KW 43 #monothematisch

Ja, ich weiß: In letzter Zeit bin ich etwas monothematisch. Mir wär’s selbst anders lieber. Doch die Sorge lässt mich nicht los. Wie ein Schatten legt sie sich auf mein Leben, das nicht immer einfach, nicht immer schön, nicht immer gut war, aber immer ein Leben in Frieden und Freiheit – und eben das scheint heute auf dem Spiel zu stehen.

Europa unter Druck

Marek Kuchciński, der polnische Sejm-Marshall, ist beileibe nicht der einzige, der wider eine »Politik der Vereinheitlichung der europäischen Völker« redet und für »ein Europa der Nationen« {Quelle}. Immer mehr Menschen, Parteien und Regierungen gehen in Opposition zu Europa. Ihre »Kritik« richtet sich dabei nicht gegen die europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die mitunter schon mal seltsame Blüten treibt. Der »EU-genormte Apfel« ist nurmehr zum Symbol ihrer Ablehnung geworden, die auf die europäische Union als Wertegemeinschaft zielt.

»Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.«

Lissabon Vertrag Artikel 2

Wohin führt ein Europa, in dem stattdessen Fragen von Identität und Zugehörigkeit, von Eigenem und Fremdem das Denken und Handeln leiten? Wo »Verschiedenheit zur Ungleichheit verkommt und Gleichheit zur Identität« {Tzvetan Todorow}? 

Nationalismus heißt Krieg

Vielleicht sollte ich aufhören, mir diese Fragen zu stellen. Sie beunruhigen mich nur, ohne dass sich dadurch auch nur irgendetwas ändert. Doch es fällt mir schwer. – Es ist jetzt 21 Jahre her, dass sich François Mitterrand ans Europäische Parlament wandte: »Nationalismus«, sagte er, »heißt KriegKrieg, das ist nicht nur Vergangenheit. Er kann auch unsere Zukunft sein.« Diese Zukunft will ich nicht –  um meiner selbst willen nicht und noch weniger für meine Kinder und Kinderkindes.

Ich möchte weiterhin in Frieden und Freiheit leben. Das muss nicht immer einfach, nicht immer schön und gut sein; es darf auch mühsam, konfliktreich, schwer sein. »Warum«, um es mit den Worten Carolin Emckes zu sagen, »sollte es auch einfach zugehen? Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht? Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen: Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.«

In diesem Sinne verabschiede ich mich lachenden Mutes ins Wochenende – mit der obligatorischen, heute etwas kürzeren Liste und guten Wünschen.


Die obligatorische Liste

GEHÖRT: Carolin Emckes großartige Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
GEFALLEN: Anxy Magazin – ein Heft über psychische Krankheiten
GELESEN: Zwischen Kommen und Bleiben. Ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
GELISTET: Bücher {u.a. »Eine Liebe im Kaukasus« und »Gegen den Hass«}
GESUCHT: ein Mittel gegen Schulterschmerzen
GEFUNDEN: Ulrich Christen {seine Massage ist einfach unschlagbar gut!}
GEFRAGT: Warum müssen eigentlich alle ihre Veranstaltungen im November machen?
GEMOCHT: Mehrdads Büchlein »Kluge Frauen sind gefährlich«
GEMACHT: Ashtanga Yoga Mysore Style
GEDACHT: Ach Mann, der Manne…
GESTAUNT: über die Antworten auf die »21 Fragen zu Flucht und Migration«
GEFREUT: auf ein Wiedersehen im Café Cantona
GESCHMUNZELT: über die Wut des Barista
GEKLICKT: New Beginnings


Foto: Paulskirche Frankfurt am Main von BlueKnow – Eigenes Werk, CC BY 3.0

13 Comments

  • Franziska
    3 Jahren ago

    Liebe Indre,

    danke für deine klugen und wichtigen Gedanken und dass du deine fabelhaften Fundstücke zu all diesen so relevanten Themen mit uns teilst!

    An meinem letzten Leipzig-Wochenende lief ich an einem Laden namens Mima vorbei – ein kleines, buntes Vintage Lädchen, vielleicht möchtest du ja der Namensvetterin einen Besuch abstatten 🙂 http://www.mima-leipzig.com/

    Außerdem möchte ich dir noch das Café Kater und das Café Pilot ans Herz legen – sind sie doch mindestens genauso besuchenswert wie das Cantona.

    Herzlichst
    Franziska.

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Franziska,

      vielen Dank für deine lieben Worte, die Entdeckung von MIMA in Leipzig und die vielen Tipps. Im Café Kater bin ich gewiesen. Das Café Pilot kommt nächstes Mal dran.

      Herzlich,
      I.

  • 3 Jahren ago

    Schulterschmerzen? Ich hätte da was ( :
    Viel Spaß in Leipzig, grüße mir das Cafe Cantona! Liebe Grüße von Maria

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Oh, das klingt gut. Komme ich noch drauf zurück. Ganz sicher!

  • 3 Jahren ago

    Danke für eure Einlassungen, auf die ich noch eingehe. In Ruhe (bin gerade unterwegs). LG I.

  • 3 Jahren ago

    ja. das ist nun aber schwer. es gibt viele themen die es wert sind zu besprechen und zu würdigen. ich möchte oft spontan dazu kommentieren und merke dann schnell, dass ich ewigkeiten dazu brauche, mich verzettel oder erst mal recherchieren muss, damit ich keinen blödsinn schreibe. dann wird es irgendwie zu viel und zu schwer und zu anfechtbar und ich klicke das fenster weg.
    getroffen hat mich, dass zum thema kinder/mutter/kindergarten kaum reaktionen kamen. wie möchte man das leben gestalten, verbessern, wenn keiner interesse zu haben scheint. und wo soll man vorbilder und gesprächspartner finden, wenn sich alle verschließen und angst haben, ihre routine zu stören. oder noch schlimmer, wenn sie behaupten alles sei perfekt so wie es gerade läuft.

    nur gibt es dann ja so viele themen und das echte eigene leben läuft ungehemmt weiter. da ist es leichter, wegzuklicken. nicht, dass es dann im kopf auch weg wäre. es beschäftigt einen schon. jeder hat da sein steckenpferd und jeden trifft ja auch was anderes mehr oder weniger.
    somit sage ich »ja« dazu, dass man, wenn man eine persönliche sprache finden kann, kritisch bloggt oder politisch, dass man schwere themen aufgreift. das alles halte ich für eine kunst, wenn man es gut machen möchte. also müssten wir die, die sich trauen und die es können, stärken. das stimmt. passiert zu wenig.

    leichtigkeiten zu bloggen, in einer schweren zeit. auch zweischneidig. ich kann DIY nicht mehr sehen. die kunst hingegen darf immer und überall sein. auch mit leichtigkeit und scheinbaren nebensächlichkeiten. nur verwechseln heute viele kunst mit DIY. schade. das macht es für künstler noch schwerer. mache ich noch kunst oder ist das schon DIY?

    meine steckenpferde schlummern noch. ich bringe gerade meine drei kinder auf den weg und das erfordert viel kraft. mein kopf ist voll. er will und kann sich oft einfach nicht vertiefen in all die möglichen themen, die es aber wert wären. das wird sich sicher ändern. ein trost. alles macht weiter.

    wie kann man sich vernetzten? jeder kann stellung nehmen. darüber denke ich oft nach. und man kann die, die die vielen klicks ausmachen, sicher nicht dazu zwingen, über ihren tellerrand zu gucken.
    es ist sehr mutig andersartigkeit zu zeigen. öffentlich. ich bekomme ja schon für die kleinsten kleinigkeiten kritik. da kann ich mir ausmalen, was passiert, wenn ich meine steckenpferde sattel und in die welt lasse. meinung haben. das ist immer anfechtbar. missverständnisse. falsches lesen und deuten. alles möglich. ich wette, wenn ich meine meinung zum theme pinterest öffentlich mache, werde ich gesteinigt. ich arbeite trotzdem dran ;o)

    das war nun mal – in alle richtungen gestreut – eine antwort, die ich auch wieder löschen könnte. ich mache heute mal eine ausnahme. mir ist es sogar gelungen, eigentlich, mit keinem wort auf deinen post einzugehen.

    liebe grüße . tabea

    • M i MA
      3 Jahren ago

      liebe tabea,

      wie gut, dass deine antwort und gedanken nicht gelöscht hast! zum thema kunst könnte ich viel schreiben/sagen. da habe ich eine selten feste und sehr streitbare meinung. vielleicht schreibe ich genau darum (hier) nicht darüber. das netz scheint mir kein guter ort zum streiten. es ist schon schwer genug, im leben 1.0 gut zu streiten: hinhören, nachfragen, aushalten, dass jemand anderer meinung ist, dass man keinen konsens erzielt… das ist alles andere als leicht. missverständnisse dagegen entstehen ganz leicht, positionen lassen sich einfach raushauen – und dann stehen sie da, eine gegen die andere … wenn wir nur die salonkultur im internet wiederaufleben lassen könnten. das wäre ein echter gewinn.

      alles liebe!
      i,

  • 3 Jahren ago

    Da kann ich Astrid nur zustimmen. Gerade das Gefühl, dass die Vernünftigen in der Minderheit sind, die die gemeinsam und friedlich eine europäische Zukunft schaffen möchten – das ist es, was Angst macht. Natürlich gab es in der Geschichte immer wieder auch gesellschaftliche und politische Rückschritte – aber doch immer auf dem Weg nach vorn zu etwas Besserem, Friedlicherem, oder? Mich ängstig die Vorstellung, mtten in eienr solchen Rückschritt-Zeit zu leben udn vor allem, in dieser zeit mein Kind aufwachsen lassen zu wmüssen. Was bedeutet es für die Zukunft unserer Kinder, wenn Europa wieder zerfällt? Was für die politische und soziale Stabilität?
    Am meisten erschreckt mich daran, dass man nicht die Probleme (die sicher vorhanden sind) anspricht, sich zusammensetzt und versucht eine gemeinsame Lösung zu finden, sondern dass alle nur so lange „mitmachen“, wie sie von der EU profiitieren, aber sofort alles in Frage stellen, wenn sie selbst einen Beitrag leisten sollen. So kann keine Beziehung funktionieren. 🙁
    Und auch das mit dem Feedback auf Blogthemen mit politischem bezug kann ich bestätigen. Ich bekam mehr Mails zu zu meinem Blogpost über das Reichsparteitagsgelände mit der Bitte, doch die unerträglichen Tippfehler zu verbessern, als Diskussionsbeiträge…
    Wenn die äußere Form, der schöne Schein, die Lautstärke, das Pöbeln und das „sich Wichtigmachen“ immer bedeutender wird als die Beschäftigung mit dem Inhalt und das Anpacken von Problemen, dann ist das einfach beängstigend.

    LG, Katja

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Katja,

      wie schön, dich hier hin und wieder als Gast zu wissen. Ich schätze deine kritischen Texte und klugen Gedanken sehr – und lasse dich das auch viel zu selten wissen. Ich bemühe mich, das künftig mehr zu machen.

      Was die Debatte oder – noch schwieriger – den Disput im Internet anbelangt, so glaube ich, dass das im Moment nicht gelingen kann. Selbst im „echten“ Leben fällt es uns zunehmend schwer, konstruktiv zu streiten und um Kompromisse zu ringen. Wie schnell gerate ich selbst in die Freund-Fein-Logik (wer nicht meiner Meinung ist, ist gegen mich)? Eine Debatten- bzw. Streitkultur 2.0 hat sich nie entwickeln können. Das wäre eine schöne Aufgabe: Streiten im Netz als neue Kulturtechnik. Wollen wir uns da mal ranmachen? 🙂

      LG I.

  • 3 Jahren ago

    Ein bisschen traurig macht mich schon, dass so wenig Feed-back kommt auf deine Beiträge zum derzeitig notwendigen politischen Diskurs…
    Carolin Emcke hat mich sehr beeindruckt, so dass ich heute in meinem freitäglichen Raif-Badawi-Post noch einmal darauf zurückgreifen werde. Ich versuche immer wieder in meinem bunten Blogallerlei die Themen aufzugreifen, die auch bei dir hier anklingen ( die Resonanz ist auch ganz gut, es sind allerdings auch Kontakte daran zerbrochen ). Was fehlt, ist eine Vernetzung herzustellen, damit die, die nicht zum Brüll-Volk gehören ebenso Zugehörigkeitsgefühle entwickeln können und nicht dauernd übertönt werden. Wäre so eine Hoffnung…
    Bon week-end!
    Astrid

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Astrid,

      im ersten Moment hat mich auch enttäuscht, dass relativ wenig Feedback kommt. Aber auf der anderen Seite: Was soll man sagen? Es sind ja keine Text, die auf Dialog angelegt sind, sondern eher geschlossene Monologe. Daher freue ich mich, wenn ich mitbekomme, dass sie überhaupt von dem einen oder der anderen gelesen werden.

      Die Frage, was und wie man diesem lärmenden Hassgerede begegnen kann und was man ihm entgegensetzen kann, treibt mich auch um. Wir „freiheitsliebenden Individualist/innen“ tun uns natürlich schwer, uns zu „organisieren“, also zusammenzuschließen und gemeinsame Sache zu machen. Das müssten wir aber vielleicht, wenn wir in diesem dröhnenden Nebel wahrgenommen werden wollen. Aber ich habe keine Idee, wie es gehen könnte…

      Liebe Grüße
      I.

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