In Bowies Radspuren Teil II: Vom Vergnügungstempel zur Wohnmaschine

Letzte Woche ist die neue Serie Wenig Strecke mit viel Geschichte. Oder mit dem Rad in Bowies Spuren‘ gestartet. Eigentlich sollte es nur eine kleine Tourenbeschreibung werden, doch die Sache uferte aus. Statt zu kürzen, beschlossen Christiane (bikelovin) und ich, eine Reihe daraus zu machen. Jeden Mittwoch stellen wir also einen Streckenabschnitt dieser kurzen, aber intensiven Radstrecke vor, bis wir gegen Jahresende am Ziel angekommen sind. Heute geht es um einen Vergnügungstempel der zur Wohnmaschine wurde und um eines der größten Bauverbrechen der Nachkriegszeit.
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Wenn Bowie über die Kreuzung Potsdamer-Pallasstraße radelt, kann er linker Hand die Fertigstellung und den Erstbezug des Pallasseums beobachten, in Berlin besser bekannt als ‚Sozialpalast’. An seiner Stelle stand bis 1973 der Sportpalast – einst Berlins größter Vergnügungstempel. Die 1910 erbaute Halle ‚war ein Bau der Superlative und […] bot Platz für mehr 10.000 Besucher‘ [aus: Vergnügungsgewerbe rund um den Bülowbogen. Hg. Bezirksamt Schöneberg von Berlin. 1987]. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten entwickelte er sich in den Zwanziger Jahren zum beliebtesten Freizeittreff der Stadt. Menschen aus allen Schichten, Milieus und Bezirken kamen hier zusammen, um Radrennen, Eislauf, Tanz- und Reitturniere zu genießen, bis die Nazis den Palast 1928 zu ihrem Auftrittsort erkoren. Da war Schluss mit Lustig. Die nationalsozialistische Raserei gipfelte am 18. Februar 1943 in Goebbels Sportpalastrede, mit der die Bevölkerung auf den ‚totalen Krieg‘ einschwören wollte. Wie die Sache ausging, ist hinlänglich bekannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der schwer beschädigte Bau teilweise wiederaufgebaut und neu bespielt. Unter Geschäftsführer Georg Kraeft schreiben die Betreiber – obgleich sie nicht wie andere Veranstaltungsorte der halben Stadt mit reichlich Subventionen bedacht werden – schwarze Zahlen. Jimi Hendrix, Pink Floyd, Leonard Cohen, T-Rex und andere Pop- und Rockgrößen treten hier auf. Doch als Kraeft 1972 an den Folgen eines Unfalls stirbt, gibt der Senat das Gebäude zum Abriss frei – und entledigt sich damit der unliebsamen Konkurrenz zur Deutschlandhalle, die 38 Jahre später übrigens das selbe Schicksal wie der Sportpalast ereilen soll. An seiner Stelle wird zwischen 1973 und 1976 ein ihm in Größe und sozialpolitischer Bedeutung in keiner Hinsicht nachstehender Neubau errichtet: ‚Wohnen am Kleistpark‘ nennt man das nach den Plänen des Architekten Jürgen Sawade errichtete Ungetüm euphemistisch. In den 514 Wohnungen finden bis zu 2.000 Menschen ein Dach über dem Kopf – mehr als das ist es nicht.

Der ‚Sozialpalast’, wie die Berliner/innen den Wohnbunker sogleich umtaufen, gerät schon kurz nach seiner Fertigstellung in die Schlagzeilen: Verwahrlosung, Drogenhandel, Bandenkriege, Selbstmorde. Dabei hatte man gehofft, das Quartier mit dem Neubau aufzuwerten, das so etwas wie die Westberliner Reeperbahn ist. Das Gegenteil tritt ein. Die Klage des Pensionswirts Heinz bringt die Lage 1982 ironisch auf den Punkt: ‚Een Unjlück kommt ja selten alleene, wa, heißtet. Uff ’ne Art fing det ja schon mit die Mauer an, aber schlimm war es erst, als den Sportpalast abjerissen haben. Seiher jeht’s bergab.‘ [aus: Benny Härlin und Michael Sontheimer: Potsdamer Straße. Sittenbilder und Geschichten. 1983, S. 98] Während der Berliner Senat weiterhin auf Kahlschlagsanierung setzt, um der Situation Herr zu werden, hat sich Heinz längst einen gesunden Pragmatismus zugelegt: ‚Na, nu isset ebent vorbei. Soll die Neue Heimat hier uffräumen, is mir doch ejal. Denn ziehn wa eben alle nach’n Kudamm, weil ick meine, Puffs braucht jeder, wa, und Unkraut verjeht nich.‘

Die Puffs und Stundenhotels, Bars und Absteigen verschwinden tatsächlich nach und nach. Sie werden von Gemüsehändlern, Dönerbuden, türkischen Pizza- und Ein-Euro-Läden ersetzt. Doch anders ist eben nicht gleich besser, so dass sich der Berliner Senat noch 1998 mit dem Gedanken trägt, die ’städtebauliche Katastrophe‘ [Tagesspiegel] abreißen zu lassen. Am Ende kommt es dann aber doch besser: In den 2000er Jahren nehmen die Bewohner/innen die Sache selbst in die Hand und reißen das Ruder rum. Seit 2009 ist der ‚Sozialpalast’ zur durchaus beliebten Wohnunterkunft geworden und das Quartier mittlerweile so potenzialreich, dass hier kürzlich sogar ein Vintagemöbel-Laden eröffnet hat.

Als Bowie die Strecke auf seinem Raleigh fährt, ist davon noch weit und breit nichts zu spüren. Das Stück zwischen Winterfeldt- und Bülowstraße zählt sie zu den ‚verrufensten 300 Meter[n] der Potsdamer. Hier fällt selbst ‚langjährigen Bewohnern … der Dreck noch auf‘ [Ebd.]. Doch dazu nächsten Mittwoch mehr. Bei Christiane gibt heute einen Beitrag über die Tücken des Radfahrens.

3 Comments

  • 4 Jahren ago

    HAllo Indre, hieß das nicht bisher immer AUF den Spuren….? Nix für ungut. Ich scheine allergisch gegen die Modernisierung der Sprache zu sein…
    Aber so komme ich mal dazu, auch mal zu sagen, daß ich deine Beiträge sehr gern und intensiv lese. Ich habe in Berlin studiert und bei dir gibt es immer interessantes Neues zu entdecken und Bekanntes zu vertiefen. Die Artikel sind so gut, daß ich ehrlich gesagt etwas Angst habe, bei meinem nächsten Besuch mit der Realität konfrontiert zu werden!
    Grüße, Angelika

    • 4 Jahren ago

      liebe angelika,

      danke! ja, eigentlich heißt es "auf" den spuren, aber ich wollte "in" den radspuren (wie in fußstapfen) fahren… vielleicht nicht so geglückt.

      und: die berliner realität steht meiner beschreibung in nichts nach 😉

      lg i

  • 4 Jahren ago

    Liebe Indre,
    deine Fahrradtour durch die Geschichte find ich superspannend und freue mich, dass ich so wenigstens virtuell ein bisschen in Berlin rumradeln kann – noch dazu mit Bowie an meiner Seite, wow! Die Vorstellung, mich "in echt" ins Berliner Verkehrsgetümmel zu stürzen, verursacht mir allerdings schon beim bloßen Gedanken eine Panikattacke …
    Freue mich auf weitere Berichte!
    Liebe Grüße
    Christiane

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