Leben mit der Angst vorm Sterben | Im Gespräch mit Gabriele Finck

Die Angst brach über sie hinein – plötzlich und unerwartet. Und sie blieb. Sie fraß alle Lust und Leichtigkeit, bis nur noch ein Bündel Mensch übrig war, das jede*n darum beneidete, ganz selbstverständlich entspannt in der S-Bahn sitzen oder gut gelaunt in einem Café plaudern zu können. Doch irgendwann war sie das Dasein hinter verschlossenen Türen leid und machte sich mit der Angst im Gepäck auf den Weg.

Wie? Darum geht es in Gabriele Fincks gleichnamigen Buch „Mit der Angst im Gepäck“ und in unserem Interview. Vielen Dank dafür, liebe Gabi.


Ich musste meine Angst ins Gepäck packen und sie einfach mitnehmen – anstatt mich von ihr zu Hause einsperren zu lassen.

Gabriele Finck

Gabriele Finck lebt und arbeitet in Greifswald. Mit 19 Jahren hatte die Mediengestalterin und Journalistin ihre erste Panikattacke. Die Agoraphobie schränkte ihr Leben massiv ein. Wollte sie ihren Traum vom Reisen wahr machen, musste sie aufbrechen – mit der Angst im Gepäck.

Mit der Angst im Gepäck


In ihrem gleichnamigen Buch hat sie ihre Erfahrungen als „Angsthase auf Reisen“ aufgeschrieben – mit persönlichen Tipps für die Reiseplanung und den Umgang mit Ängsten.

Weitere Informationen findet ihr auf der Website zum Buch „Mit der Angst im Gepäck“.

ISBN: 978-3982048727


Wie kam die Angst in dein Leben?

Es passierte wie aus heiterem Himmel als ich gerade 19 war und mein freiwilliges Jahr machte. Ich saß ahnungslos auf Arbeit, und von einem Moment auf den anderen fühlte ich mich mega komisch, so, als würde gleich etwas ganz schlimmes passieren. Ich stelle mir das so vor, wie man sich vielleicht fühlt, wenn man einen Anfall oder Infarkt bekommt und das nicht einordnen kann. Der Körper reagiert in Panik, weil da augenscheinlich große Lebensgefahr droht.

Mir drehte sich alles, mein Herz schlug stark und irgendwie anders als sonst… Also legte ich mich auf den Boden, überzeugt davon, dass ich nun sterben müsse. Das war meine erste Panikattacke, und sie hat mich tief geprägt. 

Woher kam die Angst?

Ich glaube für mich, dass ich mit einer gewissen Veranlagung für Nervosität und starker Angst geboren wurde. Meine beiden Großmütter waren beide auf ihre Art sehr ängstlich und misstrauisch. Ihnen fehlte das Vertrauen und die Zuversicht, dass alles schon gut gehen würde.

Wenn psychische Probleme vererbt werden, so hab ich jedenfalls von beiden einen Schlag weg bekommen. Es heißt ja auch, dass alles immer über Generationen weiter gegeben wird, bis einer es schafft, den Urkonflikt aufzulösen. Da hab ich ja was vor 🙂

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Woran hat die sich festgemacht bzw. wovor hattest und hast du Angst?

Ich habe immer Angst vor dem Sterben. Das bedeutet, dass ich alle Möglichen Anzeichen immer dahingehend interpretiere, dass sie eine akute Gefahr für mein Leben darstellen. Da kann ich mir tausendmal sagen: Das ist vermutlich gerade nur meine Angst, ich kenne das doch!

Wenn wirklich Panik in mir ausgebrochen ist, stehe ich dem unvermeidlichen Ende gegenüber und bin verzweifelt. Es ist wie auf Schienen festgebunden zu sein und der Zug rast auf dich zu. Höchstwahrscheinlich wirst du immer wieder ins Schwitzen kommen, wenn du den Zug tuten hörst: eine ganz normale körperliche Reaktion. Da hilft auch kein „Ich bilde mir den Zug nur ein.“ 

Wie hat die Angst dein Leben und deine Wahrnehmung der Welt verändert?

In den ersten Jahren hat sie mich vor allem sehr eingeschränkt. Wenn um jede Ecke Lebensgefahr droht, dann fängst du allmählich an, lieber zu Hause zu bleiben und dein Bett der gefährlichen Welt da draußen vorzuziehen.

Ich habe begann die Menschen um mich herum zu beneiden, die ganz selbstverständlich entspannt in der S-Bahn sitzen oder gut gelaunt in einem Café miteinander plaudern.

Durch die Ängste ist mir meine Leichtigkeit und Abenteuerlust abhanden gekommen.

Man sieht das Leben nur noch durch einen schmalen Spalt, oder mit Scheuklappen auf den Augen. Das ist ja auch logisch, denn deine ganze Kraft ist aufs „Überleben“ konzentriert. Und keine*r versteht dich…

Ich habe viele Ärzte aufgesucht, nicht wegen der Ängste, sondern wegen all der Krankheiten, die ein angstgeplagter Körper unweigerlich bekommt. Angst manifestiert sich ja. Das heißt man bekommt Probleme mit der Verdauung, nervöses Herzflattern, der Rücken macht nicht mehr mit, die Menstruation schmerzt, es kommen vielleicht Allergien hinzu und so weiter.

Insgesamt wurde ich als ängstlicher Mensch wachsamer und aufmerksamer für die Details um mich herum. Das könnte man als Gabe nutzen… aber meistens nur als Waffe gegen sich selbst (weil in den Details die Bedrohung steckt).

Meine Angst hat aber auch mein Leben dadurch verändert, dass ich gezwungen war, mich mit mir selbst auseinander zu setzen. Ich wollte die Ursachen finden und an mir arbeiten. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt und dafür bin ich sehr dankbar.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Wie hast du die Angst überwunden und was heißt „überwinden“ eigentlich?

Ich würde nicht sagen, dass ich sie „überwunden“ hab. Nur stellt sich mir auch die Frage, inwiefern man etwas, was ja augenscheinlich ein Teil von einem ist, „überwinden“ sollte. Das wäre ein bisschen so, als würde man sich gegen sich selbst aussprechen.

Vielmehr sehe ich es als Ziel, die Angst zu „integrieren“, sie zu verstehen, sie anzunehmen. Das ist nicht immer möglich, denn ich bin ja kein Zen-Meister. Aber mich immer wieder liebevoll daran zu erinnern, dass die Angst nicht mein Endgegner darstellt, sondern eine Ausdrucksform meines inneren Zustandes, das hilft, gelassener und freundlicher mit mir und meiner Angst umzugehen.

Der Weg von einem panikgeplagten Wesen, das sich nicht mehr hinaus ins Leben traut – hin zu dem Menschen, der ich jetzt bin, war lang, kurvenreich und keinesfalls leicht. Und ich würde sagen, dass ich immernoch im Prozess bin, immernoch sehr viel lernen kann!

Das wichtigste war eigentlich die Erkenntnis, dass es an der Zeit ist, mich mit meinen Ängsten nicht mehr zu Hause einzusperren. Und weil ich die Angst nicht wegzaubern konnte, musste ich sie einfach mitnehmen. Also lernen, sie auszuhalten, anstelle alles zu vermeiden, was Angst auslösen könnte.

An diesen Herausforderungen bin ich gewachsen, und je mutiger ich wurde, desto seltener wurden meine Panikattacken. 

Was bedeutet es, „mit der Angst im Gepäck“ durchs Leben zu gehen und durch die Welt zu reisen?

Die Angst, die kleinen Angstmonster, im Gepäck zu haben, bedeutet für mich, bewusst Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Immer wieder. Ich erkenne beide Seiten in mir an: die ängstliche, nervöse, bauchwehgeplagte kleine Maus, die ins Schwitzen kommt und zappelig wird, sobald gewohnte Pfade verlassen werden – aber auch die abenteuerfreudige, mutige, lebensfrohe Frau, die weiß, dass sie über genügend innere Stärke besitzt, Unangenehmes auszuhalten.

Ich höre auf, mich meinen Ängsten zu beugen und erstarrt in der Ecke sitzen zu bleiben, sondern fange an, durchs Leben zu tanzen. Und manchmal sieht der Tanz etwas merkwürdig aus, weil mir meine Angst wie eine Klette am Bein hängt, oder eben das Gepäck etwas schwerer macht. Aber ich tanze: Ich bin unterwegs, ich gestalte mein Dasein, ich lebe!

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Wovon handelt dein Buch und an wen richtet es sich?

In den dunkelsten und schwersten Zeiten meiner Angststörung hab ich mir immer ein Buch gewünscht, dass mich liebevoll begleitet. Mir immer wieder von neuem Mut macht und mir beim Aufstehen hilft, nachdem ich gefallen bin.

Ich wollte ein Buch, wie einen guten Freund, der an mich glaubt und der mir zuflüstert: „Auch das geht vorbei! Du wirst wieder lachen können. Du schaffst das.“ Ich habe mich oft so unverstanden gefühlt. In all den Jahren habe ich viele Ratgeber gelesen, mich zu belesen war meine Medizin und Selbst-Therapie (neben der echten Sitzungen bei einem Therapeuten).

Was ich weitergeben kann, all das Wissen, was mir geholfen hat, das habe ich nun in einem Buch zusammengefasst. Dabei fokussiere ich mich auf das Meistern einer Herausforderung: dem Reisen. Damit ist das bloße Unterwegs-Sein gemeint: alles, nur nicht in den eigenen vier Wänden bis zum Versauern hocken, und all das Schöne verpassen, was da draußen auf dich wartet!

Ich schreibe von meinen Erfahrungen, von meinem Weg und auch von meinem Scheitern. 

Wer bist du?

Mein Name ist Gabi, ich bin ein Kind des Nordens, denn ich liebe Seen, Wälder und das Meer. Ich bin Mediengestalterin, Journalistin und Lebenskünstlerin. Ich würde sagen, ich bin sowohl auf der Suche, als auch genau da, wo ich hingehöre.

Ich lass mich nicht durch angebliche Normen verrückt machen, beuge mich keinen gesellschaftlichen Zwängen – denn meine Angst hat mir beigebracht, gut auf mich zu achten, meinen mir eigenen Weg zu gehen. Ich bin immer neugierig darauf, was das Leben und die Welt als nächstes für mich bereit halten und möchte dazu beitragen, dass wir Menschen liebevoller und verständnisvoller miteinander (auch mit uns selbst!) umgehen und uns gegenseitig darin zu unterstützen, das Gute und Schöne zu mehren. 

Was macht Greifswald zu einem guten Ort?

Greifswald hab ich mir sehr bewusst zum Leben ausgesucht. Ich wollte eine kleine Stadt, mit maritimen Flair und einer Menge Graswurzel-Projekte mit engagierten Menschen. Davon gibt es in Greifswald eine Menge. Dann wollte ich noch den Mann des Lebens finden und mit dieser klaren Vision vor Augen hat es kaum einen Monat gedauert und ich hab meinen Partner kennengelernt. Manchmal fügen sich die Dinge einfach, man muss nur an den Stellschrauben des Lebens drehen und einfach losgehen. Mit der Angst im Gepäck 🙂

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Bildnachweise: Beitragsbild von Dan Gold via Unsplash | alle anderen Fotos: Lando Jansone

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