KW 42 #DigitaleGeschichten

Zwischen Widerstand und Aktionismus gibt es wenig

Digitalisierung heißt allzu oft, mit technischen Lösungen auf Probleme antworten, die nicht im Ansatz verstanden sind.

#DigitaleGeschichten

Da bekommen wir beschissene Akzeptanzwerte attestiert und die Antwort lautet wahlweise „Das Untersuchungsdesign war falsch“ oder „Wir brauchen einen Bot“. Zwischen Widerstand und Aktionismus gibt es wenig. Dabei wäre so viel möglich. Man müsste nur einen Moment innehalten.

Warum stoßen wir mit unserem Tun auf wenig Akzeptanz? Was sagt das über uns, unser Gegenüber und unsere Beziehung? Was erwartet man von uns – und warum? Und wie können und wollen wir mit den Erwartungen umgehen? Man muss ja nicht jeden dämlichen Wunsch erfüllen, nur weil der Kunde/die Kundin König/in ist oder der/die Bürger*in „besorgt“.

Kundenwünsche sind selten innovativ

»Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.«

Henry Ford

Kundenwünsche und Eigeninteressen sind selten innovativ und noch seltener gemeinwohlorientiert. Dass man Gesetze künftig „nutzerzentriert gestaltet“, halte ich selbst als überzeugte Design Thinkerin für falsch. Ich möchte keine Gesetze, die irgendeinem „Rechtsempfinden“ folgen. Das gilt sogar fürs Steuerrecht, auch wenn ich nichts gegen die Steuererklärung auf einem Bierdeckel hätte (mit ELSTER krieg ich sie aber auch ohne Zusatzstudium in akzeptabler Zeit hin). Aber darum geht es auch nicht.

Es geht darum, die Interessen, Motivationen und Bedürfnisse hinter einer Forderung, Position oder Meinung zu verstehen und sich nicht mit der erstbesten Antwort zu begnügen. Nur weil ich das Steuerrecht zu kompliziert und mich nicht im Regierungshandeln finde, muss noch lange nicht das Steuerrecht reformiert oder die Regierung abgesetzt werden. Solcherart Gefälligkeitsverstehen führt genauso wenig weiter wie Ignoranz oder Besserwisserei.

Dialogisches Verstehen ist nicht gefällig

Als Ethnologin habe ich gelernt, dass es darauf ankommt, möglichst viel über mein Gegenüber zu lernen. Das Fach bietet hierfür vielfältige Methoden: angefangen von der teilnehmenden Beobachtung über Interviews und Mental Maps bis hin zu Textanalysen und Rollenspielen. Damit lassen sich viele Informationen sammeln, die es dann zu interpretieren, reflektieren, überarbeiten gilt. Im ständiges Ent- und Verwerfen von Sinn und Bedeutung nähert man sich schließlich einem (immer nur vorläufigen) Verständnis an.

Im ständiges Ent- und Verwerfen von Sinn und Bedeutung nähert man sich schließlich einem (immer nur vorläufigen) Verständnis an.

»An jedem Punkt öffnet das Verstehen eine Welt.«

Wilhelm Dilthey

Solcherart dialogisches Verstehen ist nicht gefällig und bestätigt selten den Status Quo, ist aber – davon bin ich überzeugt – unumgänglich, wenn man gute Antworten auf schwierige Probleme finden will.

In diesem Sinne wünsche ich nach langer Zeit mal wieder: ein schönes Wochenende!


Die Liste der Woche

  1. GESEHEN: Gundermann
  2. GEHÖRT: Klavierkonzert von Soheil Nasseri
  3. GELESEN: ein Interview mit Peter Handke, an dem ich mich gestoßen hab‘ und das mich inspiriert hat.
  4. GEWESEN: eine von 242.000 → #unteilbar
  5. GEDACHT: siehe oben
  6. GEMACHT: meinen Knochen einrenken lassen
  7. GEMOCHT: Annas Platz für Ruhe und Entfaltung
  8. GESUCHT: ein neues Fahrrad (jetzt haben sie mir noch mein Schrottrad geklaut… grmpf)
  9. GEFUNDEN: dérive – Zeitschrift für Stadtforschung
  10. GELERNT: Was Invektivität bedeutet.
  11. GEFREUT: auf ein paar Tage an der Ostsee
  12. GEFRAGT: Wie viel kann und muss die Demokratie aushalten?
  13. GESPANNT: auf den Ausgang der Hessen-Wahl
  14. GESTAUNT: dass und wie Geschichte unter die Haut geht
  15. GEKLICKT:  mitten rein ins Unwohlsein der modernen Mutter

1 Comment

  • 12 Monaten ago

    Die Digitalisierung unseres Lebens wird uns allzu oft als Lösung verkauft, die unser Leben einfacher, bunter, schöner machen wird. Die App als Wunderwaffe gegen Armut, Krankheit, Hunger, Ungerechtigkeit und Krieg. Das stimmt wohl ebenso wenig wie das Narrativ der Globalisierung, von der es auch beinahe zwei Jahrzehnte hieß, sie bringe Wohlstand und Gerechtigkeit für alle. Wohin uns solche Märchen führen, zeigt gerade (auch) der weltweite Ruck nach rechts.

    Was unsere Gesellschaft aber wohl wirklich braucht, ist keine intellektuelle (und daher weit vom Menschen und seinem Alltag entfernte) Betrachtung und Analyse des kommenden digitalen Zeitalters (was ja längst Wirklichkeit zu werden beginnt), sondern eine handfeste gesellschaftspolitische und für Menschen nachvollziehbare und verständliche Antwort auf die dringenden Fragen des Lebens und eine Utopie, wie die Missstände überwunden werden können. Von den Fragen gibt es eine Menge, Utopien wenig. Da helfen auch keine Apps.

    Danke für den spannenden Beitrag.

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