Vom Menschsein. Ein kurzes Gespräch mit meinem Kind

»Mama, früher war es anders«, sagt das achtjährige Kind, und in diesem »Früher« liegt die ganze Tragweite der kindlichen Zeit: ein Tag wie ein Jahr, ein Sommer wie ein Leben. Was war anders, frage ich. 

»Es gab keinen Unterschied zwischen mir und der Welt«, antwortet das Kind und wir staunen.

Ich staune über die Präzision seiner Zustandsbeschreibung. Das Kind staunt ob seines verblüffenden neuen Zustands.

Der Philosoph Helmuth Plessner spricht von »exzentrischer Positionalität«. Gemeint ist damit, das Vermögen des Menschen, sich selbst ins Verhältnis zu sich selbst und der Welt zu setzen. Oder umgekehrt: Sein Unvermögen, sich nicht ins Verhältnis zu sich selbst und der Welt zu setzen.

»Und war es früher besser?«, frage ich. Das Kind hält inne. »Es war einfacher«, sagt es nach einer Weile. 

»Heute ist alles so viel, alles so unübersichtlich.« 

Ich nehme das Kind auf den Schoss; es kuschelt sich hinein. 

Schweigend blicken wir in den Innenhof, der sich groß und leer vor uns erstreckt.


Lied vom Kindsein

Peter Handke

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeder Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach den Kirschen in einem Hochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.

Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

6 Comments

  • Peter Gößwein
    2 Jahren ago

    Liebe Indre,

    vielen Dank, das Gedicht hat mir den Morgen ganz wunderbar versüßt. Ich liebe Peter Handke schon lang, wenn auch nicht kritiklos, und beim Facebookdurchsehen beiläufig auf diesen Text zu stoßen war, machte die Zeit zum Raum.
    Herzliche Grüße Pedro

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Ach, wie schön. Das freut mich. 🙂

  • 2 Jahren ago

    Das ist ein wunderschöner Satz.

  • 2 Jahren ago

    Die Worte hinterlassen bei mir Gänsehaut. Liebe Grüße Annton

  • 2 Jahren ago

    ach, schön! kinder sind so viel klüger als erwachsene… immer und immer wieder. danke fürs teilen dieser anekdote.
    liebe grüße,
    jule*

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Ich danke dir, dass du hier immer wieder ein paar Worte fallen lässt. Das freut mich wirklich sehr.

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