KW 10 #unheilvolleschatten

Die unrühmliche Rolle der „Volkskunde“

Es hat lange gedauert, bis mir die Worte „Volk“ und „Heimat“ einigermaßen leicht über die Lippen gingen. Ein ganzes Grundstudium genau genommen. Ich habe Europäische Ethnologie studiert (im 2. Hauptfach). So nennt sich die Volkskunde an der Berliner Humboldt-Universität. Anderswo heißt sie Empirische Kulturwissenschaft oder Kulturanthropologie oder eben Volkskunde. Die verschiedenen Bezeichnungen sind ein wenig irritierend, vor allem aber Ausdruck eines langjährigen „Häutungsprozesses“.

Die vergleichsweise junge Disziplin – sie etablierte sich erst 1919 als Universitätsfach – hat im Nationalsozialismus eine eher unrühmliche Rolle gespielt, um nicht sagen: eine beschissene.

Seit ihrer Gründung versuchte sie dem „Volksgeist“ auf die Spur zu kommen und fand ihn – die harte Lebenswirklichkeit verklärend – bei der bäuerlichen Landbevölkerung. In ihren Liedern, Sagen und Bräuchen glaubten die Volkskundler ein „deutsches Wesen“ erkennen zu können. Grundlage für solcherart Irrglauben war die romantische Vorstellung einer ursprünglich-unverfälschten Kulturgemeinschaft, wie sie beispielsweise, noch mit zivilisationskritischem Impetus, Johann Gottfried Herder und nationalistisch gewendet „Turnvater Jahn“ vertraten.

Im Rückblick scheint es so beinah zwangsläufig, dass die Volkskunde zur Leitlehre der Nazis avancierte. Ihre Prämissen waren anschlussfähig. Jedoch hätte niemand sämtliche Traditionen und Bräuche auf ein fiktives Germanen- bzw. Ariertum zurückführen und  rassenideologisch begründen müssen. Quelle Man tat es freiwillig, und legitimierte so unter dem Deckmäntelchen der „Wissenschaftlichkeit“ die abstruse Vorstellung einer „arischen Blutsgemeinschaft“.

Unter deren Ägide rechtfertigten die Nazis die Diskriminierung, Entrechtung und Ermordung von Millionen von Menschen. Sie schadeten sie dem angeblich „reinen und gesunden Volkskörper“…

Die inklusive Wende und neue Bedeutungsschatten

Es ist zu einem Gutteil dem kulturwissenschaftlichen Diskurs seit den 1968er Jahren zu verdanken, dass die unheilvollen Bedeutungsschatten, die über Jahrzehnte auf den Begriffen „Volk“ und „Heimat“ lagen, sich lichteten und neuen, inklusiven Deutungsmustern wichen.

Die Popkultur tat ihr Übriges, indem sie sich die Begriffe in pragmatisch-ironischer Manier aneignete, so dass man heute unter dem Namen Heimathafen ein fulminantes „Volkstheater“ machen kann, das allen und jedem offen steht.

Doch am Bedeutungshimmel ziehen wieder dunkle Wolken auf. Exklusive Volksvorstellungen, die ein rassistisch begründetes „Wir und Ihr“ beschwören und damit ein Vorrecht auf „Heimat“ verbinden,  sind en vogue. Das beunruhigt mich zutiefst.

Worte sind gewaltig. Im Namen dieses „Volkes“ werden Unterkünfte für Flüchtlinge in Brand gesetzt und Andersdenkende attackiert. Darum, bitte, lasst uns alles dafür tun, dass wir auch weiterhin „Volk“ sagen können und die vielfältige Bevölkerung dieses Landes meinen, dass wir „Heimat“ sagen können und den Ort meinen, wo sich jede/r zuhause, also sicher, willkommen und wertgeschätzt fühlt.

In diesem Sinne ein sonniges Wochenende!


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11 Comments

  • 3 Jahren ago

    Da kann ich wieder einmal nur Danke sagen für deinen Post. Die "Brandmauer" ist ein Hoffnungszeichen, viel zu lange und immer noch wird da bagatellisiert. Dass du Stilsichere deinen Business-Stil noch suchst, hat mich auch schmunzeln lassen 😉 Lieben Gruß und ein gutes Wochenende Ghislana

    • 3 Jahren ago

      😉

      Auch dir ein gutes WoE und liebe Grüße!

  • 3 Jahren ago

    Ich verbeuge mich vor deiner Art, sich fundiert und klug schwieriger Themen zu nähern!

    • 3 Jahren ago

      Danke!

      Diese Art habe ich zu einem großen Teil meinem Studium der Europäischen Ethnologie bzw. den dort Lehrenden zu verdanken.

  • 3 Jahren ago

    Als ich meinen Blog vor viereinhalb Jahren gestartet habe, habe ich doch etwas überlegt, ob ich eine Rubrik "Heimat" nennen kann, in der ich Ausflüge und Bilder der Landschaft zeige, in der ich mich zuhause fühle. Die Überlegung war, ob man diesen eigentlich ganz natürlichen Begriff fast 70 Jahren nach dem Missbrauch wieder verwenden darf, ohne sich aufgrund seiner Vergangenheit dafür schämen zu müssen. Vor 5 Jahren war die Entscheidung dann ein Ja. Inzwischen wäre ich mir da nicht mehr so sicher. Gleichzeitig ärgere ich mich aber auch darüber, dass bestimmte Personengruppe Worte aus unserer Sprache einfach annektieren, beschmutzen und damit verderben und finde, das darf man nicht zulassen. Ich liebe meine Heimat und die gehört nicht den Rassisten. Ob ich darüber anders denken werde, wenn diese unselige Entwicklung weiter fortschreitet, das weiß ich nicht – der Gedanke macht mir die Tage viel Gänsehaut.
    Danke für das Anstoßen des Themas der Beschmutzung von Worten – und auch für die wirklich spannenden Links.
    LG, Katja

    • 3 Jahren ago

      Ganz, ganz gerne, Du Inspirierende!

  • 3 Jahren ago

    Die Schatten plagen mich auch, der Gebrauch der Begriffe aus einigen Mündern verstört. Ich poste dagegen an ( gestern über Elfriede Lohse -Wächtler ), aber eine tiefe innere Sorge stört meinen Schlaf. Gut tut, auch im Netz auf Menschen zu stoßen, die gleich klingen. Denn die anderen sind einfach lauter…
    Bon week-end!
    Astrid

    • 3 Jahren ago

      Liebe Astrid, ja, die Leisen müssen lauter werden im populistischen Getöse. Es fragt sich wie? Ein wenig hoffnungsfroh stimmt mich die Schweiz. Sie hat kürzlich gezeigt, dass sich Argumentieren lohnt und "die Populisten "kein Abo auf den "Volkswillen" haben."

    • 3 Jahren ago

      Ich war zu dieser Zeit in Zürich und habe viel diskutiert. Ich hoffe deshalb auch, dass die Mehrheit hierzulande ihre Stimme findet. Immerhin gibtves unter den Bloggerinnen immer wieder welche, die sie kundtun.
      LG

  • 3 Jahren ago

    Das ist ganz wunderbar geschrieben. <3
    Ich habe Kulturwissenschaft und Afrikawissenschaften studiert, aus Letzterem zehre ich noch heute, einerseits, weil es mir persönlich so viel gegeben hat, andererseits, weil mir gruselt, mit welchen Nicht-Sprachgefühl derzeit so um sich geschmissen wird. Da wünschte ich mir, viele Inhalte von meinem damaligen Studium wären Schulunterricht: Spannend, diskursiv und sensibel aufklärend über Rassismus und dem Begriff der Nation. Mir fehlen diese Diskurse, die aus so menschlicher, mitfühlender Sichtweise geführt wurden. Ganz anders als heute.
    Liebe Grüße
    /inka

    • 3 Jahren ago

      Liebe Inka, danke für das schöne Lob. Und ja, ich glaube auch, es wäre gut und inspirierend, würden Inhalte und Formen der Auseinandersetzung dieses Studiums in die Schulen tranferiert. LG I

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