»Haltung zeigen – aber wie?« Im Gespräch mit Sarah von Oettingen {Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.}

»Die Zivilisation scheint nur eine dünne Haut zu sein, die jederzeit zerreißen kann.«

Birgit Bohley

Diesen Satz schrieb die Bürgerrechtlerin und Malerin Bärbel Bohley in ihrem 1997 erschienenen Bosnien-Tagebuch »Die Dächer sind das Wichtigste«.

Blicke ich mich um, so scheint mir, dass diese »Haut«, die »die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden« {Richard Sennett}, heute dünner ist denn je. Hass, Rassismus und Chauvinismus brechen sich ungeniert Bahn. Diffamierung und Hetze werden zum Mittel der Wahl. Unanständigkeit und Grobschlächtigkeit gelten als Insignien der Authentizität, Bildung und Manieren als elitäre Überheblichkeit, Respekt und Achtung als »Gutmenschentum«. Dem kann und will ich nicht tatenlos zusehen.

Doch was kann ich tun als Einzelne/r? Was den Parolen und dem Hass entgegensetzen und wie Haltung zeigen? Um diese und weitere Fragen geht es im heutigen Interview mit Sarah von Oettingen vom Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.«, der im Jahr 1993 vor dem Hintergrund der rassistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen gegründet wurde und sich seither bundesweit für Demokratie und gegen das Vergessen engagiert.

Vielen Dank, liebe Frau von Oettingen, für das gute Gespräch.

Ieva Jansone, Zaubermathe, Kalabrien, Martin Wyrwich

Einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit bildet seit Anfang an die Auseinandersetzung mit politischem Extremismus. Wie hat sich dieser Ihrer Wahrnehmung nach seit der Vereinsgründung entwickelt?

Bezugs- und Angelpunkt unserer Arbeit war und ist das viel zitierte »Nie wieder Auschwitz!«. Der Schwerpunkt unserer Arbeit lag anfangs auf der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Auslöser waren die rechtsextremen Übergriffe auf Asylbewerberheime in den 90er Jahren.

Innerhalb der zwanzigjährigen Vereinsgeschichte hat sich unser Fokus jedoch stetig erweitert. So wurde in der Folgezeit deutlich, dass demokratiefeindliche Einstellungen nicht nur gesellschaftliche Randerscheinungen, sondern auch in der Mitte Gesellschaft verbreitet sind.

Sie drücken sich in Ressentiments aller Art aus – gegen Juden, Muslime, Schwule, Sinti und Roma, Geflüchtete, Obdachlose und viele andere Gruppen. Ihnen allen gemein ist, dass sie die Gleichwertigkeit aller Menschen in Frage stellen. Die Auseinandersetzung mit diesen alltäglichen menschenverachtenden Einstellungen ist zu einem weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit geworden.

Rechtes Gedankengut ist in erschreckend weiten Teilen der Gesellschaft wieder salonfähig und die offene Ablehnung der Demokratie nimmt zu. Ist unsere Demokratie stark genug, um ihre »Gegner/innen« auszuhalten?

Diese Entwicklung ist in meinen Augen Ausdruck einer Krise, in die die Demokratie geraten ist. Der Aufschwung der Rechtspopulisten ist nicht Ursache, sondern Symptom dieser Krise. Ob unsere Demokratie stark genug ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir mit ihren »Gegner/innen« und deren Einstellungen umgehen.

Ein erster wichtiger Schritt ist sicherlich, sich von menschenfeindlichen Äußerungen zu distanzieren und eine klare demokratische Haltung einzunehmen. Darüber hinaus aber sollten wir uns meines Erachtens auch mit den Hintergründen befassen: Was veranlasst die Menschen, sich fremdenfeindlich oder rassistisch zu äußern? Wie kommen sie zu diesen Einstellungen? Warum unterstützen sie unsere demokratischen Institutionen und deren Repräsentanten nicht mehr?

Wieso ist die Demokratie in einer Krise?

Ich denke, dass wir es zum einen mit einem Vermittlungsproblem zu tun haben: Viele Menschen können den Wert der Demokratie nicht {mehr} erkennen. Sie sehen darin lediglich eine Regierungsform, die nichts mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat. Das ist ein sehr verkürztes Verständnis von Demokratie – Demokratie wirkt in alle Lebensbereiche hinein; sie bestimmt das »Wie« unseres Miteinanders und die Werte, auf denen unser Zusammenleben gründet. In einer pluralen Gesellschaft kann und darf über das »Wie« gestritten werden und dieser Streit kann den Zusammenhalt stärken – sofern er als fairer Aushandlungsprozess gestaltet wird.

Ob und wie stark unsere Demokratie ist, hängt mithin auch davon ab, inwieweit es uns gelingt, ihren Wert für das eigene Leben zu vermitteln.

Das Misstrauen gegenüber der Demokratie hat aber auch damit zu tun, dass sie in ihren eigentlichen Kernfunktionen – der Partizipation, Repräsentation und Inklusion – Defizite aufweist. Viele Menschen fühlen sich von gesellschaftlichen Entwicklungen abgehängt, von den politisch Verantwortlichen unverstanden und in ihren Interessen nicht mehr vertreten. Sie empfinden Ohnmacht in einer zunehmend unübersichtlichen Welt.

Wir sollten uns selbstkritisch mit diesen Demokratiedefiziten auseinandersetzen und die Demokratie gemeinsam weiterentwickeln. Dabei täten wir gut daran, die betroffenen Menschen aus der Ecke der »Gegner/innen« herauszuholen und – bildlich gesprochen – »unter den Eisberg« ihrer Positionen zu tauchen, um ihre eigentlichen Beweggründe aufzuspüren und diese ernst zu nehmen. Dadurch kann – so meine Hoffnung – das verloren gegangene Vertrauen wieder gestärkt werden.

Harist Refian Seoul, South Korea via Unsplash

Was kann man als Einzelne/r tun, um die Demokratie zu stärken?

Im eigenen Alltag und Umfeld kann jede/r einen Beitrag dazu leisten. Das fängt damit an, dass man nach den eigenen demokratischen Grundwerten lebt und handelt – und anderen vorlebt. Es geht weiter, indem man Haltung zeigt, wenn diese Werte in Frage gestellt werden – etwa wenn sich jemand diskriminierend äußert. Und darüber hinaus stärkt natürlich jedes zivilgesellschaftliche Engagement die Demokratie.

Unsere Vereinigung beispielsweise bietet in über 30 regionalen Arbeitsgruppen im gesamten Bundesgebiet die Möglichkeit, sich aktiv für die Demokratie zu engagieren.

Hassreden und rechte Parolen nehmen zu – nicht nur im Internet, sondern auch im Bekannten- und Familienkreis oder Arbeitsumfeld. Mir verschlägt es bisweilen sprichwörtlich die Sprache. Wie kann ich meine Sprachfähigkeit wieder erlangen und Haltung zeigen?

Ja, solche Parolen machen einen oft sprachlos. Einerseits weil man in solchen Situationen häufig selbst voller Emotionen ist. Andererseits weil sich Parolen nicht so einfach argumentativ entkräften lassen. Wie kann man trotzdem handlungsfähig bleiben? In unserem Argumentationstraining zeigen wir den Teilnehmenden, wie sie einen eigenen Standpunkt entwickeln und diesen selbstbewusst vertreten können.

Im ersten Schritt geht es darum, die eigene Grenze wahrzunehmen und zu zeigen, also ein Stopp-Signal zu setzen. Die eigene Haltung kommt am besten zum Ausdruck, wenn man eine klare Ich-Botschaft formuliert. Ob und wie man sich dann auf eine Auseinandersetzung einlässt, hängt vom jeweiligen Kontext ab: Befinde ich mich beispielsweise in einem privaten Gespräch oder in der Öffentlichkeit, etwa in der U-Bahn? Kenne ich mein Gegenüber oder ist es eine fremde Person? Findet die Äußerung in einem pädagogischen Kontext statt? Etc.

Je nach Kontext verändert sich das Ziel der Auseinandersetzung: Will ich lediglich meine eigene Grenze deutlich machen oder mein Gegenüber überzeugen? Will ich mögliche Opfer schützen oder ein Vorbild sein für meine Mitmenschen oder die die mitlesen? Will ich die andere Person demaskieren oder verstehen, was sie zu ihrer Aussage bringt? In jedem Fall ist es wichtig, die eigenen Möglichkeiten in solchen Situationen realistisch einzuschätzen.

Ich habe die rassistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1993 live miterlebt und musste dabei zusehen, wie Menschen, die Haltung gezeigt haben, krankenhausreif geprügelt wurden. Was raten Sie in solchen Extremsituationen?

In solchen Situationen wird oft von »Zivilcourage« geredet. Damit wird meines Erachtens ein problematischer Anspruch verbunden, nämlich in jeder Situation heldenhaft Flagge zu zeigen.

Es ist schwierig in einer konkreten Situation sekundenschnell einzuschätzen, was möglich und welche Entscheidung richtig ist. Wenn man sich vorher schon einmal mit der Thematik beschäftigt und die Möglichkeiten durchgespielt hat, mag es etwas einfacher sein. Aber im Zweifel sollte man lieber den Notruf wählen als sich selbst zu gefährden. Damit ist nämlich niemandem geholfen.

Ieva

Fotos: Mädchen in Grün, Asphalt, Feder (c) Ieva Jasone | Brücke (c) Harist Refian

6 Comments

  • 2 Jahren ago

    Das Problem mit dem Zeigen der Haltung ist, dem Diskutieren, Argumentieren zum Zweck der Überzeugung ist, dass es am Besten in einer großen Gruppe oder im stillen Kämmerlein funktioniert, an der Tastatur, dann, wenn man dem Hassredner nicht persönlich gegenübersteht. In der konkreten Situation ist das Entgegenstellen oft einfach gefährlich – für den Familienzusammenhalt, den Job oder die körperliche Unversehrtheit. Auch und vor allem weil man merkt, dass gegen gebetsmühlenartig wiederholte Parolen, die mit aufgesetzten Scheuklappen skandiert werden, kein Argument eine Chance hat. Man zeigt vielleicht Haltung, aber man dringt nicht durch, um in ein vernünftiges gespräch zu kommen, um jemanden zu überzeugen, seine Haltung zu überdenken. Es stehen sich zwei Fronten gegenüber, undurchlässig. Das ist es, was ich oft empfinde.
    Das einzige, was manchmal zumindest hilft um die Parolen zu stoppen udn die völlig verhärteten Fronten etwas aufzubrechen, ist der Vorschlag von Stellen, an denen derjenige – so er sich selbst benachteiligt fühlt und deshalb voller Hass ist – Hilfe bekommt oder der Vorschlag von eigenem, sinnvollen Engagement, um etwas zu verbessern – darüber habe ich gestern in meinem Blog geschrieben.
    LG, Katja

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Liebe Katja,

      deinen Post finde ich sehr, sehr gut! Danke dafür.

      Was du über die verhärteten Fronten schreibst, stimmt zweifelsfrei. Als Moderatorin habe ich gelernt, Wege zu finden, um die Interessen hinter den Positionen/Parolen aufzudecken: Welcher Wunsch, welches Bedürfnis, welches Ziel steht steckt dahinter? Wenn es einem gelingt, das aufzudecken, kann man Möglichkeiten (die du in deinem Post benennst) aufzeigen oder im besten Falle gemeinsam finden, die auf die Wünsche/Bedürfnisse/Ziele „einzahlen“. Das klappt natürlich nicht immer. Manchmal will das Gegenüber vielleicht nur „wütend“ sein … manchmal kann man weiterreden, wenn die Wut raus ist. Manchmal geht gar nichts… leider.

      LG I.

  • 2 Jahren ago

    Haltung zeigen…. ich versuche das seit einiger Zeit – wie auch einige weitere Bloggerinnen in unseren Kreisen. Zu einer Auseinandersetzung ist es bisher nur einmal gekommen, bei der die Kommentatorin dann persönlich beleidigend wurde.
    Schwieriger finde ich die Auseinandersetzung mit denjenigen, die eloquent genug sind und nicht in die Tiefen der Vulgärsprache hinabsteigen. Möglichkeiten zu Rollenspielen zu Übungszwecken fände ich toll. Vor Jahrzehnten, als es um die Stationierung der amerik. Mittelstreckenraketen ging, haben wir derartiges gemacht. Und das war hilfreich.
    LG
    Astrid

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Liebe Astrid, Rollenspiele finde ich auch immer sehr hilfreich – nicht zuletzt da man die Perspektiven wechseln und so auch andere Seiten verstehen kann. „So sieht das also aus dieser Perspektive aus“ (Carolin Emcke). LG I.

  • 2 Jahren ago

    hejhej,
    das ist ja mal wieder ein sehr spannendes interview gewesen. ich gehöre ja eher zu den menschen, denen die entwaffnung rechter parolen recht leicht fällt. ich wundere mich immer über menschen, denen das nicht so leicht fällt. mein kleines universum. vergangenes jahr wurde meine verwunderung sehr groß, als lehrerverbände um hilfe schrien, weil das rechte gedankengut in klassenräumen mit der flüchtlingswelle hochkochte und man sich nicht zu helfen wusste. evtl. wäre es an der zeit solche argumentationstrainings strenger in den unterricht mit einzubinden. das konzept dieses vereins sieht großartig aus! ich merke mir das. danke dafür.
    liebe grüße,
    jule*

    • M i MA
      2 Jahren ago

      Wie gut, dass du überzeugend bist! Ich finde das gar nicht so einfach… LG I.

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