E i N B L i CK H i NT E R: bastisRIKE

Ihre Handschrift zählt zu den schönsten, die ich kenne. Trifft sie auf eine Schreibmaschine, sind feinste Stempel das Ergebnis. Ihr wisst es längst, von wem ich rede? Na klar. Von Henrike Schoen – der Dame mit dem bärtigen Mann und haarigem Terrier Basti, der ihrem Alias Pate stand: b a s t i s R I K E. Sie lässt uns heute hinter ihr Blog blicken und erzählt über ihr gespaltenes Verhältnis zu Leipzig und Siegburg und zum Konsum, über den Unterschied von Papier und Stoff und ihrem Zukunftstraum. Danke dir, liebe Rike, für diesen Ausflug in die Weiten hinter der virtuellen Fassade und euch – wie immer – viel Freude beim Lesen.
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P S . 
Bis morgen Abend könnt ihr noch das kleine Tablett von la mesa gewinnen.

du hast schon viele fragen beantwortet und interviews gegeben. die fakten über bastisRIKE sind bekannt. was kannst du über dich bzw. von dir erzählen, was noch nirgendwo nachzulesen ist?
ohje, wenn ich ehrlich bin, ueberfordert mich diese frage. natuerlich ist die marke bastisrike nicht mit mir als person gleichzusetzen, wobei zugleich beides untrennbar ist. vielleicht liefere ich in den folgenden zeilen, die ein oder andere information fernab der fakten?

du hast einige jahre leipzig gewohnt. seit rund 1,5 jahren lebst du nun in siegburg bei bonn. wie gefällt es dir dort und was vermisst du dort am meisten?
wir hatten zugegeben sehr schlechte startbedingungen. die wohnungssuche aus der entfernung gestaltete sich sehr schwierig und letztendlich ist das jetzige heim als auch der ort mehr kompromiss als glueckliche wahl. ein schwerer schimmelschaden tat sein restliches dazu. inzwischen ist bereits klar, dass wir nicht laenger als noetig verweilen werden und so betrachte ich siegburg eher als zwischenstation. mein mann steckt in den letzten zuegen seinen studiums und daran anknuepfend werden die karten neu gemischt.
leipzig vermisse ich taetsaechlich. je nach tagesform mal mehr mal weniger. wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass dabei viel schoenmalerei mitmischt. ich war im studium sehr ungluecklich, insbesondere auf persoenlicher und sozialer ebene. das werde ich wohl auch immer mit dieser stadt verbinden. und so war ich damals froh, einen strich unter dieses kapitel machen zu koennen.
mit dem jetzigen abstand koennte ich mir aber durchaus vorstellen zurueckzukehren. leipzig ist eine wirklich schoene, offene, gruene stadt, die die vorzuege einer großstadt im kleinformat mit sich bringt.
momentan vermisse ich aber am ehesten unser altbau-heim. es hatte neben einigen quadratmetern, gleich zwei zimmer mehr, eines wurde mein arbeitszimmer, nachdem ich mein atelier aufgegeben hatte. meinen arbeitsplatz musste ich hier notgedrungen in unser wohnzimmer integrieren. denn einen externen arbeitsplatz kann ich mir zu den westdeutschen mietpreisen tatsaechlich nicht leisten und das angebot ist in einem staedtchen wie siegburg natuerlich zudem sehr ueberschaubar. aber abgesehen von den wohn- und arbeitsbedingungen in leipzig fallen mir sofort der auenwald (in dem jetzt wohl wieder der baerlauch sprießt), unser spaetverkauf (mit leckerem fattigauer bier) und die programm-videothek „alpha60“ ein. alles in naechster naehe unseres heims. zudem vermisse ich das fahrradfahren, denn seit dem umzug weilt das rad fast ausschließlich im keller, da die wege hier zu weit, oder einfach fahrradunfreundlich sind.
mir wuerde wohl noch etliches einfallen. nachttroedelmarktbesuche gekroent von pommes und bier, besuche im zeughaus, der hoerspielsommer, das stetig wachsende kulturelle angebot … aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich die vorzuege der stadt, die ich heute vermisse, zu der zeit kaum genutzt.
was sind deine liebsten orte in siegburg?
die vorangegangene antwort laesst es wohl schon vermuten. wirklich warm geworden bin ich mit siegburg bis heute nicht und ich muss mich immer wieder selbst auffordern mit offenen augen unterwegs zu sein. aber trotzdem gibt es ein paar orte die ich mag. zum einen das „zum fass“, dort gibt es eine sehr feine, kleine kueche mit regionalem einschlag, eingebettet in die gemuetlichkeit eines alten gasthauses. in naechster naehe findet sich außerdem das capitol, ein kleines kino, dass auch mal filme neben dem ueblichen popcorn-programm zeigt. im sommer geht es dann raus, denn in unserer naehe gibt es einen schoenen biergarten, direkt an der sieg gelegen. das essen sollte man besser ausser acht lassen, aber ein kaltes bier unter alten baeumen sitzend macht das wieder wett. wetterunabhaengig ist ein kleiner uferplatz an der sieg mein liebster. an der sieg selbst gehe ich jeden morgen mit basti spazieren und wenn es die uhrzeit zulaesst genieße ich die abwesenheit anderer.
würdest du zurück nach leipzig ziehen? und wenn ja/nein, warum (nicht)?
die antwort habe ich ja im grunde bereits vorweg genommen. das klare „nein“ mit dem ich aus leipzig weg bin, gibt es nicht mehr. tatsaechlich wuerde ich es heute zugleich als eine herausforderung sehen um zu pruefen ob ich mit dem „kapitel“ nicht doch noch freundschaft schließen koennte. letztendendes stehe ich aber allem was da kommt offen gegenueber. mein mann darf auch das naechste mal entscheiden (sofern man bei der arbeitssuche von einer eigenen entscheidung sprechen kann) und ich bin gluecklich ueber den umstand in meiner arbeit voellig ortsunabhaengig sein. der koffer mit den problemen kommt mit, ob man will oder nicht. und so ist es an mir das beste daraus zu machen, egal wo es uns hin verschlaegt.
du stehst dem heutigen konsum kritisch gegenüber. was genau kritisierst du?
das unbedachte konsumieren. das verlorene maß, das zu haeufig damit einhergeht. die bequemlickeit des konsumenten, die zugleich einer großen ungeduld gegenuebersteht. die „geiz ist geil“ und „wegwerf“ mentalitaet. all die eigenarten, die ich an mir selbst als konsument hin und wieder noch entdecke.
gibt es deiner meinung einen „guten konsum“? und wie könnte ein „besserer konsum“ aussehen?
fuer mich haengt ein ‚besserer konsum‘ eng damit zusammen, dass sich der konsument die hintergruende des angebots und der preisgestaltung bewusst macht und daraus sein handeln ableitet. die staendige verfuegbarkeit des warenangebots – losgeloest von regionalen und saisonalen bedingungen – ist tatsaechlich verfuehrerisch, sollte aber nicht als gegeben betrachtet, sondern vielmehr kritisch hinterfragt werden.
das in frage stellen der persoenlichen beduerfnisse – oder dem was man dafuer haelt –  ist aus meiner sicht ein weiteres wichtiges mittel, das eigene konsumverhalten zu pruefen. letztendlich fuehrt mich persoenlich beides zu der einsicht, dass auch hier gilt: weniger ist mehr. wobei ich nicht von asketischem verzicht spreche, sondern von einem bewussteren konsumieren. der konsument wird seitens der industrie viel zu oft als dumm dargestellt, dass muss ich mit meiner kaufentscheidung nicht auch noch bestaetigen.
eine kritik am klassischen design lautet, dass es die bedürfnisse nach unnötigen dingen durch ver- bzw. beschönigung fördere, anstatt sich auf seine eigentliche aufgabe zu konzentrieren: der gestaltung von dingen, die das leben besser machen. welche aufgabe und gesellschaftliche verantwortung haben designer/innen deiner meinung nach?
die, die jeder einzelne mit sich herumtraegt. sein handeln und tun seinen moeglichkeiten nach so zu gestalten, dass er seiner umwelt im geringstmoeglichen maße schaden zufuegt. pathetisch koennte man es vielleicht als eine haltung bezeichnen, die eine verantwortung dem material, als auch dem konsumenten gegenueber innehat. das beinhaltet aus meiner sicht zum beispiel, dass ein produkt langlebig konzipiert ist. wegwerfprodukte gibt es bei weitem mehr als genug.
ist der handmade-trend in deinen augen eine gegenbewegung zum massenkonsum?
die umschreibung „gegenbewegung“ laesst eine gemeinsame haltung vermuten. ich denke, dass es in der masse letztendlich sehr unterschiedliche beweggruende gibt sich anzuschließen. das handgemachte bedient zum einen die suche nach dem individuellen, einzigartigen, mit dem man sich von der 0815 masse absetzen und abheben kann. fuer andere ist es der weg, um sich unabhaengig(er) von dem regulaeren angebot zu machen. fuer den naechsten sind es finanzielle gruende, die ihn zum selbermachen bewegen, oder gar zwingen. anders gelagerte monetaere gruende bewegen wiederum unternehmen dazu sich an die ‚bewegung‘ – aehnlich dem „greenwashing“ – anzuhaengen.
unterm strich hoffe ich einfach, dass eine erhoehte wertschaetzung der dinge und der produktionsweise vordergruendig ist, und das die positiven auswirkungen auch dann erhalten bleiben, wenn der ‚trend‘ – wie es das wort bereits impliziert – die masse erreicht. schon aus egoistischen gruenden hoffe ich natuerlich, dass aus dem trend ein fester bestandteil des gesellschaftlichen tun und handelns wird.
neben stempeln und papier widmest du dich seit einiger zeit dem stoff. wann können wir mit deiner ersten stoffkollektion rechnen?
im vergangenen jahr haben mich sophie und katharina von supercraft eingeladen, zwei stoffdesigns fuer das diesjaehrige fruehjahrs-kit zu gestalten. das bonbon obenauf: die stoffe bilden die erste supercraft-stoff-kollektion, die nun ueber den kooperationspartner stoffe.de bestellt werden kann.
wie erlebst du den unterschied zwischen stoff und papier?
in der gestaltung sehe ich den groeßten unterschied zunaechst im format und seiner begrenzung. stoffe erfordern in der regel ein „muster-denken“. also die gestaltung eines raports, die immer wieder eine besondere herausforderung ist. natuerlich gibt es auch hier endformate, die die gestaltung von abgeschlossenen flaechen erlauben. so kann die gestaltung eines kissens im gegensatz zur meterware, der gestaltung eines posters relativ aehnlich sein.
den anderen unterschied sehe ich im gebrauch. stoffe eroeffnen mir im vergleich zum papier mehr optionen hinsichtlich der nutzung, oder weiterverarbeitung. insbesondere wenn es um den alltaeglichen gebrauch und die gestaltung des eigenen heims geht. ein stoff kann zu vielerlei objekten weiterverarbeitet werden und hierdurch farbe und muster in ihrer wirkung immer wieder verwandeln. im grunde ist das aber wohl die verkopfte herangehensweise, die vielleicht bei auftragsarbeiten staerker zutage tritt. denn wenn ich ehrlich bin, ist meine persoenliche arbeitsweise losgeloest vom medium oder produkt. in der regel beginnt eine idee als kleines versatzstueck, welches mir erst in der ausarbeitung erzaehlt, was es werden moechte.
fordert stoff eine andere herangehensweise und andere motive als stempel und/oder papier?
das haengt ganz von der zielsetzung ab. wo sollen stoff, stempel oder papier ihren einsatz finden? ein stempel kann fuer den musterdruck konzipiert sein, aber im gegensatz dazu auch fuer den einmaligen einsatz auf einem briefumschlag. die funktion des motivs macht dann den unterschied. aber wie schon erwaehnt, sofern ich nicht in auftrag arbeite, steht bei der entwicklung einer motiv-idee oftmals das medium noch gar nicht fest.
aber abgesehen davon – und damit komme ich nochmal zur vorangegangenen frage zurueck – verbinde ich mit der gestaltung von stoffen und papier tatsaechlich eine groeßere kuenstlerische freiheit und einen anderen anspruch. vielleicht liegt es daran, dass ein stempel ‚mittel‘ bleibt. denn letztendlich ist es der nutzer, der mit ihm immer wieder etwas neues schafft. diesen, ich nenne es mal ‚gebrauchszweck‘ denke ich in der gestaltung der stempel stets mit. wobei mich anwendungsbeispiele, die mir kunden zusenden zum glueck auch immer wieder ueberraschen koennen.
meine papier und stoffprodukte sind hingegen so etwas wie meine persoenliche spielwiese. poster, kissen und postkarten ueben, mittels der ihnen eigenen formalen begrenzung und der zielsetzung ein ‚fertiges‘ produkt zu sein, einen besonderen reiz auf mich aus. ich verbinde mit ihnen eine form der kuenstlerischen aussage, sodass ich mich diesen medien auch aus persoenlicher sicht naeher fuehle.
was ist dein traum und deine vision für bastisRIKE? wo steht dein label in 10 jahren?
vision? herr schmidt wuerde mich wohl zum arzt schicken. aber traeumen ist erlaubt. selbst wenn die angst und der zweifel rund um das eigene tun immer zugegen sind, sind sie doch zugleich ansporn besser zu werden und nicht still zu stehen.
in 10 jahren verbringe ich meine arbeitszeit allein mit der gestaltung. andere bereiche wie die montage, buchhaltung oder bestellabwicklung deligiere ich lediglich. mein mann wird an dieser stelle lachen, denn als jemand der mich gut kennt, weiss er darum, dass deligieren nicht gerade zu meinen leichtesten uebungen gehoert. obenauf werden bastisRIKEs produkte und somit ihre produktion nachhaltiger gestaltet sein, als es mir heute – unter anderem aus finanziellen – moeglich ist. das sind die groben eckpunkte meines traums. details behalte ich fuer mich, denn hier halte ich es wie mit den ‚guten vorsaetzen‘. etwas aberglaeubisch spreche ich nicht gerne laut darueber.
fernab des traums gibt es aber ein großes ziel, an dem ich tagtaeglich arbeite: eine gesunde und entspannte balance zwischen arbeit und privatleben. vermutlich wird diese ‚arbeit‘ aber wohl immer ein wichtiger aspekt meiner selbstaendigkeit bleiben.

14 Comments

  • 6 Jahren ago

    ich habe zu danken!

  • 6 Jahren ago

    Schön, ganz herzlichen Dank!

  • 6 Jahren ago

    Die liebe bescheidene und tolle Rike.

  • 6 Jahren ago

    Das ist spannend. Dankeschön !

  • 6 Jahren ago

    ein wundervolles interview, so klug und bescheiden zugleich.
    dass ihre 10-jahres-vision eintritt – von herzen wünsche ich es einer solchen frau und allen, die so aufmerksam denken.

  • 6 Jahren ago

    ja
    das ist sie – rike
    und immer wieder voller anregungen und anstöße
    danke für neues, ein- und ausblicke
    für kluge worte
    so sehr sie

  • 6 Jahren ago

    Wunderbares Interview! Ich folge bastisrike ja schon seit längerem und bin ganz fasziniert von ihren wundervollen Sachen! In allem ist ein ganz eigener wunderbar anziehender Stil zu erkennen.
    Zum Thema Selbermachen noch einmal: ich halte den Wirbelwind sehr dazu an, viele Dinge einmal selbst auszuprobieren. Erstens weckt es Interesse, zweitens lassen sich dadurch auch Talente erkennen und eventuell fördern. Und drittens, ein viel wichtigerer Aspekt am Selbermachen – die Wertschätzung, die man dadurch erlangt, gegenüber Arbeit aber auch gegenüber dem Menschen, der hinter der Arbeit steht. Ich bin nicht der Meinung, dass man alles und jedes selber machen muss, können muss – aber ich mag es, wenn ich zum Beispiel dem Bäcker, dessen Brot mir schmeckt, sagen kann, wie toll ich es finde. Ich mag es, in den Dingen, die mich umgeben, das Herz zu spüren, die Liebe, die jemand darin investiert hat. Das macht Gegenstände erst lebendig für mich. Gibt ihnen eine Seele. Und genau das ist es, was ich möchte, auf seelenlose Dinge rund um mich, wenn möglich verzichten. Das Thema wird mich weiter beschäftigen. Auch weiter angeregt durch Ulma, deren Post dazu noch einmal viel in mir ins Rollen gebracht hat.
    Danke dafür.
    Henrike wünsche ich, dass sich ihre Träume erfüllen!
    Alles Liebe
    Dania

  • 6 Jahren ago

    Hallo liebe Indre, das ist ein tolles Interview. Nun habe ich wieder einen wundervollen Blog entdeckt.
    Und wie geschickt du wieder die "handmade" Frage eingebaut hast :)) Das Thema beschäftigt mich seitdem
    ja immer noch und ich stelle so einiges, was ich tue in Frage. Da hast du was angerichtet 🙂 LG Yna

    • 6 Jahren ago

      😉 Danke für das schöne Feedback.

  • 6 Jahren ago

    Ein tolles Interview. 🙂
    Danke. 🙂

  • 6 Jahren ago

    Super Interview!. Danke dafür.

  • 6 Jahren ago

    super interessant! danke dafür. an euch beide.

  • 6 Jahren ago

    Baerlauchduftende Grüsse aus Leipzig! In vielen Läden habe ich immer wieder jene wunderbaren Stempel in der Hand. Kaum vorstellbar, dass es sich noch immer nicht davon leben lässt: ich drücke alle Daumen für die Erfüllung der Träumerei im letzten Absatz! Herzliche Grüße, Marja

    • 6 Jahren ago

      liebe marja, wenn dieser eindruck entstanden ist, dann truegt er gluecklicherweise 🙂

      freundliche grueße ins schoene leipzig!
      rike

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