M i MAs Kladden: Nils Beier und der Alltag in der DDR

Am Strand 1954 | Foto: Manfred Beier via Bundesarchiv

‚Ich begreife Geschichte als Geschichten‘. Nils blickt auf den Teller, der vor uns auf dem Tisch steht. Weintrauben liegen darauf. Tiefblau und süß und klein. Er hat sie aus dem Garten einer Freundin mitgebracht – in die Rote Beete. Dort, in der Raucherkneipe in der Gleditschstraße, haben wir uns verabredet, um über sein Buch zu sprechen: Alltag in der DDR. Vor vier Jahren ist es erschienen, und es wurde ein Erfolg. Tausende sind über den Ladentisch gegangen. 2011 wurde es zum ‚Historischen Buch des Jahres‚ gekürt. Dabei hatte alles ganz anders angefangen.

2002 starb Manfred Beier. Der Lehrer für Geografie, Deutsch, Englisch und Astronomie war ein passionierter Fotograf und leidenschaftlicher Zeitchronist. Er fotografierte alles, aber immer nur für sich. Niemand, nicht einmal seine Familie, hat zu seinen Lebzeiten kaum je ein Bild zu Gesicht bekommen. ‚Er war kein geselliger Typ, eher ein wenig eigenbrötlerisch.‘ Umso größer war die Überraschung beim Sichten der Erbschaft: Mehr als 60.000 Fotos fanden Nils und sein Bruder Wolf im Keller des heimischen Wohnblocks – pedantisch geordnet und penibel beschriftet in diversen Schubladenschränken und Kisten. (Quelle‚Was sollten wir damit machen?‘ Auch nach 10 Jahren scheint das Fragezeichen auf Nils Gesicht bei dem Gedanken an den spektakulären Kellerfund noch auf. Einfach wegwerfen? Ein Gedanke, der sich angesichts der zum Verzweifeln großen Materialfülle das ein oder andere aufdrängte – zum Glück aber nicht durchsetzte. Einer Intuition folgend stellten sich die Brüder der Herausforderung und begannen sich durch die Materialmassen zu arbeiten – Foto für Foto, Film für Film, Dia für Dia. Schon bald wurde ihnen klar: Das Material hat Potenzial. Nicht nur die technische Qualität der Bilder und das handwerkliche Können ihres Vaters waren beeindruckend, sondern auch oder vor allem sein Blick auf die Welt.
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links: Mann in Kittelschürze 1962 | rechts: Manfred Beier Selbstportrait | beide Fotos: Bundesarchiv

Ausschnitte aus dem Kellerfund | Foto: Nils Beier
Manfred Beiers Fotos erzählen eine andere Geschichte der DDR als die üblichen Bilderwelten, die gern im Gestus der Objektivität vom großen Einerlei berichten oder umgekehrt zur Verklärung neigen. Die Beier-Bilder, denen Jörg Gruneberg eine ’sonderbar technisch-bürokratische Magie‘ zuschreibt, zeigen ein ganz alltägliches, normales Leben. So normal wie es kurz nach dem Zweiten und mitten im Kalten Krieg eben sein konnte: Es wurde aufgebaut und eingerichtet, gefeiert und gelacht, gekocht und gearbeitet, ferngesehen, getanzt, gebadet, gestritten und gespielt… all das, was man im Alltag eben so tut. Nur eines sieht man nicht: Klischees. Weder das große graue Einerlei noch irgendwelche (n)ostalgischen Gefühlswelten werden bedient. ‚Die Bilder meines Vaters zeigen auf nüchtern-genaue Weise, dass es in der DDR genauso viele, vielfältige und individuelle Lebensentwürfe und -modelle gab wie anderswo.‘ Da ist zum Beispiel der in der Kittelschürze posende Mann oder die kostümierte Partygesellschaft, die jungen Halbstarken in Bademänteln am Prerower Weststrand oder die auf dem Sofa versammelte Durchschnittsfamilie (Vater, Mutter, 2 Kinder).
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Party mit Hütchen 1960 | Foto: Manfred Beier via Bundesarchiv 
Vorm Fernseher 1961 |  Foto: Manfred Beier via Bundesarchiv

Die Idee aus dem Bildmaterial ein Buch zu machen, war nicht von Anfang an da. Angeregt vom Fotografen und Ausstellungsmacher Uwe Fiks dachten die Brüder Wolf und Nils zunächst an eine Ausstellung: Die erste war von April bis Juni 2006 im Pfefferberg zu sehen. Zehn weitere folgten. Erst nach und nach drängte sich der Gedanke an einen Bildband auf. 2009 war es schließlich so weit. Der Spiegel zeigte in seiner Reihe ‚Eines Tages‚ Bilder aus der Sammlung Beier – und die Verlage liefen Sturm. ‚Ich war in der glücklichen Lage, mir einen Verlag aussuchen zu können‘, erzählt Nils. Er wählte die Edition Fackelträger, weil sie ihm das größte Mitspracherecht gewährte und das beste Marketing garantierte. ‚Die Zusammenarbeit war toll. Meine Ideen und Vorschläge wurden fast alle angenommen.‘ Zum Beispiel die Zeit: Die Fotografien stammen aus den Jahren 1949 bis 1971. Nils wurde 1968 geboren. Das Buch endet, als seine Erinnerung beginnt. ‚Es fiel mir leichter, eine Auswahl zu treffen, ohne involviert zu sein.‘

Ein Projekt dieser Art lässt sich nicht mal so eben nebenbei machen. Um seinen Traum vom eigenen Buch zu realisieren, verkaufte der Verkehrsplaner die Gesellschaftsanteile an seiner Firma, und konzentrierte sich die nächsten Jahre voll und ganz aufs ‚Kuratieren‘ und Texten. An der Richtigkeit dieses Schritts hat Nils keinen Zweifel. ‚So eine Chance kriegt man nur einmal im Leben.‘ Er hat der ‚Welt‘ nicht nur ein großartiges Zeitdokument zugänglich gemacht, sondern auch viele wunderbare Menschen kennengelernt und ganz neue Seiten an sich entdeckt. Eigentlich würde er gern noch ein zweites Buch herausgeben – Material gäb‘ es genug. Doch das wird wohl ein Wunschtraum bleiben, und so entwickelt Nils heute wieder Verkehrs- statt Buchprojekte – wenn er nicht gerade Fußball spielt oder im Garten einer Freundin den Alltag in Berlin genießt.
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3 Comments

  • andrea dilßner
    10 Monaten ago

    Ich habe das Buch gekauft und war angenehm überrascht. Ich bin Jahrgang 1960 und fand viele eigene Erinnerungen an Zeit und Orten wieder. So vollkommen normal und natürlich. Keine Wertung schränkt die Fotos ein. Ich würde mich freuen, wenn auch ein zweiter Band veröffentlicht würde.
    Liebe Grüße andrea

  • Anne
    4 Jahren ago

    Schon etliche male im Buchladen daran vorbeigeschlendert, aber der Titel hat mich bisher abgeschreckt. Das "wir" in Zusammenhang mit Lebenswirklichkeiten provoziert bei mir mittlerweile Abwehr. Nun schau ich wohl doch mal genauer hin. Danke für den zweiten Blick! Ich mag die Geschichte dahinter.
    Liebe Grüße,Anne

  • 4 Jahren ago

    Jenseits von grauem Einerlei einerseits und von Verklärung andererseits – das Buch steht schon eine Weile auf meiner Wunschliste…, schön hier bestätigt zu sehen, das hineinzuschauen sich lohnt. Meine Erinnerung setzt 1958 ein. Lieben Gruß Ghislana

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