makerist. Oder: Eine neue Gründergeschichte aus Berlin [plus Geschenk: Faschingskostüm für Kinder]

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Wie entwickelt sich die DIY-Welt? Was passiert in der kreativ-nachhaltigen (Berliner) Gründerszene? Zwei Fragen, die ich mich – auch unabhängig voneinander – interessieren. Darum verfolge ich die Entwicklungen in diesen Bereichen mit – zeitbedingt mal mehr, mal weniger – großer Aufmerksamkeit. 

Ich kenne die ‚DIY-Welt‘ eigentlich schon seit ich denken kann. Handarbeit und Basteln (wie das früher hieß) gehören zu meinem Leben wie Frottierbuchsen und Raufasertapete. Meine Uroma, meine Oma und meine Mutter versorgten uns Kinder mit selbst gestrickten Pullovern und selbstgenähten Kleidern; mein Vater zimmerte allerlei Möbel für unsere Kinderzimmer, und auch unser Spielhaus, der Sandkasten und der Grillplatz waren Marke Eigenbau. Ich weiß, was Klöppeln ist und erinnere mich noch allzu gut an die kratzigen Socken, die meine Eltern aus selbstgesponnener Wolle strickten. Das Rattern der Nähmaschine und das Kreischen der Sägen war mir lange Zeit vertrauter als das Klingeln eines Weckers; und Bastel– und Handarbeitsbücher haben meine Kindheit ebenso geprägt wie die wöchentliche BRIGITTE. Im Unterschied zum heutigen DIY diente das damalige Selbermachen weniger der Selbstverwirklichung als vielmehr der Selbstermächtigung: Hätten meine Eltern die Dinge nicht selbstgemacht, hätten wir die meisten nicht besessen. Selbermachen war um ein Vielfaches günstiger als Fertigware.


Heute ist das – zumindest teilweise – genau umgekehrt. Und mit der Umkehrung der Verhältnisse hat sich auch das Bild des Selbermachens gewandelt: Während dem Handarbeiten, Basteln oder Heimwerken in meiner Kindheit wahlweise der Mief protestantischer Weihnachtsbasare oder das wenig charmante ‚Öko-Image‘ anhaftete, steht es heute für Kreativität, Individualität und Unabhängigkeit – und ist cool. Sicher: Ob und inwieweit das Bild mit der Realität übereinstimmt, darüber lässt sich trefflich streiten.  Die neue DIY-Welle entstand jedoch zunächst einmal aus einem Unabhängigkeitsimpuls und einer konsumkritischen Gegenbewegung. Sie knüpfte an die Tradition des Arts & Crafts und der Konsumkritik der 1960er/1970er Jahre an. Doch wie der Punkrock heute zur Haute Couture zählt, so hat die Kommerzialisierung auch vor der konsumkritischen DIY-Bewegung nicht Halt gemacht. Allein der Handarbeitsmarkt konnte seinen Umsatz von 2012 bis 2013 um 15 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz steigern (Quelle). Kein Wunder also, dass gerade in diesem Segment immer neue Geschäftsmodelle erprobt und Unternehmungen gegründet werden. Über den Erfolg von Supercraft hatte ich vor einiger Zeit mit den beiden Unternehmerinnen Sophie Pesters und Katharina Bruns  gesprochen. Eine weitere Berliner Neugründung aus der DIY-Welt stelle ich euch heute vor: Die Handarbeitsschule im Internet namens makerist.

In unserem Interview spreche ich mit Amber Riedl und Axel Heinz über ihre beruflichen Hintergründe und ihren ‚Draht zum DIY‘, wie sie auf die Gründungsidee gekommen sind und wie sie den ‚Markt für Maker‘ bewerten. Ich sage: Danke für das spannende Gespräch und das Faschingskostüm für meine Leser/innen.

Wenn ihr noch ein Faschingskostüm für eure Kinder sucht: makerist verschenkt eines der tierisch tollen Kostüme für Kinder. Sagt einfach bis Sonntag, den 23. Februar um 23.59 Uhr, welches Kostüm ihr gerne hättet. Die Losfee entscheidet. Die Gewinnerin ist Astrid von Le Monde de Kitchi. Herzlichen Glückwunsch!

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Was ist makerist genau und wie funktioniert es?
AMBER: makerist ist eine Handarbeitsschule im Internet, in der wir Leuten Handarbeitstechniken mit Video-Kursen näher bringen. Mit den Videos sorgen wir dafür, dass der Schwerpunkt auf dem Lerninhalt liegt, ohne dass sich das Lernen wie Arbeit anfühlt. Die Kombination aus verschiedenen Projekten, großartiger Videoqualität und natürlich unserer mega tollen Trainer sorgt dafür, dass diese Lernerfahrung lustig und interessant bleibt. Außerdem sind wir stark beeindruckt von der sozialen Qualtiät dieses Themas: Unsere User sind für anderen Leute auch super Inspirationsquellen – sie sind (mit Recht) stolz auf ihre fertigen Projekte und wollen diese natürlich auch herumzeigen – dafür hat makerist die Werkschau gebaut.
Wer sind die beiden Gründer/innen Axel und Amber?
AMBER: Axel ist E-Commerce-Profi mit über 10 Jahren Berufserfahrung, leidenschaftlicher Koch und Fotograf und großer Fan von kleinen Manufakturen und allem Selbstgemachten. Er kommt aus Düsseldorf, ist aber schon seit Mitte der Neunziger in Berlin und hat damals als Kamera-Assistent bei Film und Werbung angefangen.
AXEL: Amber ist vor 10 Jahren aus Kanada im Namen der Liebe nach Berlin ausgewandert! Hier hat sie Web & Print Communications gemacht bei Transparency International, nebenbei Bikram Yoga unterrichtet in Berlin Mitte und sich mit einem Internet-Start-up in der Hochzeitsbranche (1001hochzeiten und 1001hochzeitstische) selbständig gemacht. Amber ist die Mutter von zwei wunderbaren, spritzigen Jungs.
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Wie groß ist das Team von makerist und was zeichnet es aus?
AXEL: Wir sind insgesamt neun Leute im Kernteam und zusätzlich arbeiten noch zwei Programmierer, zwei Grafikerinnen und fünf Filmleute für uns, wenn wir die Kurse drehen. Wir sind im Schnitt 27 Jahre alt, bringen alle Erfahrung aus Internet-Start-ups mit und haben einen persönlichen Bezug zu Kreativität und selbst hergestellten Dingen. Es ist wirklich eine einzigartige Kombination von Leuten. Wir beide ergänzen uns auch total gut.
Was habt ihr, Amber und Axel, vorher gemacht ? Welchen konkreten Bezug habt ihr zum „Selbermachen“?
AXEL: Ich war bei eBay, DaWanda und 9flats.com Produktmanager und habe Konzepte zur Verbesserung und Erneuerung der Internetplattformen kreiert. Zuletzt habe ich bei DaWanda die Internationalisierung in fünf Zielregionen geleitet. Ich habe außerdem meinen ersten Kochkurs im Alter von 12 gemacht – inzwischen sind es unzählige und meine Sammlung von erlesenen Koch- und Backbüchern ist stattlich. Vor meinem Studium habe ich eine fotografische Ausbildung durchlaufen, Fotos selbst entwickelt und bei Film- und Werbeproduktionen mit Profis zusammengearbeitet. Über DaWanda und makerist habe ich auch immer wieder Näh- und Häkelworkshops besucht, bin dabei jedoch ein Anfänger geblieben.
AMBER: Ha! In Start-up’s ist letzendlich alles Selbermachen! 🙂 Aber abgesehen davon bin ich schon seit Ewigkeiten ein großer Bastler. Ich mache zum Beispiel für alle Anlässe Grußkarten selbst, bastle gern mit Papier und Stempeln und male viel mit meinen Jungs. Nähen kann ich auch ein bisschen. Das habe ich mir vor acht Jahren selbst beigebracht, als ich mir eine weibliche Kochschürze gewünscht habe. Damals habe ich viel mehr Zeit in der Küche verbracht und immer für Freunde gekocht. Die Schürze und das Nähen hat mir so gefallen, dass ich gleich in die Weihnachtsproduktion für alle meine Freundinnen gegangen bin. Häkeln habe ich mir mit Ruta in unserem makerist Kurs beigebracht – als Anfänger kann ich bestätigen, dass unsere Kurse funktionieren! 😉
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Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Nähschule im Internet zu gründen?
AXEL: E-Learning ist in Europa immer noch sehr auf akademische Themen ausgerichtet. Dabei eignen sich bestimmte Hobbys auch sehr gut, um im Internet mehr darüber zu lernen. Bei Handarbeit funktioniert das außerordentlich gut, weil man mit der Kamera sehr dicht an Handgriffe herangehen und die Techniken beliebig oft wiederholen kann – bis es sitzt. Das geht in einem Näh- oder Strickkurs vor Ort weniger gut. Grundsätzlich sind wir aber durch viele Gespräche mit DaWanda-Mitgliedern und 1001-Hochzeiten-Kunden darauf aufmerksam geworden, dass nicht nur handgefertigte Produkte wieder sehr gefragt sind, sondern auch das Selbermachen an sich.
Was macht ihr beiden neben dem Auf- und Ausbau von makerist?
AXEL: Neben Kochen und Fotografie ist seit Jahren Taekwondo eine Leidenschaft von mir. Vor Kurzem habe ich angefangen, Kinder am Wochenende zu trainieren.
AMBER: Mit den kleinen Jungs habe ich das Gefühl, ich komme zu nichts anderem als makerist und Wäschewaschen. Aber immerhin schaffe ich es ab und zu noch zum Yoga und habe endlich mal den Handstand gemeistert!
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Wie bewertet ihr den „Markt für Maker/innen“ (kurz- und langfristig)?
AXEL: Wenn man sich die Entwicklung bei DaWanda und Etsy anschaut, sieht es sehr gut aus. Die Konkurrenz wächst zwar auch, aber der Markt und die Nachfrage auch sehr. Viele, die bei DaWanda sehr vorsichtig begonnen haben, können nun davon leben. Die gestiegene Nachfrage liegt an verschiedenen Entwicklungen – eine starke Rolle spielt sicher, dass in den vergangenen Jahren alles digitalisiert, beschleunigt und globalisiert wurde und die Menschen sich nach haptischen Dingen, Entschleunigung und lokalen Angeboten zurück sehnen.
Wie sieht die Wettbewerbssituation aus und wie wird sie voraussichtlich entwickeln?
AXEL: Es ist deutlich einfacher geworden, ein Internetunternehmen zu gründen als noch vor 10 Jahren. Und das passiert nun auch (vielleicht etwas später als in anderen Branchen) im Bereich Handarbeit. Hier gibt es aber viel Kreativität und Selbermach-Mentalität, die gerade zu vielen neuen und tollen Ideen führt. Wir hören beinahe jede Woche von einer neuen Idee, die oft von Handarbeits-Begeisterten ins Internet gebracht wird. Von daher nimmt die Konkurrenz zu, aber ermöglicht auch neue Möglichkeiten zu kooperieren oder sich zusammen zu schließen.
Wie könnte die ideale Welt der „Maker/innen“ in 20 Jahren aussehen?
AXEL: Handarbeit gab es immer schon und sie hat den Menschen auch immer schon etwas gegeben und Freude bereitet. Was viele aber frustriert, ist dass der Zugang zu Wissen, tollen Materialien und vielfältigen Anleitungen sehr mühselig und zeitraubend ist. Da wird das Internet Wunder bewirken und kreative Maker/innen viel erreichbarer machen – entweder als Hersteller, Lehrer oder Lieferanten. Damit wird das Internet diese gesamte Ökonomie, die übrigens eine sehr nachhaltige, schonende und menschliche ist, stark beflügeln.
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10 Comments

  • Anonym
    5 Jahren ago

    Das ist so zutreffend ,was Du schreibst,genau so seh ich es auch!
    Gewinnen würde ich gern das Füchslein für das Enkelchen…..
    LG JO
    (hannl ät web punkt de )

  • 5 Jahren ago

    Liebe Indre,
    vielen Dank für den Artikel, da schau ich gern mal vorbei. Ich würde sooo gern das Schmetterlingskostüm für meine große Tochter gewinnen, damit wir beim Braunschweiger "Schoduvel" mal so richtig "abflattern" können.
    Sei lieb gegrüßt!
    Simone

  • 5 Jahren ago

    Jetzt hast du mich so neugierig gemacht auf das Schmetterlingskostüm, konnte es aber nicht finden, um es mir genauer anzuschauen. Als Kölsche Karnevalsoma ist frau ja da prinzipiell interessiert…
    LG
    Astrid

    • 5 Jahren ago

      Hah, jetzt habe ich es doch gefunden…..
      Schön!

    • 5 Jahren ago

      Liebe Astrid, du bist die glückliche Gewinnerin. Viel Freude mit einem tierischen Kostüm.

  • 5 Jahren ago

    Liebe Indre, wieder einmal ein ganz spannendes Interview. Vielen Dank für das neue Input. Ich bin alles andere als ein Faschingsfan, aber bei drei kleinen verkleidungsbegeisterten Kindern komme ich um Faschingskostüme nicht drumrum. Umso toller die makerist-Kostüme. Sehr sehr cool. Der Fuchs könnte es richtig gut bei uns haben (-; Ich versuche mein Glück. Liebe Grüße, Kathrin ( kathrinstecher(ät)gmx.de)

  • 5 Jahren ago

    ich muss ja gestehen, ich bin gerne eine selbermacherin, schon, weil ich der meinung bin, selbstgemachtes wird (auch von den kindern) mehr geachtet als schnell mal günstig oder teuer gekauftes. dass allerdings, gerade was den handarbeitsmarkt betrifft, daraus eine wahre modeerscheinung geworden ist und das selbermachen dadurch immer mehr materialbedingt zum luxus wird, dem kann ich wenig abgewinnen. alleine die wolle für einen ordentlichen pulli kostet soviel, wie ein ethnisch vertretbarer gekaufter – die zeit, die es braucht, um ihn zu stricken noch gar nicht miteingerechnet. das traurige ist, das, was früher aus not selbstgemacht wurde, können sich heute wiederum nur die leisten, die sich auch ökologische und fair gemachte und gehandelte produkte leisten können. und die, die es sich nicht leisten können, sind geradezu gezwungen zumindest kinderkleidung, die unter haarsträubenden bedingungen und größtenteils durch kinderarbeit entstanden ist, zu kaufen. die heutige kreativszene ändert damit leider nicht die welt und auch nicht das konsumverhalten der mehrheit. kreativität, bio und co sind dinge, die die welt sehr wohl verändern könnten, aber nicht, wenn sie eine modeerscheinung sind und damit wiederum niemandem anderen nützen als der wirtschaft und damit das momentane wirtschafts- und gesellschaftssysthem wiederum finanzkräftig stützen. sie werden dadurch zu bloßen schönen worten und einer spielerei der reichen.
    verzeih die harten worte. aber ich konnte grad nicht anders, als das mal loszuwerden…

    • 5 Jahren ago

      Liebe Dania, deine Kritik kann ich gut verstehen. Wenngleich: Viele Neugründungen und Unternehmen im Bereich DIY gehen andere, bessere Wege und wirtschaften nicht auf Kosten anderer oder der Natur. Und nur weil DIY auch wirtschaftlich erfolgreich ist, ist die Bewegung ja nicht Gänze schlecht, oder?

    • 5 Jahren ago

      liebe mima,
      es sollte keine kritik an den neugründern und unternehmerinnen sein, die ja meist allesamt ein herzensding nicht nur zur berufung, sondern zum beruf machen. mich macht nur wütend, dass eben das naturnahe nicht ausbeuterische sich eben nicht alle leisten können. das ist eher eine kritik am globalen wirtschaftssysthem generell – bereichert werden davon ja selten die kleinunternehmer. es ist auch völlig legitim, dass ordentliches material seinen preis hat und die menschen, die es herstellen auch ordentlich entlohnt werden dafür, allerdings ist genau das oft nicht der fall. unlängst habe ich mich mit ein paar biobauern unterhalten – bei den meisten arbeitet einer der eheleute vollzeitlich in einem angestelltenverhältnis, damit sie sich den bauernhof überhaupt leisten können, wirklich leben davon können die meisten hier nur, indem sie biosaatgut erzeugen – und das wiederum für firmen, deren ansinnen eher ein bedenkliches ist. ein bisschen wie eine katze, die sich in den schwanz beißt…

    • 5 Jahren ago

      Jetzt verstehe ich den Punkt besser. Danke!

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