»Zeitreise« von Hazel Rosenstrauch

Ich freue mich, eine neue Reihe auf M i MA bekanntgeben zu können: Von heute an wird meine Freundin Hazel Rosenstrauch jeden 2. Mittwoch im Monat das aktuelle »Weltgeschehen« als teilnehmende Beobachterin mit historischer Expertise reflektieren. Ihre erste Glosse »Zeitreise« dreht sich um Kommunikationsformen im Wandel der Zeit.


Zur Person: Hazel Rosenstrauch lebt und arbeitet in Berlin. Die Mutter eines – mittlerweile erwachsenen – alleinerzogenen Sohns wurde 1945 in London geboren und wuchs als Tochter von (ex-jüdischen) Kommunist/innen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt auf. Mitte der 1960er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt, hat sie Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften studiert. Sie hat in Verlagen, für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, als Autorin und Redakteurin {u.a. der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen«} sowie forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Seit 2008 schreibt sie hauptsächlich Bücher und Essays, zuletzt: »Congress mit Damen. Europa zu Gast in Wien: 1814/15«. Ihre Schwerpunkte sind: die Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter. → Wer neugierig ist, erfährt in meiner »Kladde« mehr über Hazel Rosenstrauch und ihr turbulentes Leben.

Hazel Rosenstrauch via
Hazel Rosenstrauch via oqbo

Zeitreise
von Hazel Rosenstrauch 

Denk ich an Facebook (in der Nacht) oder einen der anderen Kanäle, über die Texte und Bilder durch die Lüfte schwirren und in Clouds ruhen, dann denke ich an die tendenziell panischen Debatten über das Ende der Gesprächskultur. Ich nutze das Teufelszeug nicht, aber höre von Röhren, in denen man mit seinesgleichen kommuniziert, Echokammern, aus denen die eigene Meinung zurück hallt und von Menschen, die 500 Freunde haben. Wenn mir der Sinn nach Pessimismus steht, brauche ich allerdings keine »sozialen« (?) Medien, ich kann auch bei Podiumsdiskussionen, Talkshows und Politversammlungen den Nicht-Gesprächen lauschen, es gibt viele Gelegenheiten, bei denen von oben herab ins passive Publikum gebrabbelt wird. Neulich war ich bei einem Vortrag, man ist demokratisch, also wurden am Ende die Zuhörer eingeladen, Fragen zu stellen und da hat wieder, wie fast immer, einer das Wort er-griffen. Schnapp hatte der kleine Dicke das Mikrophon und ließ es nicht los. Er erklärte ausführlich, dass auf Seite 234 des vorgestellten Buchs ein Fehler stünde, es folgte eine lange Belehrung, wir erfuhren, wie klug und belesen er ist… Das war kaum anders als die elektronischen Selbstbestätigungen, die von Algorithmen befördert werden.

Wenn mir die Diagnosen über die Zukunft der Nicht-Kommunikation zu viel werden, setze ich mich in meine Zeitmaschine und steuere das späte 18. Jahrhundert an. Ich tröste mich mit den Klagen über die »Leseseuche« und amüsiere mich über die Warnungen vor den moralischen Folgen der massenhaften Verbreitung gedruckter Schriften. Meine Zeitzeugen der 1790er Jahre haben Tausende von Briefen geschrieben, der halbe Tag war dem Blick aufs viereckige Papier gewidmet, nicht nur Frauen, auch Männer wühlten in ihren Gefühlen, berichteten mehr und weniger belangloses Zeug, das für sie bedeutsam war. Da es noch keine Smartphones gab, wurde der Ort, an dem so ein Erguss entstand, ausführlich beschrieben; wir können den Gesichtsausdruck und die Kleidung von langweiligen Familienangehörigen in witzigen Erzählungen eines Wilhelm von Humboldt nachlesen, kennen die Statuten des sentimentalen Bundes, den Henriette Herz, Karl von La Roche und Brendel Veit gegründet haben. Mit den seitenlangen Briefen wurden die Verbindungen in die damals weit entfernten Weltteile – von Berlin nach Rom, von Göttingen in die Schweiz, nach Wien und Paris oder gar bis London hergestellt.

Ich finde diese Geschichten spannend, sie stammen aus einer Zeit des Umbruchs, in der alte Regeln nicht mehr glaubwürdig waren, Traditionen porös wurden, überkommene Orientierungen nicht mehr halfen, sich in der Welt zurecht zu finden. Junge oder auch nicht mehr so junge Leute haben sich verbunden, durch Schreiben oder eben einen Bund, der eine Zusammengehörigkeit beschwor. Die Selbstdarstellung – oft mit Worten, die man bei Dichtern gefunden hatte – war eine Form der Vergewisserung, die Schreiblust und Notier-Manie hatte damit zu tun, dass die jungen Leute beim Erzählen ihre Welt und vor allem ihre Gefühle neu entdeckt haben. Bei den Selbstdarstellungen ging es damals weniger um die neueste Kleidung oder Schminke, sondern um die Schönheit der Seele, Briefe, Gedichte und Vereinigungen gehörten zu den Suchbewegungen in einer unberechenbar gewordenen Welt – ein Vergleich mit Selfies scheint mir nicht ganz abwegig. Wie heute die Posts wurden die Briefe weitergereicht, abgeschrieben, zitiert, quasi geforwardet.

»Die Freundschaftsbünde sind eine Form der Identitätsversicherung und Heimatsuche in einer Welt, deren Strukturen zerfallen.«

Ich zitiere mich hier selbst1 und mag nicht so recht entscheiden, wie viel diese Einschätzung der ungeheuer intensiven Kommunikation mit meinem Wissen über das 18. Jahrhundert und wie viel sie mit den Assoziationen zu den Suchbewegungen von heute zu tun hat. Ein Unterschied ist mir wichtig: In den Klüngeln und zum Teil unüberschaubar großen Freundeskreisen (relativ betrachtet) war das persönliche Gespräch, Rede und Gegenrede, bei der Gedanken nicht nur ausgetauscht, sondern entwickelt wurden, das lebendige, verbindende Element, aus dem neue Weltbilder entstanden sind. Ich höre in letzter Zeit öfter, gerade von jungen Leuten, man sollte nicht nur mailen und »facebuchen«, sondern mehr von Angesicht zu Angesicht reden. Da könnte noch Einiges entstehen.


1 »Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt« | Die andere Bibliothek, 2009
Beitragbild: Cornelis Norbertus Gysbrechts (fl. 1660–1683) | Quelle: Wikimedia

12 Comments

  • 3 Jahren ago

    Ein schöner Text. Gerade für einen Montagmorgen. Gerade gut, um die Woche mit einer ungewohnten Perspektive zu starten. Ich mag die sozialen Medien -allen Unkrenrufen zum Trotze – gerne. Durch sie habe ich wunderbare Menschen kennengelernt,von denen viele auch im „realen Leben“ Freunde geworden sind. Denn, und das ist ja auch die Essenz dieses Beitrags, es geht nichts über den „analogen“ Austausch von Mensch zu Mensch,.
    Lg, Werner

  • 3 Jahren ago

    Eine tolle Erweiterung des Blickfeldes! Danke dafür und das Lesevergnügen!
    Ich bin ja nur enthusiastische Bloggerin und suche sicherlich auch die Vergewisserung, denn im Alter ist man ja nicht mehr so mobil & flexibel. Und wie Mathias versuche ich immer wieder, meine Leserinnen persönlich kennen zu lernen – etwas, das ich nicht mehr missen möchte.
    GLG
    Astrid

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Liebe Astrid,

      vielen Dank für deine Einlassung, die Hazel und mir die Möglichkeit gibt, uns dem Sinn unseres gemeinsamen Tuns zu vergewissern (mit dem Abnehmen des Kommentierens steigt die Ungewissheit, ob das Bloggen überhaupt noch Sinn macht/jemanden „berührt“).

      LG I.

  • Matthias Kanter
    3 Jahren ago

    Wenn man versucht auf jeder Reise ein zwei FB Freunde kennzulernen ( ich mache es so) oder intensiveren Meinungsaustausch via PN zu pflegen kann man das Medium schnell als Evolution erleben mit der wir halt noch lernen müssen umzugehen .(wie auch mit Kommentarfunktionen).Schöner Text!

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Ich finde auch, dass die sozialen Medien durchaus gute, sogar revolutionär gute Möglichkeiten bieten – nur haben wir Menschen noch keine „Regeln des Miteinanders im Netz“ entwickelt (mit anderen Worten: dort sind wir in Summe (noch) „unzivilisierte Wilde“). – Wie schön, dass dir der Text gefällt – und du es hier auch kundtust!

  • 3 Jahren ago

    „Bei den Selbstdarstellungen ging es damals weniger um die neueste Kleidung oder Schminke, sondern um die Schönheit der Seele“. Hach. Schön. Dahingehend wünsche ich mir definitiv ein Revival!

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Ja, das wäre schön.

  • 3 Jahren ago

    Danke! Gute Gedanken, fein formuliert. Das inspiriert. Freue mich auf diese Reihe. Habe zum Glück davon erfahren, als ich auf Facebook mit meinem Sieb nach Gold suchte. Darin bleibt M-I-MA immer hängen.

    • M i MA
      3 Jahren ago

      Ach, lieber Mehrdad, danke – für die lieben Worte und das schöne Bild!

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