»Volksparteien sind eine geniale Erfindung.« Ein Gespräch mit Lars Castellucci

Lars Castellucci und ich waren viele Jahre Kolleg/innen; unzählige Bürgerdialoge haben wir zusammen moderiert. Daneben hat sich Lars immer in der SPD engagiert. Den Beraterjob hat er 2013 gegen eine Professor für Nachhaltiges Management eingetauscht. Der SPD ist er treu geblieben. Heute sitzt er als Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises 277, Rhein-Neckar, im Deutschen Bundestag.

Wie erlebt er als Vertreter eines »altehrwürdigen« Partei die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in unserem Land? Wo sieht er die Chancen und Herausforderungen für unsere Demokratie und für das Modell »Volkspartei«? Um diese und andere Fragen dreht sich das heutige Montagsinterview. 

Vielen Dank, lieber Lars, für das gute Gespräch, mit dem ich allen einen ebensolchen Wochenstart wünsche.

Lars Castellucci von der SPD

1972 erreichte die SPD 45,8%. Wäre diesen Sonntag Bundestagswahl käme sie auf rund 22%. Auch die CDU verliert an Zustimmung. Gleichzeitig gewinnen die kleineren Parteien Stimmen. Das Modell „Volkspartei“ scheint an sein Ende zu kommen. Was bedeutet das für unsere Demokratie?

Volksparteien haben unserer Demokratie ganz schön gut getan. Ich bin selbst ganz bewusst in eine Volkspartei eingetreten. Ich dachte: da sammeln sich viele, mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlicher Herkunft, einigen sich auf etwas Gemeinsames und haben dann die Kraft, das auch umzusetzen. Eigentlich genial, müsste man heute wieder erfinden, wenn’s die noch nicht gäbe. Übrigens sind Volksparteien auch eine Chance für Nachhaltigkeit, weil von Anfang an viele unterschiedliche Perspektiven versammelt sind.

Die SPD ist im Bund zuletzt 1998, die CDU 2013 über die vierzig Prozent gesprungen. Auf Länderebene waren in den letzten zehn Jahren immer auch einmal absolute Mehrheiten möglich. Es wird schwieriger, aber ich glaube weiterhin an das Modell Volkspartei.

Wie erklärst du dir diese Erosion der Volksparteien?

Wenn ich in meine Ortsvereine hineinhöre, dann gab es früher Brandt, Wehner, Schmidt – und heute nicht. Natürlich ist eine Kriegsgeneration aus einem anderen Holz geschnitzt. Aber sind wir mal froh, dass wir meist in Frieden leben.

Ich greife einmal drei Antwortmöglichkeiten heraus:

  1. Die kurzfristigste und naheliegende: Große Koalitionen schaden. Deshalb bitte ich die Wählerinnen und Wähler, dass sie uns das 2017 ersparen.
  2. Dann gesellschaftlich: Der tiefgreifende Trend der Individualisierung und die Bildungsexpansion. Alle reden von Vielfalt, aber eigentlich lebt das außerhalb sehr eng umgrenzter Communities niemand. In den Volksparteien könnten wir sie miteinander einüben, aber Vielfalt strengt eben auch an. Da kämpfen manche lieber mit voller Kraft mit Gleichgesinnten für ein Ziel und übersehen, dass es auch Leute braucht, die das wieder zusammenbinden.
  3. Die Parteien sind auch selbst schuld. Wenn die SPD ihr eigenes organisationspolitisches Grundsatzprogramm leben würde, wären wir schon weiter. Eine „Anlaufstelle für Verbesserer“ wollen wir sein, steht da. Das wäre doch was!
 Interview mit Lars Castellucci

Was bedeutet das für die Volksparteien?

Sich immer wieder neu besinnen, zuhören, sich besser erklären und den eigenen Wert selbstbewusst vertreten. Man bleibt ja nicht Volkspartei, nur weil man mal als solche gegründet oder sich in eine hinein entwickelt hat. Man muss sich immer wieder neu besinnen, was Volkspartei sein heißt und vor allem, wie Volkspartei in der heutigen Zeit funktionieren kann.

Die Fragmentierung der Gesellschaft, also ihre Aufspaltung in viele einzelne (Kleinst-)Gruppen, die abnehmende Berührungspunkte haben, spiegelt sich auch in zahllosen Arbeitsgemeinschaften, Arbeitskreisen, Foren, Projekten, informellen Gruppen beispielsweise in der SPD. Das kann gut sein für die Fähigkeit, an gesellschaftliche Gruppen anzudocken, Fachexpertise zu bündeln oder ähnliches. Aber die Kernaufgabe ist es, diese „Fragmente“ immer wieder von neuem zusammenzuführen. Gerne wird diese Aufgabe bei Vorsitzenden abgeladen, die dann natürlich von allen Seiten kritisiert werden. Wie gesellschaftlich geht es auch innerparteilich um Integration und dafür müssen sich immer alle bewegen.


»In Volksparteien sammeln sich viele, mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlicher Herkunft, einigen sich auf etwas Gemeinsames und haben dann die Kraft, das auch umzusetzen. Eigentlich genial, müsste man heute wieder erfinden, wenn’s die noch nicht gäbe.«


Wie lässt sich mit dieser neuen Situation konstruktiv umgehen?

Ich warte nicht auf irgendwas oder irgendwen, sondern versuche selbst, Dinge zu ändern, auch zu experimentieren. Das wichtigste ist: an möglichst viele Menschen herankommen und die dann aber auch emotional erreichen. Mein Schwerpunkt liegt bei jungen Leuten. Die sind nämlich interessiert, finden nur den Zugang zu Politik nicht von selbst. Wenn ich Veranstaltungen mache, dann fast immer nur mit anderen Organisationen gemeinsam.

Spannend sind Wohnzimmergespräche: Ich gehe zu wildfremden Leuten, die ihre Bekannten dazu einladen und führe mit denen, so gut ich es hinbekomme, ein qualitätsvolles Gespräch – etwas, das es selbst in den Familien immer weniger gibt. Die Menschen wollen dann auch Ergebnisse sehen, deshalb musste ich lernen, von meinen Taten zu berichten (einige stehen auf meiner Homepage). Und sie müssen verstehen, dass sie nicht nur abladen, sondern selbst aktiv sein müssen, um zu höherer Zufriedenheit zu gelangen.

Selbst aktiv werden, hilt gegen Frust. Interview mit Lars Castellucci

Das Bedürfnis seinen „Frust einfach abzuladen“ scheint deutlich ausgeprägter zu sein als sich selbst konstruktiv einzubringen. Wie geht man damit als Politiker/in und als Partei um und motiviert bzw. aktiviert diese frustrierten Menschen?

Darauf habe ich überhaupt keine erschöpfenden Antworten. Zunächst ist es ja so, dass sich sehr viele sehr wohl engagieren. Also kümmere ich mich um die zuerst. Wenn mir Frust begegnet, versuche ich herauszufinden, was dahinter liegt. Häufig gibt es handfeste Gründe. Ich sage in Gesprächen aber auch immer, dass das beste Mittel gegen Frust nicht das Abladen, sondern das Aktiv-Werden ist. Manchmal gerät etwas in Bewegung, aber ich motiviere oder aktiviere nicht gezielt irgendwelche Frustrierten, denn ich brauche meine Kraft in erster Linie für mich selbst.

Populistische Parolen, Hassreden, Beschimpfungen – wie geht man damit um?

»Love it, change it or leave it.« »Ignore it«, ist kein gutes Rezept. Allerdings empfehle ich folgende Passage aus dem »Nachtzug nach Lissabon« von Pascal Mercier:

»Es sind keine Texte, Gregorius. Was die Leute sagen, sind keine Texte. Sie reden einfach. Es war lange her, dass Doxiades das zu ihm gesagt hatte. Es sei oft so unzusammenhängend und widersprüchlich, was die Leute sagten, hatte er ihm geklagt, und sie vergäßen das Gesagte so schnell. {…} Wenn man, wie er, Taxifahrer gewesen sei, in Griechenland und noch dazu inThessaloniki, dann wisse man – und man wisse es so sicher wie nur wenige Dinge -, dass man die Leute auf das, was sie sagten nicht festlegen könne. Oft redeten sie nur, um zu reden. Und nicht nur im Taxi. Sie beim Wort nehmen zu wollen – das sei etwas, dass nur einem Philologen einfallen könne, namentlich einem Altphililogen, der den ganzen Tag mit unverrückbaren Worten zu tun habe, mit Texten eben.«

Also auch nicht alles auf die Goldwaage legen. Zu verstehen suchen, was die Beweggründe für Äußerungen sind. Wenn jemand zum Beispiel provozieren will, braucht es auch immer einen, der sich provozieren lässt.

Parteien sind ein Ort, um Vielfalt einzuüben, sagtest du sinngemäß vorhin. Was genau können wir aus der Parteiarbeit fürs gesellschaftliche Miteinander lernen?

Einigermaßen zivile Klärung von Interessenkonflikten. Ich erzähle oft von meiner schlimmsten Sitzung. Dann lachen alle und denken an ihren Ortsverein oder ihre Fraktion. Quatsch! Es war eine Eigentümerversammlung von Wohneinheiten eines Wohnblocks. Totale Unfähigkeit, vor lauter Eigeninteressen auch nur ein ordentliches Gespräch {ausreden lassen, zuhören, klären} zu führen. Da lob ich mir alle Ortsvereinsvorsitzenden oder Parteitagspräsidien, die immer wieder neu versuchen, Sitzungen zu guten Ergebnissen zu führen.

Interessenausgleich und Zuhoeren. Darauf kommt es an. Interview mit Lars Castellucci

Fotos: Unsplash

1 Comment

  • 3 Jahren ago

    Ein aufschlussreiches Gespräch, auch mit aufmunternden Feststellungen eines Abgeordneten aus meiner alten Heimatregion.-
    Ich finde auch gut, dass du nicht locker lässt, Positionen aufzuzeigen, die sich dem momentanen Übermaß an „Selbstmitleid & Brutalität“ wie es Carolin Emcke ja gestern formuliert hat, entgegen stellen. Ich wünschte mir mehr davon in der Blogosphäre, die MIR zu viel auf Rückzug setzt.
    Danke dir!
    Astrid

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