Qualifiziert chaotisch denken | Hazel Rosenstrauch

Die Welt ist komplex, das Begreifen kompliziert, das Leben chaotisch. Und wenn mal wieder ein Lebensmittelskandal oder eine Automobilkrise anstehen, sind die Antworten – wie neulich ein Fachmann sagte – unterkomplex.

Als gelernter Soziologin fällt mir bei solchen Äußerungen sofort Niklas Luhmann und die »Reduktion der Komplexität« ein. Luhmann hielt Vertrauen für ein probates, jedenfalls oft probiertes Mittel, um das Leben einfacher zu machen. Er ist noch am Ende des vorigen Jahrhunderts (1998) gestorben. Seither ist der Alltag noch komplexer, das Reparieren des Fahrrads komplizierter, der Umgang mit all der Kommunikation viel chaotischer geworden.

Wenn ich heute an die Reduktion von Komplexität denke, fällt mir zuallererst der Populismus ein, auch er ist ja eine Form der Reduktion von Komplexität, die auf Vertrauen fußt – und sei es Vertrauen in irgendwelche Scharlatane, die das Blaue vom Himmel (oder das Braune der Erde) versprechen.

Natürlich ist alles kompliziert, und noch viel komplizierter, komplexer und chaotischer geworden, seit Frauen nicht nur Kinder kriegen, arbeiten und den Haushalt schupfen, sondern auch noch selbst denken.

Hazel Rosenstrauch

Die Welt war schon immer zu komplex. Aber es gab Könige und Pfarrer, Väter, Parteien oder Journalisten, die dem kleinen dummen Menschlein gesagt haben, was zu tun ist. Jetzt muss ich meine Meinungen selbst entwickeln, kann mich nicht auf Autoritäten verlassen. Und die vielen klugen Analysen von Wissenschaftlern helfen oft nicht weiter, weil es zu viele Experten gibt und die sich oft widersprechen. Was tun?

Ich habe selbstredend keine Lösungen anzubieten und muss mich auf dem Markt der Weisheiten zum Glück nicht behaupten. Wenn ich nach wissenschaftlich fundierter Orientierung suche, stoße ich darauf, dass jede Disziplin ihre eigene Definition, Kontexte und Untersuchungsmethoden hat. Mathematiker gehen anders damit um als Soziologen, Ökonomen und Psychologen auch. Armin Nassehi [Die letzte Stunde der Wahrheit] meint, Komplexität ließe sich nicht beschreiben.

Komisch, ich war immer der Meinung, dass Literatur, Malerei und vor allem Musik komplexe Welten und Gefühle beschreiben. Deshalb liebe ich sie.

Mir fällt oft der Satz von Günther Anders ein, der nach der Mondlandung von Astronauten (1969!) sinngemäß sagte: Wir haben gelernt zum Mond zu fliegen, wir haben nicht die dazu nötige Moral entwickelt. Oder so ähnlich, jedenfalls ist die Bemerkung über ein halbes Jahrhundert alt.

Fragen sind bekanntlich interessanter als Antworten. Ich frage mich oft, wie ich abgesehen vom ohnehin chaotischen Alltag auch noch mit Rücksicht auf Internet und Apps und all den global vernetzten Informationen überhaupt noch Entscheidungen treffen kann.

Zum Glück gibt es Google und es gibt die Hirnforschung, die alles erklären kann, zumindest zu allem eine Meinung hat. Der Algorithmus kennt mich schon, der Bildschirm offeriert mir viel zu viele Optionen. Ich mache das, was mir auch das Interview mit Prof. Gigerenzer bestätigt: Ich greife auf mein Vorwissen zurück und entscheide intuitiv.

Pausenbuch, Indre Zetzsche, Warten, Ruhe, Bilder, Fotografie

»Gefühltes Wissen steuert das Verhalten« – dieser Satz leuchtet mir ein. Auch ich habe oft eine Münze geworfen und dabei gespürt, was ich wirklich will. Der Professor nennt es Bauchgefühl und erklärt, Intuition habe mit akkumulierter Erfahrung zu tun.

Von da führt mein erster Impuls zu dem Gedanken, dass ich als alte Tante mehr Erfahrung habe als zum Beispiel mein Sohn. Aber dann fällt mir ein, wie er und andere junge Leute im Netz cruisen oder bei Subway oder Burger-Läden viel schneller als ich entscheiden können, welche Sauce, welchen Aufstrich, welche Beilagen, Brotart etc. sie wollen. Ist das nicht schon eine Schulung für den Umgang mit Komplexität?

Als älteres Semester habe ich andere Ressourcen und greife auf eine Erfahrung bzw. ein Wissen zurück, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Friedrich Schlegel (1772 – 1829) hat, als seiner Generation der Begriff von Aufklärung zu eng wurde, den berühmten Imperativ erweitert. Sein Bekenntnis zur Aufklärung lautet:

»Sentiri aude« – habe Mut dich deiner eigenen Gefühle zu bedienen.

Das war kein Plädoyer für Bauchgefühl, sondern schloß ein, dass Gefühle, Intuition, Seele und Wahrnehmungen entwickelt, geschult, emanzipiert werden können – und sollen. »It‘s the history, stupid«… oder sollte es doch heißen »it‘s the education«? Womit ich wieder in die Bredouille käme, wenn ich entscheiden müsste, ob ich das mit »Erziehung« oder mit »Bildung« übersetzen soll.

Ich hab mal Jonglieren geübt, auch das hilft.


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Veranstaltungshinweis

Am Montag, den 4. September 2017 war Hazel Rosenstrauch zu Gast in der Akademie der Künste {Pariser Platz, Berlin} und spricht mit Jeanine Meerapfel »Über den Umgang mit Komplexität«. → weitere Informationen

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