Muster gegen Monotonie | Im Gespräch mit Anna Niestroj {blinkblink & Mønster Patterns}

Als »Co-Working« noch ein wissenschaftliches Phänomen und für die Öffentlichkeit ein Buch mit sieben Siegeln war, hat sie einen der ersten Berliner »Co-Working-Spaces« eröffnet. Als die Medien die Wiedergeburt des Selbermachen (Do-it-Yourself, kurz: D.I.Y.) proklamierten, war sie schon mittendrin und als der Begriff Plattform-Ökonomie hierzulande noch ein Fremdwort war, schrieb sie über Social Media getriebene Geschäftsmodelle. Anna Niestroj erkennt und erprobt Entwicklungen, lange bevor sie Trends werden. Das war schon vor sechs Jahren so, als ich sie kennenlernte.

Eines ihrer neuesten Projekte ist »Mønster Patterns«, eine Plattform, mit dem sie dem globalen Mustermarkt etwas entgegensetzen will (unter anderem durch vereinfachte Übertragung von Nutzungsrechten). Daneben eröffnet die Trendforscherin, Designerin und Bloggerin gerade einen »Work-Life-Space« im ländlichen Raum, mit dem sie – davon bin ich überzeugt – wieder einen Trend vorwegnehmen wird. Das Vorwegnehmen von Trends nämlich ist ein wiederkehrendes Motiv in Annas Leben – ein Muster eben.

Um Muster geht es auch im heutigen Interview, mit dem ich allen einen inspirierten Start in die Werkwoche wünsche und für das ich dir, liebe Anna, herzlich danke.

Was macht ein Muster aus?

Ein Muster ist ein sich wiederholendes Motiv. Dabei ist es egal, ob es akustisch, visuell, inhaltlich, verhaltens- oder zeitbasiert ist.

Was unterscheidet das Muster von der Serie und wie verhält es sich dann mit der »Musterserie« und dem »seriellen Muster«?

Wenn ein Muster ein sich wiederholendes Motiv ist, dann kann eine Serie ein Zusammenspiel aus Motiven sein, die nicht wiederholt werden, das heißt, die nicht gleich sind, die aber zueinander passen, zum Beispiel chronologisch oder konzeptuell. Eine Musterserie wäre demnach eine Musterkollektion: verschiedene Muster, die aufeinander abgestimmt sind. Während ein serielles Muster ein sich in regelmäßigen Abständen wiederholendes Muster sein kann, zum Beispiel eine Tapete, die man in Abständen montiert und nicht nahtlos.

Eine Serienproduktion ist die Herstellung eines gleichartigen Produktes in endlicher Zahl. Ähnlich der Auflage. Es kann mehrere Serien eines Produktes geben. Ein serielles Produkt ist ein einzelnes Ding. Ein Muster dagegen ist nahtlos, Kante an Kante, ein fließender Übergang von gleich zu gleich.

Worin liegt der Reiz der Wiederholung (für dich)?

In der Wiederholung liegt kein Reiz (für mich), außer wenn ich sie spirituell betrachte.

Wenn ich Muster mache, das heißt, ein Motiv für die Wiederholung ausarbeite, dann ist das eine spirituelle Übung für mich, während derer ich mich der kosmischen Wiederholung verbunden fühle, also der Unendlichkeit und damit dem NOW.

Was Wiederholung im Allgemeinen angeht, also auf dieser Welt, so denke ich, dass sie Sicherheit vermittelt. Neues, Ungewohntes oder Andersartiges irritiert, weil man es nicht einordnen kann in vertraute Schemata. Durch permanente Wiederholung verliert es seine irritierende Wirkung; es wird zur Gewohnheit und das Gewohnte stiftet Vertrauen. Diesen Mechanismus können überall beobachten: im Handel, auf Instagram, in der Politik, in der Unterhaltungsindustrie, im Konsum, in der Musik. Überall findet sich das Gleiche und sich Ähnelnde, überall sind Kopien von Kopien von Kopien von Kopien. Der bewusste Umgang mit Mustern lehrt mich, das zu akzeptieren.

Du entwirfst seit vielen Jahren Muster. Wie entstehen deine Muster? Und was zeichnet sie aus?

Meine Muster passieren. Ich denke, das zeichnet sie aus. Mit dem Musterzeichnen begonnen habe ich schon in der 1. Klasse – in meinem ersten karierten Schulheft. Heute arbeite ich immer noch viel analog und erarbeite die Rapports digital. Das heißt meine Muster entstehen als Unikate und gehen anschließend in die Unendlichkeit über. ^_^

 Zurzeit finde ich aber leider nicht so viel Ruhe dafür.

Anna Niestroj studio blinkblink & Mønster Patterns

Was sind deine Lieblingsmuster?

Diejenigen, denen man die Wiederholung nicht gleich ansieht.

Wer sind deine liebsten Musterdesigner*innen?

Oh, es gibt viele! Zum Beispiel Katsuji Wakisaka, Gunta Stölzl, Josef Frank, William Morris, Zika Ascher, Shirley Craven, Josef Hoffmann, um nur ein paar »alte Häsinnen und Hasen« zu nennen. Es gibt aber auch aktuell sehr viele spannende Musterdesigern*innen, zum Beispiel Leanne Shapton, Reik0 Sudo oder Akira Minagawa. Ich habe eine riesenlange Liste an Personen, die ich noch auf meinem Blog vorstellen möchte. Ganz weit vorne sind für mich japanische Designer*innen und Handwerker*innen.

Vergangenes Jahr hast du »Mønster Patterns« gegründet. Wie bist du darauf gekommen, einen Onlineshop für Musterlizenzen zu gründen? Und wie funktioniert der »Laden«?

Ja genau, das war im Sommer 2017. Die Arbeit daran fing aber schon ein Jahr vorher an. Mønster Patterns arbeitet nach dem Lizenzprinzip, also im Grunde so wie alle großen Stockfoto-Plattformen, nur nach meinen eigenen Regeln und Qualitäts-Standarts. Mein Angebot richtet sich an Verlage, an Hersteller*innen, aber auch an Solo-Selbständige, Freelancer oder Blogger*innen wie dich oder mich. Mønster Patterns archiviert grafische Muster, macht sie zugänglich und vereinfacht die Abwicklung der Nutzungsrecht-Übertragung. Für den globalen Mustermarkt ist das ganz schön wild von mir 😉

Anna Niestroj studio blinkblink & Mønster Patterns

Das Prinzip Lizenz funktioniert ähnlich wie im Verlagswesen: Autor*innen schreiben ein Buch, das Buch wird verlegt, kommt in den Handel und wird verkauft. Wenn es gut ankommt, dann wird es nochmal verlegt. Die/der Autor*in ist prozentual am Umsatz beteiligt und verdient also langfristig mit. Ähnlich im Musikbereich: Die/der Künstler*in nimmt das Stück einmal auf und kann es dann prinzipiell unendlich oft verkaufen. Die künstlerische Arbeit ist also skalierbar.

Genau diese Skalierbarkeit hat mir gefehlt, bzw. konnte ich mich mit den vorhandenen Plattformen (Getty, Adobe Stock, iStock etc.) nicht arrangieren. Die Mengen an Bildmaterial sind dort eine große Überforderung und ihre Qualität lässt teilweise sehr zu wünschen übrig. Jede*r macht mit, ob versiert oder nicht und es wird ohne Ende kopiert. Das war ein weiterer Grund, warum ich Mønster Patterns gegründet habe: Es ist leichter ein fertiges Muster direkt zu kaufen, als es umständlich bei Designer*innen anzufragen oder es aufwändig zu kopierem. Vor allem die Ausarbeitung eines guten Rapports ist sehr zeitauwändig.

Anna Niestroj studio blinkblink & Mønster Patterns

Zusätzlich zu meinen Mustern bietet Mønster Patterns Expertise im Bereich Trends, Design, Druckmethoden und Fertigung. Langfristig will ich andere Künstler*innen mit aufnehmen und ein Angebot kuratieren.

Eine andere Motivation für die Gründung von Mønster Patterns ist die schlechte Bezahlung der Muster-Designer*innen: Ein Muster wird kilometerweise gedruckt und weltweit gehandelt. Läuft ein Stoff gut, wird er unbegrenzt nachgedruckt. Die Musterdesigner*innen werden aber – anders als im Buch- und Musikgeschäft – nicht am Umsatz beteiligt. Das finde ich unfair und will es ändern. Ich sehe da viele neue Möglichkeiten, etwa im Bereich der Smart Contracts.

Anna Niestroj studio blinkblink & Mønster Patterns

2011 hast du in Berlin-Wedding einen der 1. Co-Working-Spaces aus einem heruntergekommenen Laden gezaubert. Seit Ende 2017 hast du eine neue Baustelle. Wo und was baust du dieses Mal?

In das Projekt »Studio Blinkblink« bin ich ziemlich hineingeschlittert. Eigentlich sollte es ein Communityraum für ein Kreativkollektiv werden, welches ich gemeinsam mit meinen Kommiliton*innen an der Zhdk & ETH in Zürich gegründet hatte. Aber aus der Idee ist dann doch nichts geworden und ich stand mit dem Laden alleine da. Ich musste kreativ werden, der Vertrag war schließlich schon unterschrieben und ich konnte die Miete nicht alleine stämmen. Im Rahmen meines Trendforschungs-Studiums war ich mit der Idee des Co-Working-Spaces in Berührung gekommen und also habe ich sie aufgegriffen.

»Studio Blinkblink« war ein sehr, sehr spezieller Co-Working-Space – eher ein experimentelles Kreativbüro ohne wirtschaftliche Ambitionen. Es sollte ein netter Ort zum gemeinsamen Aufhalten und zum Arbeiten sein. Und das wurde er. Ich habe die gesamte Chronik noch nicht beisammen, aber wenn ich alle Menschen und alle Aktionen gedanklich durchgehe, die sich dort getroffen und die dort stattgefunden haben, dann bin ich schon ein bißchen stolz. Es war ein Experiment und ich habe sehr viel gelernt – auch aus meinen Fehlern. Am Ende hat mir dieser Ort und das Netzwerk, das sich aus ihm gebildet hat, alle Energie geraubt. Darum arbeite ich dort nicht mehr. Das Studio ist aber weiterhin in Nutzung und meine offizielle Betriebsadresse.

Ende 2016 habe ich mich langsam auf die Suche nach einem neuen Ort zum kreativen Arbeiten gemacht. Zuerst in Berlin, aber die Suche war vergeblich. Am Ende war es mir daher egal, wo der Ort liegt, an dem ich mich aufhalten möchte – Hauptsache er ist groß, transformierbar, zahlbar und bewohnbar. Also habe ich deutschlandweit gesucht. Gefunden habe ich mein neues Studio knapp eine Stunde Bahnfahrt von Berlin entfernt: in Jüterbog. Ein Ort für mich und meinen Partner. Er befindet sich in einem ehemaligen Amt, aus dem ein Kulturort entstehen soll. Wenn alles gut geht, dann finden dort möglicherweise ab Herbst 2018 monatliche Wochenend-Workshops statt. Aber erst einmal geht es diesesmal darum, dass ich Platz für mich alleine habe, bzw. für meine Arbeit. Ich habe noch ganz viel vor. ☺

Anna Niestroj studio blinkblink & Mønster Patterns
Annas neuer Ort im Werden

Alle Bilder © Anna Niestroj

2 Comments

  • 2 Jahren ago

    Liebe Indre, magst du Anna und mich vernetzen? Vorausgesetzt Anna möchte das, natürlich. Jüterbog liegt gute 20 Minuten von uns entfernt und ich würde so gerne mehr über sie erfahren. Liebe Grüße Annton

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Ich spiele auf jeden Fall gerne „Verbindungskabel“ 😉

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