»Veränderung, Hoffnung und Aufbruch« – Ein Gespräch über Myanmar mit Franziska Seel

Es ist eines der ärmsten Länder der Welt und stand 49 Jahre {von 1962 bis 2011} unter einer Militärherrschaft. Die Rede ist Myanmar {Birma}. Franziska Seel hat dort drei Jahre gelebt und gearbeitet. Bevor sie diesen Monat ihre Koffer gepackt und sich gen Bangkok  aufgemacht hat, habe ich mit ihr über das Land an der Grenze zu Thailand, Laos, China, Indien und Bangladesch gesprochen.

Vielen Dank, liebe Franziska, für das spannende Gespräch und die wundervollen Fotos, mit denen ich allen einen frischen Start in die Osterwoche wünsche.

PS: Wer Lust hat, kann Franziska in Ostasien von Ferne beSEELt begleiten.

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

Du lebst und arbeitest seit rund drei Jahren in Myanmar, einem Land, das bis 2011 unter einer Militärherrschaft stand und seit 1948 schwere ethnische Konflikte erlebt. Was zeichnet das Leben in Myanmar heute aus?

Veränderung. Und eine weit verbreitete Aufbruchstimmung und Hoffnung, dass sich das Leben in Myanmar nun (wieder) verbessern wird. Die Veränderung zeigt sich natürlich vor allem stark in den Städten: Es öffnen sich neue Restaurants und Bars, es gibt mehr internationale Produkte zu kaufen, Kunst und Kultur kehren zurück. Und vor allem haben die Menschen seit der Öffnung des Telekommunikationssektors Zugang zu Mobiltelefonen und Internet.

Als ich 2014 nach Myanmar gezogen bin hat eine SIM-Karte noch 150 USD gekostet, im Jahr davor sogar noch über 1.000 USD. Natürlich konnten sich dies nur die wenigsten sehr reichen Myanmars (meistens mit guten Beziehungen zum Militär) leisten. Heute kostet eine SIM-Karte nur noch 1 USD und geschätzte 90% der Bevölkerung haben Zugang zum Mobilfunk.

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

Myanmar ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wie zeigt sich diese Armut?

Die Armut sieht man überall wo man hinschaut. Die meisten Menschen leben noch immer in einfachen Bambus- oder Holzhütten. Sehr selten sieht man mal ein Backsteinhaus, wenn man durch die Dörfer fährt. Das Leben ist entsprechend einfach. Überall liegt Dreck und Plastikmüll, die Infrastruktur ist unglaublich schlecht entwickelt und zudem von extremem Wetter und regelmäßigen Naturkatastrophen wie Erdrutschen, Überschwemmungen oder ähnlichem beeinträchtigt.

Myanmar ist eines der Länder, die am stärksten unter dem weltweiten Klimawandel leiden werden.

Die Mehrheit der Menschen lebt noch immer von der Landwirtschaft, aber diese ist nicht wie bei uns industrialisiert, sondern schwerste Handarbeit, unterstützt von Ochsenkarren, die bei uns wahrscheinlich nur noch die Nachkriegsgeneration kennt. Auch in der Industrie sieht es nicht anders aus. Ich habe in meiner Arbeit Gießereien besucht, die mich an Bilder aus Geschichtsbüchern über die Zeit der Industrialisierung in Europa erinnert haben. Es ist wirklich erschütternd unter welchen Bedingungen (ohne jegliche Arbeitsschutzmaßnahmen) die Menschen hier zum Teil arbeiten. Die Qualität der Produkte, die hergestellt werden, ist entsprechend niedrig.

Die Armut zeigt sich aber auch in der Bildung bzw. dem Bildungsstand der Menschen. Vor Beginn der Militärherrschaft 1962 war Myanmar weit entwickelter als das benachbarte Thailand oder sogar Singapur. Leider wurde unter der Militärherrschaft jedoch vieles zerstört, so auch das gute Bildungssystem. Hinzu kommt, dass viele Menschen unter- bzw. fehl- ernährt sind, was in frühen Kindheitsjahren einen enormen Einfluss auf die geistige Entwicklung hat. Aber selbst denjenigen, die einen Schulabschluss schaffen, fehlt es auf Grund der Art der Bildung in den Schulen an wichtigen Sozialkompetenzen wie eigenständiges Arbeiten, kritisches Denken, Zeit- und Projektmanagement oder Kommunikationsfähigkeit. Alle diese Faktoren zusammengenommen (schlechtes Bildungssystem, geringe Staatsausgaben für Bildung, veraltete Lernmethoden und Lernschwächen auf Grund von Fehlernährung in Kindheitsjahren) führen letztlich dazu, dass es Myanmar an ausgebildeten Fachkräften fehlt, die das Land dringend bräuchte, um aus der Armut auszubrechen. Ein typisches Problem für ein unterentwickeltes Land wie Myanmar.

Was waren die für dich einschneidendsten Erlebnisse bzw. Erfahrungen?

Ein bedeutendes Erlebnis in den letzten drei Jahren war natürlich die erste freie Wahl in Myanmar, die im November 2015 stattgefunden hat. Durch meinen Wohnsitz in Myanmar’s Hauptstadt Naypyitaw hatte ich einen recht guten Einblick in die Schwierigkeiten, die die Regierung in Vorbereitung der Wahl zu meistern hatte – und meiner Meinung nach sehr gut gemeistert hat. Das war eine unglaublich aufregende Zeit. Und dann natürlich der Erdrutschsieg der damaligen Oppositionspartei NLD (National League for Democracy)! Die Freude und Aufregung der Menschen im Land, die so viele Jahre unter einer Militärherrschaft gelebt haben – es war einzigartig, das vor Ort mitzuerleben.

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

Was muss man über Myanmar wissen?

Ich glaube, was man wissen sollte, kann man mittlerweile sehr gut (und viel besser als ich es hier zusammenfassen könnte) in jedem neuen Reiseführer über das Land nachlesen 😉 Aber hier vielleicht ein paar Punkte, die für Reisende nicht unwichtig sind zu wissen, in Reiseführern jedoch nicht unbedingt vordergründig erwähnt werden.

Zum einen sollte man wissen, dass es noch immer sehr viele gewalttätige Konflikte im Land gibt – die Konflikte haben in letzter Zeit sogar wieder zugenommen. Da muss man als Reisender vorsichtig sein. Viele Gebiete sind noch immer „off-limits“ für Ausländer und zum Teil aus guten Gründen, wie zum Beispiel einer Vielzahl an nicht dokumentierten Landminen. Zum anderen sollte man sich darüber bewusst sein, dass das Land sehr religiös ist. Rund 90 Prozent der Menschen gehören dem buddhistischen Glauben an. Menschen anderer Religionen haben es sehr schwer in Myanmar (über die Schwierigkeiten mit Myanmar’s muslimischer Minderheit Rohingya kann man, glaube ich, auch in Zeitungen in Deutschland hin und wieder lesen). Aber auch als Tourist/in sollte man vorsichtig sein und die buddhistischen Traditionen respektieren.

Eine Beleidigung der Religion kann einen sonst auch schon mal ein paar Wochen Gefängnis einbringen.

 

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

{Warum} Ist Myanmar eine Reise wert?

Zunächst muss man sagen: Myanmar ist ein unglaublich teures Land zum Reisen. Die Infrastruktur ist zudem so schlecht, dass man entweder von Ort zu Ort fliegen, oder lange Wege über Land in Kauf nehmen muss. In südostasiatischen Nachbarländern wie Thailand oder Vietnam ist Reisen mittlerweile viel einfacher und wie gesagt: Um vieles billiger.

Diejenigen, die es trotzdem nach Myanmar verschlägt, bietet das Land jedoch wunderbare Natur und Kulturdenkmäler. Die Shwedagon Pagode in Yangon ist weltweit sicherlich einzigartig und die Pagodenstadt Bagan kann es meiner Meinung nach mit Angkor Wat auf sich nehmen. Darüber hinaus gibt es tolle Sandstrände, den wunderschönen Inle See und vieles mehr. Vor allem aber besticht Myanmar durch die Freundlichkeit seiner Menschen. Aus politisch-historischer Perspektive gibt es ebenfalls nur wenige andere Länder (vielleicht Kuba?), die sich derzeit in einer so spannenden Transformation befinden. All das macht Myanmar meiner Meinung nach eine Reise wert!

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

Wie hat dich dein Aufenthalt in Myanmar verändert?

Diese Frage habe ich so intensiv noch gar nicht reflektiert. Aber natürlich habe ich viel gelernt. Vor allem über Entwicklungszusammenarbeit und über das, was gute Politik und politische Prozesse ausmacht. Ich denke aber, dass mich auch das Leben in einem buddhistischen Land verändert hat.

Als Deutsche versuchen wir immer alles genau und weit im Voraus zu planen. In Myanmar habe ich gelernt, loszulassen und Vertrauen zu finden, das alles gut gehen wird (wenn auch vielleicht nicht so perfekt wie es unserem Standard entsprechen würde). Dafür musste ich sicherlich auch mehr Geduld und eine höhere Frustrationstoleranz entwickeln. Privat habe ich zu mehr Spiritualität und einem tieferen „inneren Frieden“ gefunden – aber ob das nun an meinem Aufenthalt in Myanmar gelegen hat, oder schlichtweg an meinen Lebensumständen in den letzten Jahren, ist natürlich schwer zu sagen. Grundsätzlich sehe ich aber schon einen großen Einfluss des Buddhismus auf die Menschen und deren Umgang mit Arbeit und den Herausforderungen des täglichen Lebens. Da kann ein Land wie Deutschland meiner Meinung nach noch viel von lernen.

BaganMyanmar2015-3 Franziska Seel

Alle Fotos: Franziska Seel

2 Comments

  • 2 Jahren ago

    Sehr interessante EInblicke – ein schöner Text!

  • 2 Jahren ago

    und einmal mehr: danke fpr das spannende interview! was dort geschildert wird, erinnert mich ein wenig an die mongolei oder nepal. dort konnte man ähnliche lebensumstände und auswirkungen auf die eigene persölichkeit feststellen. zum einen erschreckend, zum anderen sehr bereichernd….
    liebe grüße,
    jule*

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