KW 26 #HaltungZeigen

Glaskugeln, Ieva Jansone, Zerbrechlichkeit, #HaltungZeigen, #DialogueOnEurope

Weltenwanken

Wie fragil unsere Welt ist, habe ich an Silvester erfahren als ein Balkon in Flammen und mein Zuhause auf dem Spiel stand. Damals ging es glimpflich aus: Der Brand wurde gelöscht, der Schaden beseitigt, die Kosten von der Versicherung übernommen. Ein kleines Weltenwanken. Mehr war es nicht. Sieben Monate später steht nicht nur meine kleine Welt, sondern ganz Europa oder gar die gesamte westliche Welt auf dem Spiel und mögliche Schäden sind weder versichert noch reparabel.

Die Bedrohung geht dieses Mal nicht von verirrten Raketen, sondern von „verirrten“ Menschen aus. Von Menschen, die sich nicht mehr auskennen in dieser Welt.

Errungenschaft vs. Zumutung

Einer Welt, in der man nicht mehr „Neger“ sagen und sich dabei ein wenig überlegen fühlen kann, in der man seine Potenz nicht mehr ungebremst auf die Straße bringen kann, weil alles geschwindigkeitsbegrenzt ist, in der in jedem Mann eine Frau und in jeder Frau ein Mann stecken könnte, in der Karriere weiblicher, Familien bunter, Eltern gleichgeschlechtlich sind.

Für sie sind all dies keine Errungenschaften, sondern Zumutungen, ist das kein Zugewinn an Freiheit und Menschlichkeit, sondern ein Verlust von Werten und Sicherheit. Sie fühlen sich wie ich in der Silvesternacht: bedroht.

Nicht jede/r reagiert auf Bedrohungen mit Panikstarre so wie ich. Typischer sind Flucht- und Kampfverhalten. Wohin das führt, zeigt Großbritannien auf tragische, die Überfälle auf Flüchtlingsheime und -busse auf barbarische Weise: in Nationalismus und Hass. Darum bin ich der Meinung, dass man die „Sorgen“ dieser Menschen ernst nehmen und ihnen helfen muss.

Integrationsprogramme statt Gefälligkeiten

Ich denke dabei nicht an „Schutzprogramme für bedrohte Wertvorstellungen“. Die gibt es ja bereits in Form der AfD. Auch liegt es mir fern, an Symptomen herumzudoktern und Angstauslöser beseitigen zu wollen. Das wäre ein Fass ohne Boden und das Ende der westlichen Welt. Denn wenn es nicht mehr die fliehenden Menschen sind, wird „der Islam“ zum Trigger und wenn der nicht mehr triggert, dann sind es Homosexuelle oder Frauen oder Fahrradfahrer/innen.

Ernst nehmen meint weder Gefälligkeiten nach falsch verstandenes Mitgefühl, sondern – wie Frank-Walter Steinmeier kürzlich sehr eindrücklich sagte: „Haltung zeigen“.

Was wir brauchen sind „Integrationsprogramme“, die dazu beitragen, dass diese Menschen (wieder) Orientierung und Sicherheit in der offenen Gesellschaft finden. Denn Europa bzw. die westliche Welt ist zwar – das steht außer Frage – mitnichten perfekt. Aber die beste Welt, die wir haben – mit dem höchsten Potenzial, eine gute Welt für alle und jede/n zu werden.

In diesem Sinne: ein gutes Wochenende!


Die Liste

5 Comments

  • 3 Jahren ago

    Weise Worte! Ich nehme es mir immer vor: Haltung zeigen. Immer. Wo es nur geht.
    Liebste Grüße
    Eva

  • 3 Jahren ago

    Aufgewachsen in einer kleinen Dorfbäckerei .. der Blog klingt verlockend ..so viele Gedanken bei dir .. ja das Rennen tut wohl,..

  • 3 Jahren ago

    Ein sehr kluger Einwurf, liebe Indre.

  • 3 Jahren ago

    Wie wunderschön es im Schnee ist, liebe Indre!! Was für eine inspirierende Zusammenarbeit. Ich bin sehr berührt und angetan. War es ein singuläres Projekt? Ich möchte mehr davon. 🙂

    Die Lindenblüten bringen mich auch fast um den Verstand. Jedes Jahr wieder.

    Liebe Grüße,
    Annett

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