Vom inneren Ausziehen, imaginären Einrichten und der Suche nach einem Zuhause zwischen Stamm und Borke

Wenn ich weiß, dass ich fortgehe, dann beginne ich innerlich auszuziehen – ganz egal, wie lange es noch dauert. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Obwohl wir noch über ein Jahr in unserer Wohnung wohnen werden, räumen Teile von mir schon die Schränke aus und packen Umzugskisten. Dieses innere Umziehen macht was mit mir. Während ich im Heimatmodus eine gewisse Pedanterie an den Tag legen kann, werde plötzlich gleichmütig. Wenn Ma ihre schokoladenverschmierten Hände auf die frischgeweißte Rauhfasertapete drückt, gerate ich nicht aus dem Häuschen. Die über den Boden huschenden Staubmäuse bringen mich nicht mehr aus Fassung, und auch das plastikartige Geräusch meiner Absätze auf unserem Laminat stört mich kaum mehr. Warum auch über die schokoladenverschmierte Tapete oder Staubmäuse aufregen, wenn wir doch absehbar neue Wände und Staubfänger haben werden? Warum über das Laminatgeräusch ärgern, wenn ich doch absehbar auf Vollholz oder Beton wandeln darf? Und doch bringt mich diese neue Gleichmut aus dem Gleichgewicht. Ich bin nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern immer schon irgendwie im Dort und Dann. Das ist anstrengend, aber so recht find ich kein Gegengift. Die altbewährten Hausmittelchen wie Auf- oder Umräumen wirken nicht mehr angesichts der Perspektive ‚alles neu‘. Kennt ihr das?
Also versuche ich aufzuhören, mich dagegen zu wehren, und mich stattdessen auf dieses ‚Dort und Dann‘ einzulassen. Dazu musste ich einmal weg von den grundsätzlichen Fragen nach dem Grundriss, dem Boden– oder Wandmaterial. Sie sind zu abstrakt. Zum ‚Ankommen‘ brauche ich es konkreter, und so habe ich einen ersten imaginären Ausflug in unsere künftige Wohnung gemacht. 
Ich stelle mir vor, ich stehe in der Küche. Sie ist hell und klar, schlicht und schön, weiß oder hellgrau oder auch schwarz (die Farbe wird sicher noch x-mal wechseln). Im Moment gefällt mir die Idee einer mobilen Küche, wie ich sie zufällig bei Viviane von qip home gesehen habe (sie hat mich kürzlich eingeladen, meine Lieblingsstücke aus ihrem Shop vorzustellen). Ich könnte sie ganz nach Belieben verschieben und mal direkt am Fenster kochen, ein anderes Mal vor dem Esstisch. Jetzt sehe ich mich, wie ich das Abendessen zubereite.
Die Abendsonne wirft Flecken aufs Parkett (aktuelle Bodentendenz), und während ich die Suppe salze, biegt vorm Fenster ein Auto in die Straße ein, prosten sich zwei Männer in der gegenüberliegenden Kneipe zu. Ein Hund markiert sein Revier und aus dem Hinterhof höre ich Fetzen eines altbekannten Liedes (fragt mich nicht, wie ich jetzt darauf komm). Mi und Ma tollen neben mir auf dem Sofa (anstatt den Tisch zu decken) und das Klacken der Tastatur bildet das vertraute Hintergrundrauschen. Bei diesen Bildern fange ich an heimisch zu werden in diesem ‚Dort und Dann‘, das in einem anderen, noch unbekannten Berlin liegt. Es fängt an Spaß zu machen, dieses Nichts zu gestalten, Ideen zu ent- und verwerfen, Möbel zu rücken und Räume einzurichten. Das versöhnt mich ein wenig mit dem schleichenden Auszug aus dem ‚Hier und Jetzt‘, und doch hoffe ich, dass ich mich zumindest phasenweise wieder in unserer jetzigen Wohnung zuhause fühle und in sie investieren mag. Gerade im Winter ist das wichtig, wenn man viel Zeit drinnen verbringt. Habt ihr eine Idee, wie es gelingen könnte?

° ° °


Bei meinem großem Wohnabenteuer werde ich von verschiedenen Partnern begleitet, die mich mit Rat und Ressourcen unterstützen. Wer, wie, was und warum erfahrt ihr hier.

16 Comments

  • 6 Jahren ago

    Du sprichst mir echt aus der Seele.
    Vor ein paar Jahren bechlossen wir schon, dass wir hier ausziehen. Wohin genau, kaufen oder mieten, alles nicht wirklich klar.
    Aber man nahm Abschied, Abschied von da, wo man jetzt ist, du hast recht, es wird einem vieles einfach egal. Man ist ja eh bald weg.
    Jetzt sind wir immer noch hier, und ich versuche mich für die Zeit auch hier heimisch zu fühlen.
    Manchmal klappt es, manchmal nicht.
    Wir haben sogar neue Möbel gekauft..
    Aber nur solche, die ich auch in dem neuen Zuhause haben mag – wann immer es uns oder wir es finden werden :).
    Einmal innerlich ausgezogen ist es unheimlich schwer wieder einzuziehen, und sei es auch nur für eine Zeit.

  • 6 Jahren ago

    Oh, das kenne ich nur zu gut. Als wir uns unser Häuschen vor etwa einem Jahr das erste Mal angeschaut haben – hab ich gleich noch am selben Abend angefangen Kisten zu packen – also im Kopf. Obwohl noch nicht mal feststand, dass wir es kaufen würden. Und seit dem – ich schau alles an und überlege, wohin es im neuen Haus kommt. Ich sortiere gedanklich Gegenstände aus und hab natürlich auch schon vor Monaten das ganze Haus gestrichen und eingerichtet. Ein Grundriss mit unseren wichtigsten Möbeln reingezeichnet war schneller erstellt, als der Kaufvertrag unterschrieben. Jetzt bin ich froh – jetzt weiß ich schon fast bei allen Dingen, wohin ich sie erstmal haben mag. Klar, wird später noch 100 mal umgestellt. Und auch unsere Wohnung hat unter dem neuen Haus gelitten. Leidet immer noch. Erst letzt Woche ist mir aufgefallen, dass ich im Wohnzimmerfenster einen Ast mit Sternchen, den ich letzten Advent aufgegangen hatte – immernoch hängt. Grrr. Der kommt schon mal nicht mehr mit ins neue Haus. Der hat seine komplette Lebenszeit ja schon dieses Jahr "abgehangen". Hehe. Groß Saubermachen ist auch irgendwie schon seit Wochen nicht mehr drin. Immer nur so das Nötigste … Keine Zeit trifft keine Lust … und natürlich diesen fiesen Gedanken: Wozu jetzt noch Fenster putzen? Damit die Nachmieter schön rausgucken können, oder was? Pöh! Also, du bist nicht alleine. Ich fühle mit und sag dir: die neue Wohnung wird der Hammer – bei so viel Vorlaufzeit für das ganze Einrichtungs-hin-und-her-geschubse 😉

  • Ja. So gings mir auch bei jedem bisherigen Umzug… umso schöner, wenn das neue Heim dann fertig geplant und bezugsbereit ist. 🙂

    • 6 Jahren ago

      … aber es noch so weit… und Geduld so gar nicht meine Stärke 😉

  • Anonym
    6 Jahren ago

    Wie gut kann ich gerade im Moment Deine Gedanken verstehen. Bei uns ist es momentan eher ein quälendes "Nur noch weg von hier". Vor unserem letzten Umzug habe ich die Zeit in den alten vier Wänden genutzt um "absurde" Dinge auszuprobieren. Eine bunte Wand (früher: auf keinen Fall…!), ein Umstellen der Möbel in ganz andere, eigentlich unpraktische Ordnungen (das ist jetzt mein Lesesessel, egal ob im Weg steht)… Und es war toll. Und lehrreich. Einfach mal gefühlte innere Widerstände anschauen. So aufregend anders und neu habe ich die "alte" Wohnung plötzlich gesehen und der geplante Aufbruch hat seinen Ausdruck gefunden. Und unsere Wohnung war vor dem Umzug so schön wie nie.
    Einfach mal Dinge ausprobieren ist mein Tipp.
    Gruß von einer bisher unbekannten Leserin, ANne

    • 6 Jahren ago

      Toller Tipp! Das mach ich. Danke!

  • 6 Jahren ago

    oh liebe indre…so so vertraut klingt dieses gefühl!!!
    habe ich es doch gerade erst hinter mir.
    dieses noch nicht ganz dort sein – aber eben auch schon nicht mehr richtig hier.
    zwischen den stühlen hab ich es damals genannt.
    es kam mir wie eine ewigkeit vor.
    in gedanken und im herzen schon in der neuen küche sitzen und tee trinken.
    in der realität aber so langsam unser leben in kartons packend.
    zerreissen war das irgendwie. innerlich.
    und doch war da diese unbändige vorfreude und das tagträumen – vom dort.
    ein jahr ist sehr lang. das macht unruhig. wo man doch im jetzt noch zuhause ist und auch sein möchte. ich wünsch dir von herzen, dass sich das zuhausegefühl – das hiergefühl wieder einstellt. du aber trotzdem vom dort tagträumen und dich vorfreuen kannst!!!

    liebgruss
    eni

    • 6 Jahren ago

      Ganz lieben Dank! Es tut ja schon immer gut, wenn man Erfahrungen und Gefühle teilen kann.

  • 6 Jahren ago

    das klingt mir sehr vertraut, liebe indre, und ein wenig sehne ich es mir auch herbei, dieses gefühl (aber nichts in aussicht …); dennoch glaube ich: dein zuhausegefühl wird eben gerade mit der weihnachtszeit wieder stärker werden.

  • 6 Jahren ago

    Liebe Indre,

    ich kann deine Nichtmehrinvestierenlaune verstehen. Klar, wenn sich die Ziele verlagern, dann wird es konsequenterweise ruhiger in dem Bedürfnis Zeit oder Mittel in das Bestehende zu stecken.
    Komischerweise ging es mir bis vor ein paar Jahren sogar ohne neue Wohnung so. Die Winterzeit war nicht die meine – ich gehöre raus ins Grün. Und wenn mir das durch regennasse Tage genommen wird, dann engt mich das ein.
    Und so habe ich damit begonnen, mit gedanklich ein Moodboard zu schaffen, auf dem sich all die schönen Ideen für ein kuscheliges Herbstwinterplätzchen drinnen sammeln. Spiele, die ich mit den Jungs spielen kann, Bastelideen für Dinge, die dann auch einen Platz im neuen Zuhause finden können, Zeit für Backaktionen, die eben nur in die kalte Jahreszeit passen – es ist vermehrt der Gedanke ans Miteinander, wenn sich der Abend schneller ins Dunkel wirft. So wie es eigentlich auch unserer Natur entspricht. Im Winter ist einfach kuscheln, gemeinsame Lesestunden, auch mal Heimkinoabende, usw. viel stärker prägnant als in der Sommerzeit, in der ich die wilden Kerle gern laufen lasse, damit sie genügend Freiraum haben.
    Und seit zwei, drei Jahren klappt die Vorfreude darauf sehr gut.
    Vielleicht hilft es dir ja, wenn du dir Dinge vornimmst, die unabhängig vom Wohnort existieren können … die mit umziehen dürfen, aber nicht müssen. Dinge, die ihr vielleicht nur in dieser Wohnung nochmal machen könnt (Tapeten sind wunderbare Künstleruntergründe für Kinder – ich habe es sehr geliebt vor einer Renovierung alles bemalen zu dürfen!) und Sachen, die dann etwas herzblut aus dem Alten ins Neue transportieren.
    Ich wünsche dir jedenfalls, dass du die liebevollen, großartigen Seiten des Winters genießen kannst.

    Liebe Grüße
    Katja

    • 6 Jahren ago

      Danke für die schönen Ideen. Vor allem die Moodboard-Variante gefällt mir sehr. LG I.

  • 6 Jahren ago

    Oder ganz bewusst die Sahnestueckchen der Wohnung geniessen — die Dinge, die ihr besonders moegt/oder die "Erinnerungsorte" dokumentieren, and denen wichtige Sachen passiert sind: ein grosser Beschluss, eine tolle Nachricht… Das Ehepaar von Younghouselove hat mit der Tochter auch ein kleines Abschiedsvideo vom Haus gedreht, kurz vorm Auszug.

    • 6 Jahren ago

      Das ist eine schöne Idee! Wir werden sicher einiges vermissen und uns dann freuen, wenn wir eine Erinnerung (Doku) haben. Danke!

  • 6 Jahren ago

    vielleicht ein liebevolles moodboard für zukünftige und neue raumideen im hier und jetzt..

    • 6 Jahren ago

      Ja. Da bin ich schon dran. Ihr werdet es noch sehen 😉

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