#mimasheimaturlaub Teil II: Die Südheide. Zwischen Erinnerung und Neuanfang

Fünf Tage habe ich im September vergangenen Jahres in der Stadt meiner Jugend und Landschaft meiner Kindheit verbracht – nicht wie sonst üblich als Familienbesucherin, sondern auf Einladung der Celle Tourismus und Marketing und Lüneberger Heide. Mit den Augen einer Touristin bin ich durch vertraute Gefilde gewandert und habe sie neu sehen gelernt. Wie ich die Residenzstadt an der Aller plötzlich sah, habe ich bereits erzählt. Heute nun geht es um die Landschaft meiner Kindheit.

Ich bin in einem mittelgroßen Dorf am Rande der Lüneburger Heide aufgewachsen; ein Ort, den ich mit 15 Jahren verließ und irgendwann so gut wie vergessen hatte. Bis zum Frühsommer 1998. Da sollte er sich mit einer solchen Wucht in mein Bewusstsein katapultieren, die ich nicht mehr vergessen werde.

Ich steckte gerade mitten in den Abiturvorbereitungen und das Weltgeschehen zog ungesehen an mir vorüber. Damals gab es weder Facebook noch Twitter; und SPON war – gerade vier Jahre alt – noch nicht zum Leitmedium avanciert, so dass ich ohne Aufwand nichts mitbekommen konnte. Noch starke Raucherin brauchte ich dringend Nachschub und schlurfte gedankenverloren zum Kiosk nebenan. Der kleine Laden war voll; ich musste warten. Abwesend ließ ich meinen Blick über die Tageszeitungen schweifen – und plötzlich war ich hellwach! Das war doch der Garten meines Mitschülers H., in dem wir als Kinder gespielt und als Pubertierende einen auf Groß gemacht hatten. Und die Brücke, über die wir zur Kiesgrube fuhren, erst zum Kaulquappen-Fangen, später zum Heimlich-Rauchen. Mein erster Gedanke: Warum? Mein zweiter Gedanke: Schau hin! Und da sah ich: die Schienen, den Zug, den Pfeiler und begriff, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Erst jetzt las ich: ICE-Unfall. Mehr als 100 Tote. Ich muss anrufen, schoss es mir durch den Kopf und lief – ein Handy gehörte damals noch nicht zum Standardrepertoire – nach Hause. Am Telefon (Festnetz) eine Verwandtschaft unter Schock. Das ist mehr als 16 Jahre her. Doch vorbei ist es nicht. Das Unglück, das das Dorf auf so tragische Weise weltbekannt machte, spürt man noch heute.
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Von dort also komme ich: Eschede, dem 6000-Seelen-Dorf am südlichsten Rand der Lüneburger Heide. Ich habe gute und schlechte Erinnerungen daran. Zu den guten Erinnerungen zählen die stundenlangen Waldspaziergänge mit meiner Freundin S., wenn wir uns Geschichten von Mördern und Entführern erzählten und wohlig erschauerten. Oder die langen Schlittschuhfahrten auf den Aschauteichen, die mit roten Nasen und kältekribbelnden Füßen vorm Kamin endeten – das war fast ein bisschen Bullerbü. Auch an die Abende des Vereins Randlage Eschede, der Kulturgrößen wie George Tabori, Wolf Biermann oder Helge Schneider in diesen abgelegenen Ort holte, erinnere ich mich gern. Sie brachten einen Hauch von Weite in das Dorfgeflecht, durch das ich so manches Mal lieber ungesehen hindurchgefallen als kritisch beäugt aufgefangen worden wäre.

Nur wenige Kilometer von dort entfernt sollte ich nun also zweieinhalb Tage Urlaub machen. Hätte man mir das vor einem Jahr erzählt, ich hätte es nicht geglaubt. Mit einem nigelnagelneuen, umweltschonenden Elektro-Mietwagen fuhr ich die altvertraute Strecke von Celle nach Eschede und weiter Richtung Hermannsburg. Wir waren – einfach, aber heimelig und gänzlich ohne Internet – im so genannten Naturotel Alte Fuhrmannsschänke untergebracht. An das alte Gasthaus an der ehemaligen Salzstraße von Lübeck nach Basel erinnerte ich mich noch gut. Wie oft bin ich dort gewesen. Im Sommer fuhren wir mit dem Rad, im Winter mit dem Schlitten. Mein Vater – das würde ihn heute sicher Kopf und Kragen und viel Geld kosten, aber damals war’s einfach nur ein Heidenspaß – zog uns mit dem Auto durch den Winterwald. Wir jauchzen, wenn er plötzlich beschleunigte und wir im hohen Bogen in den tiefen Schnee flogen. So kamen wir sommers hitzeerschöpft und winters schneeverfroren in der Alten Fuhrmannsschänke an, hungrig und durstig und ungeduldig.

Nichts dergleichen verspürte ich dieses Mal. Nur ein wenig Unruhe, ob des Elektrotanks. Würde die Batterie bis zum Ende des Urlaubs reichen? In der ländlichen Abgeschiedenheit der südlichen Heide gibt es nämlich (noch) keine Ladestation. Sie hat gereicht – soviel sei vorweggenommen. Aber diese leichte Unruhe ließ mich bis zum letzten Tag nicht los. Elektro-Auto-Fahren will gelernt sein.

Unser Programm für die Südheide war dicht. Kaum hatten wir unsere Koffer abgestellt, ging es weiter. Eigentlich war eine Radtour geplant, denn Radfahren kann man in dieser flachen Gegend besonders gut. Das war schon früher so; aber im Sommer vergangenen Jahres wurde die Region Celle nun auch offiziell zur fahrradfreundlichsten Region im Radtourismus ausgezeichnet. Zehn Themenradtouren durch den Naturpark stehen zur Auswahl. Zwei hatten wir in Betracht gezogen. Die Räder standen schon bereit (der Fahrradverleiher hat sie uns gebracht!), doch es kam anders. Statt zu den Gauß’schen Vermessungspunkten (Tour 3) oder durch Heide, Wald und Örtzetal (Tour 4) zu radeln, erkundeten wir zu Fuß die nähere Umgebung: schier unendliche Wälder unterbrochen von offenen Heideflächen, kleinen Seen, Gewässern und Pferdekoppeln, auf denen die edelsten Kaltblüter weideten. Unweit des Naturotels liegt der Reiterhof Severloh – ein Traum für pferdeverliebte Mädchen, wie überhaupt die ganze Südheide ein Paradies für Pferdenarren ist und für uns die Rettung des Tages war.

Am zweiten Tag konnten wir unser Programm erfolgreich absolvieren. Auf der Agenda stand ein Besuch in Müden mit geführtem Ortsrundgang und eine Wanderung auf dem Heidschnuckenweg durch den Wacholderwald. Auch das berühmte Heidedorf hatte ich schon früher dann und wann besucht, doch die wirklich spannenden Geschichten erfuhr ich erst jetzt. Fast drei Stunden verbrachten wir mit unserer Fremdenführerin in dem 2.200-Einwohnerdorf. Sie erzählte uns die Geschichte der Wassermühle, zeigte uns die St. Laurentius Kirche und den Alten Friedhof, übersetzte uns Worte aus dem Heidjer Platt und lud uns zur Falkenschau in den kleinen Wildpark ein. Zum Abschluss führte sie uns zum ältesten Anwesen des Dorfes.

Der erstmals im 11. Jahrhundert erwähnte Müllern Hof gehört der Familie Springhorn, die den einstigen Landwirtschaftsbetrieb in einen Ferien- und Ausflugsort mit Hofläden, ScheunenbäckereiBauerncafé verwandelt hat. Für ihre Torten hat Frau Springhorn schon so manchen Titel abgeräumt. Zu Recht! Ganz neu hat – was mein Designherz höher schlagen ließ – der Müllernkontor auf dem Hof eröffnet. Sohn Lüder und seine Frau Maren Schmitz beschlossen nach dem Designstudium in Münster ein eigenes Unternehmen zu gründen und zogen kurzerhand zurück aufs Land. In frischer Luft entwerfen sie hier eigene Möbel und Wohnaccessoires. Dabei verbinden der gelernte Metallbaumeister und die ausgebildete Tischlerin nicht nur neue Fertigungstechniken mit traditionellem Handwerk, sondern auch klassischen Minimalismus mit postmoderner Ironie. Ob Mörser, Vase, Hocker oder Feuerschale – all ihren Produkten sitzt ein kleiner Schalk im Nacken.

Fotos: Müllernkontor

Mit gut gefülltem Magen und informationsvollem Kopf spazierten wir anschließend durch den Wacholderwald, der zum nördlichsten Zipfel des Naturparks Südheide führt. Er gilt als einer der schönsten seiner Art und animierte mich zu Spuk- und Schauergeschichten von im Moor versinkenden Kindern, von Geistern und Gespenstern. In der Region gibt es diverse Moorgebiete, um die sich allerlei Legenden ranken. Meine Eltern gaben sie früher gern zum Besten, wenn wir Kinder wanderunlustig wurden. Jetzt halfen sie Ma’s zwischenzeitliches Tief zu überwinden.

Für den dritten und letzten Tag in der Südheide stand ein Treffen mit einem Schäfer und seiner Heidschnuckenherde an, was leider nicht stattfinden konnte. Wir werden es beim nächsten Mal nachholen. Ja, beim nächsten Mal. Denn ich kann mir tatsächlich vorstellen, noch einmal Urlaub in der Landschaft meiner Kindheit zu machen, die auch jenseits meiner Erinnerungen vieles zu bieten hat.

Heidschnucken in der Südheide | Foto via Wikipedia: Hajuttho

REISETIPPS + INFOS ZUM URLAUB IN DER SÜDHEIDE                                                          

Unterkünfte + Restaurants*
Alte Fuhrmannsschänke bei Oldendorf
+ Pension Zur Heidehexe in Oberohe
Niemeyers Romantik Posthotel in Müden
Kiek In Hotel im Wiesengrund in Hermannsburg
Ferienwohnungen auf dem Müllern Hof in Müden

*Die genannten Hotels führen allesamt ein eigenes Restaurant.

Café
+ Bauerncafé Ole Müllern Schün in Müden

Rad- + Wandertouren

10 Radtouren durch die Lüneburger Heide
23 Wander-Thementouren
+ Fernwanderweg Heidschnuckenweg
geführte Touren durch die Lüneburger Heide (Rad + Wandern)

Fahrrad- + Autoverleih
Elektro-Autovermietung in Celle
Fahrradverleih in Hermannsburg

Sonstiges
Urlaubsportal Region Celle mit allen relevanten Infos rund um den Urlaub in der Südheide
Naturpark-Informationszentrum im Bahnhof Eschede

Dieser Beitrag wurde in Kooperation mit Celle Tourismus und Marketing und Lüneberger Heide erstellt.                                 

1 Comment

  • Anne
    4 Jahren ago

    Danke für den sehr persönlichen Blick! Schön scheint es dort zu sein, wo Du herkommst. Komischerweise weiß ich auch noch sehr genau, was ich am Tag dieser Katastrophe gemacht habe. Sie ist mir als Medienereignis in Erinnerung geblieben und ich habe damals entschieden, daß das Tempo einer ganz normalen Tageszeitung für mich ausreichend ist. Und ja, wenn ich Eschede lese, dann ist dieser Tag damals das erste, woran ich denke. Wahrscheinlich käme ich von selbst nicht auf den Gedanken, dort Urlaub zu machen. Der Mensch ist komisch. Nun wären da natürlich ein paar Gründe (siehe oben). 🙂

    Liebe Grüße,
    Anne

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