»Unsere Bücher sollen unbedingt überraschen und erfreuen« | Im Gespräch mit Susanna Rieder

Vor ziemlich genau zehn Jahren hat Susanna Rieder getan, wovon sie träumte und einen eigenen Verlag gegründet. Seither veröffentlicht die Münchnerin Susanna Rieder erfolgreich Bilder- und Jugendbücher aus aller Welt. Von Finnland über Kanada bis nach Neuseeland. Ihr Verkaufsschlager sind die Bilderbücher »Mr. Men Little Miss« des britischen Kinderbuchautors und -illustrators Roger Hargreaves, die bis heute rund 660.000 mal gekauft wurde.

Der Erfolg der Bilderbücher schafft Raum für verlegerischen Wagemut; Susanna Rieder scheut weder schwierige Themen noch ungewöhnliche Genres. Gedichte über Tod und Trauer gehören ebenso zum Verlagsprogramm wie das Thema Demenz.

Im heutigen Montagsinterview erzählt die studierte Literaturwissenschaftlerin, was sie vor einem Jahrzehnt zur Gründung veranlasst hat, was ihr Verlagsprogramm auszeichnet und warum sie Verleger*innen in Spe stets zur Gründung ermutigen würde. Außerdem verrät sie liebsten Kinderbücher und hat für vier-, neun-, dreizehn- und fünfzehnjährige Persönlichkeiten jeweils ein passendes Buch parat.

Vielen Dank, liebe Frau Rieder, für das kurzweilige Gespräch.

Lando Jansone Puppenhaus Kinder Spielzeug

Vor 10 Jahren haben Sie sich Ihren Traum erfüllt und einen Verlag für Kinder- und Jugendliteratur gegründet. Mit welchem Buch und welcher Zukunftsvorstellung haben Sie begonnen und was ist daraus geworden?

Der Impetus, mit dem ich den Verlag gegründet hatte, war das Gefühl, dass es in anderen Ländern, Sprachen und Kulturen fröhlichere, schönere und klügere Dinge gab.

So ging ich auf die Kinderbuchmesse nach Bologna. Von dort kam ich mit meinen ersten Bilderbuchlizenzen von italienischen, griechischen und finnischen Kinderbuchverlagen zurück. Ich würde diese Bücher auch alle heute noch so machen. Nur die griechischen Titel waren Erstlesebücher, diese Sparte haben wir dann nicht weiterverfolgt.

Was zeichnet Ihre Bücher und Ihr Verlagsprogramm aus?

Unsere Bücher sollen unbedingt überraschen und erfreuen. Und Spaß machen, und zwar auch den Eltern, die sich idealerweise mit Kind und Buch beschäftigen (beim Bilderbuch). Beide Seiten müssen etwas an dem Buch finden, das in ihnen etwas auslöst, einen Widerhall hervorruft. Unserer Ansicht nach geht das über guten Humor, über sehr gutes Design, über eine gewisse Grund-Lebensweisheit. Irgendetwas davon muss auf jeden Fall immer in unseren Büchern sein, idealerweise alles zusammen.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Bücher aus und wie finden Sie diese?

Ein großes Anliegen ist uns kulturelle Vielfalt, die wir gezielt im Kontakt zu internationalen Verlagen finden. Manchen deutschen Kinderbuchverlagen ist das zu teuer und zu aufwändig. Es gibt ja auch viele großartige deutschsprachige Kinderbuchautor*innen und -illustratorinnen. Aber uns reizt es immer wieder, Übersetzungen aus möglichst vielen  verschiedenen Sprachräumen zu veröffentlichen. Das wichtigste Kriterium dabei ist Qualität, gestalterische und – da ich Literaturwissenschaftlerin bin – literarische.

Welches sind Ihre liebsten Kinder- und Jugendbücher und warum?

Meine liebsten Kinderbuchhelden sind definitiv das Sams und der Pumuckl, diese herrliche Mischung aus subversiv und liebenswürdig. Und die großartigen Erzählerinnen und Beobachterinnen Astrid Lindgren und Christine Nöstlinger gehören für mich auch ganz ganz weit oben hin. Bei Bette Westera, einer niederländischen Autorin, die wir hier verlegen dürfen, haben wir auch diese schriftstellerische Weisheit.

Welches Buch empfehlen Sie mir für…

  • eine 9jährige, das sich fragt, wie sie nur jemals all die Dinge lernen soll, die man als Erwachsene können und wissen muss? Einfach gute Lektüre, darin verschwinden und sich keine Sorgen machen: Esther Glen, »Wir 6 aus Neuseeland«. Aus Büchern und speziell aus Abenteuerbüchern haben schon viele Generationen wichtige Weisheiten bezogen.
  • einen 15jährigen, der an seiner Schwermut mitunter zu zerbrechen droht? Ted van Lieshout, »Wo bleibt das Meer?« Jede Generation hat es schwer mit dem Erwachsenwerden, mit Unwohlsein im eigenen Körper, mit der riesigen Angst, bei allen wichtigen Fragen zu versagen. Wenn man diese Angst in pointierten Gedichten formuliert findet, kann das sehr erleichternd und befreiend sein.
  • eine 13jährige, die sich nach einem freien wilden Leben sehnt? Das wäre ein Titel, dessen Lizenz wir gerade dabei sind zu erwerben aus Kanada, und wo mich tatsächlich maßgeblich meine Tochter beraten hat, eine 13jährige, die sich nach einem freien wilden Leben sehnt: Zwei Bilderbücher, die mit ganz wenigen Worten und dafür umso großartigeren Bildern die Kindheit in einem Cree-Stamm beschreiben. Erscheinen voraussichtlich im August 18!
  • ein 4jähriges Kind, das gerne tanzt und malt und träumt? Das Bilderbuch »Luftkinder« von Antonia Simon und Ysabel Fantou. Ein wunderbar märchenhaft gezeichnetes Bilderbuch, in dem ein Mädchen den Tod seiner besten Freundin verarbeitet, die im Grundschulalter an Leukämie gestorben ist. Die Bilder und auch der Text dazu verstören in keiner Weise, sondern regen an, über den Tod, die Unendlichkeit und die Liebe nachzudenken.

Was würden Sie mir auf den Weg geben, wollte ich einen Verlag für Kinder- und Jugendliteratur gründen?

Die Buchbranche ist nach wie vor eine großartige Zunft und mit wirklicher Leidenschaft und natürlich einem langen Atem tummeln sich hier sehr viele glückliche Existenzen …

Was möchten Sie über Ihren Verlag anlässlich Ihres 20jährigen Verlagsjubiläum erzählen können?

Am liebsten das gleiche wie zum 10Jährigen, nur mit noch mehr superschönen Büchern im Programm!


Fotos: dinge die ich mag

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