Gedanken, Geschichten und Gefühle be- und vertonen | Im Interview Martina Mühlbauer vom uccello Hörbuchverlag

26. März 2018

»Das Ohr ist der Weg zum Herzen.«

… sagte einst Madeleine de Scudéry (1607 – 1701), die französische Barock-Schriftstellerin und Salonniére. Zu ihrer Zeit gab es weder Radio noch Plattenspieler, geschweige denn Download oder Streaming. Gesprochene Worte und Musik waren für die barocke Gesellschaft nur »live« zu haben – und nur mit entsprechend viel Aufwand zu bekommen. Heute ist das Hörbare, ganz gleich ob Musik oder gesprochenes Wort, für jede*n (fast) überall und immer sofort verfügbar. Die zu Barockzeiten zentrale Frage »Wie komme ich in den Hörgenuss von…?« stellt sich heute kaum mehr. Die große Frage von Heute lautet: »Wo finde ich in der Masse der Angebote das Richtige?«

Verlage sind immer noch und immer wieder ein wichtiger Wegweiser für mich. Aus der Masse des Möglichen wählen sie das für sie – und so mir ihr Programm gefällt, auch für mich – Passende aus (»Kuratieren« nennt man heute). Meine Tochter M. hört gern und viel und mir ist es ein Anliegen, dass sie gute Sachen hört. Darum bin ich froh, dass es Verlage wie uccello gibt. Der Hörbuchverlag von Martina Mühlbauer be- und vertont die leisen und die Zwischentöne aus unterschiedlichen Perspektiven und kindgerecht.

Im heutigen Montagsinterview spreche ich mit der Verlagsinhaberin und Geschäftsführerin übers Hörbuch- und Programm-Machen im Allgemeinen und unter digitalen Bedingungen im Besonderen. Hab‘ vielen Dank, liebe Martina, für die spannenden Einblicke, mit denen ich allen einen anregenden Start in die 11. Kalenderwoche wünsche.

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Seit 1997 verlegst du Hörbücher. Wie kam es dazu?

Ich produziere und verlege seit 1997 Hörspiele, Musik und Hörbücher für Kinder. Vorher war ich im sozialpädagogischem Bereich tätig. Mein Schwerpunkt lag schon damals im medienpädagogischem Bereich, ich hielt beispielsweise Vorträge über Kinderliteratur und besuchte die Frankfurter Buchmesse. 1996 wurde ich von amnesty international für Projektwochen zum Thema »Menschenrechtserziehung« an verschiedenen Grundschulen in NRW eingesetzt. Während dieser Zeit musste ich feststellen, dass so gut wie keine geeigneten Unterrichtsmaterialien zum Thema erhältlich waren. Das war die Geburtsstunde der ersten Uccello CD »Mensch, du hast Recht!“ – Kinderlieder über Menschenrechte«. Das entsprechende Konzept verteilte ich an einige Kinderlieder-Autoren und in Kooperation mit dem WDR und amnesty international entstand eine bunte Mischung von Liedern, die über Asyl (Schneewittchen!), Briefgeheimnis, Recht auf Bildung und Freizeit etc. erzählten.

Es folgte die akustische Umsetzung von anspruchsvollen Bilderbüchern in Tonträger. Hier wurden die Bilder in Musik »übersetzt«, es gab immer einen Erzähler und die einzelnen Rollen wurden von verschiedenen Schauspielern besetzt. 1998 erschien mit »Als die Steine noch Vögel waren« das erste Hörbuch. Es erhielt den Preis für das beste Kinderhörbuch des Jahres 1999, gestiftet vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Hessischen Rundfunk.

Wofür steht der uccello Verlag?

Für die leisen Töne und für Zwischentöne. Für Gedanken, Geschichten und Gefühle, die es wert sind ausgesprochen, be- und damit ver-tont zu werden. Und für kindgerechte Themen, die aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden – durch Anthologien wie die akustischen Adventskalender oder Hörbücher zu Themen wie Erstkommunion, Jungs, St. Martin, Frühling etc. Die Menschenrechts-CD der allerersten Stunde wurde nun auf eine ganz andere Art fortgesetzt: In der Reihe »Unsere Geschichte« wird von jungen Menschen erzählt, die auf unterschiedlichste Weise Widerstand im Nationalsozialismus leisteten.

Und der uccello Verlag steht für Musik, die – auch für Hörbücher – immer mit echten Instrumenten und von professionellen Musikern eingespielt wird. Die Hörgewohnheiten von Kindern werden früh geprägt, das muss genutzt werden – Kinderohren sollten den Originalklang der Instrumente kennen, bevor sie beispielsweise mit digital produzierter Musik konfrontiert werden. Die Reihe »Djingalla« ist mittlerweile vielen Pädagogen ein feststehender Begriff für vielfältig einsetzbare und hochwertig eingespielte Instrumentalmusik.

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Wonach suchst du die Bücher für dein Verlagsprogramm aus? Und wie viele Hörbücher pro Jahr bringst du heraus?

Die Kinderbücher, die als Hörbuch produziert werden, sollen die Phantasie beflügeln, Bilder und Filme im Kopf entstehen lassen. Das wird immer relevanter, da Kinder heute leider immer früher auf irgendwelche Bildschirme starren, die keinen Raum mehr lassen für die eigene Vorstellung im Kopf. Bei der Auswahl der Bücher achte ich darauf, dass sich jüngere Kinder beim Hören wiederfinden und älteren Kindern neue Welten und Perspektiven geöffnet werden.

Der Uccello Verlag produziert aber nicht nur nach Vorlagen von bereits erschienenen Büchern. Die Sagen »Troja« und »Rom« beispielsweise wurden für unsere Hörfassungen exklusiv neu geschrieben. Pro Jahr erscheinen zwischen drei und fünf neue Produktionen.

Wie entsteht eigentlich ein Hörbuch und worauf kommt es bei Hörbuchproduktion an?

Meistens gliedert sich die Produktion eines Hörbuches in zwei Teile: Sprachaufnahme und Musikaufnahme im Tonstudio. Nachdem die Sprache bearbeitet/geschnitten wurde, wird die Musik eingesetzt. Musik soll kurze Atempausen bieten, die Handlung vertiefen und/oder die Stimmung verstärken.

Die Auswahl des Sprechers oder der Sprecherin orientiert sich sehr stark am Text. Männlich, weiblich, alt, jung, zart, burschikos? Bei der »Jahrhundertfrau«, gelesen von Suzanne von Borsody, war es wichtig, dass die Schauspielerin ihre Stimme altern lassen kann. Für Sagen und klassische Literatur ist Johannes Steck mein absoluter Sprecher-Favorit. Seine Stimme besitzt die Eigenschaft der großen Wandlungsfähigkeit und das Talent, jedem Charakter in der Erzählung eine eigene Stimme zu geben.

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(Wie) Haben sich die Hörgewohnheiten und der Hörbuchmarkt seit 1997 verändert? Und welche Rolle spielen Streaming-Plattformen wie Spotify und Podcasting?

Mein erster Gemeinschaftstand »Hörbücher« während der Frankfurter Buchmesse war sehr sehr überschaubar. Das änderte sich von Jahr zu Jahr, immer mehr Anbieter stellten ein immer größeres Angebot von Hörbüchern aus. Irgendwann platzte dieser Gemeinschaftsstand aus allen Nähten und ich bevorzugte einen eigenen Stand in der Kinderbuchhalle. Das ist beispielhaft für die Entwicklung des Hörbuchmarktes.

Er ist unüberschaubar geworden, mittlerweile erscheint fast jedes Hörbuch im Bereich Belletristik gleichzeitig mit der Printausgabe. Viele Buchverlage produzieren mittlerweile eigene Hörbücher zu ihren Büchern – wobei im Kinderbereich werden kaum noch CDs gekauft. Hier (wie fast überall) tendieren die Leute immer mehr zum Download oder Streaming. Das bedeutet, dass das physische Produkt immer weniger nachgefragt wird, dass sich aber für den Verlag andere neue digitale Vertriebsmöglichkeiten bieten.

An welchen Hörbuchprojekt arbeitest du aktuell?

Zusammen mit einer sehr erfahrenen und gut ausgebildeten Yoga-Lehrerin arbeite ich an der Produktion »Kinderyoga – Yoga mit dem Kuscheltier«. Yanaàhee nimmt die Kinder mit auf ihre Reise in die Yogawelt: Mit wunderschönen Klängen und ruhiger Stimme leitet sie spielerisch zum Sonnengruß an und verzaubert die Kinder in Yogatiere, verwurzelte Bäume oder schwankende Boote. Zum Schluss gibt es eine »Entspannungsreise«. In der nächsten Woche werden wir im Tonstudio sein –darauf freue ich mich schon sehr!

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Bilder via Unsplash

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