In Bowies Radspuren IV: Berlin besetzt

Noch bis vor gut einem Jahr war die Gegend um den ‚Sozialpalast‘ wenig beliebt. Heute wird ihr großes Potenzial unterstellt.

Geschichten haben einen Ort. Aber ein Ort hat viele Geschichten – oder kann viele Geschichten haben. So verhält es sich mit der Potsdamer Straße. Hier überlagern, durchkreuzen und stapeln sich Geschichten quer und längs der Zeitachse. Die Geschichte der Instandbesetzung führt noch einmal über die verrufensten 300 Meter der Potsdamer Straßebis kurz vor die Kurfürstenstraße, wo der Straßenstrich heute ist.* Weder Bowie noch ich haben die Besetzer-Zeit miterlebt. Ich habe mir davon erzählen lassen. Ob der Popstar in Rekonvaleszenz sich für die angespannte Wohnsituation in der halben Stadt interessierte? Er hatte anders als viele andere keine Mühe, eine großzügige Unterkunft zu finden. Seine 7-Zimmer-Wohnung in der Hauptstraße 155 hatte seine Assistentin Coco Schwab für ihn aufgetan. Doch dass sein Weg zu den Hansa-Studios nicht nur von ‚Nüttchen‚ und ‚Nutten‚, sondern auch von unzähligen einstürzenden Altbauten gesäumt wurde, hat er vermutlich wahrgenommen. Denn Bowie liebte – schenkt man Tobias Rüther Glauben – den morbiden Charme der Stadt.
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Vom Reiz des Verfallendem hat die Potsdamer Straße zu seiner Zeit mehr als genug. 21 Häuser stehen allein hier zum Abriss frei. Der Senat ist im Neubauwahn. Seit dem Ende der 1960er Jahre lässt er ganze Stadtviertel abreißen: Berlin soll sauber, ordentlich und autogerecht werden. Die Immobilienspekulation treibt wildeste Blüten, kriminelle Entmietungsmethoden gehören zur Tagesordnung und der Wohnungsmangel wächst sich zur Not heraus. Doch zu Bowies Zeiten regt sich noch wenig Widerstand. Erst einige Jahre später besetzen überwiegend junge Leute – Studierende, junge Familien, Künstler/innen, Aussteiger/innen, Punks – die leerstehenden Häuser der Stadt. Schöneberg und Kreuzberg sind die Zentren von Berlins erster Besetzergeschichte. Insgesamt 54 Häuser werden in den Jahren 1980/81 zwischen Schöneberger Insel und Landwehrkanal besetzt; in der Potsdamer Straße befinden sich vier. Bis heute werden drei davon als Kollektivprojekte fortgeführt.
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Die ‚Besetzerkneipe‘ K.O.B. | Bild via Berlin besetzt (c) Papiertigerarchiv

Die Potsdamer Straße 161 wird 1981 dreimal besetzt und dreimal geräumt und bleibt am Ende erhalten, wenngleich die Besetzer/innen nicht bleiben können und/oder wollen. Ich kenne das Haus noch unsaniert und erinnere mich an einen Imbiss im Erdgeschoss – ob es der türkisch-italienische Agora oder der anatolische Karil war, weiß ich nicht mehr. Nachdem es kürzlich saniert wurde, haben hier die Zwitschermaschine, ein interaktiver Kunstraum, und der Vintage-Möbelladen Sachlichkeit – Timeless Furnishing ein Zuhause gefunden – ein Indiz dafür, dass dieser bisher wenig beliebte Straßenabschnitt an Attraktivität gewinnt.

Die 157/159 wird 1981 instandbesetzt. Die bunte Besetzertruppe stellt das halb zerstörte Haus wieder her und eröffnet im Erdgeschoss die legendäre Kneipe K.O.B., in der die Einstürzenden Neubauten, Element of Crime, Nick Cave und andere mehr oder weniger bekannte Bands auftreten. Daneben richtet Lucy Weisshaupt ihren Penny Lane Frisörsalon ein – eine Mischung aus Partyraum, Performancebühne und Friseursalon auf winzig kleinem Raum. Weder das K.O.B. noch das Penny Lane existieren noch. Aber in der Nachfolgeinstitution, dem Ex´n Pop, finden seit 1984 unverändert Veranstaltungen jenseits des Berliner Mainstreams statt.
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Die Nummer 139 ist ein Frauenhaus. Die Beginen, eine nach dem mittelalterlichen Laienorden benannte Frauengruppe, setzt den maroden Altbau seit 1981 in einen nutzbaren Zustand. Sie schaffen einen Wohn- und Projektraum, gründen eine betreute Mädchen-Wohngemeinschaft und bauen die ehemalige Kneipe im Vorderhaus zu einem Café und Kulturveranstaltungsort um, der bis heute existiert. Im Laden nebenan befindet der subkulturell-subversive Kunst- und Projektraum PELZE MULTIMEDIA, der 1990 aufgrund von Meinungsverschiedenheiten geschlossen und von einem Reisebüro für Frauen ersetzt wird.
Das Vorderhaus der Nummer 130 wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Bowie blickt auf seiner Tour durch die weit klaffende Baulücke auf die ‚Pension Mallorca’, der Puff im noblen Hinterhaus. Ob er 1976 bis 1978 noch betrieben wird, weiß ich nicht. Bekannt ist aber, dass ‚an einem Freitagmorgen im Februar 1981 eine 35-köpfige Besetzer/innen-Gruppe in das leerstehende Hinterhaus einsteigt und es in den folgenden Jahren sukzessive wiederherstellt. Ein Teil der alten Belegschaft wohnt bis heute hier, im ‚Haus Mallorca’, das von der Straße her kaum zu sehen ist. Vor ihm steht ein in die Jahre gekommener Neubau, triste und grau. Im Erdgeschoss ein REWE-Supermarkt, darüber kleine Wohnungen.
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Bülowstraße 89: hier hält Innensenator Lummer 1981 seine Pressekonferenz ab. | Bild via Umbruch Bildarchiv

Zur hiesigen Besetzergeschichte gehört auch der tragische Vorfall, der sich am 22. September 1981 an der Kreuzung Potsdamer/Bülowstraße zuträgt: Der gerade ins Amt gekommene CDU-Innensenator Lummer lässt an jenem Tag acht besetzte Häuser in Schöneberg räumen. Im Anschluss an die großangelegte Polizeiaktion hält er in dem geräumten Haus in der Bülowstraße 89 eine Pressekonferenz ab. Mehrere hundert Personen finden sich vor dem Haus zusammen, um gegen die Anwesenheit des Senators protestierten. Die Polizei treibt die Gruppe zur Potsdamer Straße. Im allgemeinen Tumult erfasst ein Bus einen jungen Mann und schleift ihn mehrere Meter mit. Erst vor der Zentrale der Commerzbank an der Ecke Potsdamer Straße kann das Fahrzeug gestoppt werden. Der 18jährige Klaus-Jürgen Rattay ist tot. [Dokumentation der Ereignisse am 22. September 1981] Was der Verfall mit den Hausbesetzer/innen macht, hat Heinz Rudolf Kunze 1982 in dem Rattay gewidmeten Lied ‚Regen in Berlin‚ eingefangen. Wer den Weg heute aufmerksam geht, sieht auf dem Bürgersteig einen Gedenkstein. Ein Unbekannter soll ihn 1981 dort angebracht haben. Mir erzählte jemand, dass es ein Künstler namens Ruf gewesen sei, doch ich konnte nichts finden, was die Aussage belegen würde (weiß jemand was darüber?).

Hinweis: Bei Christiane, mit der diese Serie gemeinsam entstehen ist, gibt es heute Fahrradimpressionen aus Berlin zu sehen.
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Eine Frau legt Blumen an die Stelle, an der Klaus Jürgen Rattay starb | Foto via Umbruch Bildarchiv

*Die hat  nicht mehr viel gemein mit dem gern idealisierten ‚Hausfrauenstrich’ von damals. Heute gibt es keine ‚Nüttchen’ mehr und keine ‚Loddeln’ (Zuhälter), ‚die sich um ‚ihren‘ Kiez kümmern und für Ordnung sorgen‘ (Gerd P.) – wenn es denn jemals so schön war wie in der Erinnerung. Heute stehen überwiegend osteuropäische Frauen am Straßenrand; die wenigsten freiwillig. Entweder die Armut führt sie her oder ihre Ehemänner, manchmal auf die Drogen (Quelle). 

2 Comments

  • 5 Jahren ago

    Faszinierend, wie viel spannende Zeitgeschichte (fast) vor der Haustür liegt. Danke für die informative Beitragsreihe, die gleich noch viel interessanter wird, wenn man selbst öfter an diesen Orten vorbei kommt, die auf den ersten Blick heute erstmal gar nicht so aufregend ausssehen. So sehr ich David Bowie und die Tatsache mag, dass er in der Nachbarschaft gewohnt hat, den Aufhänger hätte es meiner Meinung gar nicht gebraucht. Tolle Idee – ich bin gespannt, wie es weiter geht!

  • 5 Jahren ago

    Vielen Dank für die interessanten Impression aus Berlin. Mich fasziniert diese Stadt und die Geschichte der Hausbesetzung und Berliner Brachen auch sehr. Vor kurzem hab ich von Gutmair die "Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende" gelesen. Das ist auchs ehr empfehlenswert zum Thema Hausbesetzungen in Berlin. Viele Grüße, Kukla

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