KW 34 #Zeitreise. Oder: Schreiben als #Heimatverlust

Der Blick aus André Kirchners Atelier
Seit einigen Wochen arbeite ich nun schon an dem Artikel über die Bülowstraße 90. Was als kleines Portrait gedacht war, entwickelt zu einer Art Kulturgeschichte Schönebergs durch die Fenster der Bülow 90, und meine Arbeit zu einer Zeitreise. Ich falle förmlich durchs Jahrhundert und entfremde mich dabei immer mehr von dem Ort, an dem ich – um es mit Vilem Flussers Wort zu sagen – ‚beheimatet‚ bin.

Seitdem ich in der Vergangenheit grabe, sehe ich meine ‚Heimat‘ mit anderen Augen: Das Haus, das gestern noch ein schöner Altbau war, ist heute das ehemals besetzte Haus, das nur knapp der Abrissbirne entkam. Im Spielplatz um die Ecke erkenne ich plötzlich den ehemaligen Standort von Schönebergs berühmt-berüchtigter Absturzkneipe und auf dem öden Abschnitt zwischen Bülowstraße und Nollendorfplatz sehe die Künstlerboheme der 1920er flanieren. Alles atmet Geschichte, nichts ist mehr gewöhnlich. Genau dieses Gewöhnliche aber macht nach Flusser ‚Heimat‘ aus. Und so geriert der Recherche- und Schreibprozess zu einer Art Heimatverlust.
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  • GESEHEN: Bilder aus Schöneberg in den 1979 und 80er Jahren
  • GEHÖRT: Berlin [Ideal]
  • GELESEN: Vilem Flusser Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit
  • GETROFFEN: viele spannende Menschen mit langen Schöneberg-Erinnerungen
  • GESUCHT: die wahre Geschichte des brennenden Künstlerhauses [bisher erfolglos]
    Der Legende nach soll es im Block Bülow-, Kurfürsten-, Froben- und Potsdamer Straße einst einen von Künstler/innen bewohnten Seitenflügel gegeben haben. Er ist der ‚Kahlschlagsanierung‘ Ende 1970/Anfang 1980 zum Opfer gefallen. Kurz bevor die Abrisskräne kamen, haben die Bewohner/innen ihr Zuhause in einer spektakulären Kunstaktion buchstäblich in Brand und unter Wasser gesetzt. Das Haus wurde geflutet, es wurden schwimmende Feuerinseln installiert, Musik gemacht und performt. Ein Spektakel, das eindrücklich gewesen sein muss, nur erinnert sich niemand daran. Hat einer von euch davon gehört? Oder weiß jemanden, der es wissen könnte?
  • GETAN: recherchiert, recherchiert, recherchiert
  • GEWÜNSCHT: mehr Zeit zu haben zum Recherchieren
  • GEKLICKT: Marcus Kluges Erinnerungen an Westberlin
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Habt ihr noch Erinnerungen, Bilder, Kontakte aus Berlin-Schöneberg, die die Kulturgeschichte Schönebergs durch die Fenster der Bülow 90 komplettieren? Ich freue mich über J E D E S Mosaiksteinchen, und sei es noch so klein!
Ein schönes Wochenende!
Ein Hinterhof in Schönberg | Vorbergstraße 1

6 Comments

  • Anne
    5 Jahren ago

    Kennst Du von Pascale Hugues "Ruhige Strasse in guter Wohnlage …"? Bin mir nicht sicher, ob dort wirklich was zu finden ist für Dich, aber vielleicht läßt sich irgend ein Kontakt nutzbar machen?!

    Lieben Gruß,
    Anne

    • 5 Jahren ago

      Kannte ich nicht. Toller Tip. Danke!

  • 5 Jahren ago

    Hallo, zum ersten mal,
    leider kann ich nichts Erhellendes zu deiner Recherche beitragen.
    Ich will mich aber bedanken für die immer bereichernden Gedanken, abseits von den üblichen Blog-Themen. All den angeblichen neuen Trends, dem in Wiederholungsschleife variierten Rezept oder den permanenten sinnlosen Kaufanreizen.
    Ich leben in Frankfurt, nicht meine eigentliche Heimat, aber eine Stadt, die bei einem deiner letzten Beiträge leider nicht so gut weggekommen ist. Hier gibt es sie auch, diese vergessenen Orte, das versnobte Westend mit seinen ehemals besetzen Häusern und dem steinewerfenden Joschka Fischer, die Strasse Adornos, alles verweht… Aufregend, wenn man sich vorgenommen hat es nicht einfach ruhen zu lassen…
    Dein Blog ist eine Bereicherung. Immer bewegend. Viele Dank.

    • 5 Jahren ago

      Hallo,

      zunächst einmal Danke für deine Worte. Ein schönes Lob! 🙂

      Zu Frankfurt: Tatsächlich habe ich einen durchaus positiven Blick auf die Stadt gewonnen. Aber das ist offenbar nicht recht rübergekommen… von den Orten, die du erwähnst, hat mir jüngst einer meiner "Zeitzeugen" berichtet. Bevor er in Berlin Fuß fasste, war er in Frankfurt und hatte auch mit Joschka Fischer Berührungspunkte. Und, ach, Adorno und die Frankfurter Schule – natürlich! An ihm habe ich mich abgemüht… puh! Aber sein Kunstverständnis prägt das meine bis heute.

      Vielleicht beleuchten wir einmal die Geschichte Frankfurts gemeinsam und zeichnen die blaßrosa Fäden nach, die es zwischen B und FRA gibt… wäre sicher spannend!

      LG I.

  • 5 Jahren ago

    leider hab ich (noch?) kein historisches mosaiksteinchen. aber ich denk ein bisschen nach, wo du noch weiter recherchieren könntest… tolle orte, analog und virtuell, hast du aufgemacht – toll, verquer, faszinierend, lauter türchen zum durchgehen! ich liebe berliner geschichte. sie ist so sichtbar (und dann doch wohl immer wieder überschichtet, versteckt….).
    liebe grüsse!

  • Oh, das klingt nach einem sehr spannenden Projekt! Zu Schöneberg habe ich leider rein gar nichts zu sagen. 🙁 Dafür durfte ich mal in einem Praktikum Kriegsgefangenenentschädigungsakten auswerten. Das war unglaublich spannend (und traurig). Es war so aufregend, sich mal für ein paar Wochen in die Vergangenheit seiner Heimat zu graben.

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