Auf den Spuren des Populismus. Ein Gespräch mit Robert Schütte

Ob Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin, Großbritannien, Frankreich oder Ungarn – wo man hinschaut, sind rechtspopulistische, anti-liberale Parteien auf dem Vormarsch. Wie kann es sein, dass sich so viele Menschen Politiken zuwenden, die auf Ausgrenzung setzen und elementare Freiheiten beschneiden? Diese Frage habe ich mit dem Politikwissenschaftler Dr. Robert Schütte diskutiert.

Robert Schütte arbeitet im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit {BMUB}, ist Gründer und Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Genocide Alert sowie Policy Fellow im Progressiven Zentrum, einer im Jahr 2007 von dem Publizisten Tobias Dürr und Olaf Cramme, dem Direktor des Londoner Think Tanks Policy Network, gegründeten Denkfabrik.

Offene oder geschlossene Gesellschaft, Foto von Ieva Jansone

Rückwärtsgewandte Gesellschafts- und Politikansätze haben Konjunktur. Ist das eine vorübergehende Mode oder ein ernstzunehmender Trend?

Das lässt sich leider nicht so einfach beantworten, auch wenn ich hoffe, dass wir es mit einem vorübergehenden Phänomen zu tun haben; ernst nehmen müssen wir es in jedem Fall.

Die Fünf-Sterne-Bewegung Beppe Grillos in Italien, der Front National in Frankreich, Donald Trump im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und das maßgeblich durch UKIP verursachte Brexit-Referendum sind nur einige wenige Beispiele dafür, auf welch fruchtbaren Boden Populismus selbst in reifen Demokratien fallen kann. Die Synchronität dieses „Aufstiegs der Populisten“ ist jedenfalls bemerkenswert. Interessant ist auch: Von Griechenland abgesehen setzen sich anti-fortschrittliche Bewegungen auch gerade in denjenigen Staaten durch, die nicht in einer existenziellen wirtschaftlichen oder politischen Krise stecken.

Großbritannien, die USA und Polen stehen wirtschaftlich gesehen vergleichsweise gut da. Und auch in Deutschland feiert die AfD einen Wahlerfolg nach dem anderen, obwohl die die Staatsschulden sinken, die Arbeitslosigkeit gering ist und die Wirtschaft auf dem Wachstumspfad bleibt.

Wie lässt es sich erklären, dass anti-fortschrittliche Bewegungen derzeit solch regen Zuspruch finden?

Natürlich ist gefühlte und reale soziale Ungerechtigkeit ein Faktor, der Protest hervorruft. Man sollte aber nicht übersehen, dass wir es vielfach auch mit identitären Fragen zu tun haben.

Der Westen ist in den vergangenen Jahren immer liberaler geworden, wenn es zum Beispiel um die Rolle der Frau, um Homosexualität und Toleranz geht. In den USA wurde mit Barack Hussein Obama erstmalig ein Afroamerikaner Präsident, auf den nun eine Frau im Weißen Haus folgen könnte. In Deutschland hat die Merkel-CDU den Stahlhelm abgelegt, Kitas ausgebaut und hunderttausende Flüchtlinge ins Land gelassen. Auch wo keine konservativen Bastionen geschliffen werden, finden Populisten Zuspruch, die an nationale Identitäten appellieren und gegen Globalisierung und EU wettern. Das Brexit-Votum ist auch Ergebnis einer emotional aufgeladenen Identitäts-Politik: „Lets take back control“ und „We want our country back“.

Für Le Pen, Orban, Kacinsky und selbst manchen sozialdemokratischen Regierungschef in Osteuropa sind applaudierende Flüchtlingshelfer am Münchner Hauptbahnhof ebenso ein Gräuel wie die bärtige Eurovision-Siegerin Conchita Wurst. Die konservative Rechte sieht hierin die Verkörperung eines dekadenten und gottlosen Europas.

Nicht wenige Menschen sind von der Offenheit, Liberalität und Moderne des Westens überfordert oder fühlen sich sogar abgestoßen. Sie finden in Rechtspopulisten und Konservativen ein Ventil.

Transgender Maenner in Frauengestalt Festival

Welche Antworten hat das Progressive Zentrum darauf gefunden, das sich ja einer dezidiert fortschritts- und innovationsorientierten Politik verschrieben hat?

Progressive Politik setzt einen Grundoptimismus voraus. Wir sind davon überzeugt, dass sich die Veränderungen, die wir aktuell erleben – der Wandel unserer Lebenswelten und Wertvorstellungen, die fundamentalen Umbrüche in Wirtschaft und Arbeit, in Technologie und Umwelt – positiv wenden lassen. Und dass sich die realen Lebens- bzw. „Verwirklichungschancen“ aller Menschen verbessern können. Das kann unseres Erachtens aber nur mit einer freiheitlichen, sozialen und ökologisch nachhaltigen Politik gelingen.

Den gegenteiligen Politikentwurf sehen wir derzeit ebenfalls um sich greifen – eine Politik, die auf Ausgrenzung setzt. Die heute auf Kosten des Morgen lebt und die Freiheit der Menschen einschränkt: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf Gleichbehandlung. Wer könnte das schon wollen? Nun, leider eine wachsende Zahl von Menschen.

Das liegt auch daran, dass (Rechts-)Populist/innen einfache Antworten liefern. Seriöse Politik kann das nicht. Dafür ist die Welt zu komplex. Doch kann man von den Wähler/innen diese Seriosität verlangen?

Wir müssen und können in der Demokratie etwas vom Wahlvolk verlangen. Die Politik ist kein Dienstleister, der den Wähler ihre Verantwortung zur Meinungsbildung abnimmt. Wähler sind nicht bloß Demokratie-Konsumenten, die der Politik bei Nicht-Lieferung Betrug vorwerfen dürfen und anschließend ihre Stimme „umtauschen“ können. Jeder wahlberechtigte Bürger trägt Verantwortung – für sich selbst, seine Familie und das Gemeinwesen. Es gibt keine Narrenfreiheit, denn man wird mit den Konsequenzen seiner Wahl leben müssen.

Nehmen wir den Brexit als Beispiel. Die Briten hatten die Freiheit zu wählen. Eine Mehrheit hat sich für den Austritt aus der EU entschieden. Nun muss Großbritannien auch die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen.

Das Wahlvolk hatte alle notwendigen Informationen, um zu erkennen, dass die Versprechungen des Brexit-Lagers auf tönernen Füßen stehen. Es konnte wissen, was ein EU-Austritt für das Vereinigte Königreich in politischer, wirtschaftlicher und konstitutioneller Hinsicht bedeutet. Und niemand konnte übersehen, dass das Referendum ein Kopf-an-Kopf-Rennen war, in dem jede einzelne Stimme zählen würde.

Ich fand es vollkommen irre, dass manche den schwarzen Peter dann allein Cameron, Johnson, Corbyn, Juncker oder gar Merkel zuschieben wollten. Am Ende trägt das Wahlvolk die Verantwortung, ob es nun will oder nicht.


Politik ist kein Dienstleister, der den Wählern die Verantwortung zur Meinungsbildung abnimmt. Wähler sind nicht bloß Demokratie-Konsumenten, die bei Nicht-Lieferung ihre Stimme „umtauschen“ können.


Zeigt nicht gerade der Brexit, dass der Typ des „mündigen, demokratiekompetenten Bürgers“, wie du ihn beschreibst, nicht (mehr) vorausgesetzt werden kann?

Ich glaube nicht, dass die Wähler heute weniger mündig und demokratiekompetent sind als noch vor einigen Jahren. Früher orientierten sich noch deutlich mehr Menschen an dem, was die jeweils in ihrem Milieu bestimmenden Autoritäten vorgaben. Die einen folgten am Wahlsonntag der Empfehlung des Pastors, die anderen dem Mobilisierungsaufruf des lokalen Gewerkschaftssekretärs. Das hat sich grundlegend verändert. Die Menschen machen sich ihre eigenen Gedanken, leben häufiger nach eigenen Vorstellung und wählen mal Links und mal Rechts. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Aber es verlangt den Menschen auch mehr ab. Wir sind hier in einem Lernprozess.

Nicht nur der Pastor und der Gewerkschaftssekretär, auch andere Autoritäten haben ihre Bindekraft verloren. Denken wir an die Medien, die in letzter Zeit immer wieder als „Lügenpresse“ diffamiert wurden. Ihrer informativen und meinungsbildenden Funktion können sie nur dann nachkommen, wenn an ihre Überparteilichkeit geglaubt wird. Mein Eindruck ist: Das geht zunehmend verloren. Ähnliches gilt für die Wissenschaft. Beispiel Klimawandel: Obwohl die Beweislage eindeutig ist, bezweifeln noch immer erhebliche Teile der amerikanischen Bevölkerung, dass es hier ein Problem gibt – und das ist kein exklusives Phänomen im rechten politischen Spektrum.

Beispiel Klimawandel: Obwohl die Beweislage eindeutig ist, bezweifeln noch immer erhebliche Teile der amerikanischen Bevölkerung, dass es hier ein Problem gibt – und das ist kein exklusives Phänomen im rechten politischen Spektrum.

Der Economist hat einmal etwas provozierend festgestellt: Der Klimawandel ist für die Rechte, was Genfood für die Linke ist. Kürzlich haben 109 Nobelpreisträger Greenpeace für ihre Anti-Genfood-Kampagnen attackiert. Sie sind sich einig, dass die Umweltauswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen gering und der Verzehr der Lebensmittel unbedenklich sei. Mit Vitamin A angereichter „Goldener Reis“ könne zum Beispiel zur Gesundheit von Millionen von Menschen beitragen. Diese Appelle stoßen aber auf taube Ohren, die Wissenschaftler stehen stattdessen unter Generalverdacht: „Für welches Unternehmen arbeiten die denn?“

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Die Bindekraft klassischer Autoritäten wie Medien und Wissenschaft geht zunehmend verloren. Die Menschen machen sich ihre eigenen Gedanken. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Aber es verlangt den Menschen auch mehr ab. 


Wieso geht das Vertrauen in einstige Autoritäten wie Medien und Wissenschaft zunehmend verloren?

Das hat auch etwas mit den sozialen Medien zu tun, über die sich jeder Unsinn mit Lichtgeschwindigkeit verbreitet. Am Ende kursieren so viele Variationen einer Story, dass viele Menschen einfach nicht mehr beurteilen wollen, was nun wahr oder falsch ist. Die Lüge wird so zunehmend zum erwarteten und damit akzeptierten Normalfall.

Denken wir an Donald Trump, der neben so vielen anderen Unglaublichkeiten ja immer wieder behauptet, dass Präsident Obama den IS gegründet hat. Es ist unfassbar, aber er kommt damit tatsächlich durch. Statt ihn dafür öffentlich zu rügen, setzt sich in Medien und amerikanischer Bevölkerung zunehmend die Haltung durch, dass man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen müsse: „Trump sei einfach so“.

Gleichzeitig verfestigt sich der Eindruck, dass Obama und Clinton, weil ihnen ja so viel vorgeworfen wird, nicht ganz koscher sein könnten. Die Folge sind Apathie und Unsicherheit. Vertrauen in öffentliche Institutionen geht verloren. Vertrauen tut man dann doch lieber dem eigenen Umfeld. Zum Beispiel den Freunden auf Facebook, die ja auch „diese Geschichte vom 9/11 Inside Job“ geteilt/geliked haben.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Über die sozialen Medien verbreitet sich jeder Unsinn mit Lichtgeschwindigkeit. Die Lüge wird zunehmend zum erwarteten und damit akzeptierten Normalfall.


Wie kann oder müsste die Politik damit umgehen?

Das kommt darauf an. Russland hat daraus eine politische Strategie gemacht. Die Regierung flutet mit hunderten bezahlten „Trollen“ die Online-Foren der Republik. Und mit seinem Propaganda-Sender RT (Russia Today) werden die Nachrichten unters Volk gebracht.

Erinnern wir uns: Präsident Putin hat vor laufenden Kameras erklärt, es seien keinerlei russischen Soldaten auf der Krim aktiv. Diese offene Lüge hat ihm nicht geschadet, sondern wurde als gerissener Schachzug gefeiert. Oder ein anderes Beispiel: Moskau verbreitete unterschiedlichste Geschichten, wer Flug MH 17 abgeschossen habe. Mal war es die Ukraine, mal die Amerikaner, mal ein Komplott, demzufolge die Passagiere der Maschine bereits tot gewesen seien. Dass eine Untersuchungskommission die Frage geklärt hat und Russland eine direkte Mitverantwortung zuschreibt, geht in medialem Rauschen unter.

Die Logik dahinter ist: Je mehr Geschichten es gibt, desto schwerer wird es, die Wahrheit herauszudestillieren. Am Ende glaubt man lieber gar nichts mehr als auf eine Lüge hereinzufallen.

open-end-ieva-jansone

Das ist für einen demokratischen Staat wie Deutschland weder eine legitime Strategie noch ist die Lüge hier schon Normalfall. Was kann die Politik tun, um die Glaubwürdigkeit wieder zurückzugewinnen?

Glaubhaft kommunizieren anstatt taktisch zu schwurbeln. Eigene Fehler auch mal ganz offen zugeben, anstatt den unglaubwürdigen Schein des unfehlbaren Politikers aufrecht zu halten. Lügner und Propagandisten beim Namen nennen und an den Pranger stellen und immer wieder klar machen, dass die Wähler Verantwortung für die Entwicklungen unseres Landes – und Europas – haben.

Die Rede vom „Denkzettel“ verfälscht und verharmlost die Sache. Wer anders kann in einer Demokratie schuld sein als der Souverän, der sich seine Regierung in freier, gleicher und geheimer Wahl selbst wählt? Hören wir also bitte auf, Politik und Medien zu Sündenböcken für jeden Missstand in diesem Land zu machen. Niemand kann heute AfD wählen und sich morgen beschweren, dass Unternehmen wegziehen, junge Menschen das Weite suchen und Touristen ausbleiben. Mit den vermeintlichen „Denkzetteln“ schaden sich die Leute vor allem selbst.


Niemand kann heute AfD wählen und sich morgen beschweren, dass Unternehmen wegziehen, junge Menschen das Weite suchen und Touristen ausbleiben. Mit den vermeintlichen „Denkzetteln“ schaden sich die Leute vor allem selbst.


Anmerkung: Die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen bereiten mir große Sorge. Um sie besser verstehen und einschätzen zu können, suche ich das Gespräch und den Austausch mit unterschiedlichen Leuten aus Politik und {Zivil-}Gesellschaft. Wenn ihr Fragen habt, die ihr gerne diskutieren möchtet, lasst es mich wissen! Ich greife sie gerne in einem nächsten Gespräch auf.

Fotos: Ieva Jansone

17 Comments

  • 3 Jahren ago

    „Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf Gleichbehandlung“…wäre für unsere Gesellschaft sehr, sehr wünschenswert! Leider sieht die Realität, liebe Indre, anders aus. Von „liberal“ sind wir mittlerweile weit entfernt. Der Begriff „Populismus“ wird inflationär genutzt. Wenn jegliche abweichende Meinung vor allem von den Öffentlich-Rechtlichen gleich als „Populismus“ hingestellt wird und alle Medien gefühlt gleichgeschaltet sind, dann hat das mit Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun. Früher haben Medien deutlich objektiver berichtet, unabhängig von der jeweiligen Regierung. Eine „Regulierung“ schleicht sich ins öffentliche Leben ein, damit begründet, „man möchte den Bürger vor der eigenen Dummheit schützen“. Das hat es leider alles schon mal gegeben…ich habe es noch live erlebt…NIE WIEDER! Ich als Bürger möchte nicht vor meiner Dummheit geschützt werden und ich möchte selbst entscheiden können, welche Meinung ich zu einem Thema vertrete, denn ich fühle mich mündig. In einer Demokratie muss man aushalten können, dass es zu einem Thema verschiedene Ansichten gibt. Verbale und soziale Ausgrenzungen sind der Anfang vom Ende…und führen nur dazu, dass Menschen sich dem extremen Rand zuwenden.
    Wenn ich übrigens lese, dass eine MDR-Intendantin einen Pensionsanspruch von 17.000 Euro hat, dann wundere ich mich über die Berichterstattung eines MDR nicht mehr…
    Liebe Indre, ich hatte es ja schon mal erwähnt, ich schätze deinen Blog, denn hier scheint eine vernünftige Diskussion und eine Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen und Themen noch möglich, dafür danke ich dir, denn leider ist das auch im Bloggerland keine Selbstverständlichkeit mehr.
    Liebe Grüße. Lotta

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Lotta,

      danke erst einmal für dein schöne „Kritik“ an meinem Blog. Das freut mich wirklich sehr, denn es ist mir ein großes Anliegen, einen (kleinen) Raum für eine sachliche, gern auch leidenschaftliche, aber stets faire Diskussion zu schaffen, in der auch Meinungen Platz haben, die meiner vielleicht zuwider laufen. Das macht eine gute Streitkultur und auch das Wesen der Demokratie aus – und unterscheidet eine Diskussion vom Positionsaustausch. Auch das hat seine Berechtigung in bestimmten Situationen, aber führt leider oftmals nur zu verhärteten Fronten…

      Gerne würde ich einmal erfahren, was hinter deinen sehr allgemein formulierten Aussagen für konkrete Erfahrungen stecken. Aber das zu seiner Zeit, an seinem Ort.

      Liebe Grüße
      Indre

  • 3 Jahren ago

    Liebe Indre, vielen Dank für diesen Beitrag, der so viele wichtige Gedanken enthält. Besonders hängen geblieben ist bei mir unter anderem das Stichwort „Verantwortung zur Meinungsbildung“. In vielen Diskussionen und Wortbeiträgen, die ich verfolge, kommt mir dieser Aspekt viel zu kurz. Kaum jemand kommt auf den Gedanken, dies verbal und öffentlich dem Wähler abzuverlangen.
    Was mich zur Zeit in diesem Zusammenhang sehr umtreibt, sind Entwicklungen, die ich in der Medienlandschaft beobachte. Fernsehen gibt es nicht bei uns. Ich höre Radio, hauptsächlich Deutschlandfunk. Ich schätze diesen Sender sehr für seine vielfältigen Sendeformate, seine Hintergrundinformationen, seine differenzierten Berichterstattungen. In letzter Zeit kommt mir nur immer öfter der Ausdruck „mit dem Arsch einreißen, was man gerade mit den Händen aufgebaut hat“ in den Sinn, wenn ich Deutschlandfunk höre. Das liegt vor allem an der tagesaktuellen Berichterstattung politischer Themen. Interviews mit Politikern und Vertretern von diversen Institutionen, die in provozierender Art geführt werden, um eine möglichst schlagkräftige These für die den ganzen Tag sich wiederholenden Nachrichten zu bekommen, oft aus dem Zusammenhang gerissen. Unsensible Wortwahl. Aufgreifen von Formulierungen für „Headlines“, die von Populismus nicht weit entfernt sind. Dies nur ein paar Beispiele. Die Dinge, die mir aufstoßen, häufen sich und manchmal habe ich einfach nur noch den Wunsch abzuschalten. Auf diese Art trägt „Information“ dazu bei, Polarisation zu verschärfen, Alarmismus zu verbreiten und die Stimmung weiter anzuheizen. Wie ist es hier mit der Verantwortung eines immerhin öffentlich rechtlichen Senders bestellt? Mich würde interessieren, ob und wo andere ähnliche Erfahrungen machen. Wäre schön, wenn es irgendwo mal dazu passt.

    Liebe Grüße,
    Annett

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Annett,

      das ist ein sehr wichtiges Thema. Spontan fällt mir dazu ein Artikel von Paul Sailer-Wlasits zum Thema „Hassrede“ ein: http://www.carta.info/83271/hass-rede. Der NDR hat kürzlich zum Thema „Wie Medien den Populismus bedienen“ gebracht: http://bit.ly/2d5JApy. Und ich nehme deine Gedanken mit. Danke dafür.

      LG I.

      • 3 Jahren ago

        Danke, liebe Indre, für die Links. Die Beiträge treffen die angesprochenen Punkte ziemlich gut. Das Buch von Paul Sailer-Wlasits schaue ich mir mal genauer an. Einen schönen Tag Dir!

  • 3 Jahren ago

    Danke Danke Danke! Zum einen für das wirklich interessante Interview und zum anderen, dass du das Thema ansprichst und dich dem nicht einfachen Thema stellst. Hut ab!

    • M i MA
      3 Jahren ago

      🙂

  • 3 Jahren ago

    Wohin geht diese Entwicklung noch? Diese Frage beschäftigt mich Tag für Tag, mehr und mehr. Sorge, Unruhe über den Zerfall der freiheitlichen Demokratien des Westens, die Oligarchie im Osten und die Rückschritte im Nahen Osten.
    Immer mehr technische Möglichkeiten, auch militärisch. Immer aggressivere, unmenschlichere, größenwahnsinnigere Herrscher. Das macht Angst und trägt sicherlich dazu bei, dass sich die Menschen zurückwünschen in eine kleine, überschaubare, geordnete Welt mit Ihresgleichen. Dass das heute einfach komplett unrealistisch ist, spielt bei der Angst vor Veränderung und dem Wunsch nach Rückkehr der planbaren Sicherheit und Heimeligkeit keine große Rolle, man verleiht ihm auf die Art und Weise Ausdruck, die gerade auf dem Markt angeboten wird – völlig außer Acht lassend, was das dann für (Spät)Folgen haben wird, auch für einen selbst. „Angst war noch nie ein guter Berater“ ist ein abgedroschenes Sprichwort, aber es bleibt wahr.

    Mit Gruß, Katja

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Ja, irgendwie scheint die Welt gerade {wieder} auf Messers Scheide zu stehen. Meine „Strategie“ gegen die immer wieder aufkeimende, aber eben wenig ratsame Angst ist die Auseinandersetzung, das Schreiben und Gespräche. Das macht es etwas erträglicher i.S.v. „geteiltes Leid, ist halbes Leid“, um noch ein altes Sprichwort zu bemühen.

      LG I.

  • 3 Jahren ago

    Ich verneige mich. Wenn ich aus diesem sehr schlauen Interview zitieren sollte, ich könnte mich gar nicht entscheiden. Danke!

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Ich danke dir.

  • Anne
    3 Jahren ago

    Ich bin schon lang der Meinung, dass wir zuwenig Verantwortung übernehmen. Wie können wir uns über unsere Regierung beschweren? Wir sind eine Demokratie, so gut wir es eben hinbekommen haben, aber wir lassen uns regieren und dirigieren und meinen, wir können uns dauernd beklagen über das, was geschieht. Wir sind der Souverän, wir haben uns die Politiker und die Politik herangezogen, wie sie ist. Jeder möchte ein gutes, bequemes Leben, zahlt brav Steuern und dann möchte man seine Ruhe haben – das geht nicht gut auf Dauer. Immer wieder ein Thema, über das wir viel diskutieren können.

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Gerne!

  • 3 Jahren ago

    Wunderbar, dass du das Thema aufgreifst! Ich stimme mit Herrn Schütte in seiner Analyse überein, fühle mich allerdings manchmal etwas hilflos, wenn in manchen Blogs ( oder Kommentaren zu meinen Posts ) dann mehr oder weniger offen populistische Positionen oder Floskeln auftauchen, auf die ich gerne reagieren möchte. Ich stelle dann schon mal gerne den Kontakt ein, denn die Dreistigkeit, mit der da oft behauptet bis gelogen wird, schüchtert mich ein.
    LG
    Astrid

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Astrid,

      bisher habe doch überraschend wenig, um nicht zu sagen keine „dreisten“ Kommentare {3x auf Holz geklopft}, aber den Umgang mit Positionen und Behauptungen, die gar nicht hinterfragt und diskutiert, sondern nur „geschluckt“ oder bejubelt werden sollen, finde ich grundsätzlich schwer. So funktioniert einfach kein konstruktives {Streit-}Gespräch {auch keine Demokratie}. Aber was man dann macht in einer solchen Situation, das weiß ich leider auch {noch} nicht …

      LG Indre

  • 3 Jahren ago

    Ein großartiger Artikel, in dem die Problematik gut auf den Punkt gebracht wird. Danke für das Hirnfutter – ich lass das mal sacken, würde gerne mal eine Nacht durchdiskutieren mit Herrn Schütte und dir 😉 Liebe Grüße …

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Sehr gerne {ich mein sowohl das Hirnfutter als auch und vor allem das Durchdiskutieren}! LG I.

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