M i MA zügelt: Nichts als Körperpflege. Ein Streifzug durch die Theorie des Wohnens.

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Nachdem sich die letzten Beträge entweder mit den Herausforderungen des Bauherrinnen-Daseins oder den aktuellen Einrichtungs– bzw. Planungsfragen drehten, gibt es heute nach längerer Zeit wieder einmal ein bisschen ‚Theorie‘. Ein bisschen mehr sogar. Ja, es wird geradezu ‚philosophisch‘ [lacht]. Den Anstoß gab ein Anflug von Sinnlosigkeit, der mich jüngst überfiel: Ich investiere so viel Zeit und Geld und ‚Herzblut‘ ins Wohnen – wozu eigentlich? Plötzlich ergab all das keinen Sinn mehr. Ist das Wohnen denn wirklich so wichtig? Ich weiß ja nicht einmal recht, was es bedeutet. Also begann ich der Sache nachzugehen. Mein kleiner Streifzug durch die Theorie des Wohnens führte mich über einen Abstecher ins Sprachtheoretische zu den großen Denkern des 20. Jahrhundert und endete mit einer Antwort, die mich schmunzeln lässt: All meine Investitionen ins Wohnen sind im Grunde nichts anderes als intensive Körperpflege.
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Ein Abstecher ins linguistische Feld

‚Wohnst du noch oder lebst schon?‘ Der markige Spruch eines großen schwedischen Möbelhauses funktioniert längst nicht in allen Sprachen. Nicht jede nämlich hat ein eigenständiges Wort für das Wohnen. Das Englische beispielsweise macht keinen wörtlichen Unterschied zwischen wohnen und lebento live gilt für beides. Stellt sich die Frage: Woher kommt das deutsche wohnen eigentlich und worin unterschiedet es sich vom leben?

Auskunft gibt der gute alte Duden. Er weiß, dass das ‚schwache Verb‚ vom mittelhochdeutschen wonen bzw. althochdeutschen wonēn abstammt, was soviel bedeutet wie: sich aufhalten, bleiben oder auch gewohnt sein. Außerdem ist unser wohnen mit dem gotischen wunian verwandt. Das bringt mit seiner Bedeutung den Schutz- und Geborgenheitsaspekt ins Spiel: vor Schaden und Bedrohung bewahrt sein. Zusammengefasst lässt sich also sagen (die Sprachwissenschaftler/innen unter euch mögen mich bitte korrigieren): Wohnen ist das Verweilen an einem bestimmten Ort, der Schutz und Geborgenheit gibt. Genau darin liegt der Unterschied zum leben. Dem leben nämlich ist der konkrete Ort mehr oder weniger egal. Es bezieht sich auf die Dauer des Aufenthalts: Ich wohne in Berlin. Aber: Ich lebe seit XX Jahren in Berlin. 
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Buntes Haus in Beesem | Wendland

Zu Besuch bei großen Denkern
Dieses geborgene Verweilen an einem schutzspendenden Ort ist nach Meinung der großer Denker, denen ich auf meinem Streifzug begegnete, ein Grundbedürfnis und Wesenszug des Menschen. Für Goethe beispielsweise ist der unbehauste Mensch ein Unmensch. Nicht etwa weil der ‚Unbehauste‘ unmenschlich ist, sondern das Unbehaust- bzw. Ungeschütztsein. Hätte sich sein Freund Friedrich nicht mit dem Spielen, sondern mit dem Wohnen befasst, so würde der berühmte Schillersche Satz wohl lauten: Der Mensch wohnt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er wohnt. (Quelle)  Dem hätte der Philosoph Martin Heidegger ganz sicher zugestimmt, denn für ihn hieß Menschsein … wohnen. Was genau meint er damit? Laut dem Philosophen und Pädagogen Otto Friedrich Bollnow bezieht er sich mit dieser Aussage auf das menschliche Verhältnis zum Raum: Wir Menschen sind nicht (an einer x-beliebigen Stelle) im Raum, sondern wir wohnen (an einer bestimmten, uns zugehörigen Stelle) im Raum. Deshalb ist für Heidegger – so Bollnow – die wahre Weise des menschlichen Seins im Raum das Wohnen. (Quelle)

Ganz ähnlich sehen das auch die französischen Philosophen Gaston Bachelard und Maurice Merleau-Ponty. Im Wohnen spiegelt sich für sie das einzigartige Verhältnis des Menschen zur Welt wider. Es ist ein gebrochenes Verhältnis und wird (zumindest mir) erst im Vergleich zum Tier so recht verständlich. Nehmen wir einen fiktiven Kater namens Mikesch an. Mikesch lebt auf dem Land. Er streunt täglich durch den Garten, fängt Mäuse und ruht sich anschließend aus. Dabei ist er ganz und gar eins mit sich und der Welt. Warum? Weil er nicht weiß, dass und wo und wie er ist. Er ist einfach. Anders wir Menschen. Wir wissen, dass und wo und wie wir sind, weil wir uns – im Unterschied zum Tier – reflektieren können oder besser müssen. Während Mikesch in der Welt und Körper ist, bewohnen wir unseren Körper und die Welt. Unser Sein in der Welt ist ein Wohnen.

Ankunft mit Augenzwinkern
Wenn Wohnen also ein Wesensmerkmal des Menschen ist, welche Rolle spielt dann die Wohnung? Herr Bollnow, der mir auf meinem Streifzug ein hilfreicher Begleiter war, meint dazu mit Bezug auf Herrn Merleau-Ponty: Die Wohnung bzw. das Haus sei eine Art erweiterter Leib. So wie wir Menschen unseren Körper als Leib bewohnten, so bewohnen wir auch unser Haus/unsere Wohnung. Das zeige sich zum Beispiel daran, dass wir jedes ungewollte Eindringen oder Übertreten der Hausgrenzen als eine Verletzung unserer Intimsphäre empfänden. (Quelle)

Spinne ich diese These weiter, so erhält mein ganzer Aktionismus rund um unsere Wohnung – vom Planen übers Einrichten bis hin zum Um- und Aufräumen – einen ganz neuen Sinn. Verstanden als mein erweiterter Leib ist all das nichts anderes als intensive Körperpflege. Und jede/r weiß, wie gut das tut. [zwinkert]

PS: Von dieser These ausgehend würde ich ja allzu gern mit den Architekt/innen oder Architekturtheoretiker/innen unter euch über die Rolle des Architekt/in als ‚Leib‘-Gestalter/in diskutieren. Wie seht ihr das?
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Vintage-Laden in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain

23 Comments

  • 5 Jahren ago

    Liebe Indre, schöne Gedanken! Als Wohnpsychologin beschäftige ich mich ja genau mit diesem Verhältnis zwischen dem Mensch und seiner Wohnumwelt / Wohnung. Es gibt ja auch diesen Begriff von der Wohnung als dritter Haut des Menschen (nach der Kleidung als zweiter). Ich stimme aber Susan zu: der Raum ist erst einmal nur ein Raum, erst die Aneignung durch den Bewohner macht ihn zu einem Teil des Menschen. Das sind Wohnräume in der Regel aber schon: Teil der eigenen Person. Denn unsere Erinnerungen sind ortsgebunden – und darum werden die Räume um uns, in denen sich ein Großteil unseres Lebens abspielt, der Hintergrund vieler unserer Erinnerungen – und damit automatisch zu einem Teil unserer Persönlichkeit.
    Einrichten als Körperpflege – das gefällt mir gut 🙂
    Herzlichen Gruß aus der Nähe von Hamburg
    Barbara

  • Liebe Indre,
    ein wirklich sehr toller Bericht!
    Ich kenne schon lange den Spruch "so wie es in deinem Zuhause aussieht, so sieht es auch in deinem Kopf aus". Geht in die ähnliche Richtung ist allerdings wohl weniger körperlich als geistig zu interpretieren. Jedenfalls tolle Denkanstösse und ich kann mir vorstellen, das das genannte Möbelhaus nach dieser Lektüre den Spruch genau umgedreht formulieren müsste 😉
    Herzliche Grüße
    Naddel

  • 5 Jahren ago

    Hach was für ein schöner, sprachlich gewandter Ausflug. Ganz spannend, danke dir! Und für mich ist das Zuhause verschönern tatsächlich wie wohltuende Körperpflege. Entspannend und reinigend.
    Liebste Grüße, Eva

    • 5 Jahren ago

      Danke für das schöne Feedback 🙂

  • 5 Jahren ago

    Liebe Indre, das war ein sehr interessanter Exkurs heute morgen, ich danke dir dafür. Ich als Architektin sehe mich eigentlich nicht so sehr als Leibgestalter, sondern, wenn die Metapher des Raum als Leib bleibt, eher als Leibpfleger. Ein Haus zu bauen ist ja noch nicht Leib gestalten. Sondern Hülle, die, ist sie nicht mit Seele gefüllt, auch nichts weiter ist als Hülle. Will heißen, Gute WohnArchitektur lässt Raum für Bewohner und sollte dementsprechend anpassungsfähig sein. Denn nur wenn Hülle und Seele im Einklang stehen entsteht Wohnraum. Ich denke das aus diesem Grund viele Menschen, so wie du und ich, sich so gerne mit dem Wohnen befassen. Es ist der Wunsch nach Harmonie zwischen Leib und Seele, der Wunsch nach Manifestation des inneren Ichs und eine Möglichkeit der Kommunikation der Seele mit der Umwelt. Mode und Kleidung hat die gleiche Aufgabe.
    In diesem Zusammenhang über Gestaltung von nichtpersonalisiertem Wohnraum nachzudenken ist auch sehr spannend. Was macht ein Gutes Hotel zu einem Wohnort, wie gestaltet man ein Heim für Flüchtlinge, wie ein Gefängnis?

    Liebe Grüsse, Susan

  • 5 Jahren ago

    Ich kenne diese Gedanken gut. Mein Mann ist Architekt und bevor ich ihn kennenlernte habe ich mich mit Architektur null beschäftigt. Mehr noch: ich war überzeugt, das das mit mir nix zu tun hat.
    Weiiit gefehlt, sage ich heute, nach Jahren als Co-Architektin (zwinker)… heute frage ich mich tatsächlich warum Stadtplanung bzw Gedanken dazu und Teile der Architektur-Soziologie nicht schon in der Schule Thema sind..
    Ich lese deine Gedanken zum Wohnen und Bauen also mit wachsendem Interesse 🙂

    • 5 Jahren ago

      'heute frage ich mich tatsächlich warum Stadtplanung bzw Gedanken dazu und Teile der Architektur-Soziologie nicht schon in der Schule Thema sind..' > richtig!!

    • 5 Jahren ago

      Das ist eine gute Frage. Ich möchte sie noch breiter stellen und ein Pflichtfach "Design + Architektur" einführen. Ab der Grundschule und einer guten Mischung aus Theorie und Praxis.

    • 5 Jahren ago

      Ich lese das jetzt erst. Stimmt du hast recht man könnte das sehr gut weiter ausführen in andere Richtungen.. der Ausspruch: "Design ist was gefällt und Kunst folgt keinen Regeln" kann ich heute auch nicht mehr unterschreiben und denke ein Grundverständnis von "durchdachter Gestaltung" würde allen gut tun !

    • 5 Jahren ago

      Ohja! 😉

  • 5 Jahren ago

    "All meine Investitionen ins Wohnen sind im Grunde nichts anderes als intensive Körperpflege." Wenn ich so darüber nachdenke – ja, das sehe ich auch so. Allerdings finde ich, dass es mache mit der "Körperpflege" doch etwas übertreiben. Jedem Trend nachzueifern, jedes Dekoteilchen auf den Millimeter genau platzieren,…ob das dem eigenen Körper und der eigenen Seele so gut tut?? Wichtiger empfinde ich hier das LEBEN und Wohlfühlen und nicht das (teure) WOHNEN. Metapher: Lieber eine Creme als tausend Faltencremchen und MakeUp-Tübchen. Sich (sein Zuhause) pflegen, aber nicht mit MakeUp zukleistern.
    Man sagt ja auch, dass das Zuhause die Seele widerspiegel würde. Das finde ich nur zum Teil. Kompromisse mit dem Partner, Budget- und Zeitmangel usw. lassen einen nicht immer ganz so wohnen/leben wie man möchte.
    Hmmm…schweife ich ab…??? Egal, das fiel mir spontan dazu ein. Aber jetzt überlege ich für diesen Moment nicht weiter – das Zimmer des großen Jungen will "gepflegt" werden ;-).
    Danke für diesen Denkanstoß!
    Herzliche Grüße, Katja

    • 5 Jahren ago

      Liebe Katja, da gehe ich absolut mit dir. Auch die Körperpflege kann man natürlich völlig überhöhen – sei´s der eigene Leib oder der erweiterte. Am Ende zählt hier wie da, dass man sich wohl und geborgen fühlt. … da öffnen sich natürlich ganz neue Themenräume mit dem Thema Körper und Wohlfühlen in der eigenen Haut und/oder den 4 Wänden. … Hui! LG I

  • 5 Jahren ago

    Ein sehr schöner Ausflug ins Wohnphilosophische : ). Für mich ist Wohnen (die Beschäftigung in und mit meinen Räumen) einfach Balsam für die Seele. Und jetzt hast du erklärt, warum das so ist – dankesehr! Herzlich, Sabine

  • 5 Jahren ago

    heidegger ist gut
    viele grosse architekten beschäftigten/beschäftigen sich mit ihm
    ich habe einmal einen sehr guten aufsatz zu diesem thema gelesen
    wenn du möchtest lasse ich ihn dir bei gelegenheit einmal zukommen

    nun zur bank auf dem ersten bild
    wo steht die?
    genau so eine suchen wir für unseren balkon : )

    • 5 Jahren ago

      Ohja, den Heidegger-Text würde ich gerne mal lesen. Wie ist denn deine Sicht auf das Thema "Architekt als Leibgestalter"?

      Die Bank steht auf dem Gut Tornow in Brandenburg. Manchmal findet man sie in Antik-Läden auf dem Lande.

    • 5 Jahren ago

      schlussendlich kann man in jedes thema extrem viel reininterpretieren
      die einen beschäftigen sich mit wohnen und häusern – was mir als architekt natürlich sehr entgegenkommt
      anderen wiederum ist das völlig egal und sie investieren ihr geld lieber in teure autos, wohnen aber völlig "geschmacklos" (das mit dem geschmack ist ja so eine sache und ich möchte mir nicht anmassen darüber zu urteilen – 'leben und leben lassen')
      was am ende für mich zählt ist die wertschätzung der arbeit, egal ob in der architektur, im handwerk oder jeder anderen art von arbeit
      die arbeit muss qualität haben und vom kunden aber auch entsprechend geschätzt, verstanden und honoriert werden, da stosse ich oft auf unverständnis bei kunden, die meine ich mache ihnen für 200 eur zig varianten an denen ich eine woche sitze
      auch wenn ich noch ganz am anfang stehe, lehne ich sowas ab, weil muss den leuten klar machen, dass gute arbeit auch was wert ist und ich verschenke mein wissen nicht, dafür habe ich zu viel zeit, verzicht und letzten endes auch geld in meine ausbildung investiert
      in vielen ländern ist das gar kein problem, aber in deutschland denkt halt immer jeder noch er kann alles billiger haben, aber jetzt weiche ich vom thema ab

    • 5 Jahren ago

      Ja, die Wertschätzung für kreative und/oder Wissensarbeit ist hierzulande ausbaufähig. Das gilt vor allem für Kulturschaffende und den Designbereich und Architektur. Bedauerlich! Ärgerlich!

  • 5 Jahren ago

    Das sind wirklich schöne und angenehme Denkanstöße! Danke dafür!

    • 5 Jahren ago

      Ganz gerne! Es freut mich, wenn der Anstoß anregt.

  • 5 Jahren ago

    Spannende Fragen, die Du da aufwirfst. Mit einem überraschenden Schluss. Wenn das ganze Körperpflege ist, ist es ja auch nicht weiter überraschend, dass das Verhätnis Bauherr-Architekt oft ein wein kompliziert ist ;-)). Nein, aber im Ernst: Wohnen ist in der Tat schon was sehr Intimes und in sofern sind Gespräche zwischen Bauherr und Architekt schon auch oft sehr intensiv und ein Vertrauensverhältnis ist dabei schon wichtig.
    Die Frage nach der Relevanz des Wohnens und ob wir da nicht was überbewerten stelle ich mir übrigens auch immer mal wieder, interessante Antworten (oder zumindest Anregungen) gibt da für mich auch das Buch "Glück und Architektur" von Alain de Botton, ein wenig philosophisch und doch auch sehr unterhaltsam, ich habe letztens mal eine Rezension dazu auf meinem Blog geschrieben.
    Einen schönen Tag noch, Mecki

    • 5 Jahren ago

      Mensch, das Buch liegt bei mir seit Monaten … Zeit, es endlich zu lesen. Danke für die Erinnerung.

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