In 17 Tagen durch Georgien Teil II: Von Tuschetien nach Kachetien – oder von morgendlichen Mordgelüsten und der Überwindung der Höhenangst

Von Gurdschaani sahen wir nur unsere Unterkunft – ein »Hotel« laut Ankündigung. Damit hatte das in die Jahre gekommene Wohnhaus am Rande der kachetischen Kleinstadt für meinen prä-georgischen Begriff allerdings wenig gemein. Wo einst eine Schar Kinder gespielt haben musste und das Mobiliar von besseren Zeiten erzählte, quartierten die Alten heute Fremde ein – vermutlich um eine winzige Rente aufzustocken (die pauschale Altersrente liegt bei 180 Georgischen Lari (GEL), umgerechnet knapp 68 Euro). Wir übten uns im »Drüber-hinwegsehen«: über die Flecken auf der Matratze, die vergilbten Kacheln im Bad, die undefinierbaren Punkte im verfilzten Teppich, den strengen Modergeruch im Treppenflur. Die spröde Herzlichkeit unserer Gastgeber*innen und die Erschöpfung am Ende eindrucksvoller Tage machten dies leichter.

Morgendliche Mordgelüste

Gegen 4 Uhr früh, der Morgen war noch eine wage Ahnung, erwachte ich mit Wut im Bauch und mordlustigen Gedanken an Frikassee. Seit gefühlten Stunden gaben sich die Hähne im Umkreis ein krächzendes Stelldichein, und mit jedem Kikiriki wuchs mein Verlangen, aus ihnen Geflügelragout zu machen. Über die Frage, ob sich Hähnchen für das Lieblingsgericht meiner Kindheit ebenso eigneten wie Hühnchen, schlief ich schließlich doch wieder ein. Erst das von babylonischen Sprachfetzen durchmischte Geschirrgeklapper weckte mich. Die Hausherrin deckte den Frühstückstisch, während Berdo* und Simone* (*alle Namen geändert) im Flüsterton versuchten, die zwischen ihnen liegenden Sprachbarrieren zu überwinden. Deutsche, englische und georgische Worte surrten käfergleich an unserem Fenster vorbei, durch das sich ein heißer Tag ankündigte (die Sommer der ostgeorgischen Weinprovinz gehören zu den heißesten).

Besuch in der Wüste

Nach einem wie immer üppigen Frühstück, einer intensiven Drüber-hinweg-seh-Dusche und reichlich löslichem Kaffee machten wir uns auf Richtung Aserbaidschan. Das Höhlenkloster Dawit Garedscha stand für heute auf dem Plan, dessen Umsetzung wir uns mit dauerhaft überhöhter Geschwindigkeit und wilden Überholmanövern auf der S-5 (einer der wenigen gut ausgebauten Hauptstraßen Georgiens) näherten. Die letzten 15 Kilometer führten durch die zerklüftete Halbwüste Gareja über einen nicht minder zerklüfteten Weg. Berdo rockte ihn mit gefühlten 180 km/h. Gerührt und geschüttelt kamen wir auf dem Parkplatz unterhalb des Klosters zum Stehen. Eine schwüle Hitze schlug uns beim Öffnen der Tür entgegen. 40 Grad im Schatten; nur dass es hier weit und breit keinen Schatten gab.

Wüste Gareja Georgien

Das Kloster Dawit Garedscha liegt unmittelbar an der Grenze zu Aserbaischan. Mitte des 6. Jahrhunderts wurde es von Dawit, einem der dreizehn Wandermönche aus der Gruppe der »13 Syrischen Väter«. Sie waren aus Mesopotamien ins heutige Georgien gekommen, um dort das Christentum zu verbreiten. Dawit zog von Tbilissi in eine der Höhlen an den Hängen der Garedsha-Hügel zurück. Seine wachsende Schar von den Schülern grub weitere Höhlen in den weichen Sandstein, so dass über die Jahrzehnte eine komplexe Höhlenklosteranlage entstand. Im 10. Jahrhundert entwickelte sich das Kloster (neben den Akademien von Gelati und Ikalto) zum der wichtigsten kulturellen Zentrum Ost-Georgiens (Quelle). 

Die Klosteranlage ist touristisch noch relativ wenig erschlossen und entsprechend ruhig. Leider ist sie auch ungeschützt dem Vandalismus ausgesetzt ist. Mehr Informationen über die Geschichte des Klosters findet ihr Nina auf ihrem Blog Reiselieber.

»In der Wüste gibt es giftige Schlangen. Große giftige Schlangen«, übersetzte Matthias* aus dem Georgischen. »ორი მეტრია,« ergänzte Berdo. »Zwei Meter lang.« Unsere nicht existente Auslandskrankenversicherung kam mir in den Sinn, und ich sah uns schon mit Schlangenbiss bei über 40 Grad in der Halbwüste dahinsiechen. »Ihr müsst beim Laufen laut auftreten. Und verlasst die Wege nicht«, rief Matthias uns zu und empfahl sich. Mit über 70 Jahren war ihm der Aufstieg zu steil.

Die Überwindung der Höhenangst

Obgleich zwar die jahrtausendealte Klosteranlage zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Georgiens zählt, ist sie noch kaum erschlossen. Nicht nur fehlen – was ein Segen ist – die obligatorischen Touristenattraktionen, Souvenir- und Fressbuden, auch gesicherte Wanderwege gibt es nicht.

Auf einem Trampelpfad stampften wir den Bergrücken hinauf, hinter dem in (für mich) schwindelerregender Höhe die Klosterhöhlen liegen. Ich erwartete einen wie auch immer gearteten Eingang. Doch der Pfad endete jäh vor einer Steinwand. Berdo deutete uns an, dass wir nun klettern müssten. Vor mir breitete sich die unendliche Weite Aserbaidschans aus, in mir die Panik. »Nein, wir klettern da nicht rauf«, sagte ich streng zu M., die – frei von jeder Höhenangst – postwendend widersprach. »Doch, Mama, ich geh da rauf!« Und schneller als ich denken konnte, hatte Berdo sie hinaufgezogen. Die Vorstellung, allein zwischen Giftschlangen am östlichen Steilrand Georgiens zu kauern, war schlimmer als der sich unter mir auftuende Abgrund. Überraschend flink erklomm ich den Höhleneingang. Oben überkam mich ein hysterisches Lachen. Ich hatte es geschafft! Endlich konnte ich mich auf die unfassbare Schönheit, die sich uns darbot, einlassen. (Seither ist meine Höhenangst übrigens beinahe weg.)

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