Samstagskaffee # 43 – ‚Berlin is not for Sale‘.

Mein Samstagskaffee am 12. April zeigte eine aufgeschlagene Zeitung, auf der ein Graffiti zu sehen war: BERLIN IS NOT FOR SALE prangte in großen Lettern darauf – und hat viele Frage bei euch aufgeworfen. Nicht zuletzt darum will ich das Motiv und Thema heute noch einmal aufgreifen. Es handelte sich um das Eigenmagazin einer Berliner Kommunikationsagentur; in dem Artikel ging es um umstrittene Investorenprojekte wie der Mediaspree und die Rolle von Dialogen in solch konfliktgeladenen Vorhaben. Im besten Falle können sie zu einer breit akzeptierten Kompromisslösung führen und die Situation befrieden. Im schlechtesten Fall werden sie boykottiert.
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Berlin könnte eine Reihe solcher Dialoge gebrauchen. Denn die Mediaspree ist mitnichten das einzige Projekt, das die Stadt zum Brodeln bringt. Am 25. Mai beispielsweise können die Berliner/innen neben der Wahl des Europaparlaments gegen die Bebauung des Tempelhofer Flugfelds stimmen. Und das wird sicher nicht das letzte Bürgerbegehren und erst recht nicht der letzte Protest sein. Das große Schreckgespenst, das seit einigen Jahren durch Berlin (und andere Großstädte wie Hamburg oder Leipzig) spukt, nennt sich Gentrifizierung. Allerorten wird darüber diskutiert und geschrieben – die Berliner Morgenpost hat eine eigene Rubrik dazu, der Tagesspiegel sowieso und sogar das Magazin der immowelt berichtet regelmäßig über den Wandel in den Kiezen, dem leider immer öfter mit Steinen begegnet wird, die in Neubaufenster fliegen.

Gemeint ist mit dem – vom englischen Wort für ’niederer Adel‘ [gentry] abgeleiteten – Begriff der Wandel eines Stadtgebiets vom ungeliebten ‚Schmuddelbezirk‘ zum heißbegehrten Szenekiez. Kreuzberg steht wie kaum ein anderer Bezirk exemplarisch für diese Entwicklung. In der Regel geht sie mit steigenden Mietpreisen und einem Austausch der Bevölkerung einher. Die alteingesessene Bevölkerung kann sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten und wird von vermögenderen Leuten ‚verdrängt‘. Als Vorboten dieser Entwicklung gelten Künstler/innen, Kreative und Studierende, die das Quartier mit ihren improvisierten Nutzungskonzepten und kreativen Zwischenlösungen symbolisch aufwerten und damit wohlhabendere Schichten anziehen. Das klingt nach einem simplen Mechanismus – doch es scheint tatsächlich so einfach zu sein, wenngleich er sich nicht von heute auf morgen vollzieht, wie es bisweilen scheint, sondern sich zum Teil über viele Jahre hinzieht. Als ich von 2003 bis 2005 in Neukölln lebte, wollte dort niemand freiwillig wohnen. Heute ist selbst die einst ärmste und trostloseste Straße der Stadt – die Thomasstraße – eine ’normale‘ Adresse, und niemand würde die U8 noch ‚Idioten- und Beklopptenbahn‘ nennen, so wie ich es damals in einem Artikel las (leider erinnere ich mich nicht mehr von wem und wo das war). Das sind die positiven Effekte der Gentrifizierung.

Es gibt ein ganz großartiges Video, das diesen Prozess erläutert (ich hatte es kürzlich schon einmal erwähnt/gezeigt). Eine gute Kurzbeschreibung findet ihr bei ONTAI und den Fortschritt Gentrifizierung Berlins kann man auf der Gentrimap betrachten.

Ich selbst bin zweigespalten, was die Gentrifizierung anbelangt. Ich war und bin stets Teil von ihr. Als ich in Neukölln lebte, habe ich mit meinen kulturellen Aktivitäten zur symbolischen Aufwertung beigetragen. Mit meinem bevorstehenden Umzug beeinflusse ich die Aufwärtsspirale der Mieten im dortigen Kiez, und wenn ich dort lebe, werde ich die Verdrängung alteingesessener Läden durch ’schöne Läden‘, ’nette Cafés‘ und ‚coole Galerien‘ mit meinen ästhetischen Vorlieben und materiellen Möglichkeiten wohl auch forcieren – ob ich will oder nicht. Und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich sie nicht wollte. Denn natürlich sitze ich gerne in Cafés, stöbere gern in Läden und betrachte gerne Kunst, die ich schön finde. Doch muss das bedeuten, dass alles andere verschwindet?

Ist der Mechanismus von Mietanstieg und Verdrängung ein Naturgesetz? Warum können das ’schöne Café‘ und die ‚raue Eckkneipe‘, der Gemüsehändler und der Kidsfashionstore, der Ex-Besetzer und die Neubaubewohnerin, der ‚Sozialhilfeempfänger‘ und der Millionär nicht friedlich nebeneinander koexistieren? Ich bin überzeugt, es kann gehen. Wie? Das würde ich gerne – und damit komme ich zurück zum Anfangsthema – in einem ‚Dialog’* mit Bewohner/innen, Immobilienvertreter/innen, Politiker/innen und all den anderen ‚Stakeholdern‘ entwickeln. Was haltet ihr von der Idee? Würdet ihr mitmachen?


*Ich denke da weniger an eine Diskussion, sondern vielmehr an eine Art ‚Werkstatt‘, in der man kollaborativ Wohn- und Kiezkonzepte entwickelt und umsetzt. Es gibt eine Reihe guter Ansätze und gelungener Beispiele, an die man dabei anknüpfen kann, zum Beispiel repairberlin, Hacking the City oder die Projekte des Urban Catalyst Studios und viele, viele mehr. Eine interessante wissenschaftliche Auseinandersetzung liefert Henning Mohr. Ein spannendes empirisches Projekt ist die Peer-to-Peer-Umfrage wohnwut in Kreuzberg.

9 Comments

  • 5 Jahren ago

    Eine wirklich interessante Thematik. Ich bin in der Vergangenheit viel in Berlin umgezogen und wohne nun schon ein paar Jahre in Treptow. Inzwischen merkt man auch hier sehr deutlich den besagten Wandel. Es gibt ein Geburtshaus, das sehr gut angenommen wird, internationale Kindergärten entstehen und allein 21 % Eigentumswohnungen als im vergangenen Jahr. Die Verdrängung fand noch nicht statt, weil der Bezirk sehr veraltet war, aber was passiert, danach. Für meine Wohnung kann man heute die doppelte Miete verlangen. Fräulein Julia, ich kenne diese "gated communities" bisher nur aus den USA oder GB. Keine gute Entwicklung. Indre, kennst Du die Dokumentation "Wildwest im Thälmann Park"? Man kann sie in der Mediathek vom rbb sehen.

    • 5 Jahren ago

      Liebe Kerstin, nein, die Doku kenne ich nicht. Vielen Dank für den Tipp. LG I.

  • 5 Jahren ago

    Das ist ein spannender Ansatz und das Thema ist noch längst nicht totgeredet.
    Man kann natürlich Kiezkonzepte entwickeln für ein harmonisches Miteinander aller Bevölkerungsschichten, aber wie setzt man die um, wenn die Hausbesitzer sich nicht darum scheren und die Miete schnell verdreifachen? Und mitten im Prenzlauer Berg (wo ich wohne) immer weitere "gated communities" entstehen, deren Bewohner sich vom Rest (aka. den "gefährlichen" Normalbürgern) bewusst abschotten?

    • 5 Jahren ago

      Ja, wie bekommt man die Hausbesitzer ins Boot? Gute Frage! Man wird nicht alle kriegen. Aber einige bestimmt. Wie? Das gilt es genau zu überlegen.

      Dass sich immer mehr abschotten in ihren "gated commuties" finde ich eine katastrophale Entwicklung, die ich nicht nachvollziehen kann. Was motiviert die Menschen, sich unter Ihresgleichen von der Umwelt abzuschotten?

  • 5 Jahren ago

    Danke für diesen interessanten Ansatz. Ich wäre bei einer solchen Werkstatt sofort dabei. Selbst in Neukölln ansässig habe ich mich lange dagegen gewehrt die Veränderungen als negativ zu betrachen. Und viele sind es auch nicht. Nach sechs Jahren beginne ich mir allerdings, mir auch so meine Gedanken zu machen und sehe, dass dieser Bezirk wankt und verwundbar geworden ist.

    • 5 Jahren ago

      Wie drückt sich das Wanken und die Verwundbarkeit aus? Ich habe ja selbst 3 Jahre in NK gewohnt. Zu einer Zeit, als der Bezirk alles andere als hipp war. In vielerlei Hinsicht finde ich auch ich die Entwicklungen/Veränderungen dort auch gut. Doch wenn es dazu führt, dass die alten Bewohner/innen mit kleinen oder keinem Einkommen dort keinen Platz mehr finden, ist für mich die Grenze erreicht. Wie siehst du diese Entwicklung?

    • 5 Jahren ago

      Die Verwundbarkeit rührt daher, dass es einen großen Durchlauf an Menschen gibt, die nicht bleiben. Die nicht mehr hinterlassen als gebrauchte Kaffeebecher und kaputte Bierflaschen. Die Gewerbe wollen überleben und passen sich an, aber viele die schon 10 oder 15 Jahre hier sind, reiben sich die Augen und verlieren ein Wenig die Orientierung. Als wir unsere Ladenwohnung bezogen haben, kamen die Nachbarn auf einen Kaffee vorbei. Heute kenne ich viele nicht einmal mehr. Ich mag die heutige Dynamik, aber ich merke auch, es ist viel anstrengender geworden hier zu leben.
      Ähnlich wie in vielen Bezirken, die derartige Entwicklungen schon länger durchmachen, könnte ich mir eine bessere Durchmischung der Gewerbearten vorstellen. Sieben Cafés und drei Kneipen in einer kurzen Straße wie unserer, bergen Konflikte, die man so vielleicht vermeiden könnte.

  • 5 Jahren ago

    Klingt interessant und ich weiß, was du meinst. Ich selbst wohne zwar eher am Rand von Berlin, aber bei meiner Wohnungssuche hab ich schon ab und an über die hohen Mieten in ehemaligen Szenebezirken gestaunt. Und ja, wir tragen alle irgendwie zur Gentrifizierung bei – ob wir wollen oder nicht. Aber alles hat immer zwei Seiten. Ich finde es auch immer extrem wichtig, bei Problemen den Dialog zu suchen. Das fängt schon beim Kleinen, beim Privaten an.
    Deine Idee klingt auf jeden Fall gut 🙂
    Liebe Grüße
    http://behindthecomfortzone.blogspot.com/

    • 5 Jahren ago

      Das freut mich. Ich bin eine überzeugte Dialog-Anhängerin, wobei ich finde, wir müssen übers Formulieren von Empfehlungen hinauskommen – ins Machen.

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