Der Vorfilm

Am Montag waren wir im Kino. Es war seit der Geburt des kleinen Mädchens das 2. Mal. Inception von Christopher Nolan. Der Film ist wirklich so gut wie all die Rezensionen verheißen. Doch hier will ich nicht vom großen Kino, sondern von dem kleinen, sehr anrührenden Vorfilm erzählen, der sich dort – im Odeon – zugetragen hat.

Jeder Berliner Kiez hat seine „Kiezgestalten“. Es sind die Verrückten und Durchgeknallten, die Verarmten, Obdachlosen und Außenstehenden. Einer dieser Akazienkiezgestalten ist ein alter Mann. Er ist eine ganz besonders anrührende Gestalt: klein und zierlich, mit einem sehr sanften, immer freundlich lächelnden Gesicht, in das ich Güte und viele traurige Geschichten hineinlese. Er trägt stets einen wollenden Anzug und ein helles Hemd. Manchmal bindet er ein Tuch um seinen Hals. Einmal sah ich ihn mit einer kleinen Brille, rund und aus Metall. Sein Hab und Gut scheint in drei oder vier größeren Plastiktüten Platz zu finden.

Kaufhaus Hertie in der Hauptstraße in Berlin-Schönerberg (c) Lars Oberg

Meist traf ich den zierlichen Herrn in der Hauptstraße an. Dort wo bis vor nicht allzu langer Zeit das  Kaufhaus Hertie war, verkaufte er kleine, selbstgepfückte Blumensträußchen. Und jedes Mal rührten mich diese ungeschickt zusammengebundenen Feldblumen, die er auf einem weißen Leintuch auf dem Gehsteig ausgelegt hatte, fast zu Tränen.

Am Montagabend nun trat dieser Mann mit dem sanften, freundlichen Gesicht zwischen Werbung und Filmbeginn in den Kinosaal. Langsam und leicht gebeugt, die großen Plastiktüten reichten bis zum Boden, ging er auf die vorderen Sitzreihen zu und hielt schließlich vor der Dritten inne. Es brauchte eine gefühlte Ewigkeit bis er sich mit seinem Hab und Gut zum vierten oder fünften Sitzplatz vorgearbeitet hatte. Und ich hatte den Eindruck, als würde der Filmvorführer extra auf ihn warten. Bei diesem endlos langen Platzieren sah sich der Alte immer wieder ein wenig schüchtern um und lächelte dabei stolz und glücklich in die hinteren Sitzreihen.

Ich habe selten so eine pure Freude in einem altem Gesicht gesehen. Da kamen mir gleich wieder die Tränen …

8 Comments

  • Marion
    9 Jahren ago

    Das ist wirklich eine herzzerreißende Geschichte, die mich sicherlich so schnell nicht wieder los lässt. Stoff für einen Roman?! Leider bin ich kein Schriftsteller.
    Danke!

  • 9 Jahren ago

    Den Mann habe ich auch schon manchmal gesehen. Es gibt noch einen anderen, der sich ein bisschen wie ein König angezogen hat und Blumen auf der Straße verschenkt, kennst du den auch? Ich glaube, er ist meist in Zoonähe.
    Wüsste ja gern warum sich der Mann ausgerechnet Inception ausgesucht hat …

  • 9 Jahren ago

    Die Beschreibung des Situation geht schon tief, aber die Begebenheiten mit den Blumensträußchen geht wirklich durch und durch….
    So zu beobachten ist eine gute Gabe!

    DANKE

  • 9 Jahren ago

    danke für diese geschichte!!!

  • 9 Jahren ago

    Das ist sehr anrührend. Ich finde es immer schlimm, wie unsichtbar solche Menschen sind. Du hast ihn gesehen. Wieviele andere haben weg gesehen, durch ihn durch oder ihn bewußt verdrängt? Ich ärgere mich immer darüber, dass solche Menschen von vielen nicht als Mensch wahr genommen werden. Es sind nicht mal diejenigen, die sie beschimpfen, sondern die Ignoranten – eine riesige Menge an Personen, denen der Nachbar gleichgültig ist. Es ist mir schon klar, dass nicht jeder mit jedem mitleiden kann und soll, Selbstverantwortung nicht abgeschoben werden kann. Und jeder muss sein "Päckchen" tragen. Aber Respekt dem anderen gegenüber ist für mich etwas Selbstverständliches.
    Schön, dass es Menschen wie dich gibt und schön, dass uns daran teilhaben lässt.
    Grüße! N.

  • was für eine wunderschön geschriebene geschichte. ich habe tatsächlich tränen in den augen! schön, dass ich es gleich früh am morgen gelesen habe, ich nehme es mit in den heutigen tag. liebe grüße, éva

  • 9 Jahren ago

    Was für eine schöne Geschichte! Glück bedeutet eben für jeden Menschen etwas anderes.

  • 9 Jahren ago

    Klingt nach einem Menschen, der noch richtiges Glück empfinden kann. Er ist auf viele Arten zu beneiden. Ein Gespräch mit diesem Mann würde ich dem mit jedem Vorstandsvorsitzenden vorziehen.
    Danke für's Teilen der Geschichte.

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