Ein Blick hinter Jazzlounge

Ich habe keine Ahnung mehr, über welch‘ verschlungene Wege ich zu ihm gelang. Aber irgendwann fand ich mich dort lesend wieder, auf der Jazzlounge, dem privaten Blog von Johannes Korten, seines Zeichens Markencoach und digitaler Ureinwohner, wohnhaft in Bochum. Ich mag seine unaufgeregte Art über ‚all that tiny little Jazz‘ zu schreiben, manchmal bissig, bisweilen scharf, immer scharfsinnig und mit einer Prise Humor versehen. Grund genug, einen Blick hinter die Jazzlounge zu werfen. In unserem Montagsgespräch geht es um das gute Leben in der digitalen Welt, um Vertrauen, Respekt, Nähe und Bochum, der unterschätzten Stadt.

@Johannes: Hab‘ vielen lieben Dank für das schöne Gespräch!
@all: Einen gelungenen Start in die neue Woche!

Du wohnst in Bochum, bist Markencoach, digitaler Ureinwohner, Vater, Blogger und arbeitest bei der GLS Bank. Soviel konnte ich auf die Schnelle herausbekommen. Was habe ich übersehen?
Ich bin ein früher Vogel, Hausmusiker und Jazzfan, Gernefotografierer, Whiskyliebhaber und bekennender Anmirselbstzweifler. In meinem ersten Grundschulzeugnis stand schon, dass ich gern und viel rede. Das ist auch heute noch so. Auch wenn sich der Ort der Kommunikation mittlerweile stark ins Digitale verlagert hat.
Dein Blog heißt „Jazzlounge“ und handelt von „all that tiny little daily jazz“. Was ist all dieser kleine tägliche Jazz? Und warum „Jazz“?
Jazz war das ursprüngliche Thema meiner Bloggerei, die ich vor meinem eigenen Blog schon auf diversen anderen Plattformen betrieben habe. Seit meiner Jugend mache und höre ich Jazz, daher die Affinität. Der „tägliche kleine Jazz“ sind Fragmente aus meinem Leben. Dinge aus der Familie, gesellschaftliche Themen, kulturelle Fragen. Das Blog ist ein Gemischtwarenladen. Mittlerweile tobe ich mich auch mit ersten fiktiven Formaten dort aus. Es ist meine kreative Spielwiese, wo ich mein Faible fürs Schreiben ausleben kann und zudem Fragestellungen, die mich beschäftigen, verarbeite.

Als Markencoach und digitaler Ureinwohner begleitest du Unternehmen und Initiativen auf ihrem Weg ins digitale Neuland. Was zeichnet dieses „digitale Neuland“ aus? Was brauchen Organisationen, um dort gut zu leben? Und was braucht jeder Einzelne von uns?
Das digitale Neuland meint das interaktive Web als solches. Manche sagen Web 2.0, Mitmachweb oder auch Social Media. Da ich seit weit mehr als 10 Jahren blogge und in diesen Netzwerken unterwegs bin, bilde ich mir ein, Menschen als Ranger einen Weg durch dieses für sie noch „neue“ Land zu begleiten. Das digitale Neuland lebt von der sozialen Interaktion von Menschen. Teilweise stehen hinter diesen Menschen Marken, Unternehmen, Intiativen oder Orte. Die Kommunikation und Interaktion folgt dabei bestimmten Gesetzmäßigkeiten und wandelt sich permanent. Es ist nicht einfach, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, sich mit ihr vertraut zu machen. Dabei möchte ich helfen.
Wichtig ist es, im Web Nähe zuzulassen, zuzuhören, neugierig zu sein, loslassen zu können und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ohne diese Bereitschaft werden sich die großartigen Potenziale dieser besonderen Interaktion nie erschließen lassen. Dazu bedarf es viel Vertrauen und Lust auf soziale Kontakte. Denn anders als von Offlinern gerne kolportiert wird, ist das Netz voller wunderbarer Menschen, die einander bereichern und helfen. Ich habe viele der virtuellen Kontakte mittlerweile auch im realen Leben kennengelernt und bin bislang nur selten enttäuscht worden. Mit ein bisschen Empathie entwickelt man ein gesundes Gespür, ob man eine gemeinsame „Welle“ hat.

Es wird derzeit viel von der „Digitalisierung“ geredet, die unser gewohntes Leben angeblich auf den Kopf stellt. Wie siehst du das? Wird alles anders durch die Digitalisierung? Was wird anders? Und ist das gut oder schlecht oder weder noch?
Die Digitalisierung stellt unser Leben nicht auf den Kopf. Sie verändert es punktuell. Und immer nur so weit, wie wir das selbst zulassen. Wichtig ist es, bewusst mit der Digitalisierung umzugehen. Wie und an welchen Stellen kann ich sie sinnvoll für mich einsetzen? Nicht jeden digitalen Trend muss man mitmachen. Allein aus beruflicher Neugier probiere ich fast alles aus. Manche Netzwerke oder Möglichkeiten infizieren mich, andere wiederum lasse ich irgendwann links liegen. Die Digitalisierung ist nicht per se gut oder schlecht. Jeder muss bewusst entscheiden, wie digital er unterwegs sein will. Was sind die Daten die ich wo oder wem gegenüber preis gebe? Entscheidend ist es, sich zu informieren und hin und wieder auch mal das Kleingedruckte der Anbieter zu lesen. Genauso wie ich mündiger Konsument im Lebensmittel- oder Textilbereich bin und hinterfrage, was ich kaufe, esse oder trage, so gilt das auch für die Nutzung digitaler Angebote.
Deine Leidenschaft gilt der nachhaltigen Kommunikation. Was ist eine nachhaltige Kommunikation? Und warum ist sie deines Erachtens der richtige Weg?
Nun, was ist nachhaltige Kommunikation? Schwierig. Nachhaltig ist Kommunikation immer dann, wenn sie wahrhaftig, menschlich und damit am Ende auch (Achtung Buzzword!) authentisch ist. Wenn man Menschen als solche ernst nimmt, dürfte es eigentlich keinen anderen Weg geben. Meine Arbeit in Marketing und Kommunikation ist stark von den bereits ziemlich alten Thesen des Cluetrain Manifests geprägt, das dazu aufruft, Menschen mit ihren Bedürfnissen und Anliegen endlich ernst zu nehmen und als Unternehmen/Marke eine wahrhaftige und belastbare Haltung zu den Dingen zu haben. Ich denke, dass es in den Zeiten digitaler und sozialer Netzwerke keine Alternative zu einer aufrichtigen und den Menschen respektierenden Kommunikation gibt, wenn man langfristig am Markt bestehen will.

Du lebst in Bochum. Das kenne ich nur aus dem Lied von Grönemeyer. Was macht die Stadt heute aus, wo der „Pulsschlag aus Stahl“ verhallt ist? Und was sollte ich unbedingt besuchen, wenn es mich einmal dort verschlagen sollte?
Ja, ich lebe in Bochum. Und das sehr gern. Diese Stadt ist vollkommen unterschätzt und ich lade jeden und jede gern ein, hierhin zu kommen. Die Liste der Sehenswürdigkeiten ist lang und man sollte definitiv mindestens ein verlängertes Wochenende mitbringen, wenn man kommt. Ob es die vielen freien Theater oder das Schauspielhaus sind, das über die Grenzen hinaus bekannte Bermuda3eck in dem man abends herrlich versacken kann, das Bergbaumuseum, die Jahrhunderthalle mit dem Westpark, das Planetarium, die Uni, den Stadtpark oder das grün-idyllische Ruhrtal. Hier gibt es für jede und jeden etwas zu entdecken. Vor allem die sehr geerdeten, offenen und äußerst herzlichen Menschen, die jeden Besucher einfach integrieren. Worauf auch immer man Lust hat, ich biete gern an, individuelle Tipps zu geben oder Menschen auch an die Hand zu nehmen und ihnen die Stadt zu zeigen. Hier isses nämlich richtig nett und lebenswert!

2 Comments

  • 4 Jahren ago

    Danke für dein Interesse. Hat Spaß gemacht!

  • 4 Jahren ago

    Es ist immer wieder spannend zu lesen, was die Menschen antreibt oder wie sie die Dinge sehen.
    Ein sehr interessantes Interview, vielen Dank!
    Liebe Grüße von Heike

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