Ein Blick hinter ein Buch. Oder: ‚Berlins Weg in die Wolken‘

aus: Der Himmel über Berlin | Wim Wenders | 1987

Mein Blick fällt heute nicht hinter ein Blog, auch nicht hinter eine Website, sondern hinter ein Buch. Ein Buch, das noch mitten im Werden ist und von Berlins Weg in die Wolken erzählt. Hauptfigur ist ein Gebäude, dessen 50er Geburtstag naht und das wie kein zweites für Westberlin steht: das Europa-Center. Hier waren Christiane F. und ihr Freund ‚Helden für einen Tag‚. Hier sprang Wim Winders Selbstmörder vom Dach, und hier wurde ich 16jährig per Anhalter durch die DDR ausgespuckt. 

Am 2. April 2015 wird der ‚in Beton, Stahl und Glas geformte Selbstbehauptungswille der Berliner‘  also 50 Jahre alt. Rechtzeitig zu diesem Jubiläum bringt der Berliner Musikredakteur und Ex-Ärzte-Bassist Hagen Liebing ein Buch zum Haus heraus. Vorläufiger Arbeitstitel: Berlins Weg in die Wolken. 50 Jahre Europa-Center.  Im heutigen Montagsinterview erzählt er, was den 103 Meter hohen Glas-Alu-Bau so spannend macht, wie und warum es zum Symbol Westberlins wurde und wie das Buch aussehen wird. Vielen Dank, Hagen, für diese exklusiven Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die erste Novemberwoche wünsche.

PS: Wenn ihr persönliche Geschichten und/oder besondere Erinnerungen habt, die im oder um das Europa Center spielen, so meldet euch gerne. Hagen Liebing sucht immer noch Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten Europa-Center, um aus dem Gehörten eine Erzählung zu formen.

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aus: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo | 1980/81

Anlässlich des 50. Geburtstags des Europa-Centers schreibst du ein Buch über das Gebäude. Was ist so spannend an dem 103 Meter hohen Glas-Alu-Bau?

Da gibt es zwei Antworten. Die historische und die persönliche. Historisch gesehen ist das Europa-Center 1965 der größte Bürohochausbau seiner Zeit gewesen. Und natürlich ein mächtiger Fingerzeig des eingemauerten West-Berlins gen Osten, dass man sich nicht unterkriegen ließe. Zudem kann man den Gebäudekomplex – es handelt sich ja nicht allein um ein Bürohochhaus, sondern um ein komplettes Shopping-Center – als die Mutter aller Malls bezeichnen. Und für mich persönlich war dies nicht nur das erste richtige Hochhaus, das ich als Kind erlebt habe, sondern auch ein Ort, an dem ich als Teenager – ich gehöre ja zur Generation Christiane F. – eine Menge Zeit verbracht habe. 
Das Europa-Center steht für mich wie kein zweites Gebäude für Westberlin. Inwiefern verkörpert der Bau die Zeit von 1963 bis 1989? 
Hierzu möchte ich zunächst den Europa-Center-Architekten Ivan Krusnik zu Wort kommen lassen (quasi als exklusiven Vorabdruck 🙂 ), der von 1963 bis 2002 an dem Gebäude gearbeitet hat: ‚Mit dem Europa-Center verhält es sich genauso wie mit der Stadt Berlin, das ist eine ewige Baustelle. Das wurde in gut zwei Jahren gebaut und danach haben wir das zuerst mal dreißig Jahre lang. Und jedes Jahr passierte da etwas Neues.‚ Aus meiner Sicht wurden hier zudem der Selbstbehauptungswille und auch die Westbindung der Berliner in Beton, Stahl und Glas geformt. Und das Ganze finanziert nach einem neuen Abschreibungsmodell, das anschließend einen regelrechten Bauboom in der Stadt auslöste (und leider auch das Vorspiel zum folgenschweren Berliner Bauskandal wurde).
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Das frisch gebaute Europa Center als Postkartenmotiv der 1960er Jahre

Wie standen und stehen die (West-)Berliner/innen zum Europa-Center?
Heute ist es natürlich kein Symbol mehr für den freien Westen. Heute sind ja alle irgendwie frei. Aber ich glaube schon, dass das Europa-Center nach wie vor ein prägendes Stück Kudamm ist. Und speziell auch viele Ost-Berliner werden sehr gute Erinnerungen an das Europa-Center haben, verbrachten Hunderttausende von ihnen doch auch hier die anarchischen Nächte am und nach dem 9. November 1989.

Welche Geschichte des Gewerbes und der Wirtschaft (West-)Berlins erzählt das Gebäude?
Für heutige Zeiten ziemlich einzigartig ist der Umstand, dass das große Areal und seine Gebäude mitten in einer Europäischen Metropole (manche sagen ja DER Metropole) nach wie vor nicht in Besitz eines internationalen Konsortiums oder irgendwelcher Shareholder ist, sondern der Berliner Familie Pepper gehört. Das Gebäude erzählt also die Geschichte von weitsichtigem Unternehmertum in der Stadt, aber auch von der Mentalität, sich durch den Wandel in Politik und Wirtschaft nicht unterkriegen zu lassen. 
Was waren die spannendsten oder schrägsten Geschäftslokale im Europa-Center?
Am spannendsten empfand ich den I-Punkt, also dieses Restaurant im zwanzigsten Stock, von dem man auch die Aussichtplattform nutzen konnte und dem ‚Himmel über Berlin‚ so nah war. Und ziemlich amüsant fand ich das Konzept vom ‚Haus der Nationen‚, in dem bereits zur Eröffnung 1965 acht verschiedene Restaurants acht verschiedener Nationalitäten vereint waren. Zu dieser Zeit praktizierte die breite Bevölkerung ja noch gar keinen Ferntourismus, weshalb man den Berlinern vermutlich alles hatte vorsetzen können, und sie haben geglaubt es sei Spanisch, Italienisch oder Französisch. Damals gab es dort übrigens bereits ein Restaurant namens ‚Grill Royal‚.
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links: das Europa Center als Briefmarkenmotiv | rechts: gerade angekommen, finde ich im Europa Center meinen Namen

Welche kleinen und großen Geschichten aus dem (West)Berliner Leben haben sich hier zugetragen, die du besonders magst?
1965 bei der Eröffnung hat der ‚Haus der Nationen‚-Chef Beisheim zur Einweihung seine Stieftochter als Stargast mitgebracht: Romy Schneider. Und die wiederum hat an jenem Tag Harry Meyen kennengelernt – ihren zukünftigen Mann. In den 80er Jahren wurde die dortige Spielbank ausgeraubt. Aber ganz gewaltlos: Die Räuber leiten einfach die Geldbomben um, die eigentlich per Rohrpost von der Bank in den Tresor rauschen sollten. 
Was wird das Buch zum Gebäude aussehen? Und wann wird es wo erscheinen?
Ich möchte die Geschichte des Gebäudes ebenso wie seine Geschichten erzählen. Neben den stringenten Features zum Bauherren, zum Bau selbst, zu einzelnen Aspekten wie dem überall sichtbaren Mercedes-Stern oder dem Europa-Center als Filmdrehort hat es mir die Oral History angetan. Ich sprach und spreche immer noch mit Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten Europa-Center und möchte das hier Gehörte zu einer Erzählung formen. Das Buch wird 128 Seiten haben und Ende Januar 2015 im Berliner Raufeld Verlag erscheinen. Rechtzeitig zum 50. Jubiläum des Europa-Centers am 2. April 2015.
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Hagen Liebing
geb. 1961 in Berlin

1980 Abitur
1986-1988 Bassist bei Die Ärzte 
1990 Diplom der Medienwissenschaften an der TU Berlin
dann freier Autor und Gag-Schreiber für Thomas Koschwitz und Harald Schmidt
seit 1995 Musikredakteur beim tip Berlin

1 Comment

  • Anne
    5 Jahren ago

    Sehr spannend! Zu dem Gebäude habe ich leider gar keine Beziehung, um so mehr zu den Ärzten. 🙂 Dein Foto ist super!

    Einen wunderbaren Tag für Dich,
    Anne

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