Radikal nachhaltig: Earthship Biotechtecture

links: eine Earthship-Baustelle | rechts: ein klassische

Das Thema ‚Bauen‘ treibt mich aus aktuellem Anlass um, das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt mich schon lange. Heute fallen beide Themen zusammen. Es geht um nachhaltiges Bauen – und mehr noch: um ‚radikal nachhaltiges‘ Bauen. Was das ist und woher die Idee kommt, dazu habe ich Johannes Comeau Milke befragt. Er ist Botschafter von Earthship Biotecture Deutschland.
Johannes Comeau Milke wurde 1985 in Essen geboren. Er lebt seit 3 Jahren in Berlin und hat nach seiner Ausbildung an der School of Design Thinking in Potsdam eine NGO, einen Co-Working Space und eine Beratungsagentur für Innovation und Neue Arbeit gegründet. Im Herbst 2012 war Johannes Teil der Earthship Biotecture Academy in Tao, New Mexico. Seitdem repräsentiert er Earthship Biotecture als Botschafter in Deutschland.
Kennengelernt habe ich Johannes über die Beratungsagentur better today, deren Mitbegründer er ist. Ihr Beratungs- und ihr Arbeitsansatz haben mir gefallen, und ich wollte mehr erfahren. So bin ich nach Berlin-Neukölln gefahren und habe ihn im Co-Working Space d.collective besucht. Wir haben lange darüber gesprochen, wie better today arbeiten und warum sie – statt sich in die sichere Welt des Angestelltendaseins zu begeben – lieber das Wagnis der Selbstständigkeit eingehen. Darüber werde ich bald ausführlich berichten. Heute geht es um Johannes Leidenschaft für radikal nachhaltiges Bauen. Ich wünsche euch eine spannende Lektüre und sage dir, Johannes, 1.000 Dank für das Gespräch!
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Was bedeutet Earthship Biotecture und wer steht hinter der Bewegung?
Earthships‚ sind Gebäude – Upcyclinggebäude sozusagen, denn sie werden aus ‚Müll‘ gebaut sind. ‚Earthship Biotecture‚ ist das ‚Architektur- und Vertriebsbüro‘ des ‚Erfinders‘ der Earthships, dem amerikanischen Architekten Michael Reynolds. Ist hat seinen Sitz in Taos, New Mexico und plant, erstellt und vertreibt die Gebäude. Die Bauweise basiert auf einem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept und zeigt, dass Nachhaltigkeit und ökologisches Bewusstsein kein Luxus sein müssen.

Angefangen hat alles mit einem ‚Blechdosen-Haus‘ im Jahr 1969. Seit über 40 Jahren entwickeln Michael Reynolds und sein Team Innovationen in den Bereichen Passiv-Solar-Bau, dezentrales Wasser- und Energie-Management, Indoor-Farming und vor allem Upcycling. Ein Hauptbestandteil von Earthships sind Autoreifen. Sie werden mit Erde gefüllt und als Wände aufeinander gestapelt, daher der Name ‚Earthships‘.

Earthships gibt es weltweit und mit unterschiedlichen Funktionen: Sie werden bewohnt, bewirtschaftet oder dienen als Community Centre. Am meisten verbreitet sind ist die Bauweise in den USA, aber auch in Afrika und Europa wurden viele Gebäude nach Earthship-Prinzipien gebaut. Hinter den meisten Projekten steht die Baufirma Earthship Biotecture, die sie als Auftragsarbeiten realisiert hat oder in enger Zusammenarbeit mit lokalen NGOs und Dorfgemeinschaften umgesetzt hat. Besonders bemerkenswert sind die Hilfsprojekte in Krisen-Regionen, wie etwa in Haiti, Andaman Islands (Indien) oder Sierra Leone. Ganz aktuell wird ein Bauprojekt in Malawi/Afrika umgesetzt.
Was ist die ‚Earthship Biotecture Academy‘?
In Taos, New Mexico und in Buenos Aires hat Michael Reynolds (Earthship Biotecture) Akademien gegründet: die sog. ‚Earthship Academy‚, um den Ansatz und das Know-how weiterzugeben. In Kursen, Labs, Exkursionen und anhand von Praxisbeispielen bildet er zusammen mit seinem Team Interessierte aus allen gesellschaftlichen Bereichen theoretisch und praktisch aus. Vermittelt werden die Designprinzipien, die Konstruktionsmethoden wie auch die Earthship-Philosophie. 
Earthship Biotects bezeichnen ihren Ansatz als „radikal nachhaltig“. Was bedeutet das konkret? Werden alle drei (oder vier) Dimensionen der Nachhaltikeit radikal umgesetzt (soziale, ökologische, ökonomische und kulturelle)?
Earthships sind zum einem radikal nachhaltig, weil sie ihren Bewohner/innen durch die besondere Bauweise und integrierten Versorgungssysteme die Möglichkeit geben, komplett autark zu leben und laufende Kosten extrem zu verringern. Earthships haben eine eigene Wasserversorgung, Heizung und Abwasseraufbereitung, sie erzeugen ihren Strom aus erneuerbaren Energiequellen und haben zu all dem ein angenehmes Raumklima. Die Baustoffe sind überwiegend wiederverwendete Materialien (‚Abfälle‘) und/oder fließen in neue Materialkreisläufe. Das sind die Dimensionen der ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit von Earthships.

Die soziale und kulturelle Dimension wird vor allem mit den sog. Hilfsprojekte realisiert. Earthship Biotecture verändert die Community: Es vermittelt das bautechnische Know-how und fördert das kooperative Bauen. Es wird nicht einfach ein Haus irgendwo hingestellt; Earthship Biotecture bindet die Bewohner/innen und Nachbar/innen aktiv ein und befähigt sie zu eigenen Bauherren. Sie erfahren, wie sie gemeinsam Häuser bauen, entwickeln ein Gemeinschaftsgefühl und schaffen neue sinnvolle Arbeitsplätze.

Wer steht hinter Earthship Biotecture Deutschland?
Earthship Biotecture Deutschland wurde von Absolvent/innen der Earthship Biotecture Academy gegründet. Es ist eine Plattform und offenes Forum für Menschen, die die Idee und das Konzept weiter entwickeln und an die hiesigen klimatischen Bedingungen, vor allem aber an die urbanen Kontexte deutscher Großstädten anpassen wollen. In regelmäßigen Veranstaltungen informieren wir und stellen verschiedene Themen zur Diskussion, so z.B. im Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg oder während der EXPERIMENTDAYS am Tempelhofer Flughafen. Außerdem denken wir in Design Thinking Workshops mit verschiedenen Expert/innen aus den Bereichen Stadtentwicklung, Architektur und Umweltschutz die bestehenden Konzepte weiter. Kommuniziert wird hauptsächlich über unsere Facebook-Seite
Earthships wurden bisher vor allem im ländlichen Raum realisiert. Ihr passt das Prinzip nun an den urbanen Raum an. Welche Faktoren spielen hier eine zentrale Rolle?
Im urbanen Kontext spielen vor allem die drei Aspekte ‚verfügbarer Raum‘, ‚Mobilität‘ und ‚Baumaterial‘ eine zentrale Rolle. In den städtischen Ballungsräumen gibt es unzählige ungenutzte Flächen und Areale, z.B. Baulücken. Sie haben viel Potenzial für Earthship-Projekte, z.B. passiv-solare Gewächshäuser.
Der Faktor Mobilität stellt für uns nicht nur eine Herausforderung, sondern vor allem eine Chance dar. Immer mehr Flächen sind temporär verfügbar (z.B. Flugfeld Tempelhof) oder stehen für eine begrenzte Zeit zur Verfügung (z.B. im Rahmen von Festivals). Ihre Nutzung erfordert spezifische mobile Raumkonzepte. Die Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg sind ein gutes Beispiel dafür. Alle Projekte, die dort realisiert werden, müssen drei Faktoren erfüllen: Sie müssen nachhaltig sein, sie müssen einen bildenden Charakter haben und sie müssen mobil sein. D.h. man muss sie leicht fortbewegen können.

Wir können ein Earthship nicht einfach auf Räder stellen. Also mussten wir neue Lösungen entwickeln und sind so zum modularen Bauen gekommen. Inspiriert hat uns der sog. Cradle-to-Cradle-Ansatz von Prof. Braungart. Er zielt auf eine zyklische Ressourcennutzung analog dem Nährstoffzyklus der Natur, in dem ‚Abfälle‘ eines Organismus vom anderen genutzt werden. Mit unseren urbanen Earthships versuchen wir möglichst wenig Abfälle zu produzieren und diese direkt weiter zu verwerten.

Ihr habt kürzlich einen ersten urbanen Prototypen in Berlin gebaut. Welche ersten Erfahrungen habt ihr damit gemacht?
Im Rahmen des RE:MAKE Festivals konnten wir den ersten Prototypen für ein urbanes Earthship umsetzen und ihn für die Festival-Besucher/innen erleb- und begreifbar zu machen. Neben den ‚klassischen‘ Elementen eines Earthships wie einer Wand aus Autoreifen oder Fenstern aus Glasmosaik, haben wir verschiedene Materialinnovationen getestet. So z.B. eine Wand aus Bierkisten, die wir mit Tetrapacks, Glasflaschen, Styropor und Lehm gefüllt haben sowie ein Dach aus alten Schallplatten.
Bei diesem Experiment haben uns eine ganze Reihe von Partnerorganisationen unterstützt: Material Mafia stellte uns das Baumaterial zur Verfügung, InFarm hat eine Hidroponics-Anlage installiert und Moritz v. Buttlar zeigte uns wie man aus recycleten Solarzellen Energie gewinnen kann. PLATOON KUNSTHALLE hat uns den Ort und die Macher/innen des RE:MAKE Festivals die Möglichkeit gegeben, dieses Experiment zu realisieren. Ein ganz besonderer Dank gilt außerdem allen Helfer/innen und Expert/innen. Namentlich: Henry Farkas, Sydney Comeau Milke, Matthias Heskamp, Jörn Frenzel und Sohn, Katja und Simone von Material Mafia und viele andere.

Der Bau des Prototypen war sehr schönes Beispiel dafür, dass und wie man mit der Kraft der Community Dinge erreicht, die viele Menschen für unmöglich halten.

Was ist deine Vision für ‚Urban Earthship Biotecture‘?
Meine Vision ist ein lebendiges Netzwerk für weitere Veranstaltungen und Projekte im urbanen Raum. Ich denke, dass wir Menschen nur dann überzeugen, wenn sie selbst erleben können, was möglich ist und wie sich eine nachhaltige Zukunft anfühlt. Ich bin gespannt, wo das erste ‚richtige‘ Earthship in Deutschland realisiert wird.

3 Comments

  • 5 Jahren ago

    Wer sich fuer Earthships und Upcycling interessiert und eine neue Welt mit uns bauen will sollte kommende Woche (24./25.Mai) zum Earthship Seminar und Community Forum kommen. Alle Infos gibt es hier:
    http://earthship-deutschland.de/european-lecture-tour/

  • 6 Jahren ago

    total interessant, mein wunsch ist es ja eines tages aus lehm zu bauen, hier mal ein interessanter beitrag: http://www.detail.de/architektur/themen/moderner-lehmbau-bauweise-mit-entwicklungspotenzial-000048.html

    im buch "kopf schlägt kapital" wird ein wirklich bewundernswertes projekt erwähnt: irgendwo in südafrika wurde durch einen starken regen eine ganze siedlung von ärmlichen lehmhütten zerstört. ein künstler (und architekt??) hatte die idee die siedlung wieder aufzubauen, in dem er etwa halbrunde wirklich vergleichsweise riesige lehmkugeln brannte und diese umgestülpt (mit eingang) auf den boden stellte. dadurch dass der lehm gebrannt war, überstanden sie fortan jeden regenguss…
    lg, sarah

  • 6 Jahren ago

    ein sehr interessanter Ansatz! herzlichen Dank für den Input!
    liebst aus südost, a.

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