Mein virtuelles Museum | von Hazel Rosenstrauch

Kürzlich war ich mal wieder auf einer Tagung. Viele wichtige Menschen, zu viele. Sechs Personen pro Podium und eine Gruppe nach der anderen bedeutet, jeder verlautbart seine Ansicht und es bleibt keine Zeit, um miteinander zu sprechen. Einander zuhören ist auch schwierig, weil jeder seine Botschaft loswerden will. Jeder. Das weibliche Geschlecht war nur schwach vertreten, ich war in meiner Runde die Legitimationsfrau. Es ging um ein frisch gegründetes und um sein Konzept ringendes »Zentrum für verfolgte Künste«, das in Solingen schon hübsche Räume hat. In Berlin soll etwas Ähnliches entstehen, ein Museum für Exil; es hat auch prominente Befürworter, und einen reichen Sammler, der seine Sachen an prominentem Ort unterbringen will, in der schönen Villa, in der bisher Kunst von Käthe Kollwitz gezeigt wird – sie wird deshalb ins Exil geschickt.

In Solingen gibt es ebenfalls Sammler, die gewürdigt werden wollen. Neulich hörte ich, dass auch das Haus der Kulturen der Welt Kunst von Geflüchteten ausstellen will. Wieweit die jeweiligen Chefs sich koordinieren, entzieht sich meiner Kenntnis. Man hat ja manchmal den Eindruck, es geht eher um Sammler oder Direktorenposten als um die einst Verfemten, die jetzt was wert sind. Die Tagung war für mich immerhin ein Anlass darüber nachzudenken, was ich mir für so ein Zentrum wünsche, ein paar dieser Gedanken will ich dem ehrenwerten M i MA-Publikum vermachen.


Mich berühren derzeit besonders Erzählungen darüber, wo und wie Exilierte von damals ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl stärken konnten.

Die Erinnerung an die Verfolgten von 1933 ff. hat Maßstäbe gesetzt für Formen des Gedenkens und des Denkens, sie hat die Begriffe geprägt, mit denen Flucht und Immigration beschrieben wird. Wie wird man in 70 Jahren Fluchtgeschichten von Syrern, Afghanen, Irakern, Marokkanern oder Frauen mit Kopftuch sammeln und erzählen? Wie lässt sich die gut erforschte Vergangenheit der Zeit 1933ff. mit der chaotischen Gegenwart und das Besondere mit dem Allgemeinen verbinden?

Ich denke an Erzählungen über das Wegschauen, Geschichten über Quäker, Arbeitskollegen, Politiker, die Flüchtlinge damals unterstützt haben, darüber, wo und wie sich Leute zusammengetan, Projekte entwickelt und sich selbst geholfen haben; welche Berufe sie ausgeübt haben (Putzen, Versicherungen verkaufen, Taxi fahren); wo und wie »unbegleitete Kinder« eine Ausbildung machen konnten, wie das mit der »Integration« in die neue Kultur war, mit der Ghettoisierung der Minderheit, mit dem Blick nach rückwärts in die alte Heimat und/oder Anpassung einschließlich Spracherwerb in der neuen Heimat.

Jenseits nationaler und zeitlicher Departmentalisierung gibt es, wie man heute sagt, ein »Narrativ«, es ist in Literatur und in Biographien gespeichert. Texte von Tschechen oder Russinnen, Chilenen, Argentiniern, Jugoslawinnen, die vor Kriegen und Diktaturen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geflohen sind, spinnen es weiter. Es wird laufend ergänzt durch immer neue Geschichten von immer neuen Nomaden … und Stories über Menschen, die nicht rechtzeitig flüchten konnten.

Wo gibt es Ähnlichkeiten und Erbschaften, die man jenseits von Musealisierung, Belehrung, Morallehre nutzen kann, um die Vergangenheit in die (wieder antisemitische) Gegenwart zu holen? Es besteht Bedarf an dem Wissen über frühere Verfolgte – nicht zuletzt an den Überlebenstechniken der Emi- und Immigranten vor 80 Jahren. Wie haben sie sich durchgeschlagen, woher haben sie Kraft bezogen, wo haben sie geschlafen, geliebt, Essen bekommen? Um so ein Zentrum mit Leben zu füllen sollte nicht nur an Künste, sondern auch an die Lebenskünste erinnert werden.

leere Bilderrahmen, virtuelles Museum, homo emigrantus

Mich berühren derzeit besonders Erzählungen darüber, wo und wie Exilierte von damals ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl stärken konnten. Abends, wenn es dunkel wird, spiele ich mit einem Avatar der Namensgeberin, der die vorhandenen Netzwerke von und über Exilierte koordiniert und mit geeigneten Suchbegriffen Erfahrungen filtert, sie vom Gestern ins Heute holt. Mit moderner Technik können die vielen Geschichten über Entwurzelte und Heimweh, Vorbilder und Mutmacher platzsparend bewahrt, sortiert, verlinkt, koordiniert und in alle Welt geschickt werden.

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Hilft eine neue Sprache? Helfen Tabus und pc? Man könnte schon mal aktuelle Beschimpfungen sammeln, bevor sie zensiert werden: »Meine« Bankangestellte sprach von den Fidschis; auf den Schulhöfen schimpfen sie: Kanake, Nigger, Sklave, Kameltreiber … Oder, von der »anderen Seite«: Opfer, Nazi, Schwuler, Behinderter, gerne auch »Jude«. Worin die Präsenz der Erbschaft samt Verbindungen ja ganz gut sichtbar wird.

Gibt es schon die Wissenschaft von den (für die) Geflüchteten? Wenn nicht, ist es höchste Zeit, es gibt jede Menge Material – für Tagungen, Ausstellungen, Erzählungen, Publikationen und vermutlich sogar Subventionen dafür. Deshalb wünsche ich mir im Geiste der Patronin dieses Projekts, Else Lasker-Schüler, ein Zentrum für den homo emigranticus, mit Bibliothek, Café, Videogerät und Suchmaschine. Plus Bildern, Dokumenten, Fotos – so wie man jetzt im Wiener Weltmuseum Bezüge zwischen zuvor getrennt untersuchten Kulturen hergestellt hat (und im Humboldt-Forum herstellen will).


Fotos © Samuel Zeller via Unsplash

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