Urban Jungle Blogger: Horst. Oder: Die Liebe zu einer Zimmerpflanze

M i MA, Urban Jungle Blogger, Sukkulenten, Bogenhanf, Bubikopf

Bis zu meinem 22. Lebensjahr besaß ich Zimmerpflanzen. Und nicht nur eine! Mein Fensterbrett war stets bevölkert von Gräsern, Sträuchern, Kakteen, Efeus oder Palmen; und mindestens auf jedem zweiten Regal traf man ein weiteres Exemplar an. Doch dann kam der Bruch. Jahrelang befand sich nicht eine einzige Topfpflanze in meiner Wohnung – mit einer Ausnahme: Horst, auf den ich gleich zu sprechen komme. Die Pflanzenabstinenz hielt bis vor wenigen Monaten an. Dann schenkte mir meine 97jährige Nachbarin zwei ihrer Sansevierias (deutsch: Bogenhanf), und küsste damit meine alte Pflanzenliebe wach. Sie gedeiht noch recht zaghaft. Aber immerhin hat sich zum Bogenhanf bereits ein Bubikopf gesellt, und ich liebäugle mit der Ufopflanze. Wenn das kein Grund ist, eine Urban Jungle Blogger zu werden … doch nun zu Horst. 
Horst war meine große Liebe. Ja, ich möchte sagen: die größte. Er starb vor 6 Jahren – gleich zweimal. Wie es dazu kam und welche Lücke er hinterließ, darüber habe ich 2010 einen Artikel für die Berliner Zeitschrift Balkon & Garten geschrieben. Da sie vergriffen ist und anlässlich meiner Urban Jungle Blogger-Mitgliedschaft will ich diese etwas ungewöhnliche Liebesgeschichte (in leicht gekürzter und veränderter Version) heute noch einmal zum Besten geben.
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M i MA, Urban Jungle Blogger, Sukkulenten, Bogenhanf, Bubikopf

In Memorian Horst – oder: Über die tiefe Liebe zu einer Zimmerpflanze
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Er hieß Horst. Warum es dieser Name wurde, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Es hatte etwas mit seinem Charakter zu tun. Horst war sensibel und exzentrisch, nachtragend und eigenwillig. Schenkten wir ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit, stellte er sogleich sein Wachstum ein. Platzierten wir ihn nicht an einem – seinem Empfinden nach – adäquaten Ort, demonstrierte er mit großer Geste sein nahes Ende und ließ alle Blätter hängen. Wenn wir hingegen regelmäßig seine Blätter entstaubten und das tägliche Gespräch mit ihm suchten, so belohnte er uns mit prachtvollen Trieben und üppigem Wuchs. Horst – das schien uns der passende Name für eine Avocado mit den Attitüden einer Diva.
Auch seine Erscheinung mutete ein wenig seltsam an. Sein Stamm war verwachsen, so dass Horst zeitlebens auf einer Krücke lehnen musste. Zu diesem Fehlwuchs kam es so: Bevor Horst Horst hieß, war er ein Kern in einer Avocado, deren Mus auf meinem Frühstücksbrot landete. Fast wäre Horst im Kompost geendet, doch eine innere Eingebung hielt mich davon ab. Stattdessen spießte ich den Kern auf drei Zahnstocher und legte ihn auf ein Wasserglas. Nach einigen Wochen brach ein kleiner Trieb hervor – Horsts Geburt. Mein Interesse an dem Neugeborenen hielt sich jedoch in Grenzen und so wuchs der kleine Avocado halbvergessen am Küchenfenster der Sonne entgegen. Irgendwann hatte er eine Größe erreicht, mit der er das Aufmerksamkeitszentrum meines Mannes erreichte, und der – dessen Daumen ungefähr so grün ist wie eine Rotbuche im November – nahm sich des jungen Persea gratissima an. Seine erste Handlung zum Wohle seines neuen Zöglings war ein Ortswechsel: weg vom sonnendurchfluteten Küchen- hin zum moderat beleuchteten Arbeitszimmerfenster. Horst dankte ihm dies mit einem kräftigen Wachstumsschub. Doch mein Mann hatte ihn entgegen seiner Wachstumsrichtung auf dem Fensterbrett platziert und Horst sich seine Liebe zum Licht nicht nehmen lassen. Er wuchs zurück gen Sonne. So kam es zum ersten Knick. Ursache des zweiten Knicks war eine neuerliche Drehung in der irrigen Annahme, der Fehlwuchs würde sich auf diese Weise zurückbilden.
An dieser Stelle muss betont werden, dass Horst – sieht man von der Verkrüppelung einmal ab – von wirklich wunderschönem Wuchs war. Während selbstgezüchtete Avocados in der Regel eher einem kahlen Strunk mit zerzauster Blätterkrone gleichen, machte Horst der Bezeichnung ‚Baum‘ alle Ehre. Dafür liebten wir ihn nicht nur, wir waren auch mächtig stolz auf ihn. Doch eines schönes Frühlingstages, Horst hatte mittlerweile eine stattliche Größe erreicht, beging ich einen fatalen Fehler: Ich topfte den Avocado um. Und als Extra-Bonbon goss ich noch etwas Dünger auf die frische Erde. Spätestens dies sollte sein Todesurteil sein. Am nächsten Morgen erblickten wir voller Entsetzen einen total entkräfteten Horst; das einst so prächtige glänzende Blätterwerk hing schlaff und matt herunter. Ja, sogar die Äste wiesen deutliche Erschöpfungssymptome auf. Zunächst versuchten wir zu beruhigen, indem wir seinen Zustand auf sein exzentrisches Naturell zurückführten. Typische Anpassungsschwierigkeiten, so dachten wir und waren sicher: Horst würde sich schon an die neue Situation gewöhnen. Doch – weit gefehlt. Horsts Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag und jegliche Therapieversuche scheiterten. Nach nur zwei Wochen verstarb der schönste aller Avocados.
Die Trennung von unserem geliebten Baum fiel uns schwer, und so standen seine Überreste noch einige Wochen in unserem Arbeitszimmer. Irgendwann aber hielten wir dem trostlosen Anblick nicht mehr Stand und entschlossen, Horst feierlich der Komposttonne zu übergeben. Doch just an diesem Tag entdeckten wir einen zarten, winzigen Trieb. Horst lebte – und entkam ein zweites Mal der Komposttonne.
Dann kam die Urlaubszeit. Wir hatten eine Reise geplant und für die Zeit unserer Abwesenheit eine Pflanzenpflegerin engagiert. Ausführlich hatten wir sie über Horsts Eigenheiten und Pflegeansprüche informiert, so dass wir ihn in guten Händen wähnten. Doch – ach! – welch ein Anblick bot sich uns bei unserer Heimkehr! Der wiederauferstandene Horst stand verwelkt und gilb inmitten einer stinkenden Wasserlache. Er war ertrunken, und hatte – seinem theatralischen Charakter entsprechend – unseren Laminatboden mit in den Tod gerissen. Der konnte ersetzt werden, Horst nicht. Er fehlt uns bis heute schmerzlich, und wir wissen seither: Es gibt sie doch, die tiefe Liebe zu einer Zimmerpflanze.
Erstmals veröffentlicht in: Balkon & Garten Nr. 39 | 2010

18 Comments

  • 5 Jahren ago

    wie witzig! ich habe mich gerade schlapp gelacht über deine horst beschreibung. denn mein mann!! heißt leider horst und irgendwie passt es ganz gut 😉 und da ich auch bei den urban jungle bloggers mitmache (seit heute) bin ich auf dich gestoßen und horst!! haha….lg

  • 5 Jahren ago

    Zum Glück habe ich nach meiner Abwesenheit noch diesen Post gefunden! Du sprichst mir aus der Seele mit diesem nur ein ganz fein ironischen Text. Hatte ich doch auch mal eine Pflanze, die schon ihr zweites Leben lebte, und die die Eltern meines damaligen Freundes im Garten einer ehrwürdigen Zehlendorfer Villa erfrieren ließen.

    Liebe Grüße,
    Mond

  • 5 Jahren ago

    Beautiful images and love that photo above the sofa! I'm sorry that I can't read German, it looks like it would be a great story. Mel

  • 5 Jahren ago

    Welch schöne Geschichte. Eine Ufopflanze könnte ich dir schicken, hab ich auch schon gemacht und ist gut gegangen, hab grad eine kleine in Aufzucht.

    • 5 Jahren ago

      Oh, Andrea, das wäre ja … einfach wunderbar! Ich würde mich RIESIG freuen.

  • Love it! I love the editing and..I love the house!

    • 5 Jahren ago

      Thank you so much for you kind words!

  • 5 Jahren ago

    wunderbar! ich fühle mich inspiriert, denn ich habe selbt zwei zimmerpflanzen, die ich heiß und innig liebe – was aber außer mir, keiner versteht. 🙂
    vielleicht sollte ich ihre geschichten auch mal aufschreiben…
    vielen dank für die tolle geschichte,
    die frau s.

    • 5 Jahren ago

      Ganz gerne! Ich freue mich, dass du meine "Pflanzenliebe" nachvollziehen kannst 😉

  • 5 Jahren ago

    Welch schöne Geschichte, liebe Indre.

  • 5 Jahren ago

    Was für ein süßer Text!
    (ich bin jetzt neidisch auf Horst – er ruhe in Frieden – denn bei mir haben Avocado-Kerne noch nie Wurzeln geschlagen…)

    • 5 Jahren ago

      Mir ist das auch nie wieder gelungen. Ich habe es noch mehrmals versucht … 😉

  • 5 Jahren ago

    Oh Imre, this truly challenged my knowledge of German, but I love it! You're a true Urban Jungle Blogger! Herzlichen Dank fürs teilen! xx

    • 5 Jahren ago

      Thanks, Judith, for your kind comment! I am happy to meet you. xx

  • 5 Jahren ago

    Welch schöne Geschichte und Du bist damit im tiefsten Herzen eine echte Urban Jungle Bloggerin! Welcome to the green family:-)

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