Design made in GDR: Hubert Petras

Diese Vasen!

Diese Vasen haben mit Kunst nichts mehr zu tun, denn jede sinnlich-ästhetische Wirkung wurde eliminiert.

Karl-Heinz Hagen
Hubert Petras, Zylindervase, Formalismusstreit

Das schrieb der Journalist Karl-Heinz Hagen am 4. Oktober 1962 im Neuen Deutschland und verlieh dem Unverständnis der DDR-Obrigkeit, in Persona Walter Ulbricht, damit den Schein der Objektivität.

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Die gute Form

Der 1929 im slowakischen Kniesen geborenen Petras war inspiriert von Wilhelm Wagenfeld und dessen Verständnis der „guten Form„. Sein gestalterischer Ansatz ist dem Ulmer Modell ähnlich, das in den spätern 1950er Jahren an der Hochschule für Gestaltung Ulm entwickelt wurde.

Ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, der Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion.

 Otl Aicher

In seinen Vasen verbanden sich Materialkenntnis, technisches Know-kow und gestalterisches Können. Insofern waren sie prädestiniert für die Sonderschau in Dresden, die den Stand des Industriedesigns der DDR repräsentieren sollte. Doch die dem „politischen Kitsch“ (Milan Kundera) zugeneigte DDR-Obrigkeit sah das anders. 

Die Obrigkeit mag keine gute Form

Überschaut man die Exponate, so herrscht der Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus vor.

Karl-Heinz Hagen

So wurde die Ausstellung für den gelernten Töpfer und studierten Gefäßgestalter zum Eklat: Petras, der seit 1958 als künstlerischer Leiter an der Porzellanmanufaktur Rudolstadt-Volkstedt tätig war, wurde als „Formalist“ diffamiert und erhielt noch im selben Jahr Berufsverbot.

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Hubert Petras: Gläser | 1985/1986 | Glaswerk Harzkristall, Derenburg (c) HVG

Rettung in die Burg

Drei Jahre schlug er sich als freier Gestalter durch, bis er dank des couragierten neuen RektorsErwin Andrä 1965 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle eine neue Wirkstätte fand. Der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) schwärmte von der Burg: Hier erhalte man die beste Designausbildung der Welt. 

Von 1966 bis 1995 lehrte Petras dort Industriedesign und trug maßgeblich zur Profilierung des Fachgebietes Gefäßdesign bei. „Konsequent in der künstlerischen Haltung schuf er zeitlos gültige Formen von hoher plastischer Sensibilität.“ Dabei bediente er sich nicht nur Porzellan und Glas. Er setzte sich auch mit Kunststoffen auseinander, die sich seit den 1950er Jahren immer mehr durchsetzten.

Der Wannenbottich

Das wird exemplarisch an seinem Wannenbottich für die Werit Kunstsstoffwerke deutlich.

„Der enge gestalterische Spielraum, den einem die Anforderungen ließen: die Fließform […], der Wunsch nach ganz einfacher Herstellbarkeit, die Haltbarkeit der Griffe usw. – das alles in eine einfache, klare und überzeugende Form zu bringen, eine Form überdies, die nicht einfach dem Diktat von Technologie und Festigkeit unterworfen ist, sondern einem adäquaten Ausdruck dessen und einer angenehmen Handhabung folgt. […] Derartige Vorgaben empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als herausfordernde Bedingungen, die mich oft ungemein motivieren.“** 

Für jenen Bottich wurde der lang geschmähte Petras 1979 sogar mit dem Design-Preis der DDR ausgezeichnet. Doch die Polyethylen-Wanne blieb ihm ein Dorn im Auge, denn man hatte ohne sein Wissen das Griffdesign verändert. (Heute werden die Bottiche in der Petraschen Ursprungsversion wieder hergestellt).

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Schöne Haushaltsgegenstände

Andere Haushaltsgegenstände aus Petras Feder, die er unter der Prämisse des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer Volksbedarf statt Luxusbedarf entwarf, sind der formvollendete Spülkasten Nr. 930 von 1985 für die Firma VEB Sanitärtechnik Eisenberg (Bilder) oder die minder gelungenen Aschenbecher.

Der formschöne Fön, den er bereits 1959 entworfen hatte, war bis 1989 in Produktion. Ich hoffe noch auf die Wiederauflage der ersten Industrieentwurfs von Petras.

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Hinweis: Das Museum in der Kulturbrauerei zeigt vom 8. April 2016 bis 19. März 2017 Design aus der DDR: alles nach plan? Formgestaltung in der DDR


Quellen
*Penti, Erika und Bebo Sher – Die Klassiker des DDR-Designs. Hg. von Günter Höhne, S. 170
**Gespräch mit Hubert Petras, Die Burg 6, 1996, S. 37

2 Comments

  • 3 Jahren ago

    Das sieht aber toll aus. Vielen dank für die Information.

    Gruß Anna

  • 4 Jahren ago

    Die Ausstellung klingt super interessant! Danke für den Hinweis! Maria

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