„Die Stimmung war wie betäubt.“ Ein Blick nach London nach dem Brexit

London | via Wikimedia

Bis Sommer 2015 arbeiteten Frank Bruce {*1979} und ich zusammen. Dann beschloss er, seiner Verlobten, Corinna Drossel {*1979} nach London zu folgen. Die Grafikdesignerin lebt und arbeitet seit 1999 in der britischen Hauptstadt. Leicht war den beiden die Entscheidung nicht gefallen, doch am Ende sprachen mehr Argumente für London als für Berlin. Alles schien gut. Schon bald sollte Frank seine Beraterlaufbahn bei einer US-amerikanischen Firma fortsetzen. Doch dann kam der 24. Juni. Nicht alles hat das Votum für den EU-Austritt verändert, aber viel.

Was der Brexit für einen EU-Bürger in London verändert hat, wie er und seine Freund/innen die Situation erleben und mit ihr umgehen – darum geht es im heutigen Montagsinterview mit meinem ehemaligen Kollegen. Hab‘ vielen Dank, lieber Frank, für die spannenden Einblicke, mit denen ich allen einen guten Start in die neue Woche wünsche.

Move for Europe demonstration in London
Move for Europe demonstration in London | via Wikimedia

Vor wenigen Monaten hast du deinen Job in Berlin quittiert, um zu deiner Verlobten nach London zu gehen. Sie lebt dort bereits seit einigen Jahren. Gemeinsam wolltet ihr dort eine neue Existenz aufbauen – dann kam der Brexit. Was hat sich für euch verändert?

Meine Verlobte hat einen festen und gut bezahlten Job, der ihr sicher bleibt. Mein Einleben in London hat er jedoch sehr wohl beeinflusst: Mein neuer Job war schon sicher. Ich sollte in Kürze für eine US-amerikanische Firma als Kommunikationsberater für den deutschen Markt arbeiten. Dazu kam es dann jedoch nicht mehr. Das Unternehmen beschloss sein Deutschlandgeschäft vorerst nicht weiter auszubauen. Das war bitter.

Oberflächlich hat sich nichts verändert. Bis die Verhandlungen zum EU-Austritt abgeschlossen sind, ist an unserem Status nicht zu rütteln. Das wird sicherlich die nächsten beiden Jahre auch so bleiben. Aber das Grundgefühl hat sich zumindest bei mir etwas verändert. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine Ahnung davon wie es ist, wenn man ’nicht mehr dazugehört‘. Es ist schwierig zu beschreiben und ich habe erst jetzt begriffen, dass eine große Anzahl der Briten einfach nicht europäisch fühlt oder denkt.


ICH HABE ERST JETZT BEGRIFFEN, DAS EINE GROSSE ANZAHL DER BRITEN EINFACH NICHT EUROPÄISCH FÜHLT ODER DENKT.


Wie habt ihr die Stimmung rund um den Brexit wahrgenommen? Und habt ihr damit gerechnet, dass es so kommt?

Wir sind am Morgen des 24. Juni aufgewacht und konnten es nicht fassen. Die Stimmung bei uns und in unserem Freundeskreis war wie betäubt. Einige Freund berichteten, dass in ihrer direkten Nachbarschaft Jubelschreibe zu hören waren, als die Ergebnisse des Referendums in der Nacht bekannt wurden.

Obwohl das Referendum in den Monaten und Wochen wirklich oft und viel Thema war, hat niemand damit gerechnet. Rückwirkend betrachtend konnte man die Zeichen der Zeit erkennen – man hätte nur genau hinschauen müssen. Das hat jedoch nicht einmal die britische Regierung. Alles in diesem Land ist zentralisiert und auf London gerichtet. Die Stimmung im Rest des Vereinigten Königreichs wurde offensichtlich nicht ausreichend berücksichtigt.


RÜCKWIRKEND BETRACHTET KONNTE MAN DIE ZEICHEN DER ZEIT ERKENNEN – MAN HÄTTE NUR GENAU HINSCHAUEN MÜSSEN.


Multikulturalismus in London, Diversity, Vielfalt
Kulturelle Vielfalt in London | via Wikimedia

Wie geht es euch als Europäer/innen in Großbritannien resp. London – und ganz persönlich?

Wir leben im Londoner Osten, in Hackney. Das lässt sich in Ansätzen gut mit Neukölln und Kreuzberg in Berlin vergleichen. Hier haben auch ca. 80 Prozent für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt – wie die Stadt insgesamt. Die Stimmung uns gegenüber ist genauso gut wie vor dem Brexit. Und ohnehin muss man sagen: Die ganze Welt trifft sich in London. Als Deutscher und Europäer hat sich also erst mal nichts für uns geändert. Die Menschen sind genau so freundlich zu uns wie vorher auch.

Die Briten, die wir kennen und mit denen wir befreundet sind, sind schockiert und peinlich berührt. Die Spaltung geht durch Familien hindurch. Geschwister, die völlig unterschiedliche Vorstellungen über die zukünftige Ausrichtung ihres Landes haben, sind keine Seltenheit. Ebenso wie Kinder, die heftige Debatten mit ihren Eltern führten (und noch immer führen).

London fotografiert von Frank Bruce

Man liest viel darüber, dass sich die Stimmung im Land verändert hat. Es sei roher und rauer geworden, die Fremdenfeindlichkeit nähme zu. Wie erlebt ihr die „Post-Brexit-Wochen“? Gibt es vielleicht auch Gutes zu erzählen?

Innerhalb der europäischen Community, in der wir uns überwiegend bewegen, herrscht eine tendenziell negative Gefühlslage. Wir haben Freunde, die haben das gesamte Wochenende nach dem Referendum nur geweint. Die leben und arbeiten seit knapp 20 Jahren hier, sind verwachsen mit London und ihren europäischen Heimatländern – für die ist wirklich eine Welt zusammen gebrochen.


WIR HABEN FREUNDE, DIE LEBEN UND ARBEITEN SEIT 20 JAHREN HIER – FÜR DIE IST EINE WELT ZUSAMMENGEBROCHEN. EINIGE SAGEN: „WIR GEHEN ZURÜCK UND ZWAR BALD.“ ANDERE WOLLEN ERST EINMAL ABWARTEN.

Einige, vor allem die, die während der Finanzkrise hier schon gearbeitet haben, sagen ganz klar: „Nochmal machen wir solch eine wirtschaftlich unstete Zeit nicht mehr mit. Wir gehen zurück und zwar bald. Andere sehen das pragmatischer: London ist als Wirtschaftsmotor des Vereinigten Königreichs sehr auf die Arbeitskraft der EU-Ausländer angewiesen. Sie sagen sich: „Abwarten, die können uns ja nicht einfach raus werfen.“ Zu diesem Lager zählen wir auch.

Fremdenfeindlichkeit haben weder wir noch unsere Freunde erlebt – zum Glück! Aber ich persönlich beobachte die Nachrichten über die Welle an Fremdenfeindlichkeit natürlich sehr genau. Und ich bemerke an mir selber, dass ich das Thema Brexit nur mit Europäern oder wirklich guten Freunden frei bespreche. Das ist für mich ein wirklich neues Gefühl und keinesfalls gut.

London Hackney
Foto via Currel

Wir werden Eltern. Das wollten wir schon länger; es war also geplant. Dass es jetzt so schnell ging, kam jedoch sehr überraschend. Daher lag die Überlegung nahe, doch wieder nach Hause ins Rheinland zurückzukehren. Dort leben unsere Familien und Freunde mit Kindern. Und die Kinderversorgung in Deutschland, auch für Kinder unter 3, ist im Vergleich zu der in Großbritannien wesentlich besser und auch günstiger organisiert. In London zahlt man für einen Kindergartenplatz für unter 3jährige gut gerne zwischen 1400 und 1800 Pfund im Monat. Da überlegt man sich das schon gründlich, ob man diese hohen Kosten tragen möchte.

Außerdem spielt die allgemeine Unsicherheit, wie es nun um unseren Status als EU-Bürger bestellt ist, eine Rolle. Derzeit sieht es noch so aus, dass wir und die in der EU lebenden Briten als Verhandlungsmasse der britischen Regierung betrachtet werden. Eine langfristige Planung ist also wesentlich schwieriger.

Nüchtern und vom Schlimmsten ausgehend wird der Status der EU-Bürger im Vereinigten Königreich vermutlich dem der EU-Bürger in den USA vergleichbar sein. Es wird mehr bürokratische Hürden geben.

Was werdet ihr jetzt tun?

Ich fange sehr wahrscheinlich demnächst einen neuen Job bei einer europäischen Firma an, die auch Büros in London hat. Fürs erste bleiben wir also hier. Wie lange? Das wird sich zeigen.

Frank Bruce und Corinna Drossel beim Tanzen

Alle Fotos ohne Titel (c) Frank Bruce

1 Comment

  • Petra Bongartz
    3 Jahren ago

    Danke für diesen ehrlichen Bericht zur Stimmungslage und alles Liebe und Gute für die Zukunft.

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