Mein wichtigster Ansatz lautet: »Aufhören!« | Im Gespräch mit Julia Späth {Illustratorin & Coach}

9. Oktober 2017

Es war Freitag und außer Kirsten kannte ich niemanden. Saralisa Volm und Mirna Funk lasen zum Abschluss ihre »Geister-Geschichten« und ich wollte schon gehen, doch etwas hielt mich auf. Eine Eingebung vielleicht oder die Neugier. Jedenfalls war ich plötzlich eine der Letzten, und das sollte sich als großes Glück erweisen, denn sonst wäre ich Julia Späth womöglich nie begegnet. Ich mochte sie auf Anhieb. Alles was sie tat, tat sie mit Leidenschaft – ganz gleich ob sie rauchte, aß oder trank oder erzählte.

Wir waren fünf Frauen; unsere Gespräche kreisten um die bevorstehenden Wahlen, um unsere damit verbundenen Sorgen und Hoffnungen und um unsere Jobs. Julia fragte, was ich arbeite, hörte zu und wunderte sich: Jeder »Typ« hätte sein Tun zur Heldentat stilisiert, ich dagegen würde mit »weiblicher Diskretion« glänzen. Ich fühlte mich ertappt, und das sollte nicht das letzte Mal an jenem Abend sein.

Die studierte Illustratorin und systemische Coach arbeitet unter anderem mit der Physiognomik, was mich zunächst irritierte, doch was sie anhand meines Aussehens über mich zu sagen wusste, finde ich immer noch frappierend – nicht nur weil so vieles so gut traf, sondern auch oder vor allem weil in ihrem Blick so viel Liebe mitschwang.


Anmerkung: Die Physiognomik als Versuch, aus der äußeren Erscheinung von Menschen auf ihren Charakter oder ihr Temperament zu schließen, ist als Ansatz sehr umstritten und hat eine schlimme Vergangenheit: Rassentheoretisch gewendet kam er im Nationalsozialismus in barbarischer Weise zur Anwendung


Wie sie mit diesem schwierigen Ansatz arbeitet und welche Methoden sie außerdem anwendet, wie sie von der Illustration zum Coaching kam und wo die Schnittstellen zwischen den beiden Disziplinen liegen – um das und mehr geht es im heutigen Interview, mit dem ich euch einen guten Start in die zweite Oktoberwoche wünsche – und für das ich dir, liebe Julia, ganz herzlich danke.

Julia Spaeth beim Grpahic Recording

Du bist studierte Illustratorin und als Business und Personal Coach tätig. Wie kam es dazu?

Menschen, Geschichten und Bilder begeistern mich seit jeher. Als ich die Schule beendete, hatte ich keine Ahnung, was ich damit später machen kann. Ich wollte erstmal ein soziales Jahr machen, was nicht geklappt hat. Dafür hat mir eine der Damen im Büro dort gesagt: »Ich höre die ganze Zeit Kunst-LK, Ethik und Psychologie – informieren Sie sich doch mal über Kunsttherapie.«

Das habe ich getan und noch während meines Abiturs eine 1-jährige Ausbildung begonnen. Die vollständige Ausbildung zur Kunsttherapeutin habe ich nicht gemacht, da ich mich nicht bereit fühlte, mit 24 als Therapeutin zu arbeiten.

Stattdessen nahm mich eine Freundin mit zur Mappenschau an die Armgartstrasse, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Ich hatte vorher noch nie von dem Studiengang Illustration und Kommunikationsdesign gehört. Als ich in die Aula kam und langsam durch die Gänge mit den präsentierten Mappen spazierte, fühlte ich mich sofort am richtigen Platz. Tagsüber arbeitete ich als Betreuerin in einem Betriebskindergarten und abends besuchte ich Kunst-Kurse, um mich auf meine Mappe vorzubereiten.

Die Bewerbung klappte. Im Studium lernte ich einerseits mein Handwerk und viel über kreative Prozesse, andererseits parallel viel über menschliche Geschichten, Entwicklungen und Heilung. An den Wochenenden arbeitete ich als Tattoo-Zeichnerin in Diskos und Clubs, tagsüber in einer Schmerztherapie-Praxis, wo ich die hilfreiche Wirkung von Kinesiologie, Akupunktur und Entspannungstechniken erlebte.

Meine Diplomarbeit sollte ein Magazin werden mit hübschen Illustrationen und Artikeln. Daraus wurde nichts, denn ich konnte den Beitrag über die Essstörung meiner Freundin einfach nicht beenden. Dieses Thema beschäftigte mich mehr als alles andere. Ich recherchierte, las was mir in die Hände fiel und löcherte jeden Menschen, der irgendetwas darüber wusste. Es war 1999, es gab noch keine Google-Suchmaschine. Informationen beschaffen war eine Vollzeitbeschäftigung.

Schließlich sprach ich mit meinem Professor Rüdiger Stoye. Er bat seine Frau hinzu, sie war Therapeutin auf diesem Gebiet. Evelina Stoye hat mich fachlich begleitet und später auch das Vorwort geschrieben zu meiner Diplomarbeit mit dem Titel: »Freundschaft in Not – Aufzeichnungen über Magersucht. Beobachtungen einer Freundin.« Meine Erfahrungen und mein Wissen verarbeitete ich in dieser gezeichneten Bilder-Geschichte. So kam in einem Buch zusammen, was für mich immer schon eins war: Menschsein, Entwicklung, Kreativität, Bilder.

Seit 2003 arbeite ich selbstständig als Illustratorin für Agenturen, Verlage und Firmen. Das Leben als selbstständige Kreative erfordert Fähigkeiten, die ich weder von Zuhause mitbekommen noch in der Uni gelernt hatte. Frank Berzbach hat darüber ein wunderbares Buch geschrieben: »Die Kunst ein kreatives Leben zu führen«. Es beginnt mit zwei Zitaten:

»Ich sitze im Segelboot und rudere.«

Pierro Ferrucci

»Wie kann ich vom Ruderer zum Segler werden, …?«

Niklaus Brantschen

Diese Frage traf mich tief und ich machte mich auf, um Antworten zu finden.

Und wie wurdest du Personal Coach?

Kurze Zeit später besuchte ich den Vortrag einer Frau, die von Gesichtsformen, Ausdruckszonen und Naturellen sprach. Sie erzählte etwas von Leberausdruckszone und »wenn die Leber überfordert ist, z.B. durch Drogen, aber auch schon durch schweres Essen, dann sehen wir in diesem Bereich eine Schwellung«. Ihren Vortrag beendete sie mit der Frage, ob jemand im Publikum gut zeichnen könne, sie benötige aktuelle Illustrationen. So kamen wir zusammen. Ich zeichnete für Eva Dahle Naturelle, Kopfformen und Blickqualitäten und lernte die Kunst der Physiognomik.

Eva Dahle
© Eva Dahle

Diese Ausbildung war der Beginn meiner großen Leidenschaft: Alles in mir sehnte sich nach Lernen. Ein vorläufiger Höhepunkt ist die Ausbildung zum Business und Personal Coach an der Coaching Akademie in Berlin Mitte. Hier habe ich wichtige Methoden vermittelt bekommen und intensiv mit Kolleg/innen und Probeklient/innen gearbeitet. Ich fühlte mich wie ein Fisch, der ins Wasser gelassen wird – ich durfte endlich tun, was ich immer schon liebte.

Es folgten viele intensive Workshops und Seminare zu ganz unterschiedlichen Themen, die sowohl meine kreativen als auch meine Coaching-Fähigkeiten erweiterten, u.a. Live-Zeichnen (Graphic Recording/Facilitating), Emotionale Intelligenz, Artbased Coaching, Team Building, Heil-Reisen, Arbeit mit dem Inneren Kind, Yoga, Feldenkreis, Tierkommunikation.

Seit zwei Jahre arbeite ich als Knowledge-Worker für Capgemini, eine internationale IT-Unternehmensberatung. Im ASE-Center Berlin (Accelerated Solution Environment – Lösungen voranbringende Umgebung) lernte ich von der Pike auf die Betreuung der ASE-Events, eine besonders intensive Form der Organisationsentwicklung. Seitdem bin ich auch mit Change-Management, Digitalisierung, KPIs, IT-Business-English, Skype-Konferenzen, haare-raufenden Geschäftsführer/innen, Data Lakes, Keywords und Roadmaps vertraut.

Als systemischer Coach fließen jetzt Methoden und kreative Prozesse, innere und äußere Bilder zusammen. Ich wähle aus einem reichen Repertoire für jedes Anliegen und jede Fragestellung.

Ich verfüge heute über eigene Erfahrungen als Selbstständige, als Kreative und als erwachsene Frau. Sich plötzlich verändernde Lebensentwürfe, die Herausforderungen zwischenmenschlicher Beziehungen, Erfolge und Scheitern habe ich bewusst erlebt, genauso wie die Entstehung von Neuem und die erfüllende Entwicklung in allen Bereichen. Die Entscheidung, erst jetzt als Coach zu arbeiten, hat sich für mich als gut und richtig erwiesen.

zeichnung-voegel Julia Spaeth

Wie verstehst du die Kunst des Illustrierens?

Illustrieren bedeutet im ursprünglichen Wortsinn »erleuchten/ erhellen« und auch »ans Licht bringen/ aufdecken/ offenbaren«. Bilder erweitern Inhalt und Kontext um einen Faktor, der vorher unbekannt oder unsichtbar war. Und dies passiert oft ebenfalls unbewusst.

Bilder enthalten unendliche Informationen. Sie können nur schwer zusammengefasst werden, da ein Bild oder ein Kunstwerk in jedem Menschen Unterschiedliches auslöst. Der eine liebt es, der andere findet es schrecklich, wieder andere interessiert es nicht weiter. Nicht nur die Illustration, auch die Freien Künste, Tanz, Installationen erschaffen ganze Welten in den Menschen, die sie erleben.

Wen und wie coachst du wohin?

Meine Klient/innen wollen Verbesserungen für sich finden und sind neugierig. Der Wunsch nach Veränderung im Beruf liegt dabei vorn. Aber auch »Der/die Kolleg/in nervt«, »Ich würde gerne öfter kreativ sein, finde aber keine Zeit dafür«, »Ich fühle mich ständig gestresst« und »Es muss sich etwas ändern!« waren schon Anliegen, mit denen jemand zu mir kam.

Die Basis meiner Arbeit ist das »Nichtwissen der Lösung«. Wer mir sein Anliegen schildert, hat ja oft schon Wochen oder Monate mit dem Thema verbracht, mit Freunden darüber gesprochen, hin- und herüberlegt, dies und das ausprobiert. Ich helfe dann dabei, etwas zu entdecken, das bisher noch unbekannt war, etwas Neues zu erleben, wodurch die Lösung sich dann oft ganz leicht zeigen kann.

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Sie ist das Ergebnis komplexer Prägungen, Glaubenssätze und Werte. Ich schaffe im Coaching eine Umgebung mit Fragen und Interventionen (Übungen), die dem/der Klient/in ermöglicht, neue Informationen über sich selbst und das Thema zu gewinnen.

Es ist manchmal hilfreich, den engen Gedankenkäfig ein wenig zu öffnen, um frische Luft hinein zu lassen. Ist die Türe offen, bin ich frei hinauszutreten. Dort oben habe ich einen besseren Überblick und es fällt mir leichter herauszufinden, wo es genau hingehen soll. Es geht darum herauszufinden, was ich wirklich möchte und wie ich es für mich umsetzen kann.

Genau diesen Moment zeigt der Name »Freiflug« und mein Logo: Ein Vogel sitzt auf der offenen Türe seines Käfigs und schaut in die Weite. Er kann losfliegen, wieder zurück klettern, einfach mal sitzen bleiben, singen oder nachdenken – er ist frei.

Julia Späth Coaching 2

Manchmal wird dadurch ein Problem im Nachhinein fast dankbar betrachtet. Einmal kam ein Mann mit einem beruflichen Anliegen zu mir. »So ginge es wirklich nicht weiter… der Kollege müsse endlich mal was merken… immer dieser Stress!«

Am Ende der Stunde lächelte er und atmete tief durch: »Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so sehr nach Ruhe sehne. Im Büro bin ich nämlich sehr souverän, wenn ich entspannt bin. Das Thema mit dem Kollegen, weshalb ich hergekommen bin, ist gar kein Problem, merke ich gerade. Ich muss wirklich für mehr Ruhe sorgen um mich zu entspannen. Und wissen Sie was? Ich habe große Lust herauszufinden, was mir am besten hilft.«

Wo siehst du Schnittstellen und/oder Parallelen zwischen Coaching und Illustration?

Kunst im weitesten Sinne schafft Raum, um über Gedanken und Gefühle mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Systemisches Coaching erschafft ebenfalls einen Raum, in dem ich mit mir in Kontakt komme, z.B. über offene Fragen und eine passende Intervention. So kann ich mich in geschütztem Rahmen auf neue Erfahrungen einlassen, die sonst durch alte Muster verhindert werden.

Indem ich den Kontakt mit mir selbst zulasse, geschieht vieles ganz von selbst. Mein wichtigster Ansatz lautet: »Aufhören!« Im Sinne von Aufhören mit dem, was mich ununterbrochen unter Druck setzt und stresst. Das können Glaubenssätze sein, Gefühle oder Tätigkeiten, die uns davon abhalten, wir selbst zu werden und zu verwirklichen, was wirklich wichtig ist.

Und auch Aufhören im Sinne von »nach oben hören«. Denn sobald wir in Kontakt mit uns selbst sind, bekommen wir wichtige Informationen und sehr viel Kraft. Im Coaching genau wie im kreativen Prozess, z.B. beim Malen, entstehen die wirklich erfolgreichen, wirklich lebendigen und wichtigen Ergebnisse ganz leicht und scheinbar wie von selbst. Oft musste sich dafür nur etwas lösen.

Es kommt dagegen sehr selten vor, dass jemand erfolgreich wird, weil er oder sie »sich endlich mal zusammenreißt« und »sich mehr anstrengt«.

Was bisher nicht gut funktioniert hat, wird auch nicht besser, wenn wir uns darin mehr anstrengen – es wird besser, wenn wir etwas anderes probieren. Und zwar etwas, was besser passt, leichter fällt und weniger stresst.

Eine deutliche Schnittstelle ist das sogenannte Visual Facilitating, die visuelle Begleitung. Hier zeichne ich als Coach das Thema des Klienten auf. So entsteht eine Dissoziation: Jemand sieht außen, was sie/er innen erlebt. Liegt das Thema außerhalb, kann man leichter damit umgehen. Ich bin nicht mehr mit dem Stress identifiziert – ich bin nicht mehr der Stress oder das unangenehme Gefühl.

Erst ergibt sich ein guter Überblick und dann kann ein neuer Umgang mit der Situation gefunden werden. Lösungen lassen sich so oft sehr leicht erkennen. Ein Beispiel: Eine Klientin benannte die Situation, die ihr Stress bereitete. Ich zeichnete die beteiligten Personen auf, die Sache um die es ging und eine Uhr für die begrenzte Zeit.

Sie sah sich das Bild lange an. Dann sagte sie: »Die Uhr da stört mich am meisten!« Ich fragte sie also: »Was soll ich zeichnen?« Sie wies mich an, einen Kasten um die Uhr zu zeichnen, damit diese nicht mehr soviel Macht auf die Situation hatte. Mit der Uhr im Kasten kamen in ihr viele Bilder hoch und zunehmend Erleichterung, sie lachte und rief: »Jetzt ist mal die Zeit im Schwitzkasten! Sehr gut!«

Beim Live-Zeichnen kann diese Ebene entstehen, wenn plötzlich Konflikte sichtbar werden, die zwar im Raum schweben aber unausgesprochen bleiben (sollen). Über die Bilder kann man sich dem Thema nähern, ohne jemandem auf die Füße zu treten.

Jeder Prozess, besonders der kreative, zeigt uns die Komplexität menschlichen Lebens. Am Anfang steht oft die Angst zu versagen, Ansprüche und Zweifel hemmen einen, Vergleiche mit anderen führen zu Unsicherheit. Aber dann erleben wir auch Mut, Beharrlichkeit und Vertrauen. Den Prozess abzuschließen und das Werk in die Welt zu entlassen, eröffnet die Möglichkeit, verstanden und gesehen zu werden. Das führt zu Wachstum und Reife. Denn ein Prozess beschreibt immer das eigene Streben nach etwas, was wir wissen und erfahren wollen. Jedes System möchte sich entwickeln und erschaffen, auch ohne Antrieb von außen.

Konkret zusammen kommen Illustration und Coaching auch im »Kunstbasierten Coaching«. Hier werden Menschen im Business Kontext mit kreativen Prozessen und Werken in Verbindung gebracht. Es können Gedichte, Bilder oder Impro-Szenen angewendet werden. Sobald sich jemand mit Kunst beschäftigt, wird ein Feuerwerk an Hirn- und Herzleistung in Gang gebracht. Ganz natürlich und leicht. Diese Erfahrungen bereichern Teams und Projekte in oft neuer und erfüllender Weise.

Malen und Heilen waren immer Teil der Menschheit, es sind archaische Tätigkeiten. Bis heute wirken sie und sind sichtbar – von der Höhlenmalerei bis zum Smiley, von heilenden Ritualen bis zum klärenden Team-Coaching.

JuliaSpaeth-Malen03

Wie nutzt du diese Parallelen/Schnittstellen in deiner jeweiligen Arbeit?

Es ist sowohl im kreativen Bereich als auch im Coaching sehr hilfreich, um Prozesse zu wissen. Auf Zögern folgt manchmal Ungeduld, auf Zweifel mal Aktionismus, eingefahrene Muster zu durchbrechen und etwas Neues zu versuchen scheint an vielen Stellen undenkbar. Stress entsteht, Ängste tauchen auf. Dann ist da aber auch sehr viel Neugier und Freude. So wachsen wir an jedem kreativen Prozess und durch jedes Problem und es bildet sich Vertrauen, mit dem man den nächsten Schritt nach vorn leichter gehen kann.

In meinen kreativen Prozessen bin ich gelassener geworden, ich traue mir viel mehr zu. Statt Zweifel sind da jetzt Neugier und Vertrauen. Das Coaching hat mir gezeigt, dass sich wichtige Situationen oft eigenständig entwickeln. Denn mir geht es darum, Neues auszuprobieren, Stimmungen aufzunehmen und etwas zu wagen, das vorher noch nicht da war.

Das ist gar nicht so leicht. Das Neue trägt nämlich nicht nur den Zauber des Anfangs in sich, sondern bringt oft Unsicherheit, Angst und Wut hoch. Weil wir es nicht kennen. Es ist fremd. Wir müssen uns darauf einlassen und es entdecken und kennenlernen. Und das bedeutet manchmal auch, dass wir uns vom Alten, Bekannten entfernen. Offen zu bleiben für Veränderungen ist ein wichtiges Thema unserer Zeit.

Was sagt die Physiognomie eines Menschen über die Person aus?

Die Physiognomik ist der Versuch, von der äußeren Form und Beschaffenheit auf innere Vorgänge, Bedürfnisse und Fähigkeiten zu schließen. Für mich ist die Kunst bei diesem Wissen nicht nur mit den Augen hinzusehen – sondern gleichzeitig zu fühlen. Es gibt fast 300 Ausdrucksareale, die alle miteinander in Verbindung stehen.

Wir sehen ja oft nicht mehr bewusst hin. Wir vertrauen unserer Wahrnehmung nicht, unserer Intuition, auf den ersten Eindruck wenn wir jemanden kennenlernen.

Zusammengefasst wirken vorrangig drei Energien, die in jedem Körper unterschiedlich vorhanden sind:

  1. Die dynamische Energie sehen wir bei Menschen, die groß und kräftig sind mit sichtbarer Muskulatur und Sehnen,
  2. die ökonomische Energie zeigt sich in mittlerer Größe, Rumpfbetonung und weichem Gewebe; und
  3. die sensible Energie zeigt sich in kleinem Körper und feinen Gliedern.

Das ist natürlich stark vereinfacht. Menschen mit dynamischer Energie sollten sich während des Coachings bewegen könnten. Ich achte dann darauf, dass sie selbst ans Flipchart können und während sie denken frei im Raum herumgehen können. Das ist nicht immer nötig aber manchmal macht eben genau das den Unterschied. Bei den ökonomischen Naturellen sorge ich für Ruhe und wenigstens ein warmes Getränk. Und für die sensiblen ist es wichtig, Abstand zu halten, damit sie sich gut auf sich selbst konzentrieren können, da sie atmosphärisch abhängig sind und alles mitkriegen.

Wie arbeitest du mit dem Äußerlichen im Coaching?

Meine Arbeit mit dem Äußerlichen steht tief im Dienst des einzelnen Menschen.

Ich achte darauf, dass ich einen sachlichen Menschen nicht mit fantasievollen Imaginationen überfrachte, sondern wähle – was die meisten Menschen ohnehin intuitiv tun – eher eine entsprechende Intervention. Einen besonders feinen Menschen, der über Stress klagt, frage ich einfach, wie genau für Ruhe und Erholung gesorgt wird. Und wenn mir ein Merkmal besonders ins Auge springt, dann zeigt sich das in der Regel ganz von selbst als Thema.

Im Coaching achte ich auf die Energie, mit der jemand zu mir kommt. Ist sie/er nervös? Bemerke ich Anspannung, Druck, Trauer und Verzweiflung? Das tun aber andere einigermaßen feinfühligen Menschen auch.

Die Physiognomik war sehr wichtig für mich, sie ist ein wesentlicher Teil meiner Selbsterkenntnis. Mir war z.B. aufgefallen, dass ich nach sportlicher Betätigung oft Hungeranfälle bekam und mich am liebsten ins Bett gelegt hätte – während Freund/innen nach dem Sport vor Kraft strotzten und strahlten und erst Stunden später Hunger hatten. Dann erfuhr ich, dass mein großes Bedürfnis nach Ruhe und warmem Essen ganz meinem Naturell entspricht und seit ich mich darauf einlasse, fällt es mir leicht, sogar nach großem Stress schnell zu entspannen.

So stelle ich für meine Klient/innen sicher, dass sie sich einem aufgeräumten Coach anvertrauen. Ich weiß um meine Bedürfnisse und Fähigkeiten und habe es selbst erlebt, welchen Unterschied es macht, genau angesehen zu werden und damit auch erkannt zu werden.

Indre Zetzsche fotografiert von Annegret Hultsch
Indre (c) Annegret Hultsch

Wenn du dich an meine Erscheinungsform erinnerst: Welcher Typ bin ich, was täte mir gut und was sollte ich besser bleiben lassen oder wenigstens weniger tun?

Du bist ein feiner und zarter Mensch. Damit gehörst Du dem sensiblen Naturell an, das heißt, dass Du Dich theoretisch verwirklichst: denken, fühlen und Informationen verarbeiten fällt Dir leicht. Da bist Du in Deinem Naturell, wie man so schön sagt. Eine Umgebung, die laut und grob ist, wird schnell als belastend empfunden. Du nimmst atmosphärisch sehr viel wahr: Dem da drüben geht es irgendwie nicht so gut, die da ist heute ziemlich hibbelig, die Hitze vom Computer stahlt unangenehm, der Hund dort ist gestresst, vielleicht muss er mal raus… Dir entgeht nichts.

Deine Augen erinnere ich als groß und rund – wir nennen das kulturbedürftige Augen. Goethe hatte diese Augen. Große runde Augen wundern sich, können sich wundern, jeden Tag, über Kleinigkeiten und große Ereignisse – die andere gar nicht bemerken.

Wenn Haare so lockig und fein sind wie Deine, dann steckt darunter oft ein kreativer Mensch. Die wollen etwas erschaffen, ihrer Gefühlswelt Ausdruck verleihen, in Worten, Bildern oder/und Musik.

Menschen, die feine Haut haben, feine Haare und solche aufnehmenden Augen tun gut daran, sich ein Umfeld zu schaffen, dass ihre sensible Wahrnehmung akzeptiert – optimal sogar schätzt und sogar braucht. Wer allerdings ständig soviel wahrnimmt und mitkriegt, muss unbedingt auf Ruhe achten. Damit das Nervenkostüm auch mal auslüften und die innere Spannung sich lösen kann.

Das passiert ganz von selbst, wenn wir uns in sicherer Umgebung befinden, manchmal mit Menschen, die wir mögen, vor allem aber allein. Alleinsein und Ruhe werden dringend benötigt um zu entspannen – leider hat ruhiges Alleinsein im Moment ein schlechtes Image. Also hängen wir, um uns nicht abgehängt zu fühlen, an allerlei Geräten und chatten und surfen was der Akku hergibt. Es kann nicht oft genug betont werden, wie wichtig Zeit allein und in Ruhe für das ganze System Mensch bedeutet.

Julia Spaeth mit Hund
Sorge für angenehme, feine und sichere Umgebung und tue darin nichts. Und alles ist getan. – Im Daoismus heißt das »Wu Wei« und meint das Nichthandeln im Sinne von »Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns«

Wie und wo findet man dich, wenn man sich von dir coachen lassen möchte?

Auf www.freiflug.coaching-spaeth.de stehen noch ein paar Informationen zu meiner Arbeit und über hallo@freiflug.coaching-spaeth.de kann man mich bequem per Mail erreichen.

Alle nicht gekennzeichneten Bilder © Julia Späth

3 Comments

  • Franziska
    7 Jahren ago

    Liebe Indre,

    so gern ich deine vielseitigen, wunderbaren Beiträge lese, so kritisch muss ich hier nun mal einhaken. Die Physiognomik hat eine lange und teilweise grausame Historie (siehe Rassentheorie und Eugenik) und ich finde es erschreckend, dass sie als „Coaching Methode“ eingesetzt wird und hier eine so unreflektierte Plattform findet. Der Wunsch des Menschen nach eindeutigen und einfach zu klassifizierenden physischen Korrelaten für psychische Schwächen oder Stärken ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst und lässt sich scheinbar trotz unzähliger fundierter wissenschaftlicher Untersuchungen, die keinen aussagekräftigen Zusammenhang finden konnten, nicht aus der Welt schaffen. Ich halte es als Psychologin und als Person, die an die Veränderungs- und Gestaltungsfähigkeit eines jeden Individuums glaubt, für fatal, bestimmte Charakterzüge oder -eigenschaften oder auch nur Interessen an körperliche Merkmale zu knüpfen. Ich stimme vollkommen damit überein, dass wir Menschen immer als Ganzes wahrnehmen und gut damit beraten sind, auch sehr sensibel auf den körperlichen Ausdruck unseres Gegenübers einzugehen. Auch ist mir bewusst, dass hier nur Platz für eine vereinfachte Darstellung der Methode war, aber dass nun zB lockiges Haar oder runde Augen dieses oder jenes über einen Menschen sagen, empfinde ich als den Menschen in seinen Fähigkeiten begrenzend und – wie die Geschichte gezeigt hat – auch als gefährlich und vor allem als unhaltbar.

    Herzlich
    Franziska.

    • M i MA
      7 Jahren ago

      Liebe Franziska,

      danke für deine kritischen Worte, die ich sehr gut nachvollziehen kann. In der Tat hätte ich etwas zum Thema schreiben und die Physiognomie in ihren problematischen Kontext einbetten sollen. Ich habe es unterlassen, weil mir Julias Umgang mit dem „Ansatz“ sehr acht- und sorgsam erscheint. Nichtsdestoweniger werde ich wohl doch noch eine Anmerkung ergänzen.

      LG Indre

      • Franziska
        7 Jahren ago

        Liebe Indre,

        eine achtsame Herangehensweise seitens J. Späths leuchtet durch den Text, ja. Dennoch handelt es sich um eine höchst umstrittene Methode, daher Danke für die Ergänzung.

        LG Franziska.

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