Leuchtturm im Chaos sein | Fluchtgedanken III mit Tanya Neufeldt

Tanya Neufeldt, einigen vielleicht besser bekannt als Lucie Marshall, der Mitte-Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs, gehört zu jenen Menschen, denen ich dieser Tage sehr dankbar bin. Sie setzt sich (wie Mareice und Antonn) mit Leidenschaft, Mut, bewundernswerter Ausdauer und Kreativität dafür ein, dass Menschen, die hierher flohen, Fuß fassen können. Was sie – wie all die anderen „Helfer/innen“ – damit leistet, ist mehr als die Summe ihrer Aktivitäten: Gewährleistung der Grundversorgung, Begleitung durch den Behördendschungel, Ad-hoc-Unterbringung etc. Ihr Engagement ebnety den Weg für eine weltoffene, konfliktfähige und entsprechend innovative Gesellschaft – und erzählt die Geschichte, die ich im „Buch der neuen Narrative“ lesen möchte.

Was „Helfen“ mit einem macht, wie die Begegnung mit den „fremden“ Menschen verändert, welche neuen Perspektiven sich durch das Miteinander eröffnen und was es jetzt braucht, damit wir die neuen Chancen nutzen können, darum geht es im heutigen Montagsinterview.

Vielen lieben Dank, Tanya, für das Gespräch.

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hr habt 3 pakistanische Jungs für einige Tage bei euch aufgenommen. (Wie) Hat sich euer Zuhause-Sein bzw. Zuhause-Gefühl in dieser Zeit – und vielleicht auch darüber hinaus – verändert?

Es hat sich seitdem sehr, sehr viel verändert, denn die 3 waren nur der Kick-off. Mittlerweile betreuen wir insgesamt 28 Menschen (davon 2 Großfamilien), ich habe die Vormundschaft für zwei 17-Jährige Jungs, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, und wie haben den Verein „Be an Angel e.V.“ gegründet, mit dem wir Einzelfallhilfe leisten und bereits bestehende Initiativen vernetzen wollen.

Mein Gefühl für Zuhause hat sich sehr verändert. Unsere Wohnungstür ist mittlerweile eher eine Drehtür und zu meiner großen Verwunderung stört es mich nicht, sondern es gefällt mir sehr. Ich dachte unser 2 Meter Tisch sei groß, aber wir sind jetzt sooft mehr als 10 beim Abendbrot und tatsächlich könnten wir problemlos anbauen.

Ich bin eigentlich ein schrulliger Einsiedler (dachte ich) und habe Bilderrahmen auch gerne 2 mm von rechts nach links geschoben, mittlerweile haben sich meine Prioritäten völlig verschoben: Der Kühlschrank muss voll sein und wir brauchen mehr Herdplatten für all die köstlichen Gerichte.

Du engagierst dich seit Wochen und Monaten für die Menschen beim LaGeSo. Was genau machst du dort und was macht das mit dir?

Ich begleite die Menschen durch den Behörden-Dschungel. Für jemanden, der das Lageso nicht kennt, ist es schwer vorstellbar, was da abgeht. Es ist Chaos pur. Sogar ich als Muttersprachlerin muss mich da durchfragen und es ist leider kein Einzelfall, dass eine Akte verloren geht.

Ich frage mich immer wieder: Wie kann es jemand schaffen, das ohne Hilfe zu bewältigen? Es ist unheimlich frustrierend und es ärgert mich wahnsinnig, wenn ich dann Kommentare höre wie: „Ach, die Flüchtlinge sitzen im Wohnheim und hauen sich die Köpfe ein.“ Das sind alles mehr oder weniger traumatisierte Menschen, denen man als allererstes ein Gefühl von Sicherheit und Struktur geben müsste. Und was passiert? Man lässt sie nur über Behörden-Hürden springen und gibt ihnen so genannte Laufzettel (To-do-Listen) auf Deutsch.

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Es wird viel darüber geredet und geschrieben, dass sich unser Land und Leben, unser Denken und Tun durch die Menschen, die hier Zuflucht suchen, verändern wird. Welche Veränderungen nimmst du bei dir und den anderen Helfer/innen wahr?

Natürlich wird sich unser Land verändern. Und da steckt neben großen Herausforderungen, eine ganz große Chance drin. Wir sind, trotz aller Probleme, eine unglaublich satte und kühle Gesellschaft.

Ich kann nur sagen, dass die Menschen, die wir betreuen eine solche Herzenswärme, Verbindlichkeit und ein so tiefes Verständnis von Familie mitbringen, dass es mich immer wieder tief berührt. Denn davon sind wir weit entfernt. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch in aller Klarheit sagen: „Willkommen, wir leben hier so frei, weil wir für unsere Grundrechte gekämpft haben. Also, bitte Religionsfreiheit, Respekt untereinander, Frauen und Männer sind gleich. Und das muss respektiert und geachtet werden.“

Die Dankbarkeit, die mir gerade entgegenschlägt zeigt mir, dass ein menschenwürdiger Umgang unserseits aber mit Sicherheit der richtige Weg ist.

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Es wäre naiv zu glauben, dass die Integration all der Menschen ein Leichtes wäre und ohne Konflikte abliefe. Wo siehst/erlebst du die größten Herausforderungen? Und wie gehst du damit im praktischen Alltag um?

Richtig. Das wird eine spannende Herausforderung. Und machbar, wenn nicht die Angst geschürt wird, sondern man konstruktiv versucht die Leute einzugliedern. Da muss dann allerdings auch an der Gesetzgebung einiges geändert werden. Denn Integration fängt mit Wohnraum an und geht mit Arbeitsplatz weiter. Wenn wir die Menschen aber über Jahre in Heimen unter sich schmoren lassen und ihnen unendlich viele Steine in den Weg legen, einen Arbeitsplatz zu finden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn es kracht und sich Ghettos bilden.

Die Kälte kommt. Das Mitleid geht. Die Lage (am LaGeSo) bleibt. Was braucht es in dieser Situation ganz besonders, damit wir das schaffen?

Weiterhin offene Herzen. Viele Menschen, die sich nicht auf die Couch mit den Keksen setzen, sondern wenigstens mal ein Stündchen Solidarität zeigen.

Was möchtest du in 10 bis 15 Jahren in den Geschichtsbüchern über das Jahr 2015 lesen?

Ich möchte lesen, dass der Sommer 2015 ein historischer Sommer war, weil Deutschland aus seinem Dornröschen Schlaf aufgewacht ist. Ich möchte lesen, dass wir trotz des Pegida-Schwachsinns als Land gezeigt haben, dass wir Herz haben und unsere „Insel der Glückseligen“ gerne teilen.

Ich würde mir wünschen, dass ich eine ‚Rede an die Nation‘ von Frau Merkel lese, in der sie erklärt, warum es so richtig ist, dass wir diese Menschen aufnehmen und warum diese Menschen uns sogar helfen, unseren Wohlstand zu sichern.

Ich möchte lesen, dass wir die besten Restaurants im Land besitzen, weil wir so viele Nationen beherbergen. Ich möchte lesen, dass wir aus unseren Fehlern mit den Gastarbeitern gelernt haben und es zum Glück dieses Mal besser gemacht haben.

Ich möchte lesen, dass wir Vorbild sind für die Welt im Umgang mit Flüchtlingen. Ich möchte lesen, dass wir Cricket Weltmeister geworden sind, weil wir endlich ein gutes Team haben.

Ich möchte lesen, dass das Land der Denker und Dichter zusätzlich noch ein Land der Herzen geworden ist und dass wir im Chaos ein Leuchtturm sind.

Tanya Neufeldt
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Fotocredits: Tanya Neufeldt mit Sohn (c) Tanya Neufeldt | alle anderen Bilder: M i MA

4 Comments

  • 4 Jahren ago

    und wieder platzt mein herz. danke!

  • 4 Jahren ago

    <3

  • 4 Jahren ago

    Liebe Tanya, liebe Indre, was für ein wundervoller Denkanstoß zum Wochenbeginn! Ich kann mich meiner Vorkommentatorin nur anschließen und würde jeden Satz ebenfalls unterstreichen. Ich danke euch für euer Engagement und euer Aufmerksam machen, möge es ein paar weitere Steine ins Rollen bringen und uns zum Land der Herzen machen! Alles Liebe, Theresa

  • 4 Jahren ago

    Liebe Tanya, daß du ein Mensch mit Herz bist, das ahnte ich schon lange. Ich habe mit großem Interesse gelesen, was du zur Flüchtlingssizuation auf deiner Seite geschrieben hast. manchmal habe ich dabei heulend vor dem Bildschirm gesessen. Ich kann jeden Satz, den du in diesem Interview gesagt hast, so unterschreiben – und den letzten ganz besonders! Vielen Dank für dein Engagement.
    Herzliche Grüße, M.

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