossen. Ich kann gut nachvollziehen, was das für ein Gefühl ist, sie erstmal hinter sich zu lassen. Das Salut ist mir von Anfang an aufgefallen, doch tatsächlich war ich erst vor ein paar Wochen dort zum Gin Tonic (was für eine Auswahl!) trinken. Ein schöner Ort! Und die Wohnung von Dejan ebenso. Vielen Dank für den Einblick und das Lust machen auf Makedonien. Liebe Grüße! Theresa

  • 5 Jahren ago

    Tolle Wohnung und eine überraschende Erinnerung an eine der schönsten Weltgegenden, die ich vor 35 Jahren besucht und nie vergessen habe. Danke!
    Liebe Grüße aus Köln!
    Astrid

  • 5 Jahren ago

    Wow, mal was ganz anderes. Vielen Dank für die Einblicke und die Geschichten dazu!

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