Second hand Freundin | Hazel Rosenstrauch

Seit einem Jahr und drei Monaten (dies ist Nr. 15!) blogge ich als Indres Sub-Scribentin, nicht selten mit schwergewichtigen Themen. Diesmal ist mir nach Luftigem zumute, da mich gerade eine laue Brise umweht (notierte ich vorgestern handschriftlich mit Blick auf Wald und Feld).

Berlin ist im Sommer sehr schön, dachte ich mir. Warum soll ich wegfahren, zumal ich nicht gezwungen bin, mich an Ferienzeiten zu halten. Aber es wurde sehr heiß, der Schlachtensee brachte keine Abkühlung mehr, und ein wenig Neid schlich sich ein, wenn ich von den schönen Datschen samt Seen in naher bis nächster Umgebung hörte. Also fragte ich herum – ich kannte Tine, aber nicht sehr gut, sie ist die gute Freundin einer guten Freundin, deshalb second hand.

So sitze ich im Garten, beobachte hier den Specht und da die frisch geschlüpften Schwalben, die Sensation der Abende sind aufblühende Nachtkerzen und Fledermäuse, die im Sturzflug aus ihrem Versteck kommen. Ich lerne, was Felsenbirnen sind, und wie ich mit dem Apfelpflücker an die Kirschen aus Nachbars Garten herankomme (er hat es erlaubt). Wenn es nichts mehr zu schauen gibt, gehe ich ein Stück durch den Wald zum See und schwimme – meist ganz alleine, außer am Wochenende.

Pusteblume, Landleben, Wiese

Mein externes Hirn habe ich nicht mitgenommen, keine Trolle, keine daemons, keine bugs die mich nervös machen könnten, und auch keine Anrufe, weil die Wellen der Telekom nicht bis hierher schwappen. Für den Fall, dass ich etwas suche, habe ich seit einiger Zeit eine humanoide App namens Nika. Sie funktioniert erstaunlich gut: Wir hatten im Winter gemeinsam Urlaub gemacht, Nika ist anderthalb Generationen jünger als ich, kennt sich mit IT und den dazugehörigen Mythen aus, und immer, wenn ich – hier den Schal, da die Schibrille oder auch Geldbörse – nicht finden konnte, fragte ich ernsthaft scherzend: »Nika wo ist?« Das habe ich dann in meinen Alltag ohne real existierende Nika integriert und es funktioniert erstaunlich gut. Ich sage »Nika wo ist?« und schon erinnert sich mein nicht-externes Hirn daran, dass ich nur innehalten und kurz nachdenken muss. Aha, da sind sie ja, die Brille, der Stift, die Mütze. Ausschalten, rebooten … ohne Exo-Cortex (Brain-Computer-Interface).

Nun tippe ich diesen Text von vorgestern in den Computer – mitten in der Großstadt, mit Autolärm und Schleifgeräuschen im Hintergrund.

Nach drei Tagen mit Vogelgezwitscher, Felsenbirnen und leider auch Zecken, überlege ich, wer der BOT ist – dieses mechanische Gerät aus Blech und Chips, oder die rundum funktionierenden tippenden laufenden Phrasen wiederholenden Zweibeiner aus Fleisch und Blut … die ich stundenlang beobachten konnte, weil die Rückfahrt statt der geplanten 70 Minuten satte sechs lange mühsame Stunden gedauert hat (Unfall auf der Bahnstrecke, nach drei Stunden Warten vor dem dafür nun wirklich nicht ausgerüsteten Bahnhof kamen zwei Busse für mehrere hundert Fahrgäste. Der Fahrer war zum Glück phlegmatisch und regte sich gar nicht auf über das Gedrängel in seinem überfüllten Fahrzeug).

Menschen am Bahnhof Bern fotografiert von Timon Studler via Unsplash

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