KW 7/8 #Müßiggang

»Klischees sind eine harte Währung […], die eher kurzatmige Kommunikationen und Abkürzungen begünstigen als kognitiv, emotional und zeitlich aufwändige Formen einer vertiefenden Aneignung durch genaueres Hinsehen, durch Sich-Umhören, durch Mehr- und Querlesen.« Gudrun-Alexi Knapp

In den zurückliegenden Wochen habe ich mich in geradezu luxuriösem Ausmaß unterschiedlichen Formen der vertiefenden Aneignung hingeben können: habe hier hineinhören, da mehr- und dort querlesen können, habe recherchiert, sinniert und sacken lassen – und die Erfahrung gemacht, dass dieses »Sackenlassen« viel erkenntnisbringender ist als jedes angestrengt erkenntniswollende Nachdenken. Das Heureka-Erlebnis stellte sich stets auf meinen meditativen Spaziergängen durchs Moor oder tiefenentspannt auf der Moorpackung ein. Ganz von selbst.

Die griechischen Philosophen wussten sehr genau um die Wirkung und Wichtigkeit der Muße. Aristoteles und seinen Schülern galt sie nicht nur als Voraussetzung für anspruchsvolle geistige Tätigkeiten, sondern auch als notwendige Bedingung für die Pflege sozialer Beziehungen oder die Mitwirkung im Gemeinwesen. Ihren Konterpart sahen die Herren in der Arbeit, die sie nicht anders als fremdbestimmt denken konnten.1 Das sehen heutige Forscher*innen etwas anders: Nicht Arbeit und Muße gelten als Gegensatzpaar, sondern Arbeit und Freizeit. Die Muße liege quer dazu und könne – so sie sich einstellt – den Widerspruch sogar  auflösen.2 Dabei darf sie nicht mit Faulheit verwechselt werden:

»Faulheit ist pure Negation, während Muße aus der Lebensbejahung lebt. Laut Vahrson ist die Faulheit mit Trägheit verschwistert und die Muße mit Munterkeit. Sie äußert sich in Kunstschaffen und Lebenskunst, in Neugier, Erkenntnisfreude und Forschungsdrang. Muße ist nichts Abgehobenes und Weltfremdes. Im Gegenteil: Muße verlange die Hinwendung zur Welt, in der Auseinandersetzung mit ihrer Vielgestaltigkeit.« Gerlinde Knaus

Was ihre Bedeutung für die individuelle Lebensführung und den gesellschaftlichen Fortschritt anbelangt, sind die gegenwärtigen Mußeforscher*innen also weitgehend einig mit den antiken Philosophen: Muße schafft Räume der Reflexion und der aktiven Aneignung von Welt und fördert damit das, was man in der Psychologie als Selbstwirksamkeit bezeichnet: das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt.3 Gäben wir uns öfter dem Müßiggang hin, es ginge uns persönlich und gesellschaftlich vermutlich um ein Vielfaches besser. Stattdessen vertreiben wir die freie Zeit fleißig mit Freizeitaktivitäten und Selbstoptimierung.

Wer – um auf den Anfang zurückzukommen – angesichts dieses allgegenwärtigen und alles ergreifenden Leistungsdrucks aufs Klischee zurückgreift, macht gewissermaßen aus der Not eine Tugend: Sie/Er minimiert das Burn-out-Risiko. Das macht das Klischeedenken nicht besser, aber unsere Haltung zur (Un-)Tätigkeit umso fragwürdiger. Zumal in nicht allzu ferner Zukunft Roboter einen nicht geringen Anteil unserer Jobs übernehmen und damit ungeahnte Zeitreserven freisetzen. Wir haben die Wahl: Entweder wir schlagen sie tot oder – was mir in jeder Hinsicht attraktiver erscheint – wir lernen das Müßiggehen.

In diesem Sinne: ein müßiges Wochenende!

  1. GESEHEN: Die geheimnisvolle Welt unter der Haut
  2. GEHÖRT: »Das beherrschte Geschlecht«
  3. GELESEN: »Die Tochter des Bildhauers« von Tove Jansson {so schön!},  zur Philosophie des Anderen, über die Kunst der Muße und den Sonderforschungsbereich
  4.  GEDACHT: dass Anatol Stefanowitsch sehr gut begründet, warum das generische Maskulin kacke ist: »Warum sollen sich nur die Frauen ‚mitgemeint‘ fühlen?«
  5. GEMACHT: eine neue Routine etabliert: jeden Morgen mindestens 30 Minuten Yoga praktizieren {bisher klappt es gut}
  6. GEMOCHT: wie Sebastian Schipper auf das Thema Sexismus und die Metoo-Debatte blickt: »Was wir Männer zu lernen haben, ist: Diese Welt ist in ganz großen Teilen auf uns ausgerichtet. Was für ein unglaubliches Privileg das bedeutet, dass wir per se keine Angst haben müssen, dass man uns vergewaltigt, dass man uns lächerlich macht. Dass wir nicht ständig überlegen müssen, ob wir uns in bestimmten Situationen in Gefahr bringen! Das ist vielen von uns – inklusive mir – noch nicht in vollem Umfang bewusst.«
  7. GESUCHT: dieses Kissen und diese Schuhe
  8. GEFUNDEN: diesen Pullover
  9. GEFALLEN: dass Ise Bosch mit dem Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet wird.
  10. GEFRAGT:  Woher Linus die Kraft nimmt, um auf die Social-Media-Attacken so souverän zu reagieren {Chapeau!}.
  11. GESCHAUDERT: Gleichstellung und Minderheitenrechte haben für Rechte keinen Wert, wie nun auch das Beispiel Österreich demonstriert.
  12. GESORGT: um das vor allem weibliche Ruhestandsprekariat
  13. GESCHMUNZELT: »Beschwere dich nicht bei deinem Chef, sondern finde eine Handvoll Kollegen, denen es genauso geht, und überlegt euch ein Experiment. Probiert ein paar simple Hypothesen aus, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Wandel geht auch ohne grünes Licht vom Chef und großes Budget.« Gary Hamel im Interview mit brand eins
  14. GEFREUT: über die schöne Homestory von Jules mit mir
  15. GEWÜNSCHT: die Perry Throw Decke
  16. GESTAUNT: dass und wie der Lebensstil der Mormonen zum Hipster-Style wurde
  17. GEKAUFT: »Words Will Break Cement« von Masha Gessen {nachdem ich über diesen Artikel gestolpert bin}
  18. GEPLANT: {m}eine Reise nach Georgien
  19. GEKLICKT: atelier bingo

1 siehe: Sonderforschungsbereich 1015 Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

2 siehe: Gerlinde Knaus, Die Kunst der Muße. Warum brauchen Frauen so dringend Muße – weshalb ist die Mußekünstlerin eine Gestalt der Zukunft?, in: ausreißer – die grazer wandzeitung. Ausgabe #29, Juli/August 2009

3 siehe: Sonderforschungsbereich 1015 Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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