Über Schönheit, gutes Design und verpasste Chancen – Im Gespräch mit Matthias Kanter {FORMOST}

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Es ist ein sonniger Mittag. Ich sitze im Innenhof der Berliner Stadtbibliothek und telefoniere mit Matthias Kanter, Inhaber von FORMOST. Eine halbe Stunde war für unser Gespräch angesetzt. Nach eineinhalb sind wir einmal quer durch die Designgeschichte bis nach Persien, aber noch lange an kein Ende gekommen. Wäre mein Akku nicht bald leer und mein Ohr schon heiß, ich hätte seinen Geschichten und Ansichten noch stundenlang folgen mögen.

Matthias Kanter. Wer ist das?

Ein Maler, 1968 in Dessau geboren, aufgewachsen im einzigartigen Gartenreich Dessau-Wörlitz, wo meine Mutter als Restauratorin tätig war. Die Umweltbelastungen der nahe gelegenen Bitterfelder Chemieindustrie machten mir jedoch so zu schaffen, dass wir schließlich nach Schwerin übersiedelten.

Meine Liebe zu Kunst und Design aber hat Dessau geprägt.

Dessau ist ein einzigartiger Ort. Es ist kein Zufall, dass das Bauhaus 1923 hierher kam. Unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz entwickelte sich die Stadt Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Zentrum der Aufklärung, in dem – dank seiner aufgeklärten Politik – das jüdische Leben ebenso blühte wie (Volks-)Bildung und Wirtschaft. Leopolds Ansätze und Ideen gipfeln im Dessau-Wörlitzer Gartenreich: Die 142 km² große Anlage mit ihren Schlössern und Parks sollten allen und jedem ästhetisches Vergnügen bereiten und seiner persönlichen Bildung dienen.

Dass ihn dieser großangelegte Ansatz der ästhetischen (Volks-)Erziehung quasi sein gesamtes Vermögen kostete, war dem überzeugten Aufklärer gleich.  Lieber lebte er bescheiden in einem Refugium als die Idee der „Kunst für alle“ aufzugeben.

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Neben der Kunst hast du FORMOST. Wie kam es dazu?

Es begann mit einer Idee. Ein paar Freunde von mir, darunter der Sammler und Journalist Gerhard Höhne, wollten ein Museum für DDR-Design gründen. Es sollte die Geschichte des Designs in Ostdeutschland in all seinen Facetten und Traditionen zeigen: vom Bauhaus bis zur Industrialisierung, die ja – was heute kaum mehr gewusst wird – in Ostdeutschland (Preußen) wesentliche Ursprünge hatte.

Als Standort schwebte uns Wismar vor, weil die Stadt ein designhistorisch neutraler Ort war. Berlin und Dessau standen in der Tradition des technisch-rationalen Industriedesigns. Halle und Weimar für die gegenläufige künstlerisch-subjektive Designtradition. Wismar, in dessen Nähe (Heiligendamm) 1950 die Fachhochschule für technische Gestaltung ge- und damit gleichsam eine unabhängige Designlehre begründet wurde, schien uns ein guter Ort.

2005 gründeten wir den Verein FORMOST als Träger des Museums. Ich war zunächst nur in beratender Funktion dabei. Zwei Jahre später eröffnete ich – inspiriert von Manufactum und getragen von der Idee, gutes “DDR-Design” wiederaufzulegen – den Laden in Schwerin. Eigentlich war er als Museumsshop konzipiert – nur das mit dem Museum wurde nichts. Den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung fehlte es am nötigen Mut. Nun ist die Sammlung im Besitz der Pinakothek  der Moderne in München – und FORMOST ein Laden für „Design mit langer Tradition“. Und das ist auch gut so.

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Wer steckt alles hinter FORMOST?

Am Anfang waren wir zwei, drei begeisterte Laien. Wir erfanden einen Laden mit Internet-Handel, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass Sachverstand und Leidenschaft allein nicht ausreichen. Es braucht auch Investment. Vor einem Jahr haben uns Freunde mit viel Know-how unter die Arme gegriffen, und jetzt schauen wir schon viel optimistischer in die Zukunft.

Was ist eure Motivation und euer Ziel?

Wir wollen gutem Design eine Plattform geben. Dazu gehört auch, aber nicht nur Design aus der DDR.  Heute findet man bei FORMOST herausragende Designer/innen und Marken aus aller Welt.

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Was macht gutes Design für dich aus?

Gutes Design zielt primär auf Langlebigkeit – im Unterschied zum “modischen Design”, das kurzfristigen Geschmacksvorlieben (Trends) folgt und vor allem gefallen will. Es zeichnet sich durch eine zeitlos schöne Form aus, in der auch die Freude der Gestalter/innen, ihr Stolz und Glück am gelingenden Tun zum Ausdruck kommt.

Gute gestaltete Produkte sind lange haltbar, anpassungsfähig, nützlich – und schön! Darum haben sie meist auch das Zeug zum Klassiker.

Matthias Kanter

Was ist denn “schön”?

“Schön” ist zunächst einmal ein Geschmacksurteil und unterliegt als solchem natürlich immer auch dem Wandel der Zeit. Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Menschen bestimmte Gemälde und literarische Werke, Gebäude, Landschaften etc. über alle Zeiten hinweg und aus den unterschiedlichsten Kulturen für schön erachten?  

Und doch glaube ich, dass Schönheit etwas Universelles hat.

Ich halte Schönheit für ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Gestaltungsprinzip. Auch oder gerade wenn es um Nachhaltigkeit geht.  All die moralischen Appelle an unsere Vernunft haben bislang nicht dazu geführt, dass wir unser (Konsum-)Verhalten ändern. Wer will denn auch beim Kauf eines T-Shirts dessen Produktionsbedingungen reflektieren? Oder sich die “Shoppinglaune” durch Verzichtsbelehrungen verderben lassen?  Wäre Nachhaltigkeit schön, würden wir aus Lust und Laune nachhaltig handeln. Denn Schönheit appelliert an die Lust, die Freude, den Überschwang, das Glücksgefühl. Man denke nur an die Kirschblüte: welch zauberhaft schöne Verschwendung der Natur. Deshalb sind wir begeistert von der „Cradle to Cradle“-Idee von Michael Braungart.

Was macht “DDR-Design” aus?

Die DDR hat viel gutes Design hervorgebracht  – und zwar nicht weil der Sozialismus die besseren Designer/innen hervorgebracht hätte, sondern weil die Bedingungen so waren wie waren: das Material war knapp, der Zugang zur internationalen Designszene abgeschnitten, die Produktion staatlich reglementiert.

Viele Designer/innen knüpften an die Traditionen der Vorkriegsjahre an, allen voran den Werkbund und das Bauhaus. Unter den gegebenen Voraussetzungen versuchten sie deren Gestaltungsgrundsätze weiter zu entwickeln.  So entstanden zeitlos schöne Entwürfe, die nicht nur funktional, sondern eben auch im besten Sinne nachhaltig waren (Beispiel: Renate Müller, Gerd Kaden oder Rudolf Horn).

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Warum sind die guten Gestaltungsentwürfe aus der DDR in Vergessenheit geraten?

Nach Wende interessierte sich hierzulande mit wenigen Ausnahmen niemand für Produkte aus der ehemaligen DDR. Sie wurden als Erzeugnisse eines Unrechtsregimes betrachtet und man maß ihnen keinen eigenständigen gestalterischen Wert bei. Bis heute ist eine sachliche designtheoretische und -historische Annäherung kaum möglich. Man hat immer die Geschichte der Diktatur und des Unrechtsstaats im Schlepptau.

In Finnland und Japan sieht das übrigens ganz anders aus. Dort hat man den Wert des “DDR-Designs” schon früh erkannt. Der finnische Designer Tapio Wirkkala (Iittala) beispielsweise schwärmte schon in den 1960er Jahren, dass man in der DDR die beste Designausbildung der Welt erhalte. Und in finnischen Wohnungen und auf finnischen Flohmärkten findet man bis heute viele Gegenstände und Möbel aus der DDR.

Was ist mit dem Design aus der DDR alles verloren gegangen?

Eine große Chance!

Man hätte eine Art deutschen MUJI machen können
mit den Gestaltungsentwürfen aus der DDR.

MUJI ist die Abkürzung von Mujirushi Ryōhin, was soviel bedeutet wie: „Keine Marke, gute Produkte“, und steht für minimalistisches Design Funktionalität und nachhaltige Produkte. Namhafte internationale Designer/innen arbeiten für das japanische Unternehmen – anonym, so dass niemand weiß, welches Produkt von wem entworfen wurde. Das pure Design und die reine Nützlichkeit sollen die Kunden überzeugen.

Das Konzept geht auf. MUJI ist mittlerweile mit mehr als 400 Filialen in über 16 Ländern vertreten. Etwas Ähnliches hätten wir mit den guten Produkten aus der DDR auch schaffen können. Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja noch Investor/innen,  die das Potenzial der Entwürfe aus der DDR erkennen und sie neu auflegen. Noch ist es nicht zu spät. 

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2 Comments

  • Ines
    3 Jahren ago

    Interessant und toll den Ranzen der Tochter so schön in Szene gesetzt zu sehen!

  • 3 Jahren ago

    Schon über deinen Sommerkind-Wunschzettel hatte ich zu Formost gefunden und freue mich nun über das ausführliche Interview. Vielen Dank + schöne Grüße! Wiebke

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