KW 50 #GoodBye2017

»Ist einem der Zustand der liberalen Demokratie egal«, schrieb Dirk Kurbjuweit am 8.11.17 im Spiegel, »konnte man ein wunderbares Jahr haben. Ansonsten war es furchtbar.« Für einen Teil von mir gilt das auf jeden Fall. Lange habe ich mich in dieser Welt nicht mehr so verwundbar gefühlt – als Frau, als Feministin, als »Öko«, als berufstätige Mutter, als Radfahrerin oder Feuilletonleserin.

»Es ist halt unbequemer geworden«, unterbricht mich der Mann, sobald ich das große Wehklagen anstimmen will. Schmollend wende ich mich ab ob so viel Gefühllosigkeit, um ihm innerlich umgehend beizupflichten. Er hat ja recht. Lang lief es wie von selbst: mehr Minderheitenrechte, mehr Klimaschutz, mehr Gleichberechtigung – und plötzlich muss man* etwas tun, sich einsetzen für scheinbar Selbstverständliches wie Rechtsstaatlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Freiheit, Menschlichkeit, Nachhaltigkeit etc. Das bin ich nicht gewohnt und eigentlich möchte ich mich auch nicht daran gewöhnen. Doch was soll’s, es ist wie es ist – und zum Glück ist das nicht alles. Denn neben dem politischen gibt es noch einen anderen Teil – den privaten, und für die Partnerin, Freundin, Mama, Tante, Tochter, Leserin, Läuferin, Urlauberin etc. war das Jahr 2017 zum Teil ganz wunderbar.

Ob und wie sich das Private vom Politischen trennen lässt, ob das Private nicht per se politisch und das Politische privat ist, wie es der alte Sponti-Spruch besagt und ob es entgegen Theodor W. Adornos These vielleicht doch ein richtiges (privates) Leben im falschen (politischen) gibt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass mir der Zustand der liberalen Demokratie überhaupt nicht egal ist und ich trotzdem ein überwiegend gutes Jahr hatte.

Drei Weiheren St. Gallen Badeanstalt

  1. GESEHEN: »Paterson«. Am 6. Januar habe ich Jim Jarmuschs jüngsten Film zusammen mit Mi. im Ladenkino gesehen. Seine Poesie hat mich durch dieses ganze vermaledeite Jahr getragen.
  2. GEHÖRT: Ob den Ostseestrand oder die Frankfurter Allee entlang, ob die Schweizer Berge im Nebel oder im Schnee – immer und überall war seine Musik dabei: Hauschka.
  3. GELESEN: Tatsächlich habe ich es geschafft, ein paar Bücher in diesem Jahr zu lesen, u.a. Carolin Emckes Essaysammlung über Zeugenschaft und Geerechtigkeit, das schmale Bändchen »This is Water« oder »Zwischen ihnen« von Richard Ford. Allesamt großartige Bücher, aber mein Buch des Jahres ist eindeutig »Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara. Selten hat mich ein Buch derart gefangen genommen, erschüttert und beglückt.
  4. GELERNT: mehr Gelassenheit
  5. GEFRAGT: Was wohl geschieht, wenn Mensch und Maschine sich weiter annähern?
  6. GEFREUT: über den Schnee um Weihnachten
  7. GESCHMUNZELT: über Janoschs Entscheidungshilfe (immer wieder)
  8. GELACHT: über Birte Schneiders Jahresendgedicht
  9. GEDACHT: Ob und wie ein poetischer Widerstand aussehen könnte. Viele lose Ideen, Ansätze und Gedanken habe ich in diesem Jahr dazu gefunden – Aufgabe 2018: sie zusammenbringen.
  10. GEMACHT: eine längere Auszeit vorbereitet.
  11. GEMOCHT: meine Wahlheimat, Berlin. Immer noch. Immer wieder. Nicht uneingeschränkt.
  12. GESUCHT: einen warmen Schal.
  13. GEFUNDEN: einen Pulli.
  14. GEWÜNSCHT: neue Perspektiven für die ländlichen Regionen.
  15. GEKLICKT: Milas Deli für feinstes Brot und andere Leckereien.
  16. GEPLANT:  »Ja; mach nur einen Plan | sei nur ein großes Licht! | Und mach dann noch´nen zweiten Plan | gehn tun sie beide nicht.« Egal, ich versuch’s – meine Vorsätze fürs neue Jahr:
    • Mindestens 1 Buch pro Monat (= 12 Bücher pro Jahr) lesen.
    • Meine Yoga-Stunde nicht mehr aus Arbeitsgründen ausfallen lassen.
    • Eine Idee davon bekommen, wie und wer ich mit 50, 60, 70 oder 100 Jahren sein und das Alter(n) gestalten möchte (Inspiration 1, 2, 3).

…und damit wünsche ich allen einen angenehmen Start in ein (politisch) besseres und (privat) gutes neues Jahr!

2 Comments

  • 1 Jahr ago

    Eine längere Auszeit? Erzähl mehr. Kommt gut rüber ihr Lieben, ich freu mich auf 2018.lg alu

    • M i MA
      1 Jahr ago

      Ich mach ’ne Kur. Allein. Ganz allein. Und wenn ich nicht wüsste, das mich das Heimweh zwischendurch ganz arg treffen wird, würde ich mich einfach nur freuen.

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